Nehemia

Predigthilfe vom 26.7.2009 – Nehemia 5, 1-19

Monatsthema: Als Mitarbeiter des Herrn leben
Predigtthema: Leben von den Gaben Gottes

Bibelstelle: Nehemia 5, 1-19

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt – Bd. 2. S. 259-262 und Walter Lüthi. Die Bauleute Gottes: Nehemia, der Prophet im Kampf und Aufbau der zerstörten Stadt. 7. Aufl. Basel: Friedrich Reinhardt, o.J. S. 68-82 und Warren W. Wiersbe. Sei fest entschlossen: Im Gegenwind standhaft bleiben. Dillenburg: CV, 2008. S. 63-75 und der ‚Aidlinger Bibellesezettel‘ = Zeit mit Gott; Heft 3/2007; S. 118f.

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Wo die Kinder Gottes offen sind für den Willen Gottes (1,1-11) und bereit sind unter der Führung Gottes zu leben (2,1-20), da kann es zu Widerstand und Gegenwind von außen kommen, wenn treu nach dem Auftrag Gottes gehandelt wird (3,33-4,17). Schwierigkeiten treten aber nicht nur von außen an die Gemeinde Gottes heran, sondern können auch von innen kommen. Wo das Volk Gottes nicht gemeinsam von den Gaben Gottes lebt, da ist Uneinigkeit und Ärger aneinander nicht weit (5,1-19). Aus diesem Grund geht der Blick in der Predigt nun von der „Außenwirkung“ zur „Innenwirkung“, damit wir miteinander lernen in gegenseitiger Verantwortung gemeinsam von den Gaben Gottes zu leben (= Predigtthema).

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Neben der äußeren Bedrohung, gibt es auch eine innere Bedrängnis im Volk Gottes (= hausgemachte Schwierigkeiten und selbst zu verantwortende Schuld) – vgl. zu Neh 5,1-19 die Situation in Apg 6,1-7.

Zum Einstieg:
„Wenn der Feind mit seinen Attacken von außen nicht zum Ziel kommt, fängt er an, von innen anzugreifen. Dabei ist Egoismus eine seiner häufigst eingesetzten Waffen. Wenn er uns dazu bringen kann, nur noch an uns und unsere Bedürfnisse zu denken, erringt er den Sieg – und zwar schon dann, wenn wir noch gar nicht erkennen, dass er am Werk ist. Egoismus bedeutet, dass man das Ich in den Mittelpunkt von allem stellt und darauf besteht, das zu bekommen, was man will, wann immer man es haben möchte. Es bedeutet, andere auszubeuten, damit man selbst glücklich sein und sie genau so ausnutzen kann, dass man seinen eigenen Willen durchsetzt. Es geht nicht nur darum, dass man das tut, was man will, sondern auch darum, dass man allen anderen den eigenen Willen aufzwingt. Warum sind eigennützige Menschen so erbärmlich dran? Meiner Meinung nach hat dies Thomas Merton (US-amerikanischer Trappistenmönch französischer Herkunft) am besten ausgedrückt: ‚Wer Personen, Ereignisse und Situationen nur im Lichte dessen betrachtet, was sie einem nützen, lebt bereits an der Schwelle zur Hölle‘. Dieses Kapitel lässt uns die Tiefen der Sünde im menschlichen Herzen erkennen und zeigt uns, wie jeder von uns lernen muss, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. In Zusammenhang mit dem Wort ‚groß‘ hat dieses traurige Geschehen drei Aspekte“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 63):

A. Von den Gaben Gottes leben heißt: Wir haben Verantwortung untereinander (V. 1-5)
= ein großes Geschrei im Volk Gottes

Es gilt zu erkennen: Die teuflische Strategie lautet: trennen – und so schwächen – und dann besiegen!

