Predigtthema: Christus in unserer Mitte
Predigttext: Markus 6,30-44
1 Erläuterungen zum Text
Die Geschichte vom Speisungswunder scheint ein außerordentlich wichtiger Abschnitt des Neuen Testaments zu sein. In allen vier Evangelien ist sie überliefert. Es spricht also viel dafür, dieses Geschehen in einer Predigt zu thematisieren. Schon für die ersten Christen muss das Erzählte eine immense Bedeutung gehabt haben.
Zudem weist unser Abschnitt eine Parallele zu Mk 8,1-9 auf. Es handelt sich aber nicht um eine Doppelung, sondern Markus erzählt von zwei verschiedenen Ereignissen.
V30: Die von Jesus ausgesandten Apostel (Mk 6,7-13) kehren von ihrem Diensteinsatz zurück und haben ihm viel zu berichten. Der Ort ihres Zusammentreffens dürfte Kapernaum als Aufenthaltsort von Jesus (vgl. Mt 4,13) gewesen sein.
V31f: Nach dem Diensteinsatz seiner Schüler verordnet ihnen Jesus eine Ruhepause. Jesus fordert von seinen Mitarbeitern keinen pausenlosen Einsatz, sondern gewährt Zeiten des Innehaltens, der äußeren und inneren Ruhe. „Ausruhen“, „an einem ruhigen Ort“, „nur ihr allein“ – das sind die bestimmenden Vokabeln. Die Fürsorge von Jesus für seine Mitarbeiter gipfelt in einem Beziehungsgeschehen: Er (vgl. V34) mit ihnen allein.
Offensichtlich sind die Jünger durch ihren Diensteinsatz bekannt geworden. Sie werden nun ständig von Menschen umlagert. Nicht einmal Zeit zum Essen finden sie. Als Lösung bietet sich eine Bootsfahrt über den See Genezareth an eine abgelegene Stelle an, um dem Massenandrang zu entkommen.
V32f: Doch die Menschen lassen nicht locker. Sie folgen Jesus und seinen Schülern zu Fuß auf dem Landweg und stoßen aus den umliegenden Dörfern dazu. Jesus nimmt diese Menschen in ihrer Bedürftigkeit wahr – wie Schafe, die ohne Hirten verloren sind. Er hat Erbarmen mit ihnen und wendet sich ihnen in einer langen Rede zu. Inhaltlich ist die Kernbotschaft von Jesus in Mk 1,14f angedeutet.
V35-38: Während der Rede vergeht die Zeit und die Menschen haben noch einen längeren Fußmarsch nach Hause vor sich. Darum schlagen die Jünger vor, die Leute zu entlassen, damit sich alle auf dem Weg in ihre Dörfer noch etwas zu essen kaufen können.
Stattdessen weist Jesus seine Jünger an (stark betontes „ihr“): „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Die Jünger (miss)verstehen dies als Aufforderung, selber in die Dörfer zu gehen und Nahrungsmittel für das Volk einzukaufen, damit Jesus weiterhin predigen kann. Doch diese Idee bringt die Jünger an die Grenze ihrer Möglichkeiten: Wie sollen zwölf Jünger Nahrungsmittel für 5.000 Leute herbeischaffen? Eine nicht zu leistende logistische Herausforderung. Außerdem: 200 Silbergroschen (lateinisch: Denare) müssen sie erst einmal haben. Dabei ist zu fragen, ob dieser Betrag überhaupt ausreicht (vgl. Joh 6,7). Ein Denar entsprach dem Tageslohn eines Arbeiters.
Als sich darauf Jesus nach den vorhandenen Mitteln erkundigt, sieht die Bilanz mit fünf Broten und zwei Fischen noch dramatischer aus.
V39-41: Die nun folgende Anordnung von Jesus scheint angesichts der zugespitzten Situation kaum Sinn zu ergeben. Die Menschen sollen sich in Gruppen zum Essen lagern, obwohl doch nichts zu essen da ist. Tisch- bzw. Mahlgemeinschaften haben im Judentum einen hohen Stellenwert als Ausdruck enger Gemeinschaft. Trotz fehlender Nahrungsmittel wird die Anordnung umgesetzt. Danach übernimmt Jesus die Initiative: Fünf Brote – zwei Fische – ein Dankgebet – Teilen und Verteilen der Brote – Austeilen der Fische. Dabei werden die Jünger als Mitarbeiter von Jesus in die Verteilaktion einbezogen.
