Apostelgeschichte

Predigthilfe vom 31.5.2009 – Apostelgeschichte 16, 1-10

Monatsthema: In der Gemeinde des Herrn leben
Predigtthema: Geistgeleitete Gemeinschaft

Bibelstelle: Apostelgeschichte 16, 1-10

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. 7. Aufl. Liebenzell: VLM, 1996. S. 146-155 (nachfolgend zu einem großen Teil in den Predigttipp eingearbeitet) und Wilhelm Busch. Die Suchaktion Gottes. Neukirchen-Vluyn: Aussaat, 2006. S. 183-191 (Möglichkeit zum Download unter http://www.clv-server.de/pdf/255681-11.pdf).

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Der Predigttext führt das in 15,41 Begonnene nun fort. Im Segen wirkt Paulus mit seinen neuen Mitarbeitern nun weiter und informiert die Gemeinden über die in Jerusalem gemeinsam unter der Führung und Leitung des Hl. Geistes (15,28) gefassten Beschlüsse (= Dogmata; 16,4).

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Zum Einstieg: „Je älter ich werde, desto wichtiger wird mir eine ganz einfache Tatsache: Wir haben nur ein einziges Leben. Und dieses einzige Leben bewegt sich – um ein geläufiges Bild zu gebrauchen – auf einer Einbahnstraße. Wenn ich einen Tag verpfuscht habe, kann ich den Wagen meines Lebens nicht umkehren und die Strecke noch einmal fahren. Das geht nicht. Wie viel kommt also darauf an, dass ich mein Leben richtig lebe! Aber – was ist denn ‚richtig‘? Sicher sind wir nicht auf der Welt, um möglichst viel Amüsement zu haben. Sicher auch nicht um nur zu arbeiten. Sicher nicht um viel Geld zu verdienen oder einen guten Job zu haben. Wir haben nur ein einziges Leben. Was machen wir damit? In der Bibel gibt es ein seltsames Wort, das im allgemeinen Sprachgebrauch fast gar nicht vorkommt. Es heißt ‚Segen‘. Gott sagt zu Abraham: ‚Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein‘. Ich bin überzeugt: Hier wird uns die Richtung gewiesen, wie wir unser Leben recht anwenden. So fragen wir: Wie wird mein einziges Leben ein gesegnetes Leben?“ (Busch, Suchaktion Gottes, S. 183).

A. Geistgeleitete Gemeinschaft eröffnet einen weiten Raum (V. 1-5)

a) durch die Berufung bewährter Mitarbeiter (V. 1f)

Das Wort „gläubig“ (pistos) ist im griechischen Grundtext nachgestellt und betont damit, dass Eunike nicht nur eine treue Jüdin, sondern eine gläubige Christin ist (vgl. 2Tim 1,5; 3,15). Im Hinblick auf Timotheus ist folgendes in der Predigt zu erläutern:

„Lasst uns zuerst darauf achten, an welchem Ort er diesen fand! Er fand ihn an dem Platz, wo er früher besonders schmerzliche Erfahrungen gemacht hatte, nämlich in Lystra. Dort hatten die Bewohner den Paulus auf seiner ersten Missionsreise gesteinigt. Mancher hätte durch eine solche Behandlung eine Abneigung gegen diesen Platz bekommen und wäre nicht mehr gern an denselben gegangen. Bei Paulus war von solcher Empfindlichkeit und von irgendwelchem Nachtragen keine Rede. Er war nicht nur am Schluss seiner Missionsreise aufs neue nach Lystra gegangen (14,21), sondern ging auch am Anfang der zweiten Reise wieder dahin. Wie gut war es, dass er sich nicht durch jene Steinigung in irgendwelchen Zorn und in Bitterkeit gegen diesen Ort und seine Bewohner hineinbringen ließ und ihm gekränkt fern blieb! Denn hier gerade fand er den Timotheus, der ihm zeitlebens eine so kräftige Hilfe wurde. Lasst auch uns nie durch böse Erfahrungen an irgendwelchen Plätzen gegen dieselben entfremdet oder verbittert werden, sondern in der Liebe bleiben und nicht vor ihnen zurückscheuen! Gott kann uns gerade an den Orten, wo wir die schwersten Leiden zu erdulden hatten, die lieblichsten Erfahrungen und die köstlichsten Erquickungen schenken.
Nicht nur der Ort, sondern auch die Familie, in der Paulus den Timotheus fand, ist beachtenswert. Es war eine ‚Mischehe‘, der er entstammte. Die Mutter, Eunike, war eine Israelitin, der Vater ein Grieche. Zu dem Unterschied der Nationalität kam ein innerer Unterschied hinzu. Nur der Mutter gibt die Schrift das schöne Zeugnis, dass sie gläubig war. Der Vater scheint innerlich eine andere, nicht näher bekannte Stellung eingenommen zu haben. Die Mutter ließ sich durch die Stellung des Vaters nicht vom Glauben abbringen. Sie erzog ihren Sohn für den Herrn. Es war für sie keine leere Form, wenn sie ihrem Sohn den Namen Timotheus, d.h. ‚einer, der Gott fürchtet‘, gab. Ihr wichtigster Wunsch war in Wahrheit der, dass ihr Sohn ein gottesfürchtiger Mensch werde. Mit diesem Wunsch hat sie den Knaben von Kind auf im teuren Worte Gottes unterwiesen (2Tim 3,15). Vor allen Dingen fehlte in ihrer Erziehung das Wichtigste nicht, nämlich das persönliche Beispiel. Sie führte selbst ein Leben des ungefärbten, d. h. durch und durch wahren, echten, lauteren Glaubens (2Tim 1,5). In diesem ihrem Wandel und in der Erziehung des Sohnes für den Herrn wurde sie von ihrer Mutter Lois unterstützt, die voll und ganz ihre innere Stellung teilte. Der Segen dieses Vorbildes und dieser Erziehung blieb nicht aus. Ihr Sohn wurde ein gesegneter Mithelfer im Reiche Gottes. Dieses Beispiel kann alle Frauen ermuntern, ihre Kinder durch ihr Vorbild und mit Unterweisung im Worte Gottes für das Himmelreich zu erziehen. Selbst wenn es der Fall sein sollte, dass ihre Ehemänner eine andere innere Stellung einnahmen, so dürften sie dennoch ihre Kinder dem Heiland zuzuführen suchen. Welch ein unberechenbarer Segen kann doch von dem Vorbild und den Worten einer gläubigen Mutter auf ihr Kind ausgehen! Wie ganz anders wird eine Eunikemutter in der Ewigkeit dastehen als viele Eltern, die nur irdische Vorteile für ihre Kinder suchten, oder gar als eine Athaljamutter, die ihren Sohn dazu anhielt, dass er gottlos war (2Chr. 22,2f)!
Paulus erkannte in der Person des Timotheus einen geeigneten Mitarbeiter. Weshalb passte dieser dazu? Timotheus stand durch seine Abstammung von dem griechischen Vater und der jüdischen Mutter sowohl den Heiden als auch den Juden nahe, was der Arbeit an beiden zugute kam. Vor allen Dingen aber fand sich bei Timotheus die wichtigste Voraussetzung zu gesegneter Reichsgottesarbeit, nämlich ein ‚gut Gerücht‘. Dieser Jüngling genoss in seiner Heimat, also da, wo man ihn am genauesten kannte, das volle Vertrauen der gläubigen Kreise. Auch über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus war sein trefflicher Ruf gekommen. Dies war wichtiger als alles andere. Wäre Timotheus der begabteste Jüngling unter den Christen in Lystra gewesen, hätte aber den Ruf eines etwas selbstbewussten oder leichtfertigen Menschen gehabt, so würde ihn Paulus gewiss nicht als Gefährten ausersehen haben. Wo in der ersten Christengemeinde ein wichtiger Posten zu besetzen war, da hieß es: ‚Sehet nach Männern, die ein gutes Gerücht haben‘ (6,3). Was damals die wichtigste Voraussetzung zur Reichsgottesarbeit war, ist es auch heute noch. Die Treue im Wandel, aus der das gute Gerücht fliegt, ist wichtiger, als alle äußeren Gaben und Fähigkeiten. Wären die zwei Söhne des Eli die hervorragendsten Redner ihrer Zeit gewesen, so wären doch alle ihre Worte durch den bösen Ruf infolge ihres Wandels zunichte gemacht worden. Dagegen fiel bei Samuel kein Wort auf die Erde, weil ganz Israel erkannte, dass dieser ein treuer Prophet des Herrn war (1Sam 3,19f). Gott erwecke seinem Werk viele treue Zeugen, deren Ruf ihren Worten Bahn in vielen Herzen macht!“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 146-148 – weitere Informationen z.B. auch in Alfred Christlieb. Ich suche, Herr, dein Antlitz. Marburg: Francke, 1974. S. 22-24).