V. 1: „großes Geschrei“ = nicht nur ein emotionaler Ausdruck, sondern auch ein juristischer Begriff (vgl. 2Kön 8,3+5). Grundsätzlich bestand zwar die Möglichkeit einer Schuldsklaverei, wobei aber der Umgang miteinander auch festgeschrieben war (2Mose 21,1-11; 3Mose 25,39; 5Mose 15,12-18). Diese Option wurde zwar auch gelegentlich angewandt (2Kön 4,1; Jes 50,1), war aber immer schon verpönt (Am 2,6; 8,6; vgl. z.B. 2Kön 4,1 mit 4,2-7), weil diese Praxis zu einer ungerechten Ausbeutung führte und die Betroffenen nicht den ihnen gebührenden Schutz erhielten. Innerhalb des Volkes Gottes werden drei Gruppen schwer benachteiligt:
* „Grundbesitzlose“ Familien (V.2) – sie können sich angesichts der Lage nicht mehr selber versorgen, da sie nichts haben.
* „Grundbesitzende“ Familien (V. 3) – das was sie hatten mussten sie verkaufen bzw. verpfänden und damit geraten sie in die gleiche Situation wie die Gruppe aus V. 2
* „Großgrundbesitzende“ Familien (V. 4) – die Vermögenden waren so hart getroffen, von einer besonderen Steuerlast (zur Königssteuer vgl. Esra 4,13+20), die nur sie zu tragen hatten, dass auch sie in die gleiche Situation kamen, wie die Gruppen von V. 2 und V. 3.

Aus allen „Schichten“ des Volkes Gottes sind somit Familien betroffen von der
* Unbrüderlichkeit (V. 5a = wir gehören doch auch zum Volk Gottes)
* Lieblosigkeit (V. 5b = einige werden besonders erniedrigt)
* Ungerechtigkeit (V. 5c = einige verlieren wegen überzogener Forderungen, was sie haben)
auch wenn sich die Auswirkungen von V. 5 auf die Gruppe in V. 4 beziehen. Besonders die Frauen und Kinder verlieren ihre Menschenwürde und so kommt es zu großen sozialen Verwerfungen im Volk Gottes, das sich Geschwister auf Kosten von Geschwistern bereichern. Die einen leben auf Kosten der anderen

Walter Lüthi weist darauf hin, dass nur Wasser immer von oben nach unten fließt, dass aber Geld (leider) das Bestreben hat von unten nach oben strömen (vgl. hierzu V. 7-9).

Zur Vertiefung:
„Es war durchaus gesetzlich zulässig, dass Juden einander Geld liehen. Dabei sollten sie aber nicht wie Geldverleiher auftreten und keine Zinsen erheben (5Mo 23,19-20). Sie sollten miteinander in Liebe umgehen, selbst wenn es darum ging, Sicherheit zu stellen (5Mo 24,10.13; 2Mo 22,25-27) oder einen Bruder als Knecht zu beschäftigen (3Mo 25,35-46). Sowohl das Volk als auch das Land gehörten dem Herrn, so dass er nicht zulassen würde, dass irgend jemand seine Volksgenossen ausbeutete oder das Land für persönli¬che Bereicherungsversuche missbrauchte. Das ‚Jobeljahr‘ (3Mo 25) wurde u.a. deshalb eingeführt, um die Wirtschaftsordnung in Israel im Gleichgewicht zu halten, so dass die Wohlhabenden nicht in dem Maße reicher werden konnten, wie die Armen ärmer wurden. Alle Schulden mussten im 50. Jahr erlassen, alles Land an seine ursprünglichen Besitzer zurückgegeben und alle Knechte freigelassen werden. Diese wohlhabenden Geschäftsleute im Nehemiabuch beuteten in egoistischer Weise die Armen aus, um sich zu bereichern. Sie missbrauchten ihre Macht, um einige zu berauben und andere zu ver¬sklaven. Habgier gehörte zu den Sünden, welche die Propheten vor der Babylonischen Gefangenschaft gebrandmarkt hatten (Jes 56,9-12; Jer 22,13-19, Am 2,6-8; 5,11-12). Gott, der sich in besonderer Weise um die Armen kümmert, wird diejenigen nicht ungestraft lassen, die diesen Personenkreis ausnutzen“(Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 65).

B. Von den Gaben Gottes leben heißt: Wir haben Verantwortung füreinander (V. 6-13)
= eine große Versammlung im Volk Gottes

Es gilt zu erkennen: So können wir nicht ‚bauen‘!

