Römer

Predigthilfe vom 6. Juni 2021 – Römer 1, 1-17

Predigtthema:         Wir sind berufen, der Welt das Evangelium zu verkünden

Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes. Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!

1. Sehen, was dasteht

Verschiedene Bibelübersetzungen, um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com.

1.1 Kurzer Überblick über den Inhalt des Römerbriefes

In den nächsten Wochen werden wir in unseren Gottesdiensten die ersten acht Kapitel des Römerbriefes betrachten. Deshalb hier vor Beginn der ersten Einheit ein kurzer Überblick über diesen einzigartigen Brief, der das Denken der Gemeinde Jesu durch die Jahrhunderte stark geprägt hat.

Die ersten Worte des Briefes und auch die biographischen Elemente, die wir im ersten und in den beiden letzten Kapiteln finden, zeigen dass der Brief vom Apostel Paulus an die Christen in Rom geschrieben wurde. Paulus hat diesen Brief wohl kurz vor seinem Besuch in Jerusalem geschrieben, bei dem er eine große Spende der heidenchristlichen Gemeinden an die Gemeinde in Jerusalem überbrachte (vgl. Röm 15,25; Apg 24,17). Paulus hat den Brief um das Jahr 57 n.Chr. herum geschrieben, wahrscheinlich während des Aufenthalts in Korinth, der in Apg 20,3 erwähnt wird (Paulus erwähnt im Römerbrief verschiedene Personen, die wir im Zusammenhang mit Korinth kennen).

Paulus selbst kannte zum Zeitpunkt als er den Römerbrief schrieb die Gemeinde in Rom noch nicht persönlich. Aber ihr Glaube war weithin bekannt und Paulus hatte den großen Wunsch, die Gemeinde in Rom zu besuchen. Die Gemeinde in Rom bestand aus Heiden und Judenchristen, wobei wahrscheinlich die Heidenchristen die Mehrheit bildeten (vgl. Röm 1,13). Am Ende des Römerbriefes sehen wir, dass Paulus sich konkrete Gedanken darüber machte, seine Missionstätigkeit weiter nach Westen auszudehnen und in Spanien Gemeinden zu gründen (vgl. Röm 15,23-24). Paulus sah seinen Dienst im östlichen Mittelmehrraum als erfüllt an. Auf dem Weg in den Westen wollte er die Gemeinde in Rom besuchen.

Man kann den Römerbrief in fünf Teile gliedern

In der Einleitung (1,1-17) stellt Paulus sich und seinen Auftrag als Heidenapostel vor. Er beschreibt, wie sehr er sich danach sehnt, die Gemeinde in Rom zu besuchen und beendet die Einleitung mit einem wunderbaren Bekenntnis zum Evangelium, das allen, die an Jesus glauben, Gottes Gerechtigkeit verheißt.

Im ersten und gleichzeitig längsten Hauptteil (1,18-8,39) entfaltet Paulus dann den Inhalt des Evangeliums. Er erklärt, dass alle Menschen Sünder sind und niemand vor dem gerechten Gott bestehen kann (1,18-3,20). Dann wendet sich Paulus der Gerechtigkeit zu, die vor Gott gilt und er erklärt, dass diese Gerechtigkeit den Menschen durch den Glauben an Jesus Christus zugerechnet wird (3,21-4,25). Kein Mensch hat es verdient, von Gott gerecht gesprochen zu werden und doch geschieht genau dies allein aus Gottes Gnade durch die Erlösung, die Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz vollbracht hat. Am Beispiel von Abraham zeigt Paulus, wie diese Gerechtigkeit aus Glauben schon immer der Weg war, wie Gott Menschen rettete. Der Tod Jesu am Kreuz hat bewiesen, dass dieser Weg Gottes wirklich gerecht war und ist.

