Micha

Predigthilfe vom 6.7.2003 – Micha 6, 1-8

Monatsthema: Tiefblick gewinnen
Predigtthema: Der rechte Gottesdienst

Bibelstelle: Micha 6, 1-8

Verfasser: Markus Neumann

1. Zusammenhang
Auftakt zum dritten Hauptabschnitt des Buches
a) Die Ankündigung des Gerichtes über Israel und Juda und die Errettung des Überrestes (Kap. 1,1 – 2,13)
b) Die Ankündigung des Gerichtes über die nationalen Führer und die Aufrichtung des messianischen Rei-ches (Kap. 3,1 – 5,14)
c) Der Rechtsstreit Gottes mit Israel und die Verheißung der zukünftigen Gnade (Kap. 6,1 – 7,20)

In diesem Abschnitt schaut der Prophet zunächst nicht nach einer Zukunft voll Segen, sondern in die Ge-genwart hinein, die voll Sünde ist. Gott hat deshalb gegenwärtig eine Auseinandersetzung mit seinem Volk.
Micha redet mit Israel über seinen moralischen Zustand. Mit einem dringenden Appell an ihr Gewissen fragt er, warum es gegen den Herrn ist.

2. Biblische Parallelen
V. 1-5 vgl. 5 Mose 32,1; Jes 1,2
V. 6-8 vgl. 3 Mose 18,21; 20,2-5; 5 Mose 10,12; 12,31; 18,10; Mt 23,23; Röm 12,1-5; Jak 1,26-27

3. Der Aufbau des Textes
a) V. 1-5: Die Anklage des Herrn wegen Israels Undankbarkeit
b) V. 6-8: Michas Antwort (für das Volk): Das Wesen wahrer Frömmigkeit

4. Einzelerklärungen
V. 1-2: „Hört doch“: Gott ruft die Berge und Grundfesten der Erde als Zeugen. Sie sind seit Anfang der Ge-schichte des Volkes dabei. Wenn sie reden könnten, würden sie die Klage des Herrn bestätigen (evtl. rep-räsentieren die Berge und Hügel auch die unbeteiligten Menschen an allen Orten).
Daß der allmächtige Gott sich herabläßt, mit seinem Volk zu rechten, ist erstaunlich.
V. 2a und 2b: „rechten“, „Rechtsstreit“ führen – hebr. rib: „Gerichtsverfahren, Prozeß“

V. 3: „Mein Volk…“. Obwohl die ganze Szene drohend wirkt, kommt in diesem Vers auch die Sehnsucht Gottes nach seinem Volk durch.
„Was habe ich dir getan?“. Gott gibt dem Volk Gelegenheit, ihm Schuld nachzuweisen, sofern sie vorhan-den wäre.
Vgl. Joh 8,46: „Wer von euch überführt mich einer Sünde?“ (vgl. Mt 22,15; Hebr 4,15; 1 Joh 3,5)
Die offensichtliche Unschuld Gottes überführt die Israeliten. Ihre Klagen sind grundlos.

V. 4-5: Im Gegenteil: Gott ist gütig und erweist sich durch gerechte Taten (V.5). Dem Volk soll noch einmal vor Augen geführt werden, was der Herr in der Vergangenheit für sie getan hat:
– Die Errettung aus Ägypten zeigt seine Liebe (der Exodus, das zentrale Ereignis in der Geschichte Isra-els – Erlösung + Gesetzgebung)
– Großartige Führung: Mose – Gesetz; Aaron – Priestertum; Miriam – Prophetin (2 Mose 15,20-21)
– Segen statt Fluch (Balak und Bileam, s. 4 Mose 22-24)
– Gnädige Führung in das verheißene Land (von Schittim nach Gilgal, s. Jos 4,18-19)
– „Gerechte Taten“, der Herr zeigt sich als der, der den Bund und seine Verheißungen gehalten hat.
Hier wird die Undankbarkeit Israels dem Segen des Herrn gegenüber deutlich. Welche Entschuldigung kön-nen sie dafür vorbringen, Gott mißachtet zu haben?