Nehemias Vorgehensweise:
* anhören – der Probleme im Volk Gottes
* anschauen – der Probleme nach dem Willen Gottes
* ansprechen – der Probleme nach dem Wort Gottes
Die Reaktion von Nehemia ist leidenschaftlich, denn sein Herz ist bewegt in
* emotionaler Hinsicht („wurde ich sehr zornig“)
* rationaler Hinsicht („ging mit sich zu Rate“)
* praktischer Hinsicht („und ich klagte an und sagte zu ihnen“)

a) Bedenken: anhören – der Probleme im Volk Gottes (V. 6)

„Nehemia brauste nicht wütend auf, wie Sünder es tun würden. Vielmehr brachte er seinen gerechten Zorn darüber zum Ausdruck, wie diese Geschäftsleute ihre Brüder und Schwestern unterdrückten. ‚Zürnet, und sündigt dabei nicht‘ (Eph 4,26, siehe Ps 4,5). Nehemia war kein Politiker, der fragte: ‚Was kommt bei der Masse an?‘, oder kein Diplomat, der sich erkundigte: ‚Was dient der Sicherheit?‘, sondern ein wahrer Führer, den die Frage umtrieb: ‚Was ist recht?‘ Er ließ einen heiligen Zorn gegen Sünde erkennen, wobei er wusste, dass er das Gesetz Gottes auf seiner Seite hatte. Mose brachte einen derartigen heiligen Zorn zum Ausdruck, als er die steinernen Tafeln des Gesetzes zerbrach (2Mo 32). Auch Jesus verhielt sich so, als er sah, wie die Pharisäer ihre Herzen verhärteten (Mk 3,5). Warum lernte Nehemia diese skandalösen wirtschaftlichen Zustände erst jetzt kennen? Wahrscheinlich war er von seinem Werk als dem Zweck seines Kommens – dem Wiederaufbau der Mauern – so in Anspruch genommen, dass er bisher keine Zeit hatte, sich mit den innerjüdischen Angelegenheiten zu befassen. Sein Auftrag als Statthalter bestand darin, die Mauern auszubessern und die Tore wiederaufzubauen, und nicht darin, die Gemeinschaft zurückgekehrter Juden zu reformieren. Außerdem war Nehemia erst seit kurzem in der Stadt, so dass ihm noch nicht alle Geschehnisse bekannt sein konnten. Es ist wichtig festzustellen, dass der Aufbau der Mauer diese Probleme nicht schuf, sondern sie zutage treten ließ. Wenn eine Gemeinde ein Bauprojekt in Angriff nimmt, kommen oft Probleme aller Art zum Vorschein, die den Gemeindegliedern z.T. nicht einmal bekannt waren. Ein Bauprojekt verlangt uns alles ab und prüft unseren Glauben, unsere Geduld und unsere Prioritäten. Während es in einigen Leuten das Beste zum Vorschein bringt, erweist sich dadurch bei anderen oft, welch überaus negatives Potenzial sie besitzen“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 66).

b) Nachdenken: anschauen – der Probleme nach dem Willen Gottes (V. 7+8)

„V. 7: ‚Ich hielt Rat mit mir selbst‘ (vgl. z.B. Luther 84) bedeutet wörtlich ‚mein Herz in mir ging mit sich zu Rate‘. Einer meiner Freunde bezeichnet dies als ‚mein inneres Abwägen‘. Im Grunde waren sowohl Nehemias Herz als auch sein Verstand an der Entscheidungsfindung beteiligt, als er über das Problem nachdachte und Gottes Weisung erfragte. Er war Herr seiner Empfindungen und seiner Gedanken, so dass er seinen Landsleuten in konstruktiver Weise vorangehen konnte. ‚Besser ein Langmütiger als ein Held, und besser, wer seinen Geist beherrscht, als wer eine Stadt erobert‘ (Spr 16,32). Wenn sich ein Führer nicht beherrschen kann, wird es ihm nie gelingen, Herr über andere zu sein. Nehemia beschloss, eine große Versammlung einzuberufen (Neh 5,7) und öffentlich denjenigen gegenüberzutreten, deren Eigennützigkeit diese schwierige und leidvolle Situation heraufbeschworen hatte. Weil sie eine schwere, das ganze Volk betreffende Sünde in der Öffentlichkeit begangen hatten, war öffentliche Buße und Zurechtweisung erforderlich“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 66f).

Grundsätzlich gilt, das im Volk Gottes Geld untereinander verliehen werden durfte (5 Mose 15,7-11), aber aus dem Unglück anderer darf kein Nutzen gezogen werden (2Mose 22,25). Innerhalb des Volkes Gottes gilt das Verbot Zinsen voneinander zu nehmen (3Mose 25,35-38; 5Mose 23,20f). Vgl. zur Vorgehensweise 1Tim 5,19-21; 6,6-16.