Nachdem Paulus diese Grundlagen gelegt hat, beschreibt er anschließend das neue Leben in oder mit dieser Glaubensgerechtigkeit (5,1-8,39). Paulus beschreibt den wunderbaren Frieden mit Gott und die Hoffnung auf die Herrlichkeit, die für die Gläubigen in Christus Wirklichkeit geworden ist (5,1-11). Er stellt Adam und Christus gegenüber und zeigt, wie der Tod Jesu für alle Menschen den Weg zu Gott wieder frei gemacht hat (5,12-20). Dieser Weg der Gnade führt aber nicht zu einer Beliebigkeit. In Kapitel 6 zeigt Paulus, dass das alte Leben eines Christen mit Jesus gestorben ist und er nun in einem neuen Leben wandelt. Dieses neue Leben fordert eine radikale Abwendung von der Sünde und eine Ausrichtung auf Gottes Willen. In Kapitel 7 beschreibt Paulus, wie ein Nachfolger Christi frei vom Gesetz geworden ist, und schildert dann den Kampf mit der Sünde und das Ringen darum, den Willen Gottes zu tun. Schließlich endet der erste Hauptteil, die Entfaltung des Evangeliums, in Kapitel 8 mit dem Blick darauf, wie Gott durch Jesus Christus das alte fleischliche Leben im Menschen besiegt und neues echtes geistliches Leben schenkt. Ein neues Leben durch den Heiligen Geist, der in all denen wohnt, die an Jesus Christus glauben und so Kinder und Erben Gottes sind. Dieses neue Leben ist auf die zukünftige Herrlichkeit ausgerichtet, ein Leben voller Hoffnung und in der Gewissheit, dass niemand und nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann, die in Jesus Christus ist.

Im zweiten Hauptteil wendet sich Paulus dem Volk Israel zu (9,1-11,36). Wir sehen, wie Paulus leidenschaftlich im Gebet um das Volk Israel ringt. Er ordnet die aktuelle geistliche Situation Israels heilsgeschichtlich ein. Dabei macht er deutlich, dass das ganze Volk Gottes aus Juden und Heiden von einer gemeinsamen Wurzel getragen wird und dass Israel zum Teil verstockt ist, bis die Vollzahl der Nationen zum Volk Gottes hinzugekommen ist (11,25). Paulus betont aber, dass Gott absolut souverän und gleichzeitig gerecht ist und dass er sein Volk Israel nicht verstoßen hat. Paulus blickt in die Zukunft, in der Gott in seiner Gnade das Herz Israels dem Messias zuwenden wird (11,11-32).

Im dritten Hauptteil (12,1-15,13) beschreibt Paulus dann, welche Konsequenzen die Botschaft des Evangeliums für das Leben der Christen haben soll. Ihr ganzes Leben soll ein Gottesdienst, ein Opfer für Gott sein, indem Kinder Gottes mit ihrer ganzen Existenz darum ringen, ihr Leben nach dem Willen Gottes zu führen (Röm 12,1-2). Das Leben in der Nachfolge unterscheidet sich ganz grundsätzlich von den Prinzipien der gefallenen Welt und ist zutiefst von Gottes Liebe geprägt. Dazu gehört, dass Nachfolger Jesu das Böse konsequent ablehnen, dass sie die segnen, die sie verfolgen und in liebevoller Einheit miteinander leben. Christen sind dazu aufgefordert, sich der Obrigkeit unterzuordnen, sich nicht den fleischlichen Begierden hinzugeben und einander nicht zu richten. Sie sollen sich vielmehr gegenseitig in ihrem Glauben stärken und sich nicht in der Nachfolge behindern.

Paulus schließt den Brief mit einem recht ausführlichen Schlussteil (15,4-16,27), in dem er den Brief noch einmal begründet und auch seine Reisepläne vorstellt. Paulus fügt in Kapitel 16 noch eine ausführliche Grußliste an, in der sich auch Tertius vorstellt, der Paulus für diesen Brief als Schreiber gedient hat. Schließlich beendet Paulus den Brief mit einem Lobpreis Gottes.

1.2 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes

Vers 1: Paulus stellt sich der Gemeinde in Rom vor und wir sehen, dass er bei der Frage, wer er ist konsequent von seiner Beziehung und Beauftragung gegenüber Jesus Christus her denkt. Dieses Selbstverständnis sehen wir bei Paulus durchgehend und in Phil 1,21 bringt er es wohl am deutlichsten auf den Punkt: „Das Leben ist für mich Christus“.

