Nehemia

Predigthilfe vom 5.7.2009 – Nehemia 1, 1-11

Monatsthema: Als Mitarbeiter des Herrn leben
Predigtthema: Leben nach dem Willen Gottes

Bibelstelle: Nehemia 1, 1-11

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt – Bd. 2. S. 248-250 (Hänssler Verlag) und Klaus vom Orde. Die Bücher Esra und Nehemia. Wuppertaler Studienbibel AT. Wuppertal: R. Brockhaus, 1997. S. 155-163 und Warren W. Wiersbe. Sei fest entschlossen: Im Gegenwind standhaft bleiben. Dillenburg: CV, 2008. S. 13-24.

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Zur Einführung und zum Verständnis der Predigt ist an den letzten Sonntag (28.06.2009) anzuknüpfen. In Apg 17,16 war von Paulus die Rede, wie er auf die geistliche Situation in Athen reagierte. Was machen wir, wenn wir Dinge um uns herum wahrnehmen, die uns geistlich erschüttern? Was machen wir, wenn wir Informationen erhalten, die uns geistlich erschüttern? Dieser Punkt der letzten Predigt sollte in der Verkündigung aufgenommen werden, damit unsere Gemeinden die inneren Zusammenhänge unserer Predigttexte erkennen können. Es geht darum, dass wir miteinander entdecken, wie wir zu dieser geistlichen Gesinnung wie bei Paulus (Apg 17,16), Jesus (Lk 19,41) oder Nehemia kommen. Wo das Volk Gottes Schaden leidet, da können wir nicht gleichgültig bleiben, wenn der Herr unser Herz erfüllt. Die Sache und das Werk Gottes kann und darf uns nie gleichgültig lassen.

Gott hatte Israel zugesagt, dass er sie als Nation segnen würde, wenn sie seinem Wort und Willen gehorchen. Aber wenn sie nicht gehorchen, dann kehrt sich der Segen in Fluch (vgl. 5Mose 28). Während das Nordreich mit seinen 10 Stämmen in die assyrische Gefangenschaft weggeführt wird (ca. 722 v.Chr.) gerät das Südreich in die babylonsiche Gefangenschaft (586 v.Chr.). Nach der 70jährigen babylonischen Gefangenschaft kehrt Israel in 3 Schüben in das verheißene Land zurück. Nach dem ersten Rückkehrschub unter Serubbabel wird der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut unter Mitwirkung der Propheten Haggai und Sacharja. Nach dem zweiten Rückkehrschub unter Esra kommt es zu einer geistlichen Reformation des Volks. Unter Nehemia kommt es nun zu einem dritten Rückkehrschub in Folge dessen die Mauern um Jerusalem wieder errichtet werden und die geistliche Reformation des Volkes weiter voranschreitet. Die verschiedenen Rückkehrbewegungen erfolgen nachdem die militärische und politische Vorherschaft von den Babyloniern auf die Perser übergegangen ist.

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Zum Einstieg:
Ein Pfarrer in Frankreich hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, dass er früh am Morgen, bevor das Leben im Dorf erwacht, für sein Dorf betet: „Ich will zuvorkommen, Herr, den Worten und Taten, dem Erwachen meines Dorfes will ich zuvorkommen und all dem, was sich heute in unseren Häusern, auf unseren Feldern zutragen wird. Ehe der Hahn kräht, ehe der böse Feind sein Tagwerk beginnt, sei du zur Stelle! Dieser Tag sei dir anvertraut, in deine starke Hand gelegt. Ich komme, um deine Fürsorge und deinen Segen über uns alle zu erflehen. Noch kein Geräusch, kein Laut, keine Regung. Könnten wir doch immer als ersten dich nennen, dich suchen, als erstem dir dienen!“ Hier betet einer der Anteil nimmt, sich sorgt um die Menschen mit denen er lebt. Was passiert in und mit uns, wenn wir an unser Dorf / Stadt denken. Geht es uns wie Paulus, von dem wir letzten Sonntag gehört haben (Apg 17,16), oder wie Jesus (Lk 19,41), oder wie einem Nehemia? Wir wollen auf das Wort Gottes für uns hören: Nehemia 1,1-11.