b) durch die Berufung auf eine bewährte Strategie (V. 3)

„Zwar ist nach jüdischem Recht die Mutter für die Volkszugehörigkeit des Kindes maßgebend; außerhalb Palästinas konnte sich aber der heidnische Vater sehr wohl durchsetzen. Hat nun Paulus letzten Endes doch noch vor den Forderungen der ‚Judaisten‘ kapituliert? Das war es ja, was sie von allen Heidenchristen forderten: die Beschneidung! Darauf hatte man beim Jerusalemer Apostelkonzil ausdrücklich verzichtet (vgl. Kap. 15). Was war der Grund für diese Beschneidung? Wir werden sie aus der Situation heraus und in einer Linie mit den Jerusalemer Beschlüssen verstehen können: aus der Situation heraus, weil Timotheus als Mitarbeiter des Paulus weit mehr Kontakt mit Juden aufnehmen musste, als irgendein anderer Christ; in einer Linie mit den Beschlüssen, weil sie ja gerade darauf abzielten, nämlich das Zusammenleben zwischen Juden- und Heidenchristen zu ermöglichen. So wurde Timotheus auch formell in das Bundesvolk aufgenommen. Seine Person sollte die Mission nicht hindern. Wie genau die Juden auf diese Dinge achteten, zeigen die Schwierigkeiten, die Paulus später (Apg 21,27ff.) zu Unrecht in Jerusalem bekam. Dem wollte er vorbeugen“ (Neudorffer, Apostelgschichte – Edition C 9/2, S. 113).

Zur Frage nach der Bescheidung ist auch besonders Gal 2,3 zu beachten.

„In der Beschneidung des Timotheus haben wir ein Beispiel dafür, mit welchem Zartgefühl Paulus alle Hindernisse für die Ausbreitung des Evangeliums nach Möglichkeit hinweg zu räumen suchte. Er wusste, dass viele Juden sich an der Mitarbeit des Timotheus trotz des guten Gerüchtes, das ihm voranging, gestoßen hatten, weil er nicht beschnitten war. Sie hatten sich innerlich gesträubt, von einem Fremdling, der nicht durch die Beschneidung Mitglied ihres Volkes geworden war, Belehrungen anzunehmen. Obwohl nun Paulus klar erkannt hatte, dass die Beschneidung vor Gott nicht erforderlich war, so vollzog er sie dennoch an diesem seinem Mitarbeiter, damit keiner seiner Volksgenossen sich ärgern könnte. Er wurde damit den Schwachen ein Schwacher ‚denen, die unter dem Gesetz sind, wie unter dem Gesetz‘, um allenthalben etliche selig zu machen. Diese zarte Liebe gegen seine Landsleute wird uns noch köstlicher, wenn wir bedenken, welche Lieblosigkeit Paulus wiederholt von ihnen erfahren hatte. Wie gehässig hatten sie ihn in Antiochien, Ikonion und Lystra behandelt! Mancher hätte sich nach solchen Erfahrungen für berechtigt gehalten, jede weitere Rücksicht auf diese Leute fahren zu lassen. Stattdessen suchte Paulus sie noch weiterhin durch Liebe für das Reich Gottes zu gewinnen. Wenn man bei aller Arbeit im Reiche Gottes immer so rücksichtsvoll darauf bedacht wäre, alles hinweg zu räumen, woran andere sich stoßen können, so würde gewiss manchmal mehr Furcht für den Herrn gebracht werden“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 149).

c) durch die Berufung auf bewährte Vorgaben (V. 4f)

Der hier verwendete griechische Ausdruck für den Beschluss des Konzils lautet „dogma“ (= Verfügung / Erlass / Verordnung / Satzung / Gebot).

