Predigtthema: Dienstreise mit Jesus
Predigttext: Markus 6,7-13
1 Erläuterungen zum Text
Der Aufbruch der Jünger von Jesus ist an Brisanz kaum zu überbieten: kein Brot, keine Tasche, kein Geld, aber eine klare Bevollmächtigung und ein großer Auftrag.
V7: Schon sehr bald nach ihrer Berufung (Mk 3,13-19) bezieht Jesus seine Jünger in die Verkündigung des Reiches Gottes (vgl. Mk 1,15) ein. Er sendet sie jeweils zu zweit aus. Einzelkämpfer will Jesus nicht. Diese Zuordnung von zwei Personen begegnet mehrfach im Neuen Testament (vgl. Lk 10, 1; Apg 8, 14; 1Kor 9, 6). Auf diesen Zweierteams ruht eine großartige Verheißung (Mt 18,20). Sie bilden die kleinste Zelle der Gemeinde: zwei Jünger mit ihrem Herrn.
Der Dienstauftrag und die Bevollmächtigung der Jünger fallen wie auch sonst im Neuen Testament zusammen. Eine Beauftragung ohne Bevollmächtigung ist Jesus fremd. Gerade angesichts der Wirklichkeit des Bösen, die Menschen völlig in Besitz nimmt („böse Geister“), hat der Zuspruch der Wirklichkeit Gottes für den Dienst der Jünger eine grundlegende Bedeutung. Die Jünger empfangen mit ihrer Bevollmächtigung durch Jesus die Ausrüstung, die sie für die Erfüllung ihrer Aufgaben nötig haben (vgl. Lk 22,35). Es fällt auf: Der Dienstauftrag selbst wird von Markus nicht im Einzelnen hervorgehoben. Stattdessen erzählt Markus zusammenfassend vom Wirken der Jünger (s. V12).
V8f: Jesus gibt klare Anweisungen für die Lebens- und Diensthaltung seiner Beauftragten. Sie zielen letztlich auf Vertrauen: Jesus wird in jeder Beziehung für seine Leute sorgen. In dieser Konzentration auf Jesus kann und soll alles Unnötige weggelassen werden: kein Proviant, kein in den breiten Gürtel eingebundenes Geld, keine zusätzliche Schutzkleidung. Mit anderen Worten: keine Sicherheit, keine Bevorratung, keine Anspruchshaltung, sondern Sorglosigkeit wie „Vögel“ und „Lilien“ (Mt 6,25-34). Das hat nichts mit Blauäugigkeit zu tun, sondern mit Vertrauen. Wer sich nach allen Seiten hin absichert, wird unglaubhaft. Wer materiell oder geistig auf die eigene Ausrüstung setzt und nicht auf den, der alles Entscheidende schenkt, wird unbrauchbar.
Diese Anweisungen von Jesus zielen nicht vordergründig auf Verzicht. Er entlässt seine Jünger nicht in unzumutbare Verhältnisse. Im Gegenteil: In jeder jüdischen Stadt gibt es einen Fürsorger, der Reisende mit Essen und Kleidung versorgt. Stock und Schuhe (z.B. als Schutz gegen Schlangen) sind selbstverständlich. Vor unnötigem Ballast (Mitschleppen eines zweiten Gewandes) warnt Jesus. Wer auf „Nummer sicher“ gehen will, „verspielt“ sein Vertrauen zu Jesus.
V10: Die Jünger werden unterwegs Gastfreundschaft erfahren. Wenn sie als Gäste in einem Haus freundlich aufgenommen werden, sollen sie solange bleiben, bis sie weiterziehen. Der Wechsel in andere, noch bequemer oder attraktiver erscheinende Quartiere ist den Jüngern untersagt. Ihr Auftrag rechtfertigt in keiner Weise eine Ausnutzung von Gastfreundschaft.
V11: Werden die Jünger in einem Ort abgewiesen, dann haben sie ihren Aufenthalt dort zu beenden. Dabei soll der Staub, der an den Füßen der Jünger hängt, abgeschüttelt werden. Diese Geste war damals üblich, wenn ein Jude aus heidnischem Gebiet nach Israel zurückkehrte. Sie signalisiert: alles Unreine soll zurückbleiben. Jesus nimmt diese Sitte für seine Jünger auf und unterstreicht damit: Wer die Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes zurückweist, liefert sich dem Gericht Gottes aus. Jede vollmächtige Verkündigung beinhaltet auch dieses Moment des Gerichts. Zwar lehnt Jesus nicht grundsätzlich ein längeres seelsorgerliches Bemühen um Menschen ab, aber er lässt unmissverständlich durchblicken: Das Zurückweisen von Gottes Anspruch bleibt nicht ohne Folgen.
V12f: Knapp und prägnant wird das Wirken der Jünger von Jesus zusammengefasst. Dabei werden drei Bereiche ihres Wirkens hervorgehoben:
- Der Ruf zum Umkehren.