V42-44: Letztendlich führt diese Verteilaktion zu einem unerwarteten Ergebnis: Alle essen. Alle werden satt. Zwölf Körbe voller Brot- und Fischreste bleiben übrig. Großer Überfluss zeugt von einem großartigen Wunder: obwohl nicht genug da ist, ist für alle genug da. Jesus ist reich für alle Menschen. Immerhin waren 5000 Männer anwesend. Diese Zahl ist sicher gerundet, aber nicht aus der Luft gegriffen. Unklar bleibt bei Markus: Waren auch Frauen und Kinder zugegen, die nicht mitgezählt wurden oder sind sie in den Dörfern zurückgeblieben?
2 Hinweise für Lehre und Leben
2.1 Jesus sorgt für seine Mitarbeiter
Jesus sendet seine Mitarbeiter in den Diensteinsatz, der in der Gemeindewirklichkeit unterschiedliche Gestalt haben kann. Aber es ist immer Dienst mit Jesus für Menschen und zugleich Dienst mit Menschen für Jesus. Wer im Einsatz für Jesus unterwegs ist, kann wie die Jünger viel erzählen. Zugleich sorgt Jesus gut für seine Mitarbeiter und gewährt ihnen notwendige Pausen, Zeiten der Stille und der Entspannung, Räume des Innehaltens, der Neuausrichtung und der intimen Begegnung mit Gott.
Zum Einsatz für Jesus gehört angesichts bedürftiger Menschen durchaus auch der Verzicht auf notwendige Pausen. Das mussten die Jünger lernen, denen Jesus durchaus eine Pause gegönnt hätte (vgl. 6,31-34). Das ist jedoch kein Votum, generell auf Pausen zu verzichten. Denn Gott ist kein Sklavenhalter und Ausbeuter, sondern ein sozial handelnder Gott. Für jeden Menschen gilt das Ruhegebot. Der freie Tag, das Ausruhen, die Pause, das Faulsein ist nicht nur ein gutes Recht, sondern eine heilige Pflicht. Wer immer nur rotiert, hat bald Leerlauf. Wer nicht mehr abschalten kann, dreht bald durch. Wer pausenlos redet, kommt ins Schwätzen. Wer nicht mehr in tiefe Ruhe versinken kann, plätschert nur noch oberflächlich dahin. Wer nicht mehr faul sein kann, kann nicht mehr richtig arbeiten. Wer nicht mehr innehält, brennt bald aus. Wer Gott nicht mehr begegnet, wird bald nichts mehr zu sagen haben.
2.2 Jesus sorgt für bedürftige Menschen
Die von Markus erzählte Geschichte steht im Zeichen der Barmherzigkeit von Jesus. Er hat Mitleid mit dem Volk Gottes und nimmt die Not dieser Menschen wahr. Dieses Erbarmen mit bedürftigen Menschen motiviert ihn, seine ursprüngliche Absicht zum Rückzug in die Einsamkeit aufzugeben. Menschen haben für Jesus Vorrang. Das ist auch für die Jünger, die mit Jesus unterwegs sind und nun auf ihre Pause verzichten müssen, ein Lernprozess.
Jesus sorgt für die Menschen an Leib und Seele. Seine lange Predigt kann als „Seelsorge an den verirrten Schafen“ verstanden werden. Für die Menschen ist die Verkündigung von Jesus ein Anlass, trotz fortgeschrittener Zeit nicht nach Hause zu gehen, sondern zu bleiben. Mit seiner Predigt hat Jesus offensichtlich den richtigen Ton getroffen und die Herzen der Hörer erreicht. Von der Liebe Gottes zu erfahren, wurde den Menschen wichtiger, als für die Abendmahlzeit zu sorgen und nach Hause zu gehen.
Trotzdem: auch die leiblichen Bedürfnisse der Menschen lassen Jesus nicht kalt. Und so erhalten die Menschen die Chance, mit einem Brotwunder ein Abendbrot der besonderen Art zu erleben. Jesus verbindet also das Brot für die Seele (Verkündigung) mit dem Brot für den Leib (Mahlzeit). Diesem Zusammenhang von Verkündigung und sozialem Einsatz wird Gemeinde gerecht werden müssen, wenn sie glaubwürdig bleiben will.
2.3 Jesus sorgt für eine unerwartete Perspektive
Die Jünger von Jesus stecken in einem Dilemma, das der Gemeinde bis in unsere Tage nicht fremd ist: die Herausforderungen und Aufgaben sind größer als die eigenen Möglichkeiten. Gerade in dieser Spannung sind die Nachfolger von Jesus zum Vertrauen genötigt. Denn in seiner schöpferischen Macht hat Jesus unbegrenzte Möglichkeiten, Menschen seinen Schöpfungssegen (Brot) und seinen Heilssegen (sich selbst in seiner Hingabe) zuzuwenden.