Vers 2-4: Paulus bringt schon in diesen Versen eine kompakte Zusammenfassung des Evangeliums und er beginnt damit, dass dieses Evangelium schon im Alten Testament angelegt. ist. Paulus wird im Römerbrief noch sehr viel aus dem Alten Testament zitieren und klar machen, dass die neutestamentliche Botschaft von Gottes Heilshandeln in seinem Sohn Jesus Christus ganz mit dem Alten Testament übereinstimmt. Jesus ist der versprochene Retter, der Sohn Davids. Er ist der Sohn Gottes, der ganz Mensch geworden ist. Und seit seiner Auferstehung und der Himmelfahrt sitzt Jesus wieder zur Rechten Gottes. Paulus schließt Vers 4 damit, dass er Jesus „unseren Herrn“ nennt und zieht damit die Verbindung zu Vers 1, wo er sich selbst als Knecht Christi bezeichnet, und schafft gleichzeitig die Verbindung mit den Christen in Rom. Jesus Christus ist nicht nur der Herr von Paulus, er ist „unser Herr“, damit gehören die Christen in Rom und Paulus in Christus zusammen.

Vers 5-7: Paulus betont die Verbindung zwischen ihm und den Christen in Rom noch mehr und blickt noch einmal auf seine Rettung und seinen Auftrag. Gnade und Apostelamt erinnern an Apg 9,15, wo Jesus mit Hananias über Paulus redet, direkt nachdem er Paulus erschienen ist. Jesus hat Paulus zu einem besonderen Werkzeug erwählt. Direkt nach seiner Rettung, als er Jesu Gnade für sich persönlich erfahren hat, bekommt er den Auftrag, Gottes Bote unter den Nationen zu sein.

Vers 8-15: Paulus bringt seine Verbundenheit mit der Gemeinde in Rom zum Ausdruck, die er persönlich noch nicht besucht hat. Wie auch in anderen Briefen sehen wir, dass Paulus sein besonderes Augenmerk auf den Glauben der Gemeinde legt. Er freut sich von Herzen, dass das Vertrauen auf Jesus, das in der Gemeinde in Rom zu finden ist, weit über Rom hinaus bekannt wurde. Paulus führt an dieser Stelle nicht näher aus, wie konkret der Glaube der Gemeinde in Rom sichtbar wurde, aber offensichtlich hat es sich herumgesprochen, mit welchem Vertrauen auf Jesus die Gemeinde in Rom mitten im Zentrum der irdischen Macht gelebt hat.

Paulus unterstreicht seine Verbundenheit mit der Gemeinde in Rom und auch seinen Wunsch dorthin zu reisen. Paulus sind die Gemeinden ein Herzensanliegen und er betet kontinuierlich für sie.

Im Blick auf seine Pläne ist sich Paulus bewusst, dass er ganz von Gottes Willen abhängig ist. Nur wenn Gott die Türen öffnet, wird es Paulus möglich sein die Gemeinde in Rom zu besuchen.

Hinsichtlich des Besuches der Gemeinde sehen wir ein doppeltes Anliegen. Paulus möchte durch seinen Besuch und durch seine Verkündigung des Evangeliums die Gemeinde in Rom stärken und gleichzeitig erwartet er durch die Begegnung mit den Christen in Rom selbst im Glauben gestärkt zu werden. Wir sehen hier das Verständnis von geistlicher Gemeinschaft, das Paulus ganz tief prägt. Geistliche Gemeinschaft bedeutet den Glauben zu teilen, also einander Anteil zu geben an dem, was Gott in unserem Leben wirkt.

Paulus schließt diesen Abschnitt, indem er noch einmal seine Verpflichtung zur Verkündigung des Evangeliums hervorhebt. Er ist es anderen Menschen gegenüber schuldig, das Evangelium zu verkünden. Gott hat ihn dazu beauftragt und natürlich schließt dieser Auftrag auch Rom ein, wenn Gott die Türen öffnet.

