Monatsthema: In der Gemeinde des Herrn leben
Predigtthema: Geschützte Gemeinschaft
Bibelstelle: Apostelgeschichte 15, 22-33
Verfasser: Thomas Richter
Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bietet z.B. Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. 7. Aufl. 1996 Bad Liebenzell: VLM, S. 134-140 (nachfolgend großteils in den Predigttipp eingearbeitet).
1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG
In Apg 15,1-21 hatten wir entdeckt, wie im Konfliktfall in der Gemeinde Gottes um eine Einigung gerungen werden kann (= „gefährdetet Gemeinschaft“). In Apg 15,22-33 entdecken wir nun, wie diese Einigung praktisch in den Gemeinden umgesetzt wird, damit es auch zu konkreten einigenden Auswirkungen im Gemeindeleben kommt (= „geschützte Gemeinschaft“). Aus diesem Grund sollte noch einmal an den vorangegangenen Predigttext angeknüpft werden. Die Gemeinschaft in der Gemeinde ist immer wieder gefährdet (V. 1-21) und muss aus diesem Grund gestärkt und geschützt werden (= Predigtthema; V. 22-33). Dieser Schutz wird aber nur da wirksam, wo auch entsprechende konkrete Schritte unternommen werden und wie dies zu geschehen hat, soll in dieser Predigt entfaltet werden.
2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN
„Nach dem milden und versöhnenden Vorschlag des Jakobus wird einmütig ein Beschluss gefasst, der zur Beruhigung der verwirrten Gemeinden dienen sollte und auch diente. Dieser Beschluss lässt ein gewisses Missfallen an der Tätigkeit und Lehre der Gesetzeseiferer klar durchblicken. Er missbilligt das eigenmächtige Sich-selbst-hineindrängen in die Lehrtätigkeit, was so oft ein Kennzeichen falscher Reichsgottesarbeiter ist. ‚Etliche sind ausgegangen …, welchen wir (Apostel, Älteste und Brüder) nichts befohlen haben‘ (V. 24). Er missbilligte auch die ‚irreführende und die Seelen zerrüttende‘ (wörtlich: in Unruhe bringende) Art ihrer Lehre. Welch ein Gegensatz ist doch zwischen wahren und falschen Reichsgottesarbeitern vorhanden! Die wahren warten still, bis sie gesandt werden, die falschen drängen sich eigenwillig vor. Die wahren stärken die Gläubigen (V. 32), die falschen verwirren dieselben und bringen sie in falsche Unruhe hinein. Die wahren finden zu ihrer Zeit die Anerkennung der Gläubigen, die falschen werden zu rechter Zeit offenbar und müssen zurücktreten. Gott gebe, dass niemand von uns bei den falschen Arbeitern erfunden werde“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 134f)!
In Apg 15,22-33 wird erläutert, dass man den Willen Gottes einhellig entdecken kann (V. 22), auf dieser Grundlage dann einmütig entscheiden kann was nun zu tun ist (V. 23-29) und dieses dann einstimmig in den Gemeinden zu entfalten hat (V. 30-33).
A. Einhellig den Willen Gottes entdecken (V. 22)
Auf der Grundlage des intensiven Austausches im Rahmen der Gemeindeleitung, kommt es nun unter Einbeziehung der Gemeindeversammlung zu einem einhelligen und abgestimmten Vorgehen. Es ist gut, wenn die ganze Gemeinde hinter einem weitreichenden Beschluss stehen kann.
Es werden sowohl die Brüder, die direkt vom Lehrstreit betroffen waren mit der Kommunikation des Beschlusses beauftragt, als auch Brüder, die nicht von Anfang an in die Auseinandersetzung direkt involviert waren (vgl. V. 32). Der Prophet Judas, mit dem Beinamen Barsabbas (= „Sohn des Sabbat“), darf nicht mit dem Josef aus Apg 1,23 verwechselt werden und wird sonst nicht mehr in der Bibel erwähnt. Silas ist die gräzisierte Form des lateinischen Silvanus (2Kor 1,19; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1; 1Petr 5,12), er wird später ein enger Weggefährte von Paulus (vgl. V. 40) und Petrus (1Petr 5,12). Beide waren „führende“ Leute in der Gemeinde in Jerusalem und von daher mit der brüderlichen Autorität und Bewährung ausgestattet, um den gemeinsamen Beschluss auch in andere Gemeinden zu tragen.