V. 6-7: Micha spricht für das Volk. Seine Frage lautet: „Was müssen wir tun, um Gottes Gunst zurückzuge-winnen? Wie können wir ihm (im Gottesdienst) nahen? Sollen wir die besten Opfer oder viele Opfer oder sogar extreme Opfer bringen?“ Micha bejaht dieses extreme Opfer nicht, sondern stellt diese Frage, um Israel klarzumachen, daß es nicht wiedergutmachen kann, was es Gott angetan hat.
Vielmehr erwartet Gott ein anderes Handeln, eine Beziehung zu ihm, die sich nicht in Ritualen erschöpft.

V. 8: Wie also kann der Mensch Gott gefallen (vgl. Röm 8,8; 1.Thess 2,14-16; 4,1)? Erfreut sich Gott an Opfern, die doch von ihm der levitischen Ordnung nach eingesetzt waren? Nicht, wenn sie nur Ersatz für die Ausübung von Gerechtigkeit, Taten der Güte oder Liebe und eine Haltung des demütigen Gehorsams in der Beziehung zwischen Mensch und Gott sind:
„O Mensch“ meint hier Israel. Gott will eine Erwiderung des Herzens, die sich in ihrem Handeln zeigt.
– „Recht zu üben“ = Gottes Wort halten, auch die sozialen Aspekte des Gesetzes.
– „Güte lieben“ = Mit einem willigen Geist Freundlichkeit, Barmherzigkeit zeigen.
– „demütig zu gehen mit deinem Gott“ = in inniger Gemeinschaft mit dem Herrn leben, ohne Hochmut
Vgl. dazu: Welche Verhaltensweisen kann Micha bei seiner Generation beobachten (die folgenden Verse 9-16; vgl. Kap 2-3; vgl. Jesu Anwendung dieser Prinzipien bei seinem Tadel den Pharisäern gegenüber, Mt 23,23)?

5. Spitze des Textes
V. 8: »Man hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der HERR von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und demütig zu gehen mit deinem Gott?«
… ist das Prinzip für den Gläubigen, das auch das NT häufig aufgreift, z.B. in Röm 12,1-5; Mk 12,28-34; 1 Petr 5,5-6 u.ä.

6. Der Text heute

6.1 „hört…!“ (V.1): Das Wort Gottes ist eine laute Herausforderung an den Menschen (Jes 1,2; Mt 17,5; Offb 2,7). Das Hören ist eine innere Stellungnahme, ein aktiver Willensakt, die Bereitschaft, sich dem Wort Got-tes auszusetzen. Sünde beginnt, wo der Mensch nicht hören will, was Gott ihm zu sagen hat (Jer 7,24-28; 25,3-11). Wahres Hören ist untrennbar mit dem Glauben verbunden (Joh 5,24; Röm 10,14-18), der wieder-um mit dem Gehorsam: Wer das Wort Gottes aufnimmt und es glaubt, der läßt es auch zur Auswirkung in seinem Leben kommen (Mt 7,24; Jak 1,22; 2,17).
Gottes Willensäußerung ist in unsere Hände gelegt – und damit auch große Verantwortung (Röm 10,14.17; 2 Kor 5,20).

6.2 Schuldzuweisungen an Gott sind immer gegenstandslos/erfolglos (Hebr 12,5-11; 2 Kor 12,7-10; Röm 9,19-23; Joh 8,48; Mt 22,15). Rechtsstreitigkeiten mit Gott gehen immer zu Lasten des Menschen (Röm 3,4.18-19). Dies ist auch Bestandteil der Absicht Gottes mit den Heilszeitaltern: „Am Ende wird jeder Mund verstummen, weil jede Anmaßung des menschlichen Herzens durch die jahrhundertelange Erfahrung als töricht und böse geoffenbart werden wird.“ (Chafer, Walvoord – Grundlagen biblischer Lehre, S. 131).

6.3 Wie damals führt der Rückblick auf die Rettungstat Gottes (Tit 3,3-7; Phil 2,6-8; Eph 2,8-9) zur Erkennt-nis seiner guten Pläne mit uns im hier und jetzt. Aus den geschaffenen Voraussetzungen resultieren die Ansprüche Gottes an uns (Tit 3,8; Eph 2,10).

6.4 Der Versuch, rituellen Gottesdienst zu betreiben und gleichzeitig Böses zu praktizieren und Gutes zu unterlassen (Scheinfrömmigkeit) ist vergeblich (Jak 1,26-27; Mt 5,23-24; 23,23).