Vers 16-17:

Diese beiden Verse sind wohl mit die zentralsten im ganzen Römerbrief. Paulus erklärt die Bedeutung des Evangeliums und gleichzeitig seine Haltung zu dieser wunderbaren guten Nachricht. Er ist zutiefst überzeugt von der göttlichen Kraft, die in der rettenden Botschaft von Christus steckt. Deshalb hört er auch nicht auf, allen Menschen von Jesus zu erzählen, auch wenn er immer wieder Widerstände im Blick auf das Evangelium erlebt.

Als ehemaliger Christenverfolger hat Paulus durch die Begegnung mit dem auferstanden Jesus erlebt, was Gnade bedeutet. Gottes Gerechtigkeit wird dem zugesprochen, der an Jesus Christus glaubt. Und damit zeigt sich auch, was die Verheißung in Habakuk 2,4 bedeutet, dass der Gerechte durch seinen Glauben leben wird. Durch diesen wunderbaren Weg der Gnade, erweist Gott selbst seine Gerechtigkeit als Gott, der Sünden vergibt (vgl. Röm 3,25-26).

1.3 Weitere Hilfen zum Verständnis des Predigttextes

  • Krimmer, Heiko. Römerbrief (Edition C Bibelkommentar)
  • Schnabel, Eckhard. Der Brief des Paulus an die Römer: Kapitel 1-5 (Historisch   Theologische Auslegung)
  • Lüthi, Walter. Der Römerbrief
  • De Boor, Werner. Der Brief des Paulus an die Römer (Wuppertaler Studienbibel)
  • Bitte studiert auch den Predigttipp von Eckhard Löffler vom 09.10.2005 zu (Römer 1, 16+17) unter https://www.christusbund.de/predigthilfen/predigthilfe-vom-9-10-2005-romer-1-1617/

2. Verstehen, worum es geht

2.1 Hinweise für situative Überlegungen

Paulus schreibt einen Brief an eine Gemeinde, die er nicht persönlich kennt und mit der er sich doch ganz eng verbunden weiß. Paulus geht es in diesen ersten Versen darum, der Gemeinde in Rom deutlich zu machen, wofür sein Herz schlägt und was ihn in seinem Dienst antreibt.

Für uns heute ist es sehr relevant zu hören, wie Paulus seinen Dienst begründet, wie er im Gebet für die Geschwister eintritt. Weiter ist es wichtig, dass wir sehen, wie Paulus das gemeinschaftliche Miteinander betont. Paulus sieht sich nicht nur als der Gebende. Er geht ganz selbstverständlich davon aus, dass bei der Begegnung von Christen ein gegenseitiges Erbauen stattfindet. Nur mit dieser Überzeugung kann Gemeinschaft in der Gemeinde gelingen.

Gerade Vers 14 sollte uns immer wieder zu denken geben. Wir sind beauftragt das Evangelium weiterzusagen und in dem Sinne sind auch wir Schuldner den Menschen gegenüber, mit denen wir zu tun haben.

In Vers 16 & 17 bringt Paulus den Wert des Evangeliums auf den Punkt und seine Leidenschaft für diese Botschaft. Gott zeigt seine Gerechtigkeit durch diese wunderbare Botschaft, eine Gerechtigkeit zu der alle Menschen, die an Jesus Christus glauben Zugang haben. Es gibt keinen Grund sich für dieses Evangelium zu schämen. Egal, wie Menschen darauf reagieren, es bleibt Gottes wunderbare Kraft zur Rettung. Im Blick auf unsere Berufung, das Evangelium zu verkünden, ist es entscheidend, dass wir die Herrlichkeit und Kraft des Evangeliums immer wieder neu erkennen, und dadurch immer wieder ermutigt werden, die Botschaft von Jesus ohne Scham weiterzusagen.

