Monatsthema: In der Gemeinde des Herrn leben
Predigtthema: Gebrochene Gemeinschaft
Bibelstelle: Apostelgeschichte 15,36-41
Verfasser: Thomas Richter
Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. 7. Aufl. Liebenzell: VLM, 1996. S. 76-79+140-145 und Wilhelm Busch. Gideon – Markus – Noah. Neukirchen-Vluyn: Aussaat, 2006. S. 144-149+154-156 (= http://www.clv-server.de/pdf/255681-04.pdf) und Eduard Berger. Trennung um der Einheit willen: Eine innovative Konfliktberatung nach Apg 15,36-41. OJC-Salzkorn H. 2/2006. S. 56-59 (= http://www.ojc.de/371.html).
1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG
Apg 15,35-41 markiert den Übergang vom Konzil in Jerusalem zur Wiederaufnahme der Heidenmission. Nachdem in Jerusalem die Basis für den Missionsdienst wieder hergestellt wurde und die Gemeinden entsprechend informiert wurden, geht es nun darum auch die entsprechenden Schritte einzuleiten. Doch bevor es zur Wiederaufnahme des Missionsdienstes kommt, kommt es zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas über einer Mitarbeiterfrage, trotz Einheit und Übereinstimmung in den Lehr- und Dienstfragen.
2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN
Zum Einstieg (aus dem Gedächtnis zitiert – Namen der Personen und Institutionen habe ich vergessen): „Zwei Brüder reisen miteinander in die Mission aus. Das Schiff mit dem sie reisen gerät unterwegs in Brand und nur um Haaresbreite entgehen die beiden dem Tod und werden gerettet.
Der eine sagt, das ist ein Zeichen vom Herrn, wir sollen nicht in die Mission – nichts wie zurück! Der andere sagt, das ist Versuchung, das war der Teufel, der will uns von der Mission abhalten – nichts wie hinaus!
Sie haben das Gleiche erlebt, aber ihre Schlussfolgerungen sind absolut unterschiedlich. Sie können sich nicht einigen und so trennen sich die Beiden. Aber wer hat nun Recht?
Der eine kehrt zurück und gründet später eine der größten Bibelschulen der Welt. Unzählige Missionare finden ihr die Unterstützung zum Dienst, die sie brauchen! Der andere geht in die Mission und gründet später eine der größten Missionsgesellschaften der Welt. Unzählige Missionare finden so die Unterstützung im Dienst, die sie brauchen. Wer hatte Recht? Mission war ihr gemeinsames Ziel, aber nicht ihr gemeinsamer Weg. Der eine unterstützte Missionare zum Dienst, der andere unterstützte Missionare im Dienst. Wer hatte Recht? Oder war ihre Trennung um der Einheit willen nötig? Kann man auch erfolgreich scheitern? Zur Antwort brauchen wir mehr als nur eine ‚Schwarz-Weiß-Schablone‘ – siehe Apg 15,35-41“
Gebrochene Gemeinschaft ist ständig eine Gefahr (V. 35f), leider eine Realität (V. 37-39) und immer eine Chance (V. 40f).
A. Gebrochene Gemeinschaft – ständig eine Gefahr (V. 35f)
Deshalb schön auf dem Teppich bleiben!
In der Bereitschaft und Leidenschaft zum Dienst besteht Einheit zwischen Paulus und Barnabas (vgl. 15,35f).
„Bevor wir in dem Streit zwischen Paulus und Barnabas einen Blick in die menschliche Schwachheit dieser Gottesknechte tun, lasst uns zuerst das Gute beherzigen, was uns in diesen Männern bei dieser Gelegenheit entgegentritt. Neben der Uneinigkeit in der Frage des Mitarbeiters besteht zwischen beiden eine überaus wichtige und köstliche Einigkeit. Denn als Paulus den Wunsch ausspricht, die neugegründeten Missionsgemeinden wieder zu besuchen, da ist Barnabas in dieser Hauptfrage völlig einig mit ihm. Auch er will gern die Gefahren solcher Reise auf sich nehmen. Beide Männer kannten die Entbehrungen und Anstrengungen, die solcher Weg mit sich brachte, von früher her ganz genau. Sie wussten: Uns droht wie damals Hass, Verfolgung, Steinigung und dergleichen. Aber beide sind einig darin, dass sie ihr Leben für den Dienst des Meisters dahingeben wollen. Beide sind von brennendem Eifer für den Bau des Reiches Gottes, von inniger Liebe und heiliger Fürsorge für ihre geistlichen Kinder erfüllt. Die Aufforderung des Paulus, an alle Plätze der ersten Missionsreise zu gehen, und die Bereitwilligkeit des Barnabas, diese Reise mitzumachen, beweisen eine Hingabe an das Werk des Herrn und eine Liebe zu den Seelen, die uns allen zum Vorbild und zur Beschämung dienen kann“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 140f).