An dieser Stelle sollte noch einmal auf die geistliche Grundlage Bezug genommen werden, da die Einigung in der Gnade Gottes (V. 7-11), Führung Gottes (V. 12) und dem Wort Gottes (V. 13-21) gründet (vgl. hierzu den Predigttipp für den 10.05.2009 zu Apg 15,1-21). Hier gilt es dem apostolischen Grundsatz zu folgen: „Euch öfter dasselbe zu schreiben [zu verkündigen], ist mir nicht verdrießlich, für euch aber bedeutet es, dass ihr fest werdet (Phil 3,1; vgl. 2Petr 1,12-15). Der Verstand liebt die Abwechslung, aber das Herz braucht die Wiederholung! Aus diesem Grund sollte der erste Punkt ausgehend von V. 22 noch einmal rückblickend entwickelt werden (= einhellig den Willen Gottes entdecken).
B. Einmütig nach dem Willen Gottes entscheiden (V. 23-29)
In den V. 23-29 wird nun der Inhalt des Beschlusses in Briefform an die Heidenchristen in Antiochia, Syrien und Zilizien erläutert. Inhaltlich werden hier die „Jakobusklauseln“ (V. 20) präzisiert und in Kraft gesetzt. Das es sich hierbei nicht um eine rein menschliche und pragmatische Entscheidung bzw. Lösung handelt, wird vor allem in V. 28 deutlich: „Denn es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen“. Damit ist klar, hier geht es um eine vom Hl. Geist geschenkte und gewirkte Erkenntnis. Es wird damit klar gesagt, dass die zwingende Forderung nach der Beschneidung aller zurückzuweisen ist. In der Gemeinde folgt der Wechsel von der „äußerlichen“ Beschneidung der Männer zur „innerlichen“ Beschneidung aller (vgl. Kol 2,11). Wenn die Gemeinde durch die gesunde Lehre verbunden sein soll, dann muss sie sich von falscher Lehre abgrenzen. Wer sich in guter und rechter Weise zusammensetzen will, der muss sich mit dem Falschen auseinandersetzen.
Damit tritt aber die Frage ins Zentrum: „Wie leitet bzw. führt uns der Hl. Geist zur Erkenntnis des Willens Gottes z.B. in den praktischen Fragen des Gemeindeaufbaus“?
Die Antwort lautet: Der Hl. Geist leitet bzw. führt uns, indem wir uns miteinander austauschen, indem wir aufeinander hören und indem wir voneinander lernen (Apg 15,1-29). Die Erkenntnis des Willen Gottes wird erfahren, indem uns der Hl. Geist zu dieser Erkenntnis leitet. Allerdings geschieht dies weniger individuell, sondern eher kollektiv. Wir brauchen einander und aus diesem Grund ist es nötig zur Erkenntnis (auch) des (persönlichen) Willens Gottes, das man gemeinsam auf die Bibel hört, sich mit den Geschwistern darüber austauscht und diskutiert und dann miteinander Schritte tut und dabei voneinander lernt. Die Erkenntnis des Willens Gottes kommt weniger als „Gedankenblitz“ vom Himmel ins Herz, als vielmehr durch das gemeinsame Erwägen und Abwägen im Kreis der Geschwister auf der Grundlage dessen was bereits offenbart ist und mit der Bereitschaft zur Hingabe an das dabei erkannt (Apg 15,1-29):
* Unsere Entscheidungsgrundlage ist das bereits Geoffenbarte (5Mose 29,28)
* Unsere Entscheidungsmöglichkeit ist die Wirkung des Hl. Geistes (2Kor 3,17)
* Unsere Entscheidungshilfe ist unsere Veränderung in den Willen Gottes (Ps 37,4; Sprüche 16,3)
* Unsere Entscheidungsgewissheit kommt auf dem Weg, den wir gehen (Kol 1,9f)
Die Leitung und Führung durch den Heiligen Geist geschieht vorrangig dadurch, dass Gott uns weise macht und weniger dadurch, dass wir plötzlich irgendwie Erkenntnis haben (Ps 143,10). Die Frage der Erkenntnis des Willens Gottes (vgl. hierzu John MacArthur. Gefunden: Gottes Wille. Hamburg: C.M. Fliß. 66 S.) durch die Leitung des Hl. Geistes (vgl. hierzu James C. Petty. Mein Leben – Sein Plan: Gottes Führung erkennen. Friedberg: 3L-Verlag. 265 S.) ist vorrangig eine Frage der Hingabe und der Heiligung (vgl. Apg 15,1-33).