„Als Nehemia die Ausbeuter zurechtwies, gebrauchte er […] verschiedene Appelle und Bezugnahmen. Erstens appellierte er an ihre Vaterlandsliebe, indem er sie daran erinnerte, dass sie ihre jüdischen Mitbürger und nicht Heiden beraubten (V. 7). Das Wort ‚Bruder‘ wird in dieser Rede viermal benutzt. ‚Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!‘ (Ps 133,1). ‚Lass doch keinen Streit sein zwischen mir und dir‘, sagte Abraham zu Lot, ‚wir sind doch Brüder‘ (1Mo 13,8). Sein Appell war fest auf das Wort Gottes gegründet, denn das mosaische Gesetzt verbot Juden, voneinander Zinsen einzutreiben. Das jüdische Volk ging als landwirtschaftlich tätige Nation in die Babylonische Gefangenschaft, während einige Angehörige des Volkes als Handeltreibende zurückkehrten, indem sie gelernt hatten, wie man Kapital einsetzen kann, um Geld zu verdienen. Es ist gewiss nicht verkehrt, Geld zu verleihen (Mt 25,27). Voraussetzung ist jedoch, dass man Gottes Wort nicht zuwiderhandelt und nicht diejeni¬gen ausbeutet, die Wucherern hilflos ausgeliefert sind. Es ist bemerkenswert, wie viele Stellen sich in der Bibel über den richtigen und falschen Einsatz des Geldes finden. Ebenso beachtlich ist, wie viele bekennende Gläubige diese Wahrheiten ignorieren und ihre finanziellen Mittel nutzen, ohne den Herrn um Rat zu fragen. Wenn sie den Zehnten geben oder dem Herrn sonstige finanzielle Opfer bringen, meinen sie, dass sie mit ihrem restlichen Einkommen nach ihrem Belieben verfahren können. Sie vergessen dabei, dass wir im Blick auf alles, was uns Gott gibt, lediglich Verwalter sind – nicht nur hinsichtlich dessen, was wir ihm geben. Außerdem wird er uns dafür verantwortlich machen, wie wir Verwalter gewesen sind. In seinem dritten Appell erinnerte Nehemia die Versammelten an Gottes Heilsabsicht für Israel (Neh 5,8). In der Vergangenheit hatte Gott die Angehörigen des Volkes Israel aus Ägypten erlöst, während er sie in neuerer Zeit aus der Babylonischen Gefangenschaft befreit hatte. Doch dieser Vers teilt uns mit, dass Nehemia und andere führende Juden mitgeholfen hatten, einige Angehörige ihres Volkes loszukaufen. Doch nun versklavten ihre jüdischen Mitbürger etliche ihrer Landsleute – und dies aus reiner Geldgier! Diese selbstsüchtigen Geldverleiher zerstörten alles, was nach Gottes und Nehemias Absicht aufgebaut werden sollte. Worin besteht denn eigentlich Freiheit? Sie ist Leben, das von der Wahrheit bestimmt wird und dessen Triebkraft die Liebe ist. Doch hinter dem Verhalten dieser jüdischen Geschäftsleute standen Habgier und Missachtung des Wortes Gottes. Ihr Egoismus ließ sowohl sie als auch ihre armen Schuldner zu Sklaven werden“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 67f).

c) Umdenken: ansprechen – der Probleme nach dem Wort Gottes (V. 9-13)