In Lehrfragen herrscht Einheit zwischen Paulus und Barnabas (vgl. Apg 15,2.12.35f mit 2Kor 5,14f).
„Wie unzertrennlich schienen doch Paulus und Barnabas verbunden zu sein! Werfen wir bei dieser betrübenden Trennung einen Rückblick auf die Geschichte ihrer Verbindung. Als der bekehrte Saulus nach Jerusalem kam und alle Jünger sich ängstlich vor ihm scheuten, da war es Barnabas, der ihn mit offenen Armen aufnahm und bei den Aposteln einführte. Als Saulus später in stiller Verborgenheit in Tarsus lebte, da ging Barnabas aus, ihn zu suchen. Er brachte ihn nach Antiochien, wo sie gemeinsam wirkten. Dann wurden sie durch ausdrücklichen Befehl des Geistes Gottes vereint zur ersten Missionsreise ausgesandt, teilten miteinander sowohl Nöte und Beschwerden, als auch die Freuden und Erquickungen dieser Reise. Zusammen erduldeten sie Verfolgungen, zusammen predigten sie das Evangelium, zusammen kehrten sie zurück und gaben gemeinsam Gott die Ehre für alle Erfolge. Niemals ist von irgendwelcher Uneinigkeit das Geringste zu spüren. Welch inniges Band mussten der göttliche Befehl (Kap 13,2) und die gemeinsamen Erfahrungen um beide schließen! Als dann die verwirrenden Gesetzeslehrer auftraten, standen Paulus und Barnabas Schulter an Schulter im Kampf für das unverfälschte Evangelium. Eines Geistes und Sinnes redeten sie auf dem Apostelkonzil zu Jerusalem.
Jeder hatte denken können: Diese beiden Männer sind unzertrennlich. Sie werden bis zum Lebensende zusammen streiten. Aber dies geschah nicht. Eine einzige Frage sprengte dieses innige Band. Das ruft uns zu: Lasst uns wachen und beten über der Gemeinschaft des Geistes, besonders in der Arbeit für den Herrn, in der man solche Gemeinschaft vornehmlich braucht! Das schönste Band kann zerrissen werden“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 141).
Während in der Lehr- und Dienstgemeinschaft Einheit zwischen Paulus und Barnabas besteht, stellt sich die Frage: Wie ist das bei der Mitarbeitergemeinschaft?
B. Gebrochene Gemeinschaft – leider eine Realität (V. 37-39)
Trotzdem nichts unter den Teppich kehren!
„Das war eine böse Sache. […]. Auch die größten Männer Gottes werden nicht selig durch eigene Gerechtigkeit, sondern durch die Gnade Gottes, die Gnade Gottes, die in Jesus erschienen ist. Und ist es nicht ein erstaunlicher Beweis für die Wahrhaftigkeit der Bibel, dass sie solche trüben und dunklen Geschichten nicht verschweigt, sondern ausführlich berichtet? Das Wort der Bibel will eben nicht die Menschen groß machen und verherrlichen. Sie verherrlicht den lebendigen Gott, der auch seine irrenden Kinder mit großer Geduld und Langmut trägt. Aber es ist noch etwas Wichtiges zu diesem Streit zu sagen: Es geht in der Gemeinde Jesu Christi um Wahrheit und Gehorsam. Der Herr predigt nicht eine allgemeine Menschenliebe, welche die Wahrheit vertuscht und der Heuchelei Tür und Tor öffnet. Es ist auffällig, dass der Apostel Johannes in seinen Briefen immer Wahrheit und Liebe zusammen nennt. Und Christen sind Leute, denen gerade der Sinn für die Wahrheit durch den Geist Gottes geschärft ist. Darum entstehen in der Gemeinde Jesu Christi so tiefe Risse und große Nöte, weil man nicht wider die Wahrheit kann. Die Welt die es mit der Wahrheit gar nicht so genau nimmt, versteht das nicht und macht sich darüber lustig. Aber Gewissen, die im Wort der Wahrheit gebunden sind, können nun einmal nicht gegen die Wahrheit handeln. Auch wenn vieles darüber zerbricht“ (Busch, Gideon – Markus – Noah, S. 145f).