Jesus erweist seine göttliche Vollmacht, indem er das Psalmwort erfüllt: „Du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen“ (Ps 145, 15f). Die Wunder, die durch Mose, Elia und Elisa geschehen sind, werden durch Jesus überboten.
Für die Deutung des Speisungswunders ist auch zu bedenken: Die Speisung ist die „vorweggenommene Mahlfeier des Neuen Bundes“ (G. Maier). Die Jünger nehmen dabei eine ähnliche Stellung ein wie die Ältesten in Israel. Damit eröffnet Jesus eine atemberaubende Perspektive, die den irdischen Horizont weit überschreitet. Überboten wird das Brotwunder durch das Abendmahl. Wir sind von Jesus als Gäste eingeladen. Jesus selbst aber opfert sich als Passalamm zur Vergebung der Sünden. Letztlich bietet das Speisungswunder also auch eine überraschende Antwort auf die Frage: Wer ist Jesus?
3 Bausteine für die Predigt
3.1 Predigtziel
Die Predigt soll Gemeinde dazu ermuntern, ihr Umfeld wahrzunehmen, ihren Auftrag anzunehmen, ihre Armut wahrzunehmen und dem Herrn der Gemeinde mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten unbedingt zu vertrauen.
3.2 Vorschlag für Thema, Inhalt und Gliederung
Für die Predigt empfiehlt sich eine Konzentration auf Mk 6,34-44, also auf die Geschichte vom Speisungswunder im engeren Sinne. Wie Jesus für seine Mitarbeiter sorgt, indem er ihnen auch Pausen gönnt, kann gern in die Predigt mit einfließen, könnte aber auch als gesondertes Thema für sich behandelt werden.
Was Markus in seinem Evangelium erzählt, hat modellhaften Charakter für die Gemeinde. So ragt auch die Geschichte vom Speisungswunder in unsere eigene Lebenswirklichkeit hinein. Auf diesem Hintergrund schlage ich für die Predigt folgendes Thema mit der sich anschließenden Gliederung vor:
Christus in unserer Mitte
- Das Umfeld der Gemeinde: Die hungrige Menge.
Es bietet sich an, Wahrnehmungen unserer Gesellschaft zu thematisieren – Menschen wie Schafe, die keinen Hirten haben: die Sehnsucht von Menschen, ihr Suchen nach Antworten, ihre Hoffnung auf ihre gute Zeiten und Verhältnisse, ihre Orientierungslosigkeit, ihre Angst usw. Solchen Menschen gilt die Sorge und das Erbarmen Gottes. Es wird transparent in der Zuwendung der Gemeinde zu Menschen aller Schattierungen und Kulturen.
- Der Auftrag der Gemeinde: Gebt ihr ihnen zu essen!
Die Sorge Gottes für bedürftige Menschen ist ein Grundthema aller seelsorgerlichen Zuwendung. Jesus zeigt, wie Gott auf Menschen in ihrer seelischen, aber auch leiblichen Bedürftigkeit eingeht. Darum verkündigt Jesus das Evangelium und ruft zur Umkehr und darum sorgt er für das leibliche Wohl seiner Hörer (s. oben 2.2). Gemeinde in den Fußtapfen von Jesus folgt diesem Auftrag in Verkündigung, Seelsorge und sozialer Verantwortung.
- Die Armut der Gemeinde: Die fehlenden Möglichkeiten.
Die Brüche, Grenzen und Vorläufigkeit der Gemeinde sind nicht zu übersehen. Angesichts großer Herausforderungen hat sie nur wenig zu bieten und scheint überfordert zu sein. Gerade das Fehlen eigener Möglichkeiten ist ein Grund, Jesus zu vertrauen und mit seinen Möglichkeiten zu rechnen. Für Gemeinde in ihrer Bedürftigkeit gibt es keinen triftigen Grund, aufzugeben. Jesus wird die Armut der Gemeinde so ausfüllen, dass er sie für seine Ziele einsetzen kann.
- Der Herr der Gemeinde: Er ist reich für alle.
Jesus macht aus dem wenigen viel, so dass es für alle reicht und alle satt werden. Gemeinde, die vor großen Herausforderungen steht, rechnet zuversichtlich mit den Möglichkeiten ihres Herrn und kann darum viel wagen. Für sie gilt der Glaubenssatz von William Careys (1792): „Erwarte Großes von Gott und wage Großes für Gott!“
Orientierungspunkt für das Engagement einer Gemeinde sind nicht die eigenen vorhandenen oder fehlenden Ressourcen, sondern ausschließlich die Ressourcen dessen, der Herr seiner Gemeinde ist. Christus lässt seiner Gemeinde einen ungeahnten Reichtum an Mitteln, Möglichkeiten und Kräften zufließen, aus dem Gemeinde freigebig verteilen kann.