„Wie konnten einige der jüdischen Mitbürger einerseits beim Bau der Stadtmauer helfen, aber andererseits viele ihrer eigenen Landsleute versklaven? Wenn wir wirklich den Herrn fürchten, besteht unser Verlangen darin, ihn vor denen zu ehren, die nicht an ihn glauben. Paulus ging in ähnlicher Weise vor, als er die Christen in Korinth dafür tadelte, dass sie einander vor die Gerichte brachten: ‚Bringt es jemand von euch, der einen Rechtsstreit mit dem anderen hat, über sich, vor den Ungerechten zu streiten, und nicht vor den Heiligen? .. Es streitet Bruder mit Bruder, und das vor Ungläubigen!‘ (1Kor 6,1.6). Es ist weitaus besser, Geld einzubüßen als das Vorrecht zu verlieren, ein Zeugnis gegenüber den Verlorenen zu sein. Geld verdienen kann man später immer noch, aber wie kann man ein beeinträchtigtes Zeugnis wiederherstellen? ‚Die Furcht unseres Gottes‘ (V. 9) beinhaltet nicht die Angst eines von Kadavergehorsam bestimmten Sklaven vor seinem Herrn, sondern die liebevolle Ehrerbietung eines Kindes gegenüber Vater oder Mutter. Wenn wir den Herrn fürchten, streben wir danach, Gott in all unserem Tun zu verherrlichen. Gottesfurcht bedeutet, auf sein Wort zu hören, es zu ehren und ihm Folge zu leisten. Oswald Chambers schrieb: ‚Das Bemerkenswerte hinsichtlich der Gottesfurcht besteht darin, dass wir nichts mehr fürchten, wenn wir ihn fürchten, während wir alles andere fürchten, wenn wir dies unterlassen‘. Weil die Furcht des Herrn die Triebkraft im Leben Nehemias war (Neh 5,15), hatte er vor eventuellen Maßnahmen der Feinde keinerlei Angst (V. 14.19). Die Furcht des Herrn veranlasste Nehemia, ein treuer Diener des Herrn zu sein. Wer in der Gottesfurcht lebt, wandelt natürlich auch durch Glauben, indem er Gott vertraut und es ihm überlässt, mit den Feinden fertigzuwerden und dereinst mit ihnen abzurechen. Es bedeutet, Matthäus 6,33 in Anspruch zu nehmen und die richtigen Prioritäten im Leben zu haben. ‚Die Furcht des HERRN gereicht zum Leben, und gesättigt verbringt man die Nacht, wird nicht heimgesucht vom Bösen‘ (Spr 19,29).
In Nehemia 5,10-11 nahm Nehemia auf die Praxis Bezug, die ihn selbst auszeichnete. Er lieh den Bedürftigen Geld, erhob aber keine Zinsen oder behielt das nicht ein, was ihnen als Sicherheit diente (2Mo 22,25). Im Gegensatz zu einigen Führern sagte Nehemia nicht: ‚Handelt nach meinen Worten, nicht nach meinen Taten!‘ Er war kein Heuchler, sondern praktizierte vielmehr, was er mündlich weitergab. Ja, dieses Kapitel endet damit, dass Nehemia auf all das verwies, wozu Gott ihn im Dienst für das Volk befähigt hatte (Neh 5,14-19). Er verkörperte ein gutes Beispiel als Gläubiger und als Führer. ‚Der hundertste Teil‘ in V. 11 entsprach dem Zinssatz, der für das Geld erhoben wurde. Vermutlich galt dies monatlich, so dass dies insgesamt 12 Prozent Zinsen pro Jahr ergab. Diese Praxis hatte schon vor der Ankunft Nehemias in Jerusalem bestanden, während die Menschen nun verzweifelt versuchten, als Familien sich finanziell über Wasser zu halten. Als Mann der Tat forderte Nehemia die Geschäftsleute auf, die Zinsen und Bürgschaften zurückzugeben, die sie ihren jüdischen Mitbürgern abgenommen hatten. Außerdem sollten sie den Grundbesitz zurückgeben, den sie bei der Zwangsvollstreckung beansprucht hatten. Dieser radikale Schritt, den sie in Glauben und Liebe gehen wollten, würde nicht sofort alle wirtschaftlichen Probleme des Volkes lösen, aber zumindest der weiteren Verschlechterung der Situation entgegenwirken. Er würde den leidenden Menschen ebenso die Möglichkeit eines guten Neuanfangs geben.
In seinem sechsten Appell erinnerte Nehemia die Anwesenden an das Urteil des Herrn (V. 12-13). Weil die Geschäftsleute Entgegenkommen zeigten, ließ Nehemia sie in Anwesenheit der Priester und der städtischen Verantwortungsträger schwören. Damit galt ihre Zusage nicht nur zwischen ihnen und ihren betroffenen Landsleuten, sondern auch zwischen ihnen und dem Herrn – ein Sachverhalt, der ernstzunehmen war. ‚Wenn du Gott ein Gelübde ablegst, zögere nicht, es zu erfüllen! Denn er hat kein Gefallen an den Toren. Was du gelobst, erfülle! Besser, dass du nicht gelobst, als dass du gelobst und nicht erfüllst« (Pred 5,3.4).
Die große Versammlung endete mit drei Handlungen, womit der feierliche Ernst dieses Anlasses hervorgehoben wurde. Erstens schüttelte Nehemia seinen Gewandbausch aus, um damit symbolisch zu verdeutlichen, was Gott mit den Geldverleihern tun würde, wenn sie ihren Schwur nicht erfüllen sollten. Wer als Jude sein Gewand ausschüttelte oder den Staub von den Füßen schüttelte, verurteilte damit sinnbildlich diejenigen, von denen man sich abwandte (Apg 13,51; 18,6; Mt 10,14). Dann antworteten alle Versammelten mit einem gemeinsamen ‚Amen‘, indem sie sagten: ‚Wir wollen so handeln, wie du es gesagt hast‘ (V. 12) – eine Handlung, die weit mehr beinhaltete als ein jüdisches Ritual. Damit stimmten sie nämlich feierlich dem zu, was während der Versammlung gesagt und getan worden war (siehe Neh 8,6 und 5Mo 27,14ff.). Das Wort amen bedeutet ‚so sei es‘. Mit anderen Worten: ‚Möge der Herr all das tun, was ihr gesagt habt!‘ Dies war ein Akt der Anbetung, der die ganze Versammlung in die Entscheidungen, die getroffen wurden, einbezog. Danach lobten die in der Versammlung Anwesenden vereint den Herrn. Warum dies? Weil Gott Nehemia befähigt hatte, ihnen zu helfen, die Lösung ihrer Probleme anzugehen. Nehemia hatte den Geldverleihern die Weisung gegeben, ihre Sünden einzugestehen und Rückerstattung zu leisten. Bei dieser großen Versammlung ging es nicht um einen ‚Wirtschaftsgipfel‘, sondern vielmehr um einen Gottesdienst, in dem Nehemia das finanzielle Problem auf die höchstmögliche Ebene hob. Gotteskinder müssen seinem Beispiel folgen und jedes Problem im Lichte des Willen Gottes behandeln, wie er im Wort Gottes bekundet ist“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 68-71).