Weitere Hilfestellungen zu dieser Fragestellung enthält der Predigttipp für den 31.05.2009 zu Apg 16,1-10.
V. 25: Das Adverb „homothymadon“ bedeutet in der Regel übereinstimmend / einmütig (Lu 84), kann auch einstimmig (Elb) bedeuten. Es soll zum Ausdruck bringen, dass man den „gleichen Atem (Geist)“ hat.
„Paulus und Barnabas hatten ‚ihre Seelen dargegeben für den Namen unseres Herrn Jesu Christi‘. Diese Vertrauenserklärung ist deshalb besonders angebracht, weil die Gesetzeseiferer bei manchen Christen den Eindruck erweckt hatten, Paulus und Barnabas seien weniger entschieden und weniger gehorsam gegen Gott als sie selbst. Die Konferenz sagt mit diesem Zeugnis gleichsam: Paulus und Barnabas übertreffen im praktischen Wandel des Gehorsams alle die Fanatiker des Buchstabens. Sie befolgen nicht nur äußerlich die einzelnen Vorschriften des mosaischen Gesetzes, sondern sie haben ihr ganzes Leben für den Herrn hingegeben und lassen es von ihm bestimmen und leiten“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 135).
„Es gibt Ausdrücke in der Heiligen Schrift, die den Leser im ersten Augenblick fast stutzig machen wollen, die sich aber bei näherem Betrachten als ganz richtig erweisen. Zu diesen gehört der obige Ausdruck, mit welchem die in Jerusalem versammelten Apostel und Ältesten ihren Beschluss als ‚dem Heiligen Geist wohlgefällig‘ bezeichnen. Scheint das nicht zu viel gesagt zu sein? Wie können sündige Menschen mit solcher Bestimmtheit aussprechen, dass das Resultat ihrer Verhandlungen sich mit dem Willen des Heiligen Geistes decke? Ist es überhaupt möglich, zu erkennen, dass ein menschlicher Beschluss zugleich auch Meinung des Heiligen Geistes ist? Allerdings! Wenn auch niemand von uns wagen dürfte, also zu reden, ohne den berechtigten Vorwurf der Anmaßung auf sich zu ziehen, so haben doch die in Jerusalem versammelten Apostel ein Recht gehabt, also zu sprechen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 136).
„Was gefällt dem Heiligen Geist? Wie viel hängt doch von der richtigen Beantwortung dieser Frage ab! Wenn wir in unserm Wirken das treffen, was dem Heiligen Geist gefällt, so dürfen wir eines unberechenbaren Segens gewiss sein. Treffen wir es nicht, so machen wir unnütze Luftstreiche. Unser Text kann uns Licht zur Beantwortung der wichtigen Frage geben; denn er zeigt uns drei Stücke, die dem Heiligen Geist damals wie heute sicher gefallen.