„Aber verdrängte Differenzen sind wie Tretminen, die man sorgsam umgeht, aber irgendwann latscht wieder einer drauf und die Bombe geht hoch. Wir wollen lernen von diesem Textabschnitt: Wir tragen Differenzen aus. Wir setzen uns ihnen aus. Wir stellen uns ihnen“ (Jürgen Mette, Streitkultur in der Gemeinde, ERF-Predigt vom 08.03.1998).
Über den Personalfragen zerbricht die Dienstgemeinschaft an der Frage nach der Bewährung in der Mitarbeit. Wenn wir die drei dabei Beteiligten näher betrachten, so haben wir drei Warnungen für uns zu beachten:
a) Barnabas: Vorsicht beim Festhalten an eigenen Wünschen
Barnabas (= „Sohn des Trostes“; Apg 4,36) ist als seelsorgliche Integrationsfigur der Brückenbauer der Urgemeinden (vgl. Apg 9; 11). Allerdings gilt es zu beachten, dass man im Hinblick auf den Umgang mit der eigenen Familie nicht auf neutralem Boden steht und Johannes Markus ist der Vetter von Barnabas (Kol 4,10):
„Ein Blick auf das Verhalten des Barnabas in dem Streit über die Mitnahme des Johannes Markus zeigt uns, welch schwerwiegende Folgen das Festhalten an irgendwelchen eigenen Wünschen nach sich ziehen kann, Barnabas versteift sich auf den Wunsch, […] Johannes Markus wieder auf die zweite Missionsreise mitzunehmen, obwohl Paulus ernstliche Bedenken dagegen hat. Paulus achtet es für billig, dass ein Mann, der sich auf der ersten Reise nicht als zuverlässig und standhaft erwiesen hat, nicht so schnell wieder in solch wichtigen Dienst mitgenommen werde. Trotz dieser gewiss nicht ungerechtfertigten Bedenken besteht Barnabas darauf‘, dass man Markus mitnehme. Wenn wir auch bei der aufrichtigen, von der Schrift mehrfach bezeugten Frömmigkeit des Barnabas (11,24; 15,25f) gewiss annehmen dürfen, dass er nicht in erster Linie aus persönlicher Gunst oder verwandtschaftlicher Rücksicht an diesem Wunsche festhielt, sondern in der aufrichtigen Überzeugung stand, dass Markus sich bei einem neuen Versuch besser bewähren werde und dass die Strenge des Paulus gegen ihn allzu groß sei, so fragt es sich doch, ob er nicht angesichts der festen Überzeugung des vor Gott wandelnden Paulus besser getan hätte, auf seinen eigenen Wunsch und die Durchsetzung seiner eigenen Meinung zu verzichten. Wie leicht kommen gerade tüchtige Männer, die Großes in der Gemeinde geleistet haben und deren Urteil jahrelang immer ausschlaggebend war, unwillkürlich dahin, dass sie glauben, ihre Meinung müsse in jedem Falle durchdringen und dass sie der Überzeugung eines jüngeren oder früher ihnen untergeordneten Bruders nicht diejenige Achtung und Berücksichtigung schenken, die ihr zukäme“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 142).
Auch ist ein anderes Ereignis im Leben des Barnabas zu berücksichtigen, was etwas von seiner Art und seinem Verhalten verdeutlicht: Gal 2,11-14 (beachte: Der Galaterbrief ist wahrscheinlich vor dem Apostelkonzil abgefasst worden und die Ereignisse aus Gal 2 sind keine Parallele zu Apg 15, sondern zur Hungersnotreise in Apg 11+12 – vgl. hierzu z.B. Gal 2,2 mit Apg 11,27f und Gal 2,10 mit Apg 11,28-30; 12,25). Die große Stärke von Paulus scheint gerade darin zu bestehen, dass er konsequent und geradlinig seinen Weg gehen kann und dass ihn so schnell nichts aus der Bahn wirft. Er hat auch die Gabe allein gegen den Rest für seine geistlichen Anliegen zu kämpfen. Der seelsorgliche Barnabas hat hier mehr Mühe, er ist ‚weicher‘ und damit anfälliger für Kompromisse. So ist die Gabe des Barnabas zugleich auch eine Gefahr für ihn. Hier bestätigt sich wieder einmal der Satz: „Jeder Mensch hat Gaben, Grenzen und Gefahren“. Aber so wird auch deutlich, dass die verschiedenen Glieder am Leib Christ brauchen zur gegenseitigen Ergänzung ihrer Gaben (= Stärken) und zum Ausgleich ihrer Grenzen (= Schwächen).