„Es gibt Menschen, die glauben, dass ein buntes Durcheinander von allerlei Lehrmeinungen in den Christengemeinden gar nicht schade, sondern ruhig zugelassen werden könne. Paulus dachte anders. Er überbrachte mit seinen Begleitern den Gemeinden, welche auf der ersten Missionsreise entstanden waren, den Beschluss der Apostelversammlung. Dadurch brachte er in den verschiedenen Gemeinden diejenige Lehre zur Geltung, mit welcher sich alle bewährten Christen einstimmig einverstanden erklärt hatten. Durch die Verbreitung dieses Beschlusses sorgte er dafür, dass nicht ähnliche Lehrstreitigkeiten und Spaltungen wie in Antiochien (15,7) entstünden und dass, wo etwa eine derartige Gefahr auftauchte, dieselbe sofort beseitigt werden könnte. Er zeigte sich bedacht darauf, dass Gesundheit der Lehre in allen Gemeinden herrschte und knüpfte zugleich ein gewisses Band zwischen den Christen der verschiedenen Länder. Die Gläubigen sollten wissen, dass sie in den wichtigsten Grundlagen des Glaubens und der Liebe mit Christen aller Orte im Einklang standen. Wie wichtig ist es auch für unsere Zeit, dass diejenige Lehre getrieben wird, welche von den Gottesmännern aller Zeiten einmütig anerkannt wird! Lasst uns nie Sonderlehren und allerlei Fündlein treiben, sondern das teure Evangelium in seiner Tiefe und Mannigfaltigkeit, damit der Spaltungen weniger werden und die Einigkeit aller Heilandsnachfolger gefestigt werde!
Viele Christen bewegt die Frage: Wie kann es zu einer rechten Stärkung und Vermehrung der Gemeinde des Herrn kommen? Sie suchen oft die Lösung dieser Frage in allerlei äußeren, wohlgemeinten Veranstaltungen, finden aber sehr oft, dass die von ihnen gewünschte Wirkung ausbleibt. Unser Text zeigt uns einen sehr einfachen, aber sicheren Weg, um die Schar der GIäubigen zu befestigen und zu vermehren. Durch Überantwortung des Beschlusses von Jerusalem kam es dazu, dass die Gemeinden im Glauben befestigt wurden und an der Zahl täglich zunahmen. Was ist es um die Überantwortung des Apostelbeschlusses? Wir können unmöglich irgendeine Lehrform als ein Zaubermittel anwenden, durch die es gleich zu solcher Segenswirkung kommen muss. Und doch können auch wir gleichsam jenen Beschluss von Jerusalem heute noch allenthalben überantworten. Wenn wir die jenem Apostelbeschluss zugrunde Iiegende Anschauung kräftig verbreiten helfen, wenn wir im Sinne jenes Beschlusses darauf bedacht sind, dass alle gläubigen Seelen in gesunder, evangelischer Lehre gegründet werden, wenn wir die Jünger Jesu von aller gesetzlichen Ängstlichkeit frei machen, zugleich aber, wie jener Beschluss es tat, sie auf die heilige Bahn der Sündenvermeidung und Nächstenliebe weisen, kurz, wenn wir mithelfen, dass die Seelen in die gottgewollte Bahn und Gesinnung dieses Beschlusses hineinkommen, dann tragen wir an unserm Teile dazu bei, dass die Gemeinde Jesu innerlich befestigt und äußerlich gemehrt werde“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 149f).

B. Geistgeleitete Gemeinschaft benötigt gelegentlich einen Schlagbaum (V. 6-8)

Der Ausdruck „durchziehen“ (dierchomai) ist bei Lukas ein Fachausdruck der Missionssprache und bezieht sich sowohl auf die Verkündigung als auch auf die Gemeindegründung.

Was oder wer ist der Heilige Geist, von dem hier die Rede ist? In V. 6 erfahren Paulus und seine Mitarbeiter (Silas, Timotheus, Lukas) die Führung durch den Hl. Geist, der dann in V. 7 als der Geist Jesu bezeichnet wird. Hier ist im Rahmen der Predigt zu betonen und klarzustellen, dass der Hl. Geist die Form ist, in der Jesus in diesem Zeitalter gegenwärtig ist (= Erfüllung von Mt 28,20b). In Joh 14,16f verheißt z.B. Jesus den Beistand (Ratgeber; gr. parakletos), den er dann in Joh 14,18 wie folgt konkretisiert: „ich komme zu euch“! In Röm 8,14 vergewissert uns Paulus, dass wir wirklich Kinder Gottes sind, da uns der Geist Gottes leitet. Was der Geist Gottes ist, hat er aber bereits in Röm 8,9 erklärt: Es ist der Geist Christi! Fritz Grünzweig bringt die Botschaft vom Hl. Geist auf den zentralen Punkt: „Christus in uns“. Die Führung und Leitung durch den Heiligen Geist geschieht also so, dass Christus in uns Raum hat und Gestalt gewinnt (vgl. Gal 4,19). So war es bei Paulus und seinen Mitarbeitern und so ist es bei uns! In der Predigt ist zu betonen, dass wir in biblischer Art und Weise nur dann vom Heiligen Geist reden können, wenn wir auch vom Christus in uns reden. Der Hl. Geist ist der Repräsentant Jesu in dem Zeitalter, in dem wir leben.