C. Von den Gaben Gottes leben heißt: Wir teilen Verantwortung miteinander (V. 14-19)
= ein großes Vorbild im Volk Gottes

Es gilt zu erkennen: Jeder soll ‚mitbauen‘, besonders die Verantwortlichen!

„D. L. Moody sagte einmal: ‚Ein heiliges Leben ruft den tiefsten Eindruck hervor. Leuchttürme geben keine akustischen Signale. Vielmehr sind ihre Lichtsignale weithin sichtbar‘. Wir leben in einer Zeit, da öffentliche Skandale in fast jedem Lebensbereich und insbesondere in der Politik vorkommen. Wie erquickend ist es da, einem Menschen wie Nehemia zu begegnen, der anderen diente, statt sich persönlich zu bereichern! Obwohl Nehemia Philipper 2,1-13 natürlich noch nicht bekannt war, hat er die Botschaft dieser Verse zweifellos praktisch umgesetzt. In seiner ersten, 12 Jahre dauernden Amtszeit als Statthalter und später während seiner zweiten Dienstzeit (Neh 13,6-7) gebrauchte er seine Privilegien, um Angehörigen des Volkes zu helfen. Er nutzte sie keinesfalls dazu, um sich als ‚Provinzkönig‘ zu etablieren. Zu jener Zeit übten die meisten Amtsträger ihre Macht aus, um mit eigenen Verdiensten zu prahlen und ihre Interessen zu wahren. Sie kümmer¬ten sich sehr wenig um die Nöte der Menschen. Als Gotteskinder haben wir Jesus Christus zum Vorbild, während die Machthaber dieser Welt ganz anders handeln (Lk 22,23-30). ‚Wer auf geistlichem Gebiet Führungsaufgaben übernehmen will, stößt auf ein Kreuz‘, schreibt J. Oswald Sanders, ‚ein Kreuz, an dem der betreffende Führer sein Ich bereitwillig in den Tod geben muss‘.
In welcher Hinsicht sind diese Menschen für uns Vorbilder? Zunächst einmal bestritten Nehemia und seine Mitarbeiter ihre Unterhaltskosten nicht durch Inanspruchnahme einer vom König bereitgestellten Kasse. Auch erlegten sie dem Volk keine Steuern auf, um sich so ihren Lebensunterhalt zu sichern. Vielmehr beglichen sie ihre Kosten aus eigener Tasche, statt um deren Rückerstattung zu bitten. Der Apostel Paulus hielt sich hinsichtlich der Gemeindeglieder in Korinth an einen ähnlichen Grundsatz. Er hätte wie im Falle anderer Gemeinden von ihnen Unterstützung annehmen können, zog es aber vor, durch eigener Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt zu verdienen und ihnen das Evangelium ‚kostenfrei‘ (vgl. 1Kor 9,18) zu verkündigen. Paulus sagte damit nicht, dass sich jeder christliche Mitarbeiter so verhalten solle, denn ‚der Arbeiter ist seines Lohnes wert‘ (Lk 10,7; vgl. 1Kor 9,14). Jeder Christ sollte jedoch dem Beispiel des Paulus folgen, indem er eine ausgewogene geistliche Haltung gegenüber Reichtum und Dienst einnimmt. Wir müssen bereit sein, persönlichen Gewinn für das geistliche Wohl anderer dranzugeben (siehe Apg 20,33-35 und 1Sam 12,3). Man hat einmal gesagt, dass Führer Menschen sind, die lieber zu ihren Fehlern stehen, statt sich hinter ihrem guten Ruf zu verstecken. Sie verkörpern aber auch diejenigen, die in der Stille Opfer bringen, damit es anderen besser geht. […]: Sie alle wirkten beim Wiederaufbau der Mauer mit (V. 16). Sie waren keine Ratgeber, die gelegentlich aus ihrem Elfenbeinturm herauskamen, sondern Arbeiter, die mit ihren Landsleuten beim Aufbau und bei der Verteidigung der Stadt standhielten. Jesus sagte: ‚Ich … bin in eurer Mitte wie der Dienende‘ (Lk 22,27), wobei Nehemia und seine Helfer die gleiche Haltung einnahmen.