- Das Austreiben von Dämonen.
- Das Salben und Heilen vieler Kranker.
Im Unterschied zu Mt 10,7 und Lk 9,1f verweist Markus auf das Salben der Kranken. Hier setzt er einen besonderen Akzent. Neben einer möglichen medizinischen Wirkung kann dies auch als Hinweis auf den Messias als Gesalbten verstanden werden, der durch seine Jünger wirkt (vgl. Jak 5,14f)? Die römisch-katholische Kirche hat mit der Krankensalbung an Mk 6,13 und Jak 5,14f angeknüpft.
2 Hinweise für Lehre und Leben
2.1 Vollmacht und Auftrag
Wird im Neuen Testament das Wort „Vollmacht“ auf den Menschen bezogen, dann wird es nie absolut gebraucht. Stets wird der Ursprung von Vollmacht benannt und auch ihr Ziel bzw. ihr Bereich. Im Zusammenhang von Vollmacht ist also stets die Frage nach dem „Woher?“ und nach dem „Wozu?“ zu stellen. Die folgenden Beispiele unterstreichen das:
- Woher?
Er gab ihnen Vollmacht über… (Mk 6,7).
Vollmacht, die mir der Herr gegeben hat… (2Kor 13,10).
… wer hat dir diese Vollmacht gegeben? (Mt 21,23; vgl. Apg 4,7).
- Wozu?
Vollmacht…, die uns der Herr gegeben hat, euch zu erbauen und nicht euch zu zerstören… (2Kor 10,8).
Vollmacht (woher?) und Beauftragung (wozu?) sind eng aufeinander bezogen. Die Frage nach der Quantität von Vollmacht (wie viel Vollmacht jemand hat) tritt demgegenüber deutlich zurück.
Vollmacht ist immer von Gott verliehene Macht. Vollmächtiges Handeln geschieht im Namen Gottes und niemals im eigenen Namen. Jesus selbst verweist darauf: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun“ (Joh 5,19). Folglich gilt erst recht für seine Nachfolger: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5). Wer als Beauftragter von Jesus unterwegs ist, hat nichts Eigenes zu bieten. Stets bleibt er abhängig von dem, was er von Jesus empfängt. Vollmacht von Jesus korrespondiert mit der Ohnmacht seiner Nachfolger, die ohne ihn nichts tun können. Wer Vollmacht als eigenen Besitz oder als menschliche Fähigkeit betrachtet, missbraucht sie anmaßend. Der Gegenbegriff zu Vollmacht ist darum nicht Ohnmacht, sondern selbstzentrierte Eigenmächtigkeit.
Vollmacht ist eine Wirkung des Heiligen Geistes: „Er teilt jedem eine Fähigkeit zu, ganz so wie er es will“ (1Kor 12,11). Berufung und Bevollmächtigung sind nicht an menschliche Voraussetzungen gebunden (Joh 15,16) und können von Menschen nicht „erarbeitet“ oder „gemacht“ werden. Die bevollmächtigte Person ist auf die Abhängigkeit von Gott angewiesen und bleibt im Kontakt mit ihm. Ein Ausbrechen aus dieser Abhängigkeit gefährdet die Bevollmächtigung.
Grundlegendes Ziel von Vollmacht ist es, Menschen in die Gegenwart Gottes zu stellen. So hat Jesus selbst vollmächtig gewirkt. Menschen haben darauf entsetzt reagiert, weil sie Gottes eigene Gegenwart unerwartet erfahren haben. Insofern kommt vollmächtiges Wirken im Namen von Jesus zum Ziel, wo die Gegenwart und Herrschaft Gottes in unsere irdische Welt hinein bricht.
An der Begegnung mit Gottes Gegenwart scheiden sich die Geister (vgl. V10f): Menschen wenden sich Gott zu – von ihm ergriffen –, oder sie verschließen sich ihm. Solche „Erfolge“ oder „Misserfolge“ sind kein Gradmesser für Vollmacht. Das Kriterium für Vollmacht bleibt ausschließlich ihr Ursprung und ihr Ziel. Die Wirkungen von Vollmacht können je nach Auftrag sehr unterschiedlich ausfallen. Doch vollmächtiges Wirken weist immer zurück auf den Urheber von Vollmacht.
2.2 Aufbruch
Jesus beruft, sendet, bevollmächtigt und beauftragt seine Nachfolger. Darum brechen Christen auf, gehen los und sind unterwegs. Jesus will es und das ist gut so. Schon unsere Väter und Mütter im Glauben haben sich als „Pilger“ verstanden, also als Leute, die in der Spur von Jesus unterwegs sind. Sie durchwanderten das irdische Jammertal auf dem Weg in die himmlische Herrlichkeit.