b) Paulus: Vorsicht beim Eifer für die eigene Überzeugung
Gerade Gal 2,11-14 zeigt, dass bei Paulus Versagen im Dienst nicht sofort von der Mitarbeit ausschließt. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Barnabas ist ungebrochen. Allerdings wissen wir dadurch auch, dass Paulus in der Frage der Bewährung in der Mitarbeit besonders wachsam sein muss.
„Eine zweite Warnung gibt uns der Anblick dieses Streites, wenn wir auf Paulus blicken. Wie leicht lassen sich doch bei schwierigen Auseinandersetzungen auch solche, die gerecht und göttlich wandeln wollen, in eine Schärfe fortreißen, die nicht aus dem Geiste ist! Wir zweifeln keinen Augen blick daran, dass der gesegnetste aller Reichsgottesarbeiter, Paulus, auch in dieser Frage im Innersten Herzensgrunde lauter vor seinem Gott stand. Sein Bestreben zielte nur darauf, dass die Arbeit für seinen Heiland so gut wie möglich ausgeführt würde. Die Triebfeder seines Verhaltens war nicht etwa persönliche Verstimmung oder Abneigung gegen Johannes Markus. Vielmehr glaubte er, dass dem Werk des Herrn durch Hinzuziehung desselben Schaden erwachsen könnte. Aber selbst wenn Paulus noch so lauter und aufrichtig in seinem Eifer für das Werk des Herrn war, so ist es dennoch möglich, dass er in seiner Strenge gegen den Wunsch des Barnabas zu weit ging. Der Ausdruck: ‚Sie kamen scharf aneinander‘ deutet auf einen heftig werdenden Wortwechsel hin. Bei diesem ist gewiss die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass die eigene Natur des Paulus, die ja vor und nach seiner Bekehrung immer eine feurige war, ihn über die zarte, gottgewollte Lindigkeit gegen jedermann hinauszog. Gewiss war es für Paulus nicht leicht, hier ganz ruhig zu bleiben, wo er die Gefahr durchschaute, die der Missionsarbeit durch die Mitnahme des Markus erwachsen konnte. Aber doch mag er in späteren Jahren das scharfe Aneinanderkommen bedauert haben. Wie manchmal hat der Eifer der eigenen Überzeugung die besten Reichsgottesarbeiter das heilige Zartgefühl und die gottgewollte Milde vergessen lassen, die wir dem Bruder schulden (Christlieb, Apostel Paulus, S. 142f).
Johann Albrecht Bengel: „Der Zusammenstoß war heftig, wie das griechische Wort zeigt“. Aber die Frage ist, mit welcher Härte führen wir die Auseinandersetzung (vgl. Sprüche 25,15)?
Bsp.: „Robert Schumann, der französische Außenminister, der nach dem Krieg die deutsch-französische Aussöhnung vorantrieb, wurde einmal gefragt, warum er nie geheiratet habe. Er erzählte, er habe einmal vor langer Zeit an der U-Bahn eine fremde Frau versehentlich auf den Fuß getreten. Bevor er sich entschuldigen konnte, kreischte sie ihn an: Du Trottel, kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst! Dann erst habe sie ihn angesehen, sei errötet und habe gestammelt: O entschuldigen Sie bitte, ich habe gedacht, es wäre mein Mann. Merken Sie das: In der engsten Beziehung vermögen wir einander am heftigsten zu verwunden. Da schlägt Zärtlichkeit um in Zorn, dann in Respektlosigkeit und Verachtung: Du Trottel, kannst du denn nicht aufpassen, wo du hintrittst?“ (Michael Herbst. Reden vom heruntergekommenen Gott. Neukirchen-Vluyn: Aussaat. S. 77 [aus einer Predigt zu Apg 15,36-41 unter dem Titel: ‚Erfolgreich scheitern‘]).
c) Markus: Vorsicht beim Gehen eigener Wege
Der Irrweg des Johannes Markus kann uns einerseits zur Warnung vor allen selbst gewählten Wegen dienen, andererseits – ‘wenn wir auf einen solchen geraten sind – uns ermutigen, wieder auf die rechte Bahn umzukehren. Aus diesem Grund lohnt es sich den Irrweg selbst, seine Folgen und die Umkehr von demselben anschauen!