1. ‚Es gefällt dem Heiligen Geist, euch keine Beschwerung aufzuerlegen‘. Den gesetzlichen Lehrern gefiel es, von den gläubigen Heidenchristen das Halten äußerer Satzungen zu verlangen (V. 1). Durch diese Forderung übten sie einen Druck auf die Herzen und Gewissen der Gläubigen aus, dass diese sich durch die vermeintliche biblische Forderung beunruhigt und beschwert fühlten. Nun stellten die vereinigten Apostel die biblische Tatsache fest, dass dem Heiligen Geist gerade das Umgekehrte wohlgefällt. Er liebt es nicht, die Gläubigen mit Lasten und Forderungen zu beschweren, sondern vielmehr, sie davon zu befreien. Er macht sie von allem Gesetzesjoch los und nimmt ihnen jede gesetzliche Ängstlichkeit und Unruhe weg. Er bringt das Herz dahin, dass es nur auf die Gnade Jesu vertraut und darin all sein Heil sieht. Wer nun an den Seelen arbeitet, dass er sie von gesetzlicher Ängstlichkeit los macht, wer sie nur auf den Heiland weist, in dem unsere ganze Gerechtigkeit ohne unser eigenes Hinzutun ruht, der arbeitet so, wie es dem Heiligen Geist gefällt. Wer hingegen die Seelen auf einen anderen Grund des Heils hinführt, auf ihr eigenes Tun und Gesetzhalten, der arbeitet nicht so, wie es dem Heiligen Geist gefällt.
2. Die zweite Antwort, welche uns die Apostelversammlung auf diese wichtige Frage gibt, lautet: ‚Es gefällt dem Heiligen Geist, dass ihr euch enthaltet von Götzenopfer und Hurerei.‘ Auf der einen Seite sollte den Heidenchristen das Joch des mosaischen Gesetzes nicht auferlegt werden, auf der anderen Seite aber sollten dieselben auf das klarste wissen: Nur dann, wenn wir dem alten heidnischen und sündlichen Leben völlig den Rücken kehren, wird man uns als Brüder und als Mitgenossen des Heils in Christus anerkennen. Wer ein heidnisches Götzenopfer darbrachte oder sich darin beteiligte, der bekannte sich damit zum heidnischen Gottesdienst und verleugnete seine. Zugehörigkeit zu Christus. Das durfte bei Mitgliedern der christlichen Gemeinde nicht geduldet werden. Wer ein Leben der im Heidentum üblichen Fleischessünde, auch der unordentlichen Vielweiberei, weiter fortsetzen wollte, dem sollte unter allen Umständen die brüderliche Anerkennung versagt werden. Solches Wesen sollte in der Schar der Nachfolger Jesu keinen Platz haben. Mit dieser Regel haben die Apostel in der Tat die gottgewollte Richtschnur eines wahren Christenlebens gezeigt. Denn der Herr will einerseits, dass die Seinen sich mit Zeremonien und Gesetzen nicht mehr aufhalten, andererseits, dass sie sich von der Welt und Sünde ganz scheiden. Der Heilige Geist macht heute noch frei von dem äußeren Gesetz, das in Satzungen besteht, aber er bringt uns auch unter sein Lebensgesetz (Röm 8,2), welches weltlich heidnisches und sündliches Wesen ausscheidet. Deshalb arbeiten diejenigen im Sinne des Heiligen Geistes, welche einerseits die Seelen von allem Gesetzeswesen hinweg allein auf Christus weisen, andererseits aber zeigen, dass ein Christentum ohne Scheidung von Welt und Sünde vor Gott keine Anerkennung findet.