2.2 Hinweise für hermeneutische Überlegungen

Paulus schreibt den Römerbrief in eine konkrete Situation hinein. Er schreibt an Christen, denen er noch nicht persönlich begegnet ist. Deshalb ist es Paulus ein Anliegen, sich selbst und seinen besonderen Auftrag als Apostel Jesu vorzustellen. Gleichzeitig ist es Paulus wichtig, die Freude an der Gemeinde in Rom und auch die geistliche Verbindung herauszustellen.

Über allem steht aber der Auftrag von Paulus, das Evangelium weiterzusagen. Dieser Auftrag ist der Lebensinhalt von Paulus und er hat große Sehnsucht auch in Rom die gute Nachricht weiterzugeben.

Paulus will den Christen in Rom in diesem Brief die gute Nachricht und ihre Konsequenzen entfalten und wir sehen in Vers 16-17 schon, wie Paulus das was in den folgenden Kapiteln kommt vorbereitet, indem er ganz prägnant die Bedeutung des Evangeliums zusammenfasst und auch schon andeutet, dass diese Botschaft ganz im Alten Testament verwurzelt ist.

2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen

Wir halten diese Predigt mit dem Blick auf unseren eigenen Auftrag, das Evangelium weiterzusagen. Natürlich sind wir nicht der Apostel Paulus, aber wir sind als Nachfolger Jesu ebenfalls beauftragt Zeugen für die Gute Nachricht zu sein. Die Gemeinde in Rom hat ihren Glauben so gelebt, dass er sich herumgesprochen hat und sie waren so Botschafter für das Evangelium.

Wir haben in der Predigt die Aufgabe zwei Aspekte zu betonen. Auf der einen Seite steht unser Auftrag, das Evangelium zu verkünden. Auf der anderen Seite ist aber wichtig, dass dieser Dienst keine gezwungene Pflichterfüllung sein soll. Vielmehr dürfen wir in Vers 16-17 die Schönheit und Kraft des Evangeliums sehen und diese auch verkündigen. Wir wollen unseren Auftrag erfüllen, weil wir erkannt und in unserem eigenen Leben erfahren haben, dass es keine Botschaft gibt, die wichtiger oder besser ist als die gute Nachricht von unserer Rettung in Christus. Und wir wollen durch unser ganzes Leben Menschen einladen, an diese Botschaft zu glauben.

Hilfreiche Fragen für die konkrete Anwendung könnten sein:

* Was treibt mich in meinem Leben als Christ, in meinem Dienst an? Ist es die Liebe für das Evangelium?

*Sind wir wirklich ergriffen vom Evangelium? Das Evangelium ist nicht nur eine Botschaft, die verstanden werden, sondern eine Botschaft, die auch und vor allem geliebt, bejubelt und verkündet werden soll.

* Sind wir uns bewusst, dass Gott selbst es ist, der uns beauftragt, das Evangelium weiterzusagen?

3. Sagen, wo es hingeht

3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?

Die Predigthörer sollen ermutigt und ermuntert werden, ihren Auftrag als Botschafter des Evangeliums zu leben. Sie sollen wieder neu hören, wie einzigartig kraftvoll und herrlich diese Botschaft ist.

3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?

Wir sind berufen, der Welt das Evangelium zu verkünden.

3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?

a) Von Gott ausgesondert (V.1-5)

b) Von Gott geliebt und berufen (V.6-7)

c) Von Gott zusammengestellt (V.8-15)

d) Die einzigartige Botschaft von Gottes Gerechtigkeit (V.16-17)

3.4 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?

Eine Geschichte von Axel Kühner über die Wichtigkeit von gelebter Gemeinschaft:

Ein lebendiger Stein

Ein Mann war mit seiner Gemeinde unzufrieden. Er sah die Mängel und Fehler, spürte den Sand im Getriebe und zog sich daraufhin immer mehr zurück. Er klagte und grollte. Da schenkte ihm Gott einen Traum. Ein Engel trug ihn hinauf in Gottes ewige Welt. Dort sah er das Haus Gottes als einen wunderbaren Tempel. Er staunte über das herrliche, majestätische Bauwerk. Doch da entdeckte er im Mauerwerk eine Lücke. Offenbar fehlte dort ein Stein. So entstand in dem schönen Bauwerk ein hässliches Loch. „Was bedeutet diese Lücke im Haus Gottes?”, fragte er den Engel. „Diese Lücke hast du gemacht, als du dich aus der Gemeinde zurückzogst”, sagte der Engel. „Gott wollte dich an dieser Stelle gebrauchen, aber du sahst nur die Fehler der anderen. Vor lauter Klagen und Grollen über die anderen bist du gar nicht dazu gekommen, deinen Platz auszufüllen. Nun gibt es im Tempel Gottes diese hässliche Lücke!”