Nehemia war auch in einer weiteren Hinsicht Vorbild. Er kam nicht nur selbst für seinen Unterhalt auf, sondern teilte seinen Besitz auch mit anderen (Neh 5,17.18). Er bewirtete regelmäßig über 150 Gäste, unter denen sowohl Ortsansässige als auch Auswärtige waren, und ermöglichte ihnen somit ein erstklassiges Mahl! (Siehe 1. Könige 5,2-3 im Blick auf den Tagesbedarf am Hof Salomos.) Weil diese Menge an Nahrungsmitteln schätzungsweise den Bedarf von über 500 Gästen deckte, muss Nehemia fortwährend ‚ein offenes Haus‘ gehabt haben. Möglich ist auch, das er dasjenige, das übrigblieb, mit denjenigen teilte, die an der Mauer arbeiteten. So oder so – er war großzügig gegenüber anderen und fragte nicht danach, ob es ihm vergolten wurde.
Nehemia 5,19 lässt den vielleicht bemerkenswertesten Sachverhalt hinsichtlich des Dienstes Nehetnias erkennen. All sein Tun zielte lediglich darauf ab, dem Herrn zu gefallen. Hier finden wir das vierte seiner Gebete (1,5ff; 2,4; 3,36) und zugleich ein wunderbares Beispiel für Anbetung und Demut. Er suchte kein Lob oder keine Belohnung von Seiten des Volkes. Ihm ging es lediglich um den Lohn, den Gott ihm für seinen aufopferungsvollen Dienst geben würde (siehe 13,14). Obwohl einige der Betreffenden ihren Führern vielleicht nicht in dem gebotenen Maße Wertschätzung entgegengebracht haben, brachte dies Nehemia nicht aus der Fassung. Er wusste, dass ihn letztendlich der Herr beurteilen würde, wobei er auch abwarten konnte (1Kor 4,1-5). […].
Wo immer Sie mit Menschen zu tun haben, können sich Probleme ergeben. Wann immer Gottes Werk wächst und gedeiht, ist der Feind darauf bedacht, Schwierigkeiten entstehen zu lassen. Sie sollten nicht überrascht sein, wenn die Betreffenden nicht immer miteinander auskommen können. Zweitens: Gehen Sie die Probleme mutig an! ‚Es ist kein Problem so groß, dass man es nicht übersehen könnte‘ mag ein gutes Lebenskonzept für eine Comic-Figur sein – für den Dienst des Herrn taugt es jedenfalls nicht. Jedes Problem, das man ignoriert, wird im Verborgenen weiterbestehen, gleichsam Wurzeln schlagen und bittere Früchte tragen. Beten Sie um Gottes Hilfe, während Sie jedes Problem so schnell wie möglich angehen! Drittens: Gewährleisten Sie, dass die eigene Reinheit unangetastet bleibt. Wenn Ihr Gewissen Sie anklagt, sind Sie der geistlichen Vollmacht beraubt, die Sie brauchen, um in angemessener Weise zu führen. Jedes Opfer jedoch, das Sie gebracht haben, wird Ihnen zusätzliche Kraft verleihen, damit Sie den Feind bezwingen können. Schließlich sollten Sie in jedem Problem eine Möglichkeit sehen, dass der Herr wirken kann. Wer Probleme im Dienst löst, betätigt sich in erster Linie nicht intellektuell, sondern sammelt geistliche Erfahrungen. Wenn wir uns auf die Weisheit der Welt verlassen, werden uns weltliche Lösungsstrategien geboten. Wenn wir uns aber auf die Weisheit Gottes stützen, erschließen sich uns Gottes Möglichkeiten zur Lösung unserer Probleme. Hinter allem, was wir sagen und tun, muss Liebe stehen. All unser Reden und Tun muss von Wahrheit beherrscht sein und der Ehre Gottes dienen“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 71-75).