3. Die letzte Antwort auf unsere Frage lautet: ‚Es gefällt dem Heiligen Geist, dass ihr euch enthaltet vom Blut und vom Erstickten.‘ Fast kann es scheinen, als ob in diesen Worten etwas vom alten, gesetzlichen Wesen in das neue Leben in Christus mit hinübergenommen sei, oder als ob die Apostel aus Klugheitsgründen eine gewisse bedenkliche Nachgiebigkeit gegen die Gesetzeseiferer gezeigt hätten. Aber die Sache liegt doch anders. Wenn wir dieses Enthaltungsgebot von Blut und Ersticktem recht verstehen wollen, so müssen wir bedenken, wie furchtbar anstößig einem im Gesetz aufgewachsenen Juden der Genuss von Blut und Ersticktem war. Für solche Juden war es einfach undenkbar, mit Leuten, die Blut von getöteten Tieren und Ersticktes genossen, zusammen zu speisen. Ihre ganze Anschauungsweise war viel zu lange von den Speisegesetzen durchdrungen gewesen, als dass sie dieses so einfach hatten ablegen können. Darum war das Gebot der Enthaltung von diesen Stücken für die damaligen Heidenchristen nicht etwa ein bestehenbleibender Rest von alttestamentlichen Speisegesetzen, sondern ein Gebot der Liebe und der zarten Rücksicht gegen anders erzogene Brüder. Die Apostel sagten gleichsam: ‚Ihr Heidenchristen sollt gegen eure Brüder aus den Juden wenigstens so viel Rücksicht nehmen, dass ihr euch alles dessen enthaltet, was die Tischgemeinschaft stören oder gar völlig unmöglich machen würde.‘ In diesem Sinne bleibt dieser Punkt für alle Zeiten bestehen: Es gefällt dem Heiligen Geiste, dass die Christen viel Liebe und Zartgefühl gegen ihre Mitchristen beweisen und gern bereit sind, um der Brüder willen auf alles zu verzichten, was diesen ärgerlich und anstößig werden könnte. Der Herr schenke uns, dass wir nach dieser dreifachen Richtung in den Linien des Heiligen Geistes wandeln und arbeiten lernen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 136-138)!
V. 29: Während in V. 20 der gr. Ausdruck „eidolon“ (= Götze, falscher Gott oder auch Götterbild, Götzenbild) verwendet wird, findet sich hier der gr. Ausdruck „eidolothyton“ (= Götzenopferfleisch). Von daher taucht die Frage auf, wie sich die Verbote von Apg 15,29; 21,25; Offb 2,14.20 mit den Erlaubnissen in 1Kor 8,1.4.7.10; 10,19 verhalten, da hier im gr. Text immer der gleiche Ausdruck (= eidolothyton) verwendet wird (Lu 84; Elb übersetzen statt „Götzenopferfleich“ mit „Götzenopfer“).
Der Grundgedanke des Verbotes hat wahrscheinlich mit der Missionsstrategie zu tun: Da Mission in der Synagoge beginnt (V. 21), wird diese Situation mit berücksichtigt, so dass nicht nur Juden Heiden nicht unnötig beschweren dürfen, sondern auch die Heiden Juden nicht unnötig beschweren dürfen. Die Frage ist aber, ob es sich nun um ein universal gültiges Gebot handelt oder eines, was nur im Kontext der Begegnung mit dem Judentum anzuwenden ist?
„In 3Mose 17+18 finden sich u.a. diese vier Bestimmungen, und zwar dort ausdrücklich auch für die unter Israel lebenden Nichtisraeliten geltend. Dahinter steht der Gedanke, dass auch solchen Bewohnern des Landes Kanaan ein Minimum an religiösem Respekt vor den für Israeliten gültigen Gesetzen zugemutet werden muss, die selbst dem Volk nicht angehören. […]. Die Heidenchristen sollten diese Grundsätze einhalten, um den Judenchristen die Gemeinschaft mit ihnen (etwa im Abendmahl) nicht unmöglich zu machen, da jene sich immer noch an die atl. Gebote gebunden wussten. Damit ist aber bereits eine Aussage über die begrenzte Gültigkeit der damals vereinbarten Grundsätze gemacht: Sie haben ihren Sinn in eben jener Situation der frühen Christenheit. Damals musste eine starke, noch in ziemlicher Harmonie mit der palästinischen Judenschaft und dem Tempel lebende Judenchristenheit und eine wachsende, noch eng mit ihrer judenchristlichen Wurzel verbundene Heidenchristenheit um die Möglichkeit der Koexistenz besorgt sein. Diese zu garantieren war der Sinn der Vereinbarung von Jerusalem“ (so leider Neudorfer, Apg Teil 2 / Edition C-Bd. 9, S. 100-102).
