Apostelgeschichte

Predigthilfe vom 10.5.2009 – Apostelgeschichte 15, 1-21

Monatsthema: In der Gemeinde des Herrn leben
Predigtthema: Gefährdete Gemeinschaft

Bibelstelle: Apostelgeschichte 15, 1-21

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bietet z.B. Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. 7. Aufl. 1996 Bad Liebenzell: VLM, S. 123-134 (nachfolgend großteils in den Predigttipp eingearbeitet).

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Der Bericht der sogenannten Apostelversammlung ist von besonderer Bedeutung für uns, da wir hier entdecken, wie die ersten Gemeinden auf einen Lehrstreit eine gemeinsame Antwort gefunden haben. Das Erscheinen von Irrlehrern stellte eine ernsthafte Bedrohung des Gemeindelebens dar und war zugleich Störung und Trübung einer Zeit des Auftankens, welche den Aposteln in ihrer sendenden Gemeinde in Antiochia nach vielerlei Gefahren und Strapazen der ersten Missionsreise vergönnt war. Nun kommt die Bedrohung nicht von der feindlichen Welt, sondern von ‚gesetzlichen‘ Christen (vgl. Apg 14,27-15,2 mit 20,29f).

In Apg 15,1-21 entdecken wir, wie es im Konfliktfall in der Gemeinde Gottes zu einer Einigung kommt (= „gefährdetet Gemeinschaft“) und in Apg 15,22-33 entdecken wir, wie diese Einigung praktisch in den Gemeinden umgesetzt wird, damit es auch zu konkreten Auswirkungen im Gemeindeleben kommt (= „geschützte Gemeinschaft“). Diese beiden Predigttexte bilden eine Einheit und bauen aufeinander auf. Dies gilt es in der Verkündigung zu beachten.

Der Lehrstreit geht nicht um die Frage, ob Heiden zum Glauben kommen können (vgl. hierzu Apg 10+11), sondern es geht darum, wie Heiden zum Glauben kommen können! Es geht um die zentrale Frage ob die Gnade allein genügt oder ob es Gnade und Gesetz braucht, um zum Heil zu gelangen? Reicht allein der Glaube, oder braucht es Glaube und Werke, um zum Heil zu gelangen? Ein globaler Lehrstreit mit enormen lokalen Auswirkungen, der hier geklärt werden muss.

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Der Anlass des Konfliktes liegt in Antiochia und hat seine Ursache in einer falschen Lehrmeinung (V. 1-3). Die Lösung des Konfliktes erfolgt in Jerusalem, indem gemeinsam die Umkehr bzw. Heimkehr zur gesunden Lehre erfolgt (V. 4-21).

A) Konfliktanlass in Antiochia: Falsche Lehre (V. 1-3)

„Lernen wir daraus: Mitten in den schönsten Erholungszeiten wollen wir auf neue, gefährliche Überraschungen gefasst sein. Ewige Erquickungszeit wird es erst in der Heimat droben geben. Hier unten werden die Knechte Gottes von einer Schule in die andere geworfen, und es ist gut so“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 123).

a) Kennzeichen der Irrlehre (V. 1)
Bisher war das Merkmal der Zugehörigkeit zum Volkes Gottes die Beschneidung (= Bundeszeichen; vgl. 1Mose 17 mit 3Mose 12,3). Johannes der Täufer (Lk 1,59), Jesus (Lk 2,21) und Paulus (Phil 3,5) waren alle beschnitten. Auf dem Hintergrund dieser festen biblischen Tradition (= „das war schon immer so“) bricht nun die Frage auf, ob es überhaupt eine beschneidungsfreie Heidenmission geben kann?

Zum einen erkennt man Irrlehre daran, dass es zu einem falschen Zuschließen des Reiches Gottes kommt, denn nun gibt es ohne die Beschneidung keinen Zugang zum Heil. Die Forderung lautet nun: „Jesus und ….“. Zum anderen erkennt man Irrlehre daran, dass es zu einem falschen Aufschließen des Reiches Gottes kommt, denn nun muss man zuerst „Jude“ werden, um „Christ“ werden zu können.