„Eine dritte Warnung entnehmen wir dem Blick auf Johannes Markus. Wie peinlich muss diesem doch der ganze Zwiespalt zwischen Paulus und Barnabas gewesen sein! Er musste sich sagen: ‚Ich bin an allem schuld durch den eigenen Weg, den ich damals in Pamphylien ging‘ (13,13). Er hatte ja inzwischen seine Stellung geändert, denn aus der bestimmten Forderung des Barnabas lässt sich erkennen, dass sein Neffe nunmehr bereit war, wieder mitzugeben. Aber mit dieser Willensänderung waren die schlimmen Folgen seines damaligen Irrweges nicht beseitigt. Er musste jetzt fühlen, dass er durch seine Kreuzesflucht und seine Unbeständigkeit das Vertrauen des gesegnetsten Zeugen gründlich verloren hatte. Die Schärfe und Entschiedenheit, mit der sich Paulus seiner Mitnahme widersetzte, war für Markus eine außerordentliche Demütigung. Dazu kam, dass überall da, wo der Zwiespalt der beiden Apostel erörtert wurde, auch sein alter Fehler und Irrweg wieder in Erinnerung kam. So ziehen eigene Wege oft noch in späterer Zeit empfindliche Demütigungen und Züchtigungen nach sich. Wir wollen angesichts dieser Folgen, die ein einziger falscher Schritt eines Dieners des Paulus nach sich zog, den Herrn um Gnade bitten, dass wir doch niemals den Platz verlassen, an den Gott uns gestellt hat. Ein treues Bleiben in den Linien der göttlichen Führung wird uns manche Demütigung ersparen können“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 143f).
Die Trennung des Markus von Barnabas und Paulus (Apg 13,13), führt nun zur Trennung von Barnabas und Paulus (15,39). Wo eine Platzanweisung Gottes übereilt verlassen wird, da wird aus dem „apochoreo“ (= weggehen, weichen von) des Einzelnen (13,13) leicht ein „apochorizomai“ (= sich trennen, sich spalten) der Gemeinschaft (15,39). Wo ein Bruder anfängt seinen eigenen Weg einzuschlagen, da beginnt dann auch der getrennte Weg unter den Brüdern. Hier gilt es zu beachten, dass meine Haltung und Einstellung sich immer auch auf die Bruderschaft auswirkt. Aus diesem Grund empfiehlt Bodelschwingh die brüderliche Ab- und Rücksprache bei Wegführungen und rät: „Man darf durch eine neue Tür erst durchgehen, wenn man die alte hinter sich schließen kann“. Deshalb gilt für uns:
* Stärke die Brüder (Lk 22,32)
* Liebe die Bruderschaft (1Petr 2,17a)
C. Gebrochene Gemeinschaft – immer eine Chance (V. 40f)
Nicht den Teppich unter den Füßen wegziehen!
„Da eine Einigung zwischen Paulus und Barnabas nicht zu erzielen war, so blieb nicht s anderes übrig, als dass beide sich trennten. Trotz aller menschlichen Schwachheit und Irrung mag doch in dieser Trennung eine göttliche Absicht gewaltet haben, weil jetzt Paulus in der zweiten Missionsreise die führende Stelle einnahm, zu der Gott ihn bestimmt und ausgerüstet hatte. Die an den Trennungsbericht sich anschließenden Schlussverse enthalten eine dreifache Bestätigung des Paulus.
1. Zuerst ist der bei den Aposteln in Jerusalem in hohem Ansehen stehende Silas (V. 27) bereit, Paulus zu begleiten. Hätte derselbe Barnabas zugestimmt, so würde er wohl kaum zu diesem Wege Freudigkeit gehabt haben.
2. Sodann reist Paulus ab unter den Segenswünschen der übrigen Brüder, was bei Barnabas nicht erwähnt wird. So deutet der Text wohl an, dass die Brüder in der vorliegenden Frage mehr auf der Seite des Paulus als auf der des Barnabas standen.