„Wie hängt doch aller Segen davon ab, dass wir in göttlicher Leitung wandeln! Obige Verse zeigen uns einen Mann, der in völliger Abhängigkeit vom Herrn stand: Paulus. Zu dieser Abhängigkeit gehört vor allen Dingen die stete Bereitwilligkeit, auf eigene Pläne und Absichten zu verzichten. Wenn wir hier vernehmen, dass der Heilige Geist den Paulus und seine Gefährten hinderte, in der römischen Provinz Kleinasien das Evangelium zu verkündigen, wenn wir ferner hören, dass der Geist Jesu eine Ausführung ihres Versuchs, durch Bithynien zu reisen, nicht zuließ, so zeigen diese Worte klar, dass Paulus im Sinn hatte, in Kleinasien zu predigen und dass er den Willen besaß, durch Bithynien zu ziehen. Diese Gedanken des Paulus wurden aber vom Herrn durchkreuzt. Der Geist Gottes sagte ein deutliches ‚Nein‘ zu dem, was PauIus wollte. Der Apostel hatte ein Ohr für das zarte, innere Abwehren und ließ sofort seine eigenen Pläne fahren. Hier kommen wir an einen wichtigen Punkt. Viele Menschen möchten den unaussprechlichen Segen der Geistesleitung kennen lernen. Wenn aber der Heilige Geist ihren eigenen Plänen in den Weg tritt„ wenn er sie von einem liebgewordenen Gedanken abbringen will, so sitzen sie in ihren eigenen Wünschen fest und wollen nicht davon loslassen. Paulus haderte nicht mit Gott wegen dieser Durchkreuzung seines Willens, er wollte es auch nicht besser wissen als sein himmlischer Führer. Er verlangte nicht einmal die Gründe zu wissen, weshalb er nicht in Asien reden und nicht durch Bithynien ziehen sollte. Es genügte ihm völlig, zu wissen, dass Gott ihm für jetzt diesen Weg verschließe. Sofort verzichtete er auf seinen eigenen Willen. Nur derjenige, welcher bereit ist, dieses Verzichten zu lernen und seine Wünsche in den Tod zu geben, wird den Segen der göttlichen Leitung erfahren können.
Zur rechten Abhängigkeit von dem Leiten des Herrn gehört die Bereitwilligkeit, auf eigene. Plane zu verzichten, die Geduld, die warten kann, bis der richtige Weg gezeigt wird und – der Gehorsam, der den von Gott gewiesenen Weg geht. Alles dies fand sich bei Paulus. Als der Geist ihm wehrte, in Asien zu arbeiten und durch Bithynien zu reisen, da wusste er wohl, welchen Weg er nicht gehen sollte, aber noch nicht, welches der richtige, gottgewollte Weg für ihn sei. Längere Zeit musste er zubringen, ohne Klarheit darüber zu haben, an welchem Ort und in welchem Lande der Herr ihn brauchen wollte. Solche Zeiten der Ungewissheit und der Unklarheit sind oft Probezeiten, wo es gilt, mit David zu sprechen: ‚… bis ich erfahre, was Gott mit mir tun wird‘ (1Sam 22,3). Es sind Zeiten des Wartens, die gerade den feurigen Paulusnaturen gar nicht leicht fallen. Was tat Paulus in dieser Zeit, ehe er in Troas Klarheit bekam? Er folgte dem göttlichen Licht, soweit er dasselbe bekommen hatte, indem er sich in Asien der Missionstätigkeit enthielt und in der anderen Richtung weiterzog, die ihm innerlich nicht verwehrt wurde. Er konnte warten, bis Gottes klare Weisung kam. Sobald er aber dieselbe erhielt, ging er mit ganzer Macht auf den erkannten Willen Gottes ein. Jetzt gab es kein ängstliches Fragen, ob jenes fremde Land Mazedonien nicht neue Gefahren und Schwierigkeiten bringen werde. Er trachtete mit seinen Gefährten alsobald nach Mazedonien zu reisen. Das war Gehorsam. Lasst uns auf den eigenen Willen verzichten, auf Gottes Willen harren und dann auf ihn eingehen! Das ist die selige Abhängigkeit vom Herrn, in der Paulus lebte.
Gar oft wähnen Menschen, vom Herrn und seinem Geist geleitet zu sein, wenn ein der eigenen Natur oder dem krankhaften Körperzustande entstammender Trieb sie regiert. Demgegenüber gibt uns diese Stelle, die uns einen Einblick in die Abhängigkeit des Paulus vom Herrn tun lässt, einen wichtigen Wink. Als Paulus durch den Geist gehindert wurde, in Asien zu missionieren und als der Geist den Weg durch Bithynien verwehrte, empfand nicht Paulus allein diese innere Hemmung. Die mit ihm reisenden Brüder erlebten sie gleichzeitig auch (‚Es ward ihnen gewehrt von dem Heiligen Geist‘, nicht ihm, V. 6, und: ‚Der Geist lief es ihnen nicht zu‘.). An dieser Übereinstimmung der Brüder, welche gemeinsam das innere Abwehren des von Gott nicht gewollten Weges verspürten, wurde ihnen allen eine Bestätigung des göttlichen Willens geschenkt. Wer nicht in Verwirrung und Schwärmerei hineingeraten will, der achte wohl darauf, dass seine ‚Leitung‘ durch Gott auch dieses Kennzeichen trägt und er sich nicht etwa in willkürlichen Gegensatz zu dem Bruderkreise setzt, in den Gott ihn hineingestellt hat. Wohl kann es Fälle geben, wo Gott einem Bruder einen besonderen Auftrag gibt, den andere zunächst nicht verstehen. In solchen Fallen wird Gott solchen Bruder zur rechten Zeit beglaubigen. Das Gewöhnliche wird aber dieses sein, dass wahre Geistesleistung erkannt wird an der Übereinstimmung mit solchen, die unter der Zucht des Geistes stehen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 151-153).