V. 1: „Einige“ = wohl eine Minderheitenposition, die sich aber evtl. auf Autoritäten in Jerusalem berufen und somit Einfluss haben.

b) Folgen der Irrlehre (V. 2a)
So kommt es sofort zu einem „Zwiespalt“ in der Gemeinde und die bisherige Einheit innerhalb der Gemeinde wird zerstört. Während die gesunde Lehre die Geschwister miteinander verbindet, trennt die falsche Lehre die Gemeinde Gottes. War der Kampf bisher außerhalb der Gemeinde, so bringt falsche Lehre (wie auch falsches Verhalten – vgl. Apg 6) den Kampf nun in die Gemeinde.

c) Umgang mit der Irrlehre (V. 2b+3)
Da dieser Lehrstreit lokal in der Gemeinde in Antiochia nicht zu lösen war, soll er global an einer „übergeordneten“ Stelle in der Gemeinde in Jerusalem durch die dortigen Ältesten und die Apostel geklärt werden (= übergemeindliches Netzwerk). Aus diesem Grund zieht nun eine Delegation nach Jerusalem zur Klärung.

„Wenn wir ein Beispiel von gesegneter Reiseunterhaltung anschauen wollen, so können wir das Gespräch von Paulus und Barnabas auf dem Wege nach Jerusalem betrachten. Man hätte möglicherweise erwarten können, sie würden unterwegs bei den Brüdern in erster Linie von der traurigen Veranlassung und dem Zweck ihrer Reise sprechen, nämlich von dem Lehrstreit, der augenblicklich in Antiochia herrschte. Aber dieses Thema ließen sie zurücktreten. Wenn wir auch nicht aus unserem Vers den Schluss ziehen dürfen, dass niemals auf der Reise der Lehrstreit erwähnt worden sei, so geht doch dies eine sicher daraus hervor, dass dieser Streit nicht den Hauptgegenstand ihrer Gespräche bildete. Nicht von den traurigen Zuständen der Uneinigkeit oder von der Unklarheit derjenigen, die ihre Lehre blindlings als biblisch annahmen, flossen die Lippen der Apostel über. Von etwas ganz anderem redeten sie.
Welch eine Weisheit lag doch darin, dass sie die unangenehmen Vorgänge der letzten Zeit nicht in den Vordergrund ihrer Gespräche stellten, sondern zurücktreten ließen! Lasst uns daraus lernen, dass wir besonders in Zeiten, wo Zwiespalt und Zank die Gemüter erregen und erhitzen wollen, unser Herz und unsere Zunge zähmen, damit nichts von uns gesprochen werde, was schädliches Feuer weiterträgt und fördert.
Statt von der Verwirrung und dem Lehrstreit in Antiochien zu sprechen, redeten die Apostel auf ihrer Reise von einem lieblichen Thema, von der Bekehrung der Heiden. Sie griffen also in ihren Gesprächen auf das zurück, was vor dem Lehrstreit vorgekommen war, auf die köstlichen Erlebnisse von Erweckungen und Bekehrungen während der ersten Missionsreise.
Dies herrliche Gesprächsthema lässt uns einen Blick in das Herz der Apostel tun, denn wovon ihr Herz voll war, davon ging ihr Mund über. Wenn das Herz des Paulus und Barnabas nur von dem augenblicklichen Lehrstreit zu Antiochien voll gewesen wäre, wenn sie durch diesen Streit in Parteileidenschaft geraten wären, so wäre ihre Unterhaltung gewiss meist in Klagen ausgeklungen über die gesetzlichen Brüder, welche die vorher schöne Arbeit in Antiochien gestört hatten. Aber die Gespräche des Apostel zeigen uns, dass ihr Herz vom Geist des Streitens und Zankens frei geblieben war, dass ihr innerster Herzensgrund weniger von den Störungen der letzten Zeit, als vielmehr von der Freude an den großen Fortschritten des Reiches Gottes erfüllt war.
Damit geben Paulus und Barnabas besonders denjenigen Brüdern, an deren Ort Zwistigkeiten ausgebrochen sind, den wichtigen Wink: ‚Habt acht auf euer Herz, dass es nicht von dem Geist des Streitens und Zankens miterfasst werde! Sehet zu, dass ihr immer erfüllt seid von brennendem Eifer für den Bau des Reiches Gottes und die Rettung der Seelen, damit auch eure Lippen von jenem Gesprächsgegenstand überfließen!‘
[…] Hätten die Apostel überall nur Klagen über die Störenfriede angestimmt, so hätten sie mit ihrem Missmut auch in anderen Brüdern Missmut wachgerufen. Sie hätten dann andere durch ihre Worte herab gestimmt. So aber haben sie mit der guten Reiseunterhaltung andere innerlich gehoben und gestärkt. Sie durften Erquickungsspuren zurücklassen bei allen Brüdern, die sie besuchten“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 126-128).