3. Endlich geht eine gesegnete Wirkung von der Arbeit des Paulus aus. ‚Er stärkte die Gemeinden‘.
Sehen wir zu, dass wir in allen Schwierigkeiten eine solche Stellung einnehmen, dass bewährte Jünger Jesu gern auf unsere Seite treten, dass die Segenswünsche des Volkes Gottes unsere Arbeit begleiten und dass Ewigkeitssegen unsere Arbeit begleiten kann.
[…] Mit diesen Versen ist die Geschichte des Zwiespaltes von Barnabas und Paulus noch nicht beendigt. Vielmehr erfahren wir aus den Briefen des Paulus (Kol 4,10f; 3Tim 4,11; Philemon 24), dass der Apostel in späterer Zeit doch wieder den Johannes Markus als Mithelfer bei sich hatte, so dass die Meinungsverschiedenheit über die Hinzuziehung dieses Bruders im Laufe der Zeit völlig verschwunden ist. Sobald Markus sich wirklich bewährte, trug Paulus keine Bedenken mehr, ihn als Mithelfer zu gebrauchen. Gebe Gott, dass alle Differenzen zwischen Gotteskindern unter der Zucht der Gnade auch also beseitigt werden mögen wie diese und nicht durch Satans List in Hass und Feindschaft ausarten“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 144f)!
„Die Heilige Schrift gibt uns an drei Stellen Auskunft über den weiteren Weg des Johannes Markus (Kol 4,10f; 2Tim 4,11; Philemon 23f). Aus denselben sehen wir, dass er völlig zurecht gekommen ist. Er hat sich wieder in des Paulus Dienst gestellt, ist von diesem aufgenommen worden und bewährte sich beim ihm als brauchbar und ‚nützlich zum Dienst‘. Diese Tatsache wirft sowohl auf Paulus wie auf Johannes Markus ein gutes Licht. Bei Paulus sehen wir einen neuen Beweis dafür, dass er nicht nachhielt und nachtrug (2Kor 2,6-10). Wohl hatte ihn Johannes Markus bei seiner Fahnenflucht in Perge tief betrübt. Aber deshalb lehnt er nicht für immer jede Verbindung mit ihm ab. Er verzieh ihm und war bereit, sein Urteil über ihn zu ändern, sobald sich dies mit dem göttlichen Willen vereinigen ließ. Wie falsch ist es doch, über fallende Menschen immer den Stab zu brechen und ihnen frühere Fehltritte immer noch vorzuhalten, auch wenn sie in Wahrheit sich beugten und umkehrten (Eph 4,32; Kol 3,13; Lk 17,3b)!
Aber auch Johannes Markus lernen wir hier schätzen. Wir erkennen die Echtheit seines inneren Zurechtkommens. Es gehörte Demut dazu, sich in den Dienst des Mannes zu stellen, der sein früheres Verhalten in Perge so scharf verurteilt und dadurch seinem ganzen Ansehen in der Christenheit Eintrag getan hatte. Mancher würde sich an des Markus Stelle trotzig von Paulus abgewandt und nie wieder ihm irgendwelche Dienstleistung getan haben. Er aber handelte nicht aus gekränktem Ehrgefühl. Vielmehr muss er die Gerechtigkeit jenes scharfen Urteils anerkannt und dann die Verbindung mit Paulus wieder genommen haben. Solche Beugung ist köstlich vor Gott (Ps 119,67). Und wie hat er sich jetzt bewährt! In einer Zeit, wo es gefährlich war, sich zu Paulus zu halten, bewies er sich für ihn als ‚brauchbar zum Dienst‘. Er übertraf jetzt manche andere, die Paulus verließen (2Tim 4,11; Mt 19,30)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 78f).
Johann Albrecht Bengel: „Aber auch diese Trennung hat der Herr zum Besten gewendet. Aus einem Paare sind zwei Paare geworden; und Paulus, der jetzt zwar einen gleichgestellten Amtsbruder eingebüßt, bekam dann mehrere im Untergeordnete, und somit waren ihm die Hände weniger gebunden. Zudem gedenkt Paulus, 1Kor 9,6, des Barnabas in Liebe“.