Wer war dieser Nehemia? Er war kein Theologe wie der Schriftgelehrte Esra, er war ein „Laie“, ein Kind Gottes das seiner alltäglichen Arbeit (V. 11b) nachging, aber mit einem hörenden (V. 1-3), bewegten (V. 4) und betendem (V. 5-11a) Herzen für das Werk Gottes. Er war einer wie du und ich!

A. Leben nach dem Willen Gottes heißt: mit dem Herzen hören (V. 1-3+11b)

Es ist wichtig, dass wir zu Beginn der Predigt klarstellen, dass Nehemia kein Theologe war und deshalb nicht nur ein Muster für Pfarrer und Prediger ist. Er war ein einfaches Kind Gottes mit einem bürgerlichen Beruf, aber mit einem Herzen für die Sache des Herrn und deshalb ist er ein Muster für uns. Man könnte ihn als einen „AT-Pietisten“ bezeichnen. „Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heilig Leben führt“. Dieses klassische Gedicht von Prof. Feller, mit dem er den Pietismus klassifizierte und zu seiner Namensdefinition beitrug, trifft auch auf Nehemia zu. Nehemia ist einer wie wir! Diese Brücke gilt es den Hörern in der Predigt zu bauen.
Nehemia bedeutet: „Der Herr hat getöstet“.

V. 11b: Der Mundschenk eines orientalischen Herrschers hatte nicht nur dafür Sorge zu tragen, dass die aufgetragenen Speisen dem königlichen Geschmack entsprachen, sondern vielmehr dafür, dass seine Sicherheit nicht durch vergiftetes Essen gefährdet wurde. Er war damit nicht einfach ein Kammerdiener. Ein Mann, der dem König auch in der Öffentlichkeit immer zur Seite sein musste, musste gut aussehen, gebildet sein und sich hinsichtlich der höfischen Etikette auskennen. Auch musste er im Stande sein, Gespräche mit dem Herrscher zu führen und ihm Rat geben zu können, wenn er gefragt wurde (vgl. 1Mose 41). Dass Nehemia als Jude eine solch bedeutsame Stellung innehatte, spricht für seinen vorbildlichen Charakter und seine Fähigkeiten (vgl. Dan 1,1-4). Nehemia hatte sich bisher den Rückkehrern nicht angeschlossen, sondern er bekleidet nun – wie Esther eine Generation vor ihm – einen wichtigen Platz am Hof des Königs. Hier können wir erkennen, dass wenn Gott ein Werk vollbringen will, dann bereitet er sich stets Mitarbeiter zu, die er zur rechten Zeit am rechten Ort hat (vgl. Est 4,9-17).

V. 1: Susa ist der persische Winterpalast (vgl. Est 1,2; Dan 8,2). Der Monat Kislew entspricht nach unserem Kalender dem Zeitraum von Mitte November bis Mitte Dezember.

Nehemia ist interessiert und aus diesem Grund wird er auch informiert. Für ein Kind Gottes gilt nicht, was der Volksmund sagt: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Hier werden die Prioritäten und Grundsätze unseres Lebens klar.

B. Leben nach dem Willen Gottes heißt: im Herzen bewegen (V. 4)

Vgl. V. 4 mit Jer 15,5. Was Menschen zum Lachen oder Weinen bringt, lässt oft ihren Charakter erkennen. Weinen kann zwar auch ein Zeichen von Schwäche sein, doch bei Nehemia symbolisiert es seine Stärke (vgl. Jer 8,23; Apg 20,19; Lk 19,41). Fasten ist bewusster Verzicht. Es entsteht ein Mangel, der vom Herrn gefüllt werden soll. In diesem Sinne ist Fasten ein „Hunger nach Gott“.