So können wir an diesem apostolischen Beispiel lernen, dass man der Irrlehre entgegentreten muss, da wo sie auftritt. Aber man kann ihr auch den Boden entziehen bzw. sie bekämpfen, indem man fröhlich die gesunde Lehre und das ansteckende Zeugnis dessen was der Herr tut und will ausbreitet. So kommt es gerade im Angesicht der Gefahr nicht zur Resignation, sondern zur Ermutigung. Die Apostel bleiben nicht im „Contra“ stecken, sondern bezeugen eindeutig, eindringlich und eindrücklich das „Pro“, also wofür sie eintreten, und zeigen so, was es heißt: „Sie gehen durch das Tränental und machen es zu einem Quellort“ (Ps 84,7a).

B) Konfliktlösung in Jerusalem: Gesunde Lehre (V. 4-21)

Zuerst kommt es im Rahmen einer Generalversammlung der Gemeinde zu einer „Problembesprechung“ (V. 4f) und anschließend im Rahmen einer weiteren Versammlung der Gemeindeleitung zu einer „Problemlösung“ (V. 6-21). Um den Lehrstreit zu klären und zu lösen ist die Leitung gefordert, aber auch die Gemeinde wird informiert (vgl. V. 6 mit V. 12).

a) Konfliktbeschreibung in der Gemeindeversammlung (V. 4f)

Wie wichtig ist es doch, dass in der Gemeindeversammlung der richtige Ton angeschlagen wird und die Angelegenheiten in guter Weise angesprochen werden:
„1. Ihre Worte machten den Gläubigen Mut. Die Versammlung begann zu einer Stunde, wo vieles die kleine Herde mutlos machen konnte. Von der Welt her war eine anhaltende scharfe Feindschaft vorhanden, wie sich dies auf der ersten Missionsreise neu gezeigt hatte. Im Volke Gottes drohte durch die Beschneidungsfrage ein bedenklicher Zwiespalt. War da nicht viel Ursache, um am Fortgang des Reiches Gottes zu verzagen? Nun erzählten ihnen die Apostel die Taten Gottes unter den Heiden. Dadurch wurden die Augen der Hörer von allen betrübenden Vorgängen hinweg gelenkt auf die starke, treue Hand des großen Gottes, der eine Sache trotz aller Hindernisse weiterführt. Das konnte bekümmerte Herzen aufrichten und neuen Mut einflößen, was sehr not tat.
2. Sodann waren die Worte am Platze, weil sie verbindend wirkten. Es befanden sich ja in dieser Versammlung Anhänger sowohl als Gegner der Beschneidungsforderung. Es galt, beide zu verbinden. Hätten die Apostel sofort in ihrer ersten Ansprache ihr eigenes Urteil über die Beschneidung hervorgekehrt und die Gesetzeseiferer angegriffen, so wäre dadurch mancher Zuhörer verstimmt und der Gegensatz verschärft worden. Nun sie aber davon zunächst schwiegen und von Gottes Wirken erzählten, machten sie Bahn für eine Verständigung. Das Schauen auf Gottes Leiten war ein Boden, auf den alle Gläubigen sich stellen konnten.
3. Endlich spornten die Berichte zu neuer Treue gegen Gott an. Die Christen hörten, was Gott tat durch die, welche sich von ihm brauchen ließen. Das musste in allen den Wunsch erwecken, dass auch ihr Leben nicht unfruchtbar für das Reich Gottes bleibe.
Solche Worte, die Gottes Volk aufrichten, verbinden und zur Treue anspornen, sind heute noch überall am Platz“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 128f).