„Es ist in diesem Fall sehr wichtig zu unterscheiden: zwischen den beiden Aposteln kommt es nicht zum ‚Bruch‘. Sie kündigen weder die Einheit in Christus auf, noch sprechen sie einander die Kompetenz und die Vollmacht für das Apostolat ab. Ihre Trennung führt auch nicht zur Spaltung der Gemeinde. Unter Umständen kann Trennung also eine Lösung des Konflikts sein; nicht nur Notlösung, sondern fruchtbare Neuorientierung, der den Handlungsraum für beide Seiten sogar erweitert:
* Das Ziel, die Mission, bleibt dasselbe. Das gemeinsame Anliegen aller Beteiligten bleibt nicht auf der Strecke. Die Mission geschieht nach der Trennung sogar umfangreicher: in Cypern und in Syrien und Zilizien.
* Geistlich erzwungenes Miteinander kann die Lage verschlimmern. Wir wissen, dass es geistlichen Zwang ebenso wie körperlichen gibt. Mitunter ist die subtilere Form geistlichen Zwanges nicht weniger zerstörerisch als eine, die mit brachialer Gewalt durchgesetzt wird. Die gutgemeinte Aufforderung Vertragt euch doch! wäre hier unangemessen und unrealistisch, denn das Leben wehrt sich gegen Gleichmacherei, auch gegen geistliche.
* Ein Nebeneinander ist möglich, wenn und solange das Ziel gleich ist. Einer nimmt vielleicht die Autobahn, während ich quer durch den Wald gehen will. Wenn ich weiß, der andere ist auf einem anderen Weg, aber er verfolgt das gleiche Ziel, dann ist das Nebeneinander auf verschiedenen Wegen immer besser als ein Gegeneinander auf demselben Weg.
* In praktischen Fragen gilt: besser oder schlechter, nicht gut oder schlecht. Wo es um ‚gut oder schlecht‘ geht, da wird der Konflikt verschärft.
Es ist also zu prüfen, worum es geht: um ein praktisches oder um ein grundsätzliches Problem? Wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich mit einem Menschen nicht kann, hilft die Frage: Muss ich denn mit ihm können? Möglicherweise nicht. Tue ich trotzdem so, als ob ich mit ihm könnte, dann werde ich leicht zum Heuchler, der vorne lächelt und hinten beißt. Die grundsätzlichere Frage Wollen wir beide Christus verkündigen? darf nicht verschwinden im Konflikt. Wenn ich einen Weg, den ein anderer wählt, für schlechter halte als meinen, kann ich darauf vertrauen, dass er es eventuell selbst merkt. Ist er zu verbohrt und zieht die anstrengendere Lösung vor, so kann ich das hinnehmen, weil das Ziel zählt. Ich bin beweglich, wenn zwischen schlechter oder besser statt zwischen gut und schlecht zu entscheiden ist. Paulus und Barnabas gehen nun in verschiedene Richtungen. Barnabas geht mit seinem Neffen. Paulus erwählt sich Silas. Die Gemeinde hatte beide miteinander ausgesandt, sie haben zu zweit Großes geleistet. Aber sie sind an einem empfindlichen Punkt in Konflikt geraten und die Gemeinde Christi musste lernen, damit umzugehen“ (Berger, Trennung um der Einheit willen, S. 57f).
3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT
Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Trennung“. Im Zentrum der Predigt sollte nicht allein die Frage stehen: „Wer hat Recht“, sondern auch abgewogen werden: „Was ist hier recht?“ Johann Albrecht Bengel lässt seine Ausführungen zu Apg 15,35-41 in ein Gebet einmünden: „Herr Jesu, gib, dass ich mich vor deinen Augen allezeit so befinde, wie es recht ist“.
4. PREDIGTGLIEDERUNG
Gebrochene Gemeinschaft –
A. ständig eine Gefahr: Deshalb auf dem Teppich bleiben (V. 35f)!
B. leider eine Realität: Trotzdem nichts unter den Teppich kehren (V. 37-39)!
a) Vorsicht beim Festhalten an eigenen Wünschen (Barnabas)
b) Vorsicht beim Eifer für die eigene Überzeugung (Paulus)
c) Vorsicht beim Gehen eigener Wege (Markus)
C. immer eine Chance: Nicht den Teppich unter den Füssen wegziehen (V. 40f)!
Nach John MacArthur – Evangelisation in der richtigen Art und Weise:
a) Die richtige Passion (V. 36a)
b) Die richtige Priorität (V. 36b)
c) Das richtige Personal (V. 37ff)