Da erwachte der Mann. Und mit neuer Freude arbeitete er nun in der Gemeinde mit. Trotz aller Unzulänglichkeiten wollte er ein lebendiger Stein im Hause Gottes sein. Das Ganze mittragen und selbst getragen werden. Er wollte die Lücke im Hause Gottes ausfüllen.

Pastor W. Busch erzählt:

Zwei Männer standen am Straßenrand, offenbar Bergleute, wie man an den blauen Narben in ihren Gesichtern sehen konnte. Als ich vorbeiging, grüßte der eine: „’n Tag, Herr Pastor!“ Ich trat auf ihn zu: „Kennen wir uns?“ Er lachte: „Na klar! Habe Sie oft sprechen hören.“ Und nun wandte er sich an den anderen: „Das ist also der Jugendpfarrer! Ein ganz ordentlicher Mann! Nur – er hat leider einen Vogel!“ Ich denke, meine Leser kennen diesen Ausdruck. Die Engländer sagen „Spleen“; die Schwaben erklären: „Der hat einen Sparren!“; die Berliner nennen es einen „Tick“ und im Ruhrgebiet und in anderen Gegenden heißt man’s einen „Vogel“, wenn jemand an einer Stelle nicht ganz zurechnungsfähig ist.

Als der Mann das nun so gelassen erklärte, ging’s mir doch gegen die Ehre, obwohl man als Pfarrer im Ruhrgebiet „hart im Nehmen“ wird. Also fuhr ich empört auf: „Was habe ich? Einen Vogel?“ Aber der Bergmann beachtete meinen Einspruch gar nicht, sondern wiederholte ganz gemächlich: „Also – ein ordentlicher Mann – nur eben – er hat ’nen Vogel. Er spricht immer von Jesus.“                       

„Mann!“, rief ich erfreut. „Was Sie da sagen, das ist für mich, als wenn Sie mir einen Orden verliehen hätten! Ja, den Ruhm möchte ich haben: Er spricht immer von Jesus! Nur – leider habe ich diesen Orden gar nicht verdient. Wie oft habe ich dummes Zeug geschwatzt. Aber – wissen Sie! Jesus ist es tatsächlich wert, dass man immer von ihm spricht. Sagen Sie mir: Kennen Sie Jesus?“ Da wandte sich der Bergmann lachend an den anderen: „Siehst du, nun fängt er schon wieder an!“

Eine wunderbare Veranschaulichung, was geschieht, wenn Gott uns seine Gerechtigkeit schenkt und unsere Schuld von uns nimmt, sehen wir in Sacharja 3,1-5.

C.J. Mahaney berichtet in einer Predigt von einem amerikanischen Jungen, der zum 16. Geburtstag von seinem Vater ein pinkes Auto geschenkt bekommt. Für einen Jungen in diesem Alter sicher ein Schock. Ein Auto, für das man sich schämen muss. Aber der Junge schämte sich nur so lange, bis er unter die Motorhaube schaute und einen gewaltigen Motor sah. Das Auto war ursprünglich für die Autobahnpolizei ausgestattet worden und deshalb hatte es Kraft ohne Ende. Das Evangelium mag nach menschlichen Maßstäben unansehnlich, vielleicht sogar zum Schämen sein, aber da ist gewaltige Kraft unter der Motorhaube. Das Evangelium ist Gottes Kraft.