Nehemias Beweggründe:
* Gottesfurcht als Lebensbasis – Leben in der Gegenwart des Herrn
* Selbstverleugnung als Lebensweg – Leben unter der Führung des Herrn
* Großzügigkeit als Lebensstil – Leben nach dem Willen des Herrn

Zum Abschluss:
„Und dann noch ein Letztes. Es gibt nach dem Zeugnis der Schrift nicht nur zeitliche Schulden, sondern ewige Schuld. Darum gibt es nach dem Zeugnis derselben Heiligen Schrift auch einen ewigen Schuldenerlass, bei dem der ewige Schuldschein, der ewige Pfandbrief, zerrissen und ans Kreuz geheftet ist. Wir Christen aber, die wir um den ewigen Schuldenerlass wissen, ausgerechnet wir sollten jetzt keine zeitlichen Hoffnungen aufbringen? Schämen wir uns! Das war auch ein örtlicher Einbruch, der dort auf Golgatha vor den Mauern Jerusalems erfolgte. Aber von jenem örtlichen Einbruch her, von Kar¬freitag und Ostern her, geht ein Siegen durch die Jahrhunderte, ein Siegen, das nicht aufhören wird, bis auch der letzte Feind zu Jesu Füßen liegt. Das ist unsere Hoffnung für diese Welt. Darum spreche das ganze Volk: Amen! und lobe den Herrn!“ (Lüthi, Bauleute Gottes, S. 82).

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Finanzielle Verantwortung „. Gott vertraut seinen Kindern das an, was sie zum Leben brauchen. Aber zum rechten Umgang mit den Gaben Gottes gehört, dass wir erkennen, wer wir sind und wozu wir beauftragt sind. Wir sind nicht nur Kinder Gottes, sondern auch Knechte Gottes (vgl. Neh 2,20), die einen Herrn haben. Aus diesem Grund sind wir nicht die Besitzer der Gaben Gottes, sondern Verwalter der Gaben Gottes. Alles was uns der Herr gibt und schenkt, haben wir in seinem Sinne zu verwalten und zu seiner Ehre und Freude zu gebrauchen. So gilt es in der Predigt zu entfalten dass und wie wir von den Gaben Gottes leben.

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Leben von den Gaben Gottes erfordert
A. ein großes Geschrei – zur Verantwortung untereinander (V. 1-5)
B. eine große Versammlung – zur Verantwortung füreinander (V. 6-13)
* anhören – der Probleme im Volk Gottes
* anschauen – der Probleme nach dem Willen Gottes
* ansprechen – der Probleme nach dem Wort Gottes
C. ein großes Vorbild – zur Verantwortung miteinander (V. 14-19)
* Gottesfurcht als Lebensbasis – Leben in der Gegenwart des Herrn
* Selbstverleugnung als Lebensweg – Leben unter der Führung des Herrn
* Großzügigkeit als Lebensstil – Leben nach dem Willen des Herrn