Auch wenn der Beschluss als Brief nur an einige wenige Gemeinden gerichtet ist (V. 23), so wird er doch eindeutig als vom Hl. Geist klassifiziert (V. 28), was aber nun wie bei den anderen biblischen Briefen auf einen lokalen Anlass, aber auch auf eine globale Anwendung schließen lässt (vgl. hierzu die Anwendung von 15,23-29 im Bericht des Paulus vom europäischen Missionsdienst in 21,25). Während die ‚Jakobusklauseln‘ (15,20) noch Vorschlagscharakter hatten, wurden diese nach der Präzisierung (15,29) zu einem verbindlichen Beschluss (21,25). Anknüpfungspunkt für die Anweisung sind die atl. Anweisung zum Genuss von Götzenopferfleisch (vgl. 3Mose 17,3-9; besonders: V. 7), Blut (vgl. 3Mose 17,10-12), Fleisch erstickter Tiere (vgl. 3Mose 17,13-16) und zur Unzucht (vgl. 18,1-30), die sowohl für Israel, als auch die Fremdlinge unter ihnen galten. Nun bilden Heiden und Juden miteinander ein ‚neues‘ Volk Gottes (= Gemeinde) und hierzu ist eine gegenseitige Rücksichtnahme nötig (vgl. 1Kor 9,19f mit Röm 14,3.15.20f.; 1Kor 8,13). Die atl. Speisegebote sind für die Gemeinde nicht mehr gültig (Mt 15,11; 1Tim 4,1-5), aber es gilt keinen unnötigen Anstoß zu geben, da alle zu gewinnen sind (1Kor 9,19f.23; 10,31-33). Wo diese Rücksichtnahme erforderlich ist, da ist sie geboten. Wo sie nicht erforderlich ist, da ist sie nicht von Nöten (vgl. hierzu 15,29b mit 1Kor 8,1-11,1).
„Aber auch bei der Übersetzung: ‚So werdet ihr wohl tun‘ wird unterstrichen, dass eine freie Einfügung in notwendige Gegebenheiten und nicht strikte Erfüllung eines Gesetzes erwartet wird“ (de Boor, Die Apostelgeschichte – WStB, S. 280). Wo z.B. das Essen von „Blutwurst“ keinen Anstoß erregt (evtl. auf Grund eines schwachen Gewissens), da ist die Frage des Essens von Blutwurst eine „Geschmacksfrage“ und keine „Gehorsamsfrage“. Dies gilt im Hinblick auf die Umsetzung der Speisevorschriften, wie aus dem Umgang der Apostel mit dem Beschluss deutlich wird. Im Hinblick auf den Umgang mit Unzucht (= porneia), entsteht kein Ermessensspielraum, sondern hier wird das Verbot in allen Kontexten aufgerichtet (1Kor 6,18; vgl. 1Kor 5,1f): Dass das Thema der Unzucht im Beschluss überhaupt noch genannt wird, hat wahrscheinlich mit der Nennung im atl. Kontext zu tun (3Mose 17+18).
C. Einstimmig den Willen Gottes entfalten (V. 30-33)
„Die Bibel sagt: ‚Freuet euch mit den Fröhlichen‘ (Röm 12,15). Dieses Wort dürfen wir nicht auf die leichtfertigen Weltfreuden anwenden, wohl aber auf die Freude, von der die V. 30f reden. Gespannt wird man in Antiochien auf die Rückkehr der Apostel gewartet haben. Nun kommen sie und überbringen den Apostelbeschluss. Das Lesen desselben ruft tiefe Befriedigung hervor. ‚Sie wurden froh‘, sagt der Text. Und diese Freude war berechtigt. Weshalb?