Martin Luther berichtet sehr anschaulich von seinem eigenen Kampf mit diesen Versen:

Die iustitia‐Entdeckung (Vorrede zu den lateinischen Werken von 1545)

Inzwischen war ich in diesem Jahr (1519) zum Psalter zurückgekehrt (eo anno iam redieram ad Psalterium), um ihn von neuem auszulegen, im Vertrauen darauf, dass ich geübter sei, nachdem ich St. Pauli Brief an die Römer und Galater und den an die Hebräer in Vorlesungen behandelt hatte. Ich war von einer wundersamen Leidenschaft gepackt worden (miro certe ardore captus fueram), Paulus in seinem Römerbrief kennenzulernen, aber bis dahin hatte mir nicht die Kälte meines Herzens, sondern ein einziges Wort im Wege gestanden, das im ersten Kapitel steht: „Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (d.h. im Evangelium) offenbart“ (Röm 1,17). Ich hasste nämlich dieses Wort „Gerechtigkeit Gottes“, das ich nach dem allgemeinen Wortgebrauch aller Doktoren philosophisch als die sogenannte formale oder aktive Gerechtigkeit (de iustitia ut vocant formali seu activa) zu verstehen gelernt hatte, mit der Gott gerecht ist, nach der er Sünder und Ungerechte straft. Ich aber, der ich trotz meines untadeligen Lebens als Mönch mich vor Gott als Sünder mit durch und durch unruhigem Gewissen fühlte und auch nicht darauf vertrauen konnte, ich sei durch meine Genugtuung mit Gott versöhnt: Ich liebte nicht, ja, ich hasste diesen gerechten Gott, der Sünder straft; wenn nicht mit ausgesprochener Blasphemie, so doch gewiss mit einem ungeheuren Murren war ich empört gegen Gott und sagte: „Soll es noch nicht genug sein, dass die elenden Sünder, die ewig durch die Erbsünde Verlorenen, durch den Dekalog mit allerhand Unheil bedrückt sind? Muss denn Gott durch das Evangelium den Schmerzen noch Schmerzen hinzufügen und uns durch das Evangelium zusätzlich seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen?“ So raste ich in meinem wütenden, durch und durch verwirrten Gewissen und klopfte rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle an, mit heißestem Durst zu wissen, was Sankt Paulus damit sagen will. Endlich achtete ich in Tag und Nacht währendem Nachsinnen durch Gottes Erbarmen auf die Verbindung der Worte (connexionem verborum attenderem), nämlich: „Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm offenbart, wie geschrieben steht: ‚Der Gerechte lebt aus dem Glauben‘ (Hab 2,4).“ Da habe ich angefangen, die Gerechtigkeit Gottes als die zu begreifen, durch die der Gerechte als durch Gottes Geschenk lebt, nämlich aus Glauben (qua iustus dono Dei vivit, nempe ex fide); ich begriff, dass dies der Sinn ist: Offenbart wird durch das Evangelium die Gerechtigkeit Gottes, nämlich die passive (revelari per Evangelium iustitiam Dei, scilicet passivam), durch die uns Gott, der Barmherzige, durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“. Nun fühlte ich mich ganz und gar neugeboren und durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten. Da zeigte sich mir sogleich die ganze Schrift von einer anderen Seite. Von daher durchlief ich die Schrift, wie ich sie im Gedächtnis hatte, und las auch in anderen Ausdrücken die gleiche Struktur (analogia), wie: „das Werk Gottes“, d.h. was Gott in uns wirkt, „die Kraft Gottes“, mit der er uns kräftig macht, „die Weisheit Gottes“, mit der er uns weise macht, „die Stärke Gottes“, das „Heil Gottes“, „die Herrlichkeit Gottes“. Nun, mit wieviel Hass ich früher das Wort „Gerechtigkeit Gottes“ gehasst hatte, mit um so größerer Liebe pries ich dieses Wort als das für mich süßeste; so sehr war mir diese Paulusstelle wirklich die Pforte zum Paradies. […]

Quelle: Martin Luther, Studienausgabe, hg. v. H.U. Delius. Bd. 5, Berlin 1882, 635638.

(Tobias Schurr)