C. Geistgeleitete Gemeinschaft ist kein frommer Wunschtraum (V. 9f)

„Wir dürfen nicht meinen, das sei ein Traum gewesen. Alles spricht dafür, dass Paulus hellwach war. Ein wundervolles Bild: Dieser betende Mann in der Stille der Nacht, dem der Herr antwortet. Das ist das wahre Gesicht der Kinder Gottes. So betet ein Psalmist in bedrängter Stunde: ‚Zeige mir, Herr, deinen Weg!‘ So sagt der König David einst: Ich muss warten, ‚bis ich erfahre, was Gott mit mir tun wird‘. Das ist genau das Gegenteil vom unruhigen, gejagten Menschen unserer Tage. Es fragt sich nur, von wem am Ende Segensspuren bleiben: von einem Manager oder von einem Paulus, der in der Stille nach Führung ruft. Aber nun müssen wir aussprechen: Wie herrlich ist das, dass der Herr seine Leute in der Wirrsal des modernen Lebens wirklich führen will – auf Wege des Segens!“ (Busch, Suchaktion Gottes, S. 186).

„Es war ein ‚Gesicht‘, eine Erscheinung, kein Traum [gr. = ‚orama‘ = das Geschaute / Gesehene; hier Gesicht / Vision]. An der Wortwahl wird das deutlich: An keiner Stelle im NT, wo das griech. Wort vorkommt, ist ein Traum gemeint (man prüfe Mt 17,9; Apg 7,31; 9,10.12; 10,3.17.19; 11,5; 12,9; 16,9f; 18.9). Immer geht es um außergewöhnliche Erscheinungen, die teilweise während des Gebets geschehen. Betend – so dürfen wir vermuten – suchte Paulus nach einer Weisung seines Herrn, und im Gebet wurde sie ihm auch geschenkt. Übrigens ist das Wort ein Lieblingsausdruck des Lukas. Es kommt außer bei ihm nur einmal bei Matthäus vor, wie die obige Stellenangabe zeigt. Die Weisung, nach Europa zu gehen, kommt nicht von innen heraus, sie kommt von oben herunter. Wieder geschieht eine entscheidende Weichenstellung durch ein ausdrückliches Eingreifen des Gottesgeistes. Neben der positiven Darstellung solcher besonderer Erlebnisse kennt die Bibel aber auch Gefahren eines falschen Vertrauens auf Träume, die nicht von oben, sondern von innen heraus kommen (vgl. Jer 23,27f.32; 29,8; Sach 10,2)! Wenn heute Leute von ihren Träumen berichten und andere Christen zur Befolgung der an sie ergangenen Befehle auffordern, ist zunächst nach der Übereinstimmung der Träume mit dem biblischen Wort zu fragen, Sodann kann niemand für seine Träume beanspruchen, was für das Gotteswort gilt: allgemeine Gültigkeit für alle Christen“ (Neudorffer, Apostelgschichte – Edition C 9/2, S. 115f).