„Wie verschieden sind doch die Mitgenossen am Reiche Gottes! Da finden sich nicht nur Betrüger wie Zachäus, Raubmörder wie der Schächer, Huren wie Rahab, es gibt auch Pharisäer, die gläubig geworden sind. Wer hätte das früher von solchen Leuten gedacht, dass man manche von ihnen bei den Jüngern Jesu wiederfinden würde? Wenn wir die Pharisäer zur Zeit Jesu näher anschauen, so sind wir geneigt, an der Bekehrungsmöglichkeit derselben ganz zu verzweifeln. Welch eine geizige (Lk 16,14), ehrsüchtige (Mt 23,6f), selbstgerechte (Lk 18,11), oft heimtückische (Mt 22,15-17) Gesellschaft war dies! Wie suchten sie des Heilands Arbeit immer wieder zu stören und zu schädigen! Und siehe da: Der, dem die Starken zum Raube zufallen sollen, empfängt auch aus dieser Menschenklasse eine Anzahl zu seiner Beute! Wie sollte dies einerseits den Jüngern Jesu Mut machen, niemanden, auch nicht den hochmütigsten und selbstgerechtesten Menschen aufzugeben! Wie sollte es andererseits den Unbekehrten Mut machen, zu denken: ‚Wenn diese Pharisäer zum lebendigen Glauben kamen, so will ich nicht hinter ihnen zurückbleiben! Sie haben sich den festsitzenden Rock der eigenen Gerechtigkeit ausziehen lassen; ich will den meinigen nicht anbehalten. Sie haben sich durch die Feindschaft ihrer Standesgenossen nicht abschrecken lassen, sich der kleinen Herde anzuschließen; ich will mich durch etwas Spott nicht mehr zurückhalten lassen‘. […]. Nachdem Paulus von der Bekehrung der Heiden erzählt hatte, traten die gläubigen Pharisäer auf und verlangten, dass man die bekehrten Heiden beschneide und ihnen das Halten der mosaischen Gesetze zur Pflicht mache. Diese Forderung beweist, wie schwer die Pharisäer die alten pharisäischen Anschauungen bis zum letzten Rest ablegen konnten. Ein Stück vom alten Pharisäer wollte auch im Gnadenstande bei ihnen am Leben bleiben. […]. Der Herr gebe uns viele Pharisäer, die gläubig werden; aber er reinige auch die gläubigen Pharisäer von allem, was ihnen vom alten Menschen noch ankleben will!“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 129-131).

b) Konfliktlösung in der Gemeindeleitung (V. 6-21)

Nach einer hitzigen Debatte im Leitungskreis wird nach einem anerkannten Verfahren aus dem Alten Testament die Einigung erzielt. Grundlage bilden hierzu die Anweisungen zur Prüfung der Prophetie aus 5Mose 18,15-22 (vgl. auch 5Mose 13,1-6). Der Wunderbeweis (bzw. die Erfahrung) ist zwar schlagkräftig, aber allein nicht zwingend beweiskräftig. Sicherheit kommt immer erst durch die Bestätigung durch das Wort Gottes. Erfahrung und Schrift müssen zusammenpassen und in Übereinstimmung sein. So kommt es im Rahmen der Gemeindeversammlung nun zum einen zu einem „Erfahrungsbeweis“ (Petrus [V. 7b-12a] und Paulus/Barnabas [V. 12b]) und zum Schriftbeweis (Jakobus [V. 13-21]). Da beides in Übereinstimmung steht, kommt es zur Erkenntnis des Willen Gottes in dieser Frage. Hierbei gilt es zu beachten, dass wir zwar „beispielhaft“ beginnen können, aber dass immer mit dem Wort Gottes zu begründen ist. In der Bibel ist das letzte und entscheidende Wort gesprochen. Aber auch hier wird wieder deutlich: Lehre und Leben gehören zusammen (vgl. 1Thess 2,8). Paul Deitenbeck hat einmal treffend formuliert: „Wer an Jesus glaubt, wird Erfahrungen machen. Allerdings gründet sich sein Glaube nicht darauf; denn er lebt von jedem Wort, das Gott durch die Bibel zu ihm redet“.