In diesem Zusammenhang ist für die Predigt der Zusammenhang von Heilsverkündigung und sozialem Engagement aufzunehmen. Die Weite von Gottes Zuwendung und Schenken, die sich auf den ganzen bedürftigen Menschen bezieht, ist im Engagement der Gemeinde und in ihren Zielen durchzuhalten. Wer auf die große Mahlgemeinschaft an der Festtafel Gottes hofft, wird sich nicht damit abfinden können, wenn Menschen unserer Tage mit Hunger und Mangel zu kämpfen haben.
3.3 Beispiele
Am Beispiel von zwei verschiedenen Gemeindekonzepten kann entfaltet werden, warum die Alternative von Heilsverkündigung und sozialem Engagement keine wirkliche Alternative ist, sondern Einseitigkeiten markiert. Wenn Jesus das Heil Gottes verkündigt und zugleich für Brot sorgt, dann muss das jeder Gemeinde zu denken geben: Welche Prioritäten sind in einem Gemeindekonzept zu berücksichtigen? Welche Antworten bietet die Geschichte vom Brotwunder?
Gemeindekonzept A
Unsere Gemeinde ist total missionarisch ausgerichtet. Es gibt viele erweckte Christen, die einen Großteil ihrer Freizeit in ehrenamtliche evangelistische Arbeit investieren. So haben wir Besuchskreise, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dass jedes Gemeindeglied mindestens einmal im Jahr besucht und mit dem Evangelium erreicht wird. Darüber hinaus versuchen wir auch durch Straßenevangelisation und Verteilen von Traktaten in der Fußgängerzone, Menschen zu erreichen und einzuladen, die nicht von unserer Gemeinde erreicht werden. Auch für die Jugendlichen in unserer Gemeinde besteht ein vielfältiges Angebot, von der Jungschar an, über Teenagerkreis bis hin zum Kreis für junge Erwachsene. Die älteren finden sich in Hauskreisen zusammen. Im Mittelpunkt von allen Veranstaltungen stehen Evangelisation und Glaubensschulung. Unsere Aktivitäten wirken sich natürlich auch auf den Gottesdienstbesuch aus, unsere Gottesdienste gehören zu den am besten besuchten in unserer Region.
Bei den meisten Bürgern unserer Stadt steht unsere Gemeinde in hohem Ansehen. Einige unserer Gemeindeglieder sind führende Leute aus Wirtschaft und Politik. Was uns ein wenig Sorgen macht: wir haben kaum Kontakt zu anderen, weniger angesehenen Bevölkerungsschichten. Anscheinend stehen diese Leute dem Evangelium weniger offen gegenüber und können deshalb auch nicht so leicht erreicht werden.
Gemeindekonzept B
Wir sind eine diakonisch ausgerichtete Gemeinde. Uns geht es darum, den Armen und Schwachen zu helfen. Wir haben eine Vielzahl von ehrenamtlichen Mitarbeitern in verschiedenen Projektgruppen, die sich um diese Menschen kümmern. Da wäre unsere Asylgruppe zu nennen, die Asylantragstellern beim Ausfüllen der Formulare hilft. Ein Rechtsanwalt hat sich sogar bereit erklärt, bei abgelehnten Asylanträgen Rechtshilfe zu leisten. Ein anderer Kreis kümmert sich um Obdachlose. Wir haben eine Tagesstätte, in der wir einmal am Tag eine warme Speise ausgeben und in der auch Duschmöglichkeiten bestehen. Selbst Menschen, die eine Wohnung haben, aber von Sozialhilfe leben müssen, finden bei uns Unterstützung. Wir versuchen, Einfluss auf Politik und Wirtschaft zu nehmen und vor allem Langzeitarbeitslosen eine neue Stellung zu vermitteln.
Unsere Gottesdienste sehen wir als Forum für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Uns geht es hauptsächlich darum, konkrete Hilfe anzubieten, wo sie nötig ist. Als Leitungsteam dieser Gemeinde freuen wir uns, dass sich so viele Menschen für diese Arbeit motivieren lassen, auch solche, die vom althergebrachten Glauben nicht viel halten. Wir sind uns natürlich bewusst, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, aber nach dem Motto „global denken, lokal handeln“, versuchen wir an unserem Ort an der Verwirklichung von Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mitzuarbeiten. Leider wird unsere Arbeit nicht von allen toleriert. Manche Gemeindeglieder boykottieren deshalb unsere Asyl- oder Obdachlosengottesdienste und besuchen Gottesdienste in anderen Gemeinden.
Christoph Müller