Matthäus

Predigthilfe vom 22. Oktober 2017 – Matthäus 6, 12

Predigtthema:         Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – „VATER UNSER“ Teil 7

Predigttext:              Mat 6,12-15 und Mat 18,21-35 (Vorschlag zur Textlesung)

Die Predigthilfe zum Vater Unser enthält eine Einleitung und eine jeweils aktuelle Auslegung zum Text bzw. Thema. Wer bereits die Einleitung von den vorherigen Sonntagen gelesen und bearbeitet hat, kann direkt weiter gehen zu: 1.3 Anmerkungen zum Verständnis des aktuellen Predigttextes

Einleitende Gedanken – Was soll man da bloß predigen? 

Mancher fragt sich vielleicht: Warum muss man 9 Sonntag lang über das Vater unser (sechs Verse der Bibel) predigen? Wie soll man eine Sonntagspredigt gefüllt bekommen, wenn man nur einen Teil eines Verses oder Satzes als Textgrundlage zur Verfügung hat?

Keine Angst – die Bibel gibt uns genügend Material!

Lass Dich darauf ein, sei gespannt und staune selbst – was Gott Dir in der Vorbereitung schenken will.

Die Themenpredigt – was ist das?

Die Predigtreihe über das VATER UNSER gibt uns einen Einblick in die verschiedenen Themenbereiche, die Jesus in seiner Gebetsanleitung für seinen Jünger anspricht. Dazu dienen die jeweiligen Versteile des Textes als Ausgang. Verbunden mit weiteren Parallelstellen aus anderen Büchern der Bibel, wird sich das Verständnis und die Bedeutung des VATER UNSER vertiefen und uns praktisch Anwendungen geben.

Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes.

Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!

  1. Sehen, was dasteht

 

Verschiedene Bibelübersetzungen um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).

1.1 Allgemeine Hinweise zum „VATER UNSER“.

  • Das „VATER UNSER“ ist eine Lehrstunde über das Gebet

Das Gebet ist immer ein Indikator für die Gottesbeziehung. Es ist das natürliche Gespräch zwischen einem Kind Gottes mit seinem Vater im Himmel. Wer nicht betet, schwächt seine geistliche Beziehung zu Gott und vergisst welch ein Vorrecht es ist mit dem heiligen Gott reden zu dürfen.

Jesus und sein Gebetsleben ist daher ein Vorbild für uns und lehrt uns die rechte Art und Weise des Gebetes. In den Evangelien erleben wir Jesus in seiner tiefen und lebendigen Beziehung zum heiligen Gott. Jesus betete in vielen Situationen – oft auch allein (Lk 6,12, 9,28-29). Sein vertrautes und vollmächtiges Gespräch (Gebet) mit dem Vater, war der Anlass, dass die Jünger selbst lernen wollten, so zu beten wie Jesus. (Lk. 11,1)

Das Vater UNSER ist also eine Antwort auf die Frage – wie man richtig betet.

  • Das „VATER UNSER“ ist eine Anleitung zum Gebet

Jesus sagt in Mt 6,9 „Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten“. Jesus betont damit, dass das VATER UNSER kein vorformuliertes Gebet sein möchte, das man wörtlich runterbetet oder gar runterleiert. Vielmehr ist es eine Gebrauchsanweisung, die uns aufzeigt, welche Motivation, Inhalte und Ziele ein Gebet enthalten soll. Wir finden in Matthäus 6:

Mt 6,5             Motivation des Gebets       – aufrichtig, nicht wie die Heuchler

Mt 6,6             Orte des Gebets                  – verborgen, nicht zur öffentlichen Show

Mt 6,7             Form des Gebets                – überlegt, nicht wie die Gottlosen

Das VATER UNSER zeigt also die wesentlichen Inhalte eines Gebetes:

(In Klammer der Aufbau unserer Predigtreihe):

Mt 6,9             Adressierung            : An Gott den Vater

V.9a    Gottes Wesen (Predigt Teil 1: Vater unser im Himmel)

Mt 6,9-10       Orientierung: Zuerst kommen die Anliegen des Schöpfers

V.9b    Gottes Name (Predigt Teil 2: Geheiligt werde dein Name)

V.10a Gottes Reich  (Predigt Teil 3: Dein Reich komme)

V.10b Gottes Wille   (Predigt Teil 4:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden)

Mt 6,11-13    Konkretisierungen: dann die Anliegen der Geschöpfe

V.11    Gegenwart: Versorgung

(Predigt Teil 5: Unser tägliches Brot gib uns heute)

V.12    Vergangenheit: Vergebung

(Predigt Teil 6: Und vergib uns unsere Schuld)

                       (Predigt Teil 7: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern)

V.13    Zukunft: Versuchung

(Predigt Teil 8: Und führe uns nicht in Versuchung

(Predigt Teil 9: Erlöse uns von dem Bösen)

  • Das „VATER UNSER“ ist ein prophetisches Gebet

Das Gebet greift die alttestamentlichen Verheißungen für das Volk Israel auf und richtet den Blick auf das kommende messianische Königreich auf Erden. Es ist ein weitreichendes Gebet, das über unser gegenwärtiges Gemeindezeitalter hinausgeht und seine Erfüllung durch das zweite Kommen Jesu erbittet (Mt 10a Dein Reich komme…).

Das VATER UNSER ist eingebettet im Kontext der Bergpredigt (Mt 5,1ff bis 7,28f), die eben dieses kommende irdische Königreich verkündigt. Wenngleich sich das Gebet vor allem an einen jüdischen Jüngerkreis richtet, so ist es kein ausschließliches Gebet für Israel. Auch die Gemeinde erwartet das zweite Kommen des Herrn und die Aufrichtung des 1000jährigen messianischen Königreichs hier auf Erden, in dem dann sein Wille wie im Himmel, so auch auf Erden geschehen wird (Mt.10b).

  • Das „Vater Unser“ ist kein frommes Gebetsritual

In Matthäus 6 spricht sich Jesus gegen eine falsche Frömmigkeit aus, die den Glauben vor den Menschen zur Schau stellen aber nicht im Herzen tragen. Jesus spricht

  • vom „rechten Almosen“ Mt 6,1-4
  • vom „rechte Beten“ Mt 6,5-15
  • vom „rechten Fasten“ Mt 6,16-18, welches im Verborgenen geschieht.