Es ist ein Trugschluss zu meinen, dass die Klarheit allein in der Erscheinung lag. Eindrücke gibt es viele und die müssen geprüft werden. Hier wird das fortgesetzt, was schon in den Versen 6-8 praktiziert wurde: „Geistgeleitete Gemeinschaft“ (= Predigtthema, da der Geist zwar persönlich führt, aber dies nicht nur eine individuelle Erfahrung ist, sondern eine kollektive, gemeinsame). Richtig übersetzt die Elberfelder Bibel von daher in V. 10 (kommt in der Lu 84 leider so nicht klar genug heraus): „da wir schlossen“. Der griechische Ausdruck lautet hier „symbibatzo“ (= zusammenbringen, vereinigen / zusammenhalten / überzeugen) und steht in der Mehrzahl (= Paulus und seine Mitarbeiter [Silas, Timotheus, Lukas] tragen zusammen und beraten sich). Der Akzent liegt also darauf, dass es durch einen gemeinsamen Austausch zu einer gemeinsamen Erkenntnis bzw. Überzeugung kommt. Ein Verfahren der Geistesleitung, dass bereits aus Apg 15 bekannt ist: Durch das gemeinsame Ringen und prüfen wird die Wegführung des Hl. Geistes erkannt (15,28). Die Klarheit der Führung kommt also nicht allein aus der Erscheinung, sondern aus der gemeinsamen Erkenntnis, dass sie vom Herrn ist. So stellt sich eine dreifache Klarheit ein:

„1. Paulus hatte Klarheit über den Weg, den er gehen sollte. Nicht all zulange lief Gott seinen Knecht im Ungewissen. Durch ein Gesicht in Troas gab er ihm das Licht, das er brauchte. Eine dreifache Klarheit erfüllte jetzt sein und seiner Begleiter Herz. Zuerst hatten sie volle Klarheit über den Weg, den sie zu gehen hatten. Als der Mann nach Mazedonien zu kommen bat, verstand Paulus mit einem Schlage, weshalb der Geist ihm die Arbeit in Asien verwehrt hatte. Jetzt war ihm klar, weshalb er nicht durch Bithynien hatte reisen dürfen. Was er vorher entweder gar nicht oder nicht ganz verstehen konnte, das war ihm nun Licht geworden. Er sah, dass ihn Gott für Mazedonien bestimmt hatte. Dort lag die Arbeit, die er tun sollte. Welch eine Kraft liegt doch in dem Worte: ‚. . . dass uns der Herr dahin berufen hätte!‘ Wenn ein Abraham weiß, dass ihn Gott auswandern heißt, so kann er getrost seine Heimat verlassen. Wenn ein Elia weiß, dass er sich am Krith verbergen soll, so braucht er gar keine Sorge zu haben, dass es ihm dort zu einsam werde. Wenn ein Mose den Auftrag bekommt, zum Pharao zu gehen, so wird er nicht zuschanden vor ihm. Keine menschliche Garantie, kein Schutzbrief von Königen und Behörden, keine Leibwache von auserlesenen Truppen kann soviel nützen wie die Gewissheit, dass Gott einen bestimmten Weg haben will. Ein Soldat muss da stehen, wo der Feldherr ihn haben will. Ein Schäflein muss weiden, wo sein Hirte vor ihm hergeht. Die Bauleute müssen da arbeiten, wo es der Baumeister ihnen aufgetragen hat, und ein Knecht Gottes muss das Werk ausführen, zu dem der Herr ihn berufen hat. Nicht nur dem Paulus, sondern auch uns will der Herr Klarheit geben, welchen Weg wir gehen sollen. Jeder Christ pflegt sein Mazedonien zu bekommen, wo der Herr ihn brauchen will und wo er mit seiner Gabe einen Dienst für das Reich Gottes ausrichten darf.
2. Paulus hatte Klarheit über den inneren Zustand seines neuen Arbeitsfeldes. In Troas bekam Saulus nicht nur Klarheit über den Weg, den er zu gehen hatte, sondern auch Licht über den inneren Zustand des Arbeitsfeldes, auf dem er wirken sollte. Der Mazedonier, der ihm im Gesicht erschienen war, hatte ihn gebeten: ‚Komm herüber und hilf uns!‘ In dieser Bitte lag ein Bekenntnis. Der Vertreter des mazedonischen Volkes bekannte, dass er sich allein nicht helfen könne und sich nach Hilfe von außen sehne. Paulus konnte aus dieser Erscheinung den Schluss ziehen, dass in dem mazedonischen Volke ein besonderes Sehnen nach innerer Hilfe vorhanden war. Das musste ihn stark anziehen. Wie ein Weltmensch gern an Orte geht, wo Vorteil, Ehre oder Annehmlichkeit zu finden sind, so sucht ein rechter Prediger am liebsten die Plätze auf, wo verlangende Seelen ihn erwarten. Nicht immer hat Gott seinen Knechten solch günstiges Licht über ihren Wirkungskreis gegeben. Einem Jesaja zeigt er, das er zu einem Volk komme, dessen Herzen verstockt und dessen Augen geblendet sein würden (Jes 6,9f). Ein Jeremia muss hören, dass sein Volk ihm mit Feindseligkeit gegenüberstehen werde (Jer 1,18). Ein Hesekiel erfährt vom Herrn, dass seine Zuhörer zwar äußerlich sehr begierig nach Gottes Wort zu sein scheinen, aber im Herzen gar nicht daran dächten, ihr Leben nach diesem Worte einzurichten (Hes 33,30-33). Wie schön wäre es, wenn unser Herzensacker niemals dem jener Prophetenzuhörer gliche, sondern etwas von der Sehnsucht des Mazedoniers zeigte, die Gott durch sein Wort stillen will!
3. Paulus hatte Klarheit über das Heilmittel, das er bringen sollte. Paulus hatte nicht nur Gewissheit, dass er nach Mazedonien gehen müsse und dass dort heilsverlangende Seelen seien,, sondern auch Klarheit über das Heilmittel, welches dort die gewünschte Hilfe bringen würde. Er war gewiss, dass der Herr ihn nach Mazedonien berufen hatte, ‚ihnen das Evangelium zu predigen‘. Wenn man die klügsten und gebildetsten Menschen jener Zeit gefragt hätte: ‚Wie kann jenem mazedonischen Volk am besten von Grund auf geholfen werden?‘, so würden die Antworten wohl sehr verschieden gelautet haben. Der eine hätte vermehrte Bildung, der andere eine neue soziale Ordnung, der dritte andere Staatsformen und dergleichen mehr vorgeschlagen. In allem hätte manches Wahrheitsmoment liegen können. Aber das beste, gründlichste, göttliche Heilmittel war doch das, welches Paulus brachte, als er das teure Evangelium in jenes Land hineintrug. Auf die Bitte des mazedonischen Mannes um Hilfe war lebendige, geistgesalbte Verkündigung von Jesus die richtige Antwort. So ist es auch heute noch. Was brauchen unser Land und alle Länder der Erde in Kriegs- und Friedenszeiten? Sie brauchen das lautere Gotteswort. Dies ist die ‚Salbe von Gilead‘, die den ‚Schaden Josephs‘ (Amos 6,6) heilt (Jer 8,22). Darum lasst uns Jesu Mahnung befolgen: ‚Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende‘ (Mt 9,38)!“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 153-155).

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Geistesleitung“ und der Predigtanlass ist das Pfingstfest. So verbinden sich Predigttext und Predigtanlass in der Frage nach der Führung und Wirkung des Heiligen Geistes.

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Wesentliche Impulse zu dieser Predigtgliederung verdanke ich Wilhelm Wagner und Alfred Christlieb:

Geistgeleitete Gemeinschaft

A. eröffnet einen weiten Raum (V. 1-5)
a) durch die Berufung bewährter Mitarbeiter (V. 1f)
b) durch die Berufung auf eine bewährte Strategie (V. 3)
c) durch die Berufung auf bewährte Vorgaben (V. 4f)

B. benötigt gelegentlich einen Schlagbaum, (V. 6-8)
a) denn wir dürfen gehen
b) denn wir sollen sehen
c) denn wir bleiben nicht stehen

C. ist kein frommer Wunschtraum, (V. 9f)
a) sondern eine Vision
b) sondern eine Mission
c) sondern eine Passion