Es gilt offen zu sein, für die Last die uns der Herr auf unser Herz legt! Vgl. hierzu z.B. Jer 20,7-13. Empfinden wir auch noch eine Last vom Herrn? Welche Last tragen wir auf dem Herzen?

Beispiel:
„Beschäftigt uns auch, wie es heute um die Kirche steht? Bewegt uns, was aus dem Land der Reformation geworden ist? Nehmen wir wahr, dass nur noch ein Drittel der Bevölkerung evangelisch ist und das weniger als ein Prozent der Bevölkerung in unserem Land sonntags noch einen evangelischen Gottesdienst besucht? Bewegt es uns, dass im Religionsunterricht in den Schulen die Kinder in den Mittel- und Oberstufenklassen oft mehr Zweifel am christlichen Glauben und an der Bibel gelehrt bekommen, als ihr Glaube geweckt und gestärkt wird? Gibt es uns zu denken, dass Gottesdienste oft so wenig einladend sind, dass man sich gar nicht traut, Nachbarn oder Freunde mitzubringen? Schmerzt uns der viele Zank und Streit in christlichen Kreisen? Haben wir schon mal vermisst, dass Predigten biblischen Tiefgang haben und zugleich lebensnah sind? Erschrecken wir manchmal, wie der Zeitgeist auch in unsere christlichen Gemeinden einbricht und oft das Leben von allem möglichen geprägt ist, nur nicht von einem biblischen Ethos? Haben wir in der eigenen Gemeinde schon mal die herzliche Wärme liebevoller Gemeinschaft vermisst? Gibt es auch bei uns Einsame, die niemand besucht, und Kranke, um die sich niemand kümmert? Und kennen wir nicht diesen und jenen in der Gemeinde, dem es einfach nicht gut geht und der unser Gebet braucht?
Wenn Ihnen solche – und viele andere – Problempunkte vor Augen stehen, dann bitte ich Sie: Gehen Sie jetzt nicht einfach zur Tagesordnung über. Nehmen Sie vor Gott Verantwortung wahr für die Situation, indem Sie die Hände falten und die Anliegen vor Gott bringen. Ein ernstgemeintes Gebet kann viel bewegen, denn Gott ist bereit zu hören und zu handeln. Lassen Sie sich deshalb durch [dieses Wort] ermutigen, es wie Nehemia zu machen und zu beten“ (Helge Stadelmann, Das Wort zum Tag über Neh 1,5f am 03.03.2000, ERF).

C. Leben nach dem Willen Gottes heißt: von Herzen beten (V. 5-11a)

Nehemia sieht nicht zuerst die Arbeit die zu tun ist, sondern er verharrt im Gebet beim Herrn, um die rechte Perspektive für seine Herzensangelegenheit zu bekommen.

Beispiel:
Ein pensionierter Pfarrer erkennt im Rückblick auf seine Dienstzeit: „Ich habe in meinem Dienst zu Beginn eines Arbeitstages gelegentlich meine Sorgen so lange gezählt, bis es sich kaum noch lohnte, in die Arbeit einzusteigen“. Prof. Christian Möller merkt dazu an: „Die Fixierung auf den Mangel beschreibt nicht nur Fakten, sondern schafft auch Fakten. Sie schafft ein Klima der Resignation und der Sorge. Das ist das volkskirchliche Normalklima geworden“.

Nehemia geht anders an die Sache heran, auch in seinem Gebet. Er beginnt mit der Größe Gottes, denn „große“ Probleme erscheinen erst im Angesicht des „größeren“ Gottes in dem Licht, in dem sie erscheinen sollen (evtl. ist hier ein Hinweis auf die Jahreslosung hilfreich: Lk 18,27). Hier gilt es auf die biblische Gebetspraxis zu achten und sie wieder neu zu erlernen. Gebet beginnt immer beim Herrn (vgl. z.B. Mt 6,9f) und erst, wenn der Herr erkannt ist, dann geht es um uns (vgl. z.B. Mt 9,11-13). Wir haben Nehemia beim Beten zuzuhören und können so die Geheimnisse seines Betens ergründen. Folgendes Grundmuster zeichnet sich ab:
*Anbetung (V. 5)
*Bekenntnis (V. 6f)
*Erinnerung (V. 8f)
*Dank (V. 10)
*Bitte (V. 11)

a) Nehemia beschreibt die Herrlichkeit Gottes (V. 5)