a) Weil das Gewissen der Heidenchristen von jeder falschen Ängstlichkeit frei wurde. Gewiss gab es in Antiochien wie überall zarte und ängstliche Gemüter, welche durch den Streit in Verwirrung geraten waren und dachten: ‚Vielleicht bin ich dem Geiste Gottes ungehorsam, indem ich die Beschneidung nicht annehme.‘ Diese Seelen fühlten sich durch den Brief entlastet. Sie waren in dem herrlichen Bewusstsein bekräftigt: ‚Wir sind ebenso gut Gottes Kinder durch den Glauben an Christus, wie die Gläubigen, welche beschnitten sind.‘ Solche Freude wünschen wir viel Tausenden, die von ähnlichen Fragen beunruhigt werden.
b) Sodann war die Freude über diesen Brief berechtigt, weil durch denselben die drohende Kluft unter den Christen glücklich beseitigt war. Die Versammlungen litten nicht mehr unter dem Zwiespalt, dass die einen für die Beschneidung, die anderen dagegen redeten. Alle waren in der Anerkennung des gelesenen Briefes einig, so dass von jetzt an wieder ungetrübtes Gemeinschaftsbewusstsein vorhanden war. Diese Wiederherstellung der Einigkeit war auch für den Fortgang des Reiches Gottes von Wichtigkeit, Solange der Gesetzesstreit dauerte, war eine kräftige Einwirkung auf die Welt gehindert. Jetzt aber konnte man auf neues Wachsturn der Gemeinde hoffen. Möchte die Freude, welche der Einigungsbeschluss nach Antiochien brachte, in vielen Orten einkehren, wo des Feindes List ähnlichen Schaden angerichtet hat!
Die Versammlung in Jerusalem hatte zwei bewährte Männer, Judas und Silas, beauftragt, in Gemeinschaft mit Barnabas und Paulus den Einigungsbescheid der Gemeinde Antiochien zu überbringen und mündlich näher darzulegen. Im Anschluss an die Erledigung dieser Aufgabe dienten diese vier Brüder der Gemeinde mit ihren Gaben, ermahnend, stärkend, lehrend und Gottes Wort predigend. Wie verschieden war doch die Tätigkeit dieser Männer von der verwirrenden Arbeit der Gesetzeseiferer! Während die letzteren die Seelen schwankend machten, dass sie nicht mehr wussten, wie sie sich verhalten sollten, so befestigten diese rechten Arbeiter die Brüder auf dem einmal gewonnenen Heilsgrunde“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 139f).
„An drei Merkmalen können wir erkennen, dass ihr Beschluss tatsächlich dem Willen des Heiligen Geistes entsprach:
1. An der wunderbaren Einigkeit, die ohne jeden Druck und ohne jeden Zwang zustande gekommen war, wie die Worte: ‚Es deuchte gut die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde‘ es zeigen (V. 22).
2. An der Übereinstimmung des Beschlusses mit der Heiligen Schrift, die Jakobus aufgezeigt hatte (V. 15). Der Heilige Geist stimmt immer mit dem geschriebenen Wort überein.
3. An der gesegneten Wirkung, die allenthalben von diesem Beschluss ausging. Als er in Antiochien verlesen wurde, da wurde die Gemeinde ‚des Trostes froh‘ (V. 31). Auch andere Gemeinden wurden durch die getroffene Entscheidung ‚im Glauben befestigt‘ (Kap 16,5).
An der heilenden, aufbauenden, stärkenden Wirkung erkennt man, dass dieser Beschluss den Sinn des Heiligen Geistes getroffen hat“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 136).
3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT
Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Einigung“. Vgl. hierzu die Ausführungen zum Text- und Predigtzusammenhang (1.)
4. PREDIGTGLIEDERUNG
Geschütze Gemeinschaft ist möglich, wo wir
a) einhellig den Willen Gottes entdecken (V. 22)
b) einmütig nach dem Willen Gottes entscheiden (V. 23-29)
c) einstimmig den Willen Gottes entfalten (V. 30-33)
Geschütze Gemeinschaft erfahren durch die
a) Leitung des Geistes (V. 22)
b) Erkenntnis des Geistes (V. 23-29)
c) Wirkung des Geistes (V. 30-33)