* Diskussion (V. 6-7a)

„Wir hören auf der einen Seite eine Anzahl Judenchristen, wie sie aufs eifrigste die Notwendigkeit der Beschneidung und Gesetzesbeachtung aus der Schrift zu beweisen suchten. Wir hören andere, die das Gegenteil sagten. Lange Zeit wurde diese Frage erörtert, ohne dass Klarheit entstand. Endlich erhoben Petrus, Paulus, Barnabas und Jakobus ihre Stimme und zeigten den richtigen Weg. Ihr Wort drang mit göttlicher Kraft durch die ganze Versammlung. Die Nebel der Unklarheit verschwanden, und einmütige Überzeugung kam in alle Herzen. Diese bewahrten Vater in Christo, diese Männer voll Geistes waren es, durch die Gott Klarheit in die Streitfrage brachte. Beachten wir, dass die Apostel, deren Wort den Ausschlag gab, in keiner Weise herrschsüchtig auftraten! Sie beanspruchten nicht mehr Rechte und Geltung als alle anderen. Sie ließen die übrigen ungehindert zu Wort kommen und vergewaltigten die Versammlung auch nicht im geringsten. Gott aber verschaffte ihrem Worte Ansehen. Möge Gott an allen Orten, wo Schwierigkeiten vorliegen, demütige, bewährte, in seinen Wegen und in seinem Wort erfahrene Brüder schenken, durch die er Klarheit geben kann“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 131)!

Das Rettung allein aus Gnade erfolgt, wird in den Reden von Petrus, Paulus / Barnabas und Jakobus durch 6 „Beweise“ erhärtet (nach John MacArthur): Offenbarung (V. 7), Gabe des Geistes (V. 8-9a), Reinigung von Sünde (V. 9b), Unfähigkeit des Gesetzes zur Rettung (V. 10f), Realität von Zeichen und Wundern (V. 12) und Verheißung (V. 13-18). Der Boden auf dem die Einigung erzielt wird ist die erwiesene Gnade Gottes, die erfahrene Führung Gottes und das erklärte Wort Gottes.

* Rede des Petrus (V. 7b-11): Die Gnade Gottes

„Die zertrennte Christenschar fand sich zusammen auf einem Grunde, der auch heute noch alle wahren Jünger Jesu einigt, ob sie auch äußerlich durch mancherlei Organisationen und Lehrmeinungen getrennt sind. Welches ist dieser Boden? Es ist der Boden der Gnade Gottes, auf den die Rede des Petrus die Versammlung stellte (V. 11). Solange man über äußere Gesetze und Formen verhandelte, ob die gläubig Gewordenen auch noch die Beschneidung als äußeres Zeichen des Bundes mit Gott annehmen müssten oder nicht, gab es Streit und Zank. Als man sich aber in dem Wort. zusammenfand: ‚Wir (die beschnittenen Judenchristen) glauben durch die Gnade des Herrn Jesus Christus selig zu werden, gleicherweise wie auch sie (die nicht beschnittenen Heidenchristen)‘, da entstand liebliche Harmonie. Durch dieses Wort wurde man auf den einzigen, den gemeinsamen Heilsgrund der Gnade in Christus gestellt, auf dem allein wahre Einigkeit entstehen kann. Auf diesem Gnadenboden, der keinen Menschenruhm zuließ, der den Herrn allein groß machte, verband sich alles Getrennte wieder“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 131f).

* Rede von Paulus / Barnabas (V. 12): Die Führung Gottes

„Die Uneinigkeit war durch Leute entstanden, die glaubten, alle Christen müssten genau denselben Weg einschlagen, den sie selbst in ihrem Leben geführt waren. Sie kannten nur ihre eigene Führung. Als nun Petrus, Paulus und Barnabas ihnen noch andere göttliche Führungen erzählten (von Kornelius und den Heiden, die ohne Beschneidung und Gesetz der vollen Gnade teilhaftig geworden waren), da ging ihnen ein Licht auf. Sie sahen: Gott führt andere Menschen äußerlich anders als uns. Ihre Engherzigkeit schwand unter dem Anhören der Berichte der Apostel. Wie einst Petrus selbst durch seine Führung zu Kornelius weitherziger geworden war, so konnte er nun auch andere weitherziger machen, zumal Barnabas und Paulus seine Erfahrungen bestätigten. Wie betrübend ist es, wenn mancher in törichtem, blindem Fanatismus und in gesetzlicher Engherzigkeit verharrt, weil er immer nur auf seine eigenen Führungen blickt und sein Auge verschließt gegen die Wege und Leitungen Gottes mit anderen! Wollen wir zur Einigung des Volkes Gottes beitragen, so dürfen wir nie alle Gotteskinder in unsere Führung und Einrichtung hineinzwängen wollen, sondern müssen vor jeder göttlichen Leitung, auch wenn sie von der unsrigen ganz verschieden ist, Achtung haben. Auf dem Boden der göttlichen Führung reichen sich die verschiedenartigsten Christen von Herzen die Bruderhand“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 132).

* Rede des Jakobus (V. 13-21): Das Wort Gottes

„Petrus, Paulus und Barnabas hatten die getrennten Christen auf dem Boden der Gnade und der Führung Gottes vereinigt. Zum Schluss verband sie Jakobus auf dem Boden des Wortes Gottes. Wenn die, Judenchristen den unbeschnittenen Heidenchristen mit gutem Gewissen die Bruderhand reichen wollten, dann mussten sie soviel biblisches Licht bekommen, dass sie solche Vereinigung als schriftgemäß ansehen konnten. Eine Verbindung, die nicht auf dem Boden des Wortes stand, hätten sie niemals anerkannt. Nun hatten aber die Beschneidungs- und Gesetzeseiferer die Bibel ganz für sich und ihre Meinung in Anspruch genommen, indem sie sich auf das geschriebene mosaische Gesetz beriefen. Da war es nötig, dass Jakobus die einseitige Schriftbetrachtung durch eine gründlichere, vollständigere ersetzte. Er wies auf eine klare Schriftstelle hin, die auch den Heiden Anteil an Gottes Reich zusagt. Gott hatte durch Amos gesagt, dass die Aufrichtung des in Verfall geratenen Davidshauses allen Heiden zugute kommen solle (Amos 9,11f). Weil diese Aufrichtung in Jesu Reich verwirklicht ist, so hat Jakobus mit Recht aus dieser Stelle geschlossen, dass man die Heiden von dem Heil in Christus nicht ausschließen und dass man nicht verlangen dürfe, dass sie erst durch die Beschneidung Juden werden müssten. Gegen diesen Schriftbeweis konnten die engherzigen Judenchristen nichts sagen. Sie wollten doch auch die Schrift gelten lassen. Sobald die Anerkennung der unbeschnittenen Heidenchristen als biblisch berechtigt erwiesen war, stimmten alle ihr zu. Nicht Menschen-, sondern Gottes Wort hatte den Ausschlag gegeben. Die Rede des Jakobus zeigt uns klar: Je tiefer und vielseitiger wir in das ganze Wort Gottes eindringen, desto mehr werden wir vor trennender Einseitigkeit bewahrt und können an unserm Teil dazu beitragen, dass Gottes Volk verbunden wird“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 133).

V. 14: Hier gilt es grundlegend zu erkennen, dass Gott nicht sein altes Volk vergrößert, sondern dass er sich ein neues Volk beruft. Eine heilsgeschichtliche Betrachtung und Verständnis ist hier nötig, damit der biblische Gedankengang von Jakobus erfasst werden kann. Jetzt beginnt etwas Neues („zuerst“; V. 14) und „nach diesem will ich zurückkehren und wieder aufbauen die Hütte Davids, die verfallen ist“ (V. 16). Die Wiederherstellung Israels wird erst zukünftig im messianischen Zwischenreich (= Tausendjährigen Reich; vgl. Offb 20,1ff) erfolgen. Aber diese Zeit ist eben jetzt noch nicht, „damit [jetzt] die Übrigen der Menschen den Herrn suchen und alle Nationen, über die mein Name ausgerufen ist“ (V. 17). Das alttestamentliche Zitat aus Amos 9,11f spricht vom messianischen Zwischenreich, ist also gerade nicht auf das gegenwärtige Zeitalter anzuwenden, erklärt aber gerade dadurch, das im gegenwärtigen Zeitalter der Gemeinde etwas „Neues“ begonnen hat (vgl. Eph 3,1-13). Aber gerade deshalb hat wiederum auch das Volk Israel noch eine Zukunft, aber eben zukünftig, weil diese erst mit der Wiederkunft Jesu beginnt (vgl. z.B. Sach 8,20-23).
Zu beachten ist auch, welchen Namen Jakobus hier wählt. Er spricht nicht von Petrus (gr. = Fels) oder Kephas (aram. = Fels), Namen die sonst gebräuchlich und üblich waren, er spricht von Simon. Da die anderen Namen zugleich „Titel“ sind (vgl. Joh 1,42; Mt 16,18), unterstreicht Jakobus damit, das nun der „Bruder“ gesprochen hat und ebnet so den Weg zu einer brüderlichen und gemeinsamen Entscheidung (beachte Mt 23,8), die nicht von außen diktiert, sondern von innen her gemeinsam vor dem Herrn getroffen wird.

Drei Grundlinien zur Gewissheit des Willens Gottes sind in der Rede des Jakobus zu entdecken:
„Die Bibel bestätigte ihm eine göttliche Führung und machte ihn dadurch seines Weges ganz gewiss. Er hörte und sah die göttliche Führung von Petrus, Paulus und Barnabas. Die Stelle aus dem Propheten Amos bestätigte ihm dieselbe als richtig; nun war er des göttlichen Willens ganz gewiss.
Die Bibel befreite ihn von einem Irrtum, der tief in seinem ganzen Volke steckte. Den Juden war die Ansicht – man möchte fast sagen- in Fleisch und: Blut übergegangen: Wir sind das einzige Volk, das am göttlichen Heil Anteil hat. Durch die Schrift kam Jakobus zur Erkenntnis, dass diese althergebrachte Meinung nicht stichhaltig war, dass selbstsüchtiger Nationalstolz ihr zugrunde lag, und dass Gottes Heil allen Völkern gehörte. So können auch wir oft, ohne es zu ahnen, durch Volkssitte, Erziehung und dergleichen irrige Meinungen hegen, von denen nur treues, tägliches Forschen im ganzen Worte Gottes uns befreien kann.
Endlich gab die Bibel dem Jakobus Licht über die göttlichen Reichspläne. Er erkannte aus jener prophetischen Bibelstelle die Absicht Gottes mit den nichtjüdischen Völkern.
Auch uns gibt Gott in seinem Worte Licht über seine Gedanken, soweit es uns gut ist, bis hinaus auf den Tag seiner Herrlichkeit. Lasst uns den dreifachen Segen, den Jakobus aus dem Worte Gottes hatte, auch für uns suchen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 134)!

Auf den Vorschlag von Jakobus (V. 19-21) ist erst im Rahmen in der nächsten Predigt (15,22-33) genauer einzugehen, da die Ausführungen erst im Rahmen des Briefes (V. 23-29) verbindlich werden und von daher auch erst zu diesem Zeitpunkt ausgelegt werden sollten. Hier ist im Rahmen der Predigt der Hinweis förderlich, dass die Predigt im nächsten Gottesdienst eine Fortsetzung erfährt. Der Grundgedanke hat hier mit der Missionsstrategie zu tun: Da Mission in der Synagoge beginnt, wird diese Situation mit berücksichtigt, so dass nicht nur Juden Heiden nicht unnötig beschweren dürfen, sondern auch die Heiden Juden nicht unnötig beschweren dürfen.

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Apg 15 bildet sowohl in struktureller als auch theologischer Hinsicht das Zentrum der Apostelgeschichte. Im Rahmen der Missionsgeschichte kommt es nun zur abschließenden Klärung der Frage, wie das Evangelium von den Juden zu den Heiden kommt. Gott hat Unbeschnittenen auf Grund ihres Glaubens seinen Geist gegeben (vgl. 15,7-12 mit Apg 10,44-46) und hat verheißen, ein unbeschnittenes Volk mit dem beschnittenen Volk zu einem neuen Volk zu vereinen (vgl. 15,13-21 mit Amos 9,11-12). Aus diesem Grund müssen Heiden nicht zuerst Juden werden, um Christen zu werden (vgl. Röm 2,28f; 1Kor 7,19; Kol 2,11f)! Hier erfolgt also der endgültige Durchbruch zur beschneidungsfreien Heidenmission.

Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Streit“. In Apg 15,1-21 wird deutlich, wie in den ersten Gemeinden mit theologischen Streitfragen umgegangen wurde. Von diesem Beispiel her sind in der Predigt aktuelle Lösungswege für den Umgang mit Konflikten aufzuzeigen.

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Gefährdete Gemeinschaft:
A. Trennende Auseinandersetzung (V. 1-3)
B. Klärende Auseinandersetzung (V. 4-6)
C. Verbindende Auseinandersetzung (V. 7-21)
a) Verbunden durch die Gnade Gottes (V. 7-11)
b) Verbunden durch die Führung Gottes (V. 12)
c) Verbunden durch das Wort Gottes (V. 13-21)

Nach Hans Pfau:
a) Hoffnungslos verloren
b) Kompromisslos befreit
c) Bedingungslos angenommen