Es ist leichter zu beten, wenn wir auch etwas empfinden und das setzt unser Erkennen voraus. Wir brauchen das Bewusstsein, mit wem wir reden.
Auf die Frage, was sie tue, wenn sie nicht zum Beten aufgelegt sei, sagte eine bekannte Frau einmal: „Ich bete einfach. In einem solchen Zustand habe ich es am meisten nötig“.

Fürbitte muss immer mit dem Herrn beginnen. Gott will nicht, dass wir Pläne festlegen und er seine Hilfe dazugeben soll. Er will, dass wir von ihm her glauben, denken und beten, dass wir nach seinem Plan, seinem Willen, seinen Wünschen fragen. Aus diesem Grund dauert beten lange, denn wir sollen warten, dass er uns seinen Willen kundtut. Aber dazu müssen wir wissen, wer er ist.

b) Nehemia bekennt die Sünden des Volkes Gottes (V. 6+7)

V. 6 – wörtl.: „Gib dein Ohr der Aufmerksamkeit“ (vgl. 2Chr 6,40; Ps 130,2) und „deine Augen des Geöffnetseins“ (vgl. 1Kön 8,29.52; 2Chr 6,20; 7,15).

Hier gilt es auch darauf zu achten, dass Nehemia das Pronomen „wir“ und nicht „sie“ verwendet. Es ist sein Volk. Er gehört dazu. Wie reden, denken wir von der Gemeinde zu der wir gehören? Sagen und denken wir: „die bzw. ihr vom Brüderbund“ oder sagen und denken wir: „wir vom Brüderbund“?

Sein Bekenntnis ist intensiv, aufrichtig und eindringlich.

c) Nehemia erfleht die Hilfe Gottes (V. 8-11a)

Beim Gebet geht es nicht darum, dass wir einen menschlichen Willen im Himmel durchsetzen, sondern darum dass der göttliche Wille auf der Erde verwirklicht wird.

Die Bitte von Nehemia bewegt sich um Fixpunkte: Was der Herr gesagt hat (V. 8f) und was der Herr getan hat (V. 10)

Vgl. V. 8 mit 5Mose 28,64
Vgl. V. 9 mit 5Mose 30,1-4; 12,5
Vgl. V. 10 mit 5Mose 9,29

V. 11: Nehemia kommt im Gebet zu einer tieferen Erfahrung, zu ein größeren Verpflichtung und zu einer weiteren Perspektive (vgl. Ps 106,23).

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Wille Gottes“. In Nehemia 1,1-11 entdecken wir, wie ein Mitglied des Volkes Gottes für eine große Aufgabe im Reich Gottes vorbereitet wird. Im Rahmen der Predigt ist zu thematisieren, ob wir noch dem Grundsatz Jesu folgen: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber! Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39.42.44). Auch im bereits ausgeübten Beruf gilt es offen zu bleiben für eine (evtl. temporäre) Berufung Gottes zu einer anderen Aufgabe. Hierzu benötigen wir ein hörendes, bewegtes (kein starres, verfestigtes) und betendes Herz.

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Leben nach dem Willen Gottes heißt:
A. mit dem Herzen hören (V. 1-3+11b)
B. im Herzen bewegen (V. 4)
C. von Herzen beten (V. 5-11a)

oder

Leben nach dem Willen Gottes erfordert die rechte Perspektive:
A. Umsehen mit Anteilnahme (V. 1-3)
B. Aufsehen in Abhängigkeit (V. 4-6a)
C. Einsehen durch Buße (V. 6b-7)
D. Zurücksehen in Dankbarkeit (V. 8-10)
E. Vorwärtssehen mit Zuversicht (V. 11)