Christen sind von Jesus bewegte Leute. Mit ihm haben sie einen Weg begonnen. Tag für Tag gehen sie ihn weiter. Neues wagen, Neues anpacken, neu aufbrechen – das entspricht Jesus und seinem Programm für unser Leben. Es passt nicht zu diesem Programm, wenn Christen zu unbeweglichen Menschen werden, die felsenfest stehen mit unverrückbaren Grundsätzen und sich keinen Millimeter bewegen. Nein, sie folgen ihrer Berufung durch Jesus. Durch seine Bevollmächtigung und Beauftragung formt sie Jesus zu einzigartigen Persönlichkeiten, die er für sein Programm einsetzen kann und will.
Solche Konzentration auf das Wesentliche (s. V8f) nötigt mich selbst dazu, die eigenen Prioritäten zu überdenken:
Verzichte ich freiwillig auf vertraute Gedanken, Wohlfühlorte, Menschen, Hobbys usw., wenn mich Jesus zum Aufbruch ruft?
Verlasse ich meinen Arbeitsplatz, um an der Seite von Jesus zu neuen Zielen aufzubrechen?
Lasse ich Haus, Wohnort, Sicherheiten, liebgewordene Beziehungen zurück, wenn Jesus weitergehende Schritte von mir erwartet?
Konzentriere ich mich auf meine Aufgaben und auf die Menschen, zu denen mich Jesus schickt?
Jesus nachfolgen heißt nicht für alle Christen: Gib Gewohntes auf. Verlasse die liebgewordene Heimat. Verzichte auf Familie, Einkommen, Luxus. Nein ! Trotzdem will uns die Frage von Jesus beunruhigen: Bist du wirklich bereit, auf mein Wort hin loszugehen? Kannst du dir vorstellen, dabei im Leben nicht zu kurz zu kommen? Traust du mir zu, dass ich dich nicht nur sende, sondern auch für dich sorge?
2.3 Zeugnis
Die Aussendung der zwölf Jünger ist nicht identisch mit dem Missionsauftrag nach Mt 28,16ff, wie ihn Jesus nach seiner Kreuzigung und Auferweckung formuliert hat. Doch dieser zeitlich begrenzte Auftrag an die Zwölfergruppe enthält wesentliche Elemente für die Existenz als Zeugen von Jesus:
- Zeugen haben keine „eigene“ Botschaft zu verkündigen, sondern sie geben das weiter, was sie von Jesus gehört und mit ihm erfahren haben.
- Zeugen lassen in der Gestaltung ihres Lebens und ihres Dienstes erkennen, wem sie gehören und wem sie zutiefst vertrauen.
- Zeugen fordern ihr Gegenüber mit dem Ruf zur Umkehr zu einer Neuorientierung und Neuausrichtung der ganzen Existenz auf.
- Zeugen rechnen mit der Macht von Jesus, die allen finsteren Mächten (böse Geister) gewachsen ist und auch angesichts von Krankheiten nicht kapitulieren muss. Wo auch immer die Macht von Jesus aufleuchtet: Sie ist ein wirksames Zeichen für die Gegenwart der Herrschaft Gottes.
Gemeinde, die Jesus folgt, hat nach Markus einen Verkündigungsauftrag (Ruf zur Umkehr), einen Seelsorgeauftrag (Dämonen austreiben) und einen Heilungsauftrag (Kranke salben und heilen). Sie ist genötigt, keinen dieser Bereiche zu vernachlässigen.
3 Bausteine für die Predigt
3.1 Predigtziel
Die Predigt will zum (erneuten) Aufbruch herausfordern, denn Jesus verbindet Nachfolge und Sendung, indem er bevollmächtigt und beauftragt, zu konzentriertem Vertrauen anleitet und ein wirksames Zeugnis durch Wort und Tat ermöglicht.
3.2 Vorschlag für Thema, Inhalt und Gliederung
Der vorliegende Text mit seinem Facettenreichtum bietet viele Möglichkeiten, in der Predigt Schwerpunkte zu setzen. Es kann aber auch reizvoll sein, die Predigt mit dem Gedanken an eine Dienstreise zu beginnen – veranschaulicht durch einen mitgebrachten Koffer. Mit den Gottesdienstteilnehmern kann der Koffer befüllt werden, wobei vor allem drei Bereiche angesprochen werden:
- Von wem wird der Dienstreisende beauftragt und mit welchen Vollmachten ausgestattet?
- Was alles braucht der Dienstreisende unterwegs und gehört in den Koffer (Mindestgewicht fürs Flugzeug beachten)?
- Wie wird der Dienstreisende seinen Auftrag umsetzen (für die Firma stehen und werben = Zeugnis)?
Dieses Bild kann aufgenommen werden und sich durch die gesamte Predigt ziehen, indem Kernaussagen des Bibeltextes entfaltet werden. Ein Gliederungsvorschlag kann dann so aussehen:
Dienstreise mit Jesus
- Wer uns bevollmächtigt
- Worauf wir uns konzentrieren
- Wozu wir unterwegs sind
Christoph Müller