6.5 Rettung aus Gnade macht eigenen Ruhm, Stolz, Hochmut gegenüber Gott zunichte (Eph 2,8-9; Röm 12,3; Phil 2,1-8).
Hochmut ist charakteristisch für den gefallenen Menschen (Mk 7,21-23) und den Teufel (1 Tim 3,6; Jes 14,12-15).
Der Gläubige dagegen ist fähig und aufgerufen, Demut im Umgang mit Gott und Menschen (z.B. Gemeinde) zu üben (1 Petr 5,5-6).

6.6 „…demütig zu gehen mit deinem Gott“ (V.8) vgl. 1.Mose 5,24: „Und Henoch wandelte mit Gott; und er war nicht mehr da, denn Gott nahm ihn hinweg.“
Der Lebensweg des Gläubigen ist geprägt von Gott und seiner Herrschaft über alle Lebensbereiche (= De-mut). Das Ziel ist geistliche Reife (Eph 4,13-14). Die Folge ist Frucht (Gal 5,22f; Joh 15,5).
Die Briefe des NT sprechen oft von diesem Lebenswandel:
Wandelt in ihm! (Kol 2,6; 1 Joh 2,6)
Wandelt im Geist! (Gal 5,16.25; Röm 8,4)
Wandelt im Licht! (1 Joh 1,7; Eph 5,8)
Wandelt in der Liebe! (Eph 5,2)
Wandelt in der Wahrheit! (2 Joh 4; 3 Joh 4; Gal 2,14)
Wandelt nach seinen Geboten! (2 Joh 6)

6.7 Röm 12,1-5 greift die Aussage von Mi 6,8 für uns als Gemeinde auf.
Unser Heil ermöglicht und fordert einen neuen Lebensstil:
Wir selbst sind das Opfer, das Gott gefällt – völlige Hingabe unter seine Herrschaft (V.1).
Dieser logische, konsequente Gottesdienst ist nicht auf Zeremonien begrenzt, sondern umfaßt das ganze tägliche Leben (V.1).
Dies beinhaltet die Abkehr von den Motiven und Idealen der Welt, dem Herrschaftsbereich des Teufels (V.2).
Unser ursprünglich verworfener, verblendeter, verfinsterter Verstand ist erneuert und unter der Leitung des Heiligen Geistes fähig zur Erkenntnis und Prüfung des offenbarten Willens Gottes (V.2).
Die Beschäftigung mit Gott, seinem Wort und Willen, verändert uns – wir übernehmen seine guten, voll-kommenen Maßstäbe (V.2).
Wir sind von Gott begnadigte und befähigte Menschen – das schützt vor Hochmut gegenüber Gott (V.3).
Gleichzeitig brauchen wir die Geschwister der Gemeinde zu unserer Ergänzung – das schützt vor Hochmut gegenüber Menschen (V.4-5).

7. Beispiele und Verdeutlichungen

7.1 Kapitel 6 ist in der Form eines Gerichtsverfahrens geschrieben.

7.2 V.1: „Hört doch“ – Ein Beleg für die von manchen Auslegern bestrittene Einheit des Buches: Die drei Abschnitte, Kap. 1-2; 3-5; 6-7, beginnen alle mit dem Wort „hört“.

7.3 In V.7 stellt der Prophet eine rhetorische Frage und benutzt das Stilmittel der übertreibenden Steige-rung. Dies ist keine Abwertung der jüdischen Opferordnung.

7.4 V.8 zeigt nicht den Weg, sondern die Frucht des Heils.

7.5 Die Verse 1-8 und 9-16 (welche Verhaltensweisen lassen sich im Volk tatsächlich beobachten?) bilden eigentlich eine Einheit. Eine vollständige Gliederung könnte dann wie folgt aussehen:
a) V. 1-5: Die Anklage des Herrn wegen Israels Undankbarkeit
b) V. 6-8: Michas Antwort (für das Volk): Das Wesen wahrer Frömmigkeit
c) V. 9-16: Das Gerichtsurteil des Herrn aufgrund der Sünde

8. Material und Gliederung zur Predigt
a) V. 1-3: Augenblick! – Warum bist du gegen mich (Gott)?
b) V. 4-5: Rückblick – Ich (Gott) war immer für dich!
c) V. 6-8: Ausblick – Halte dich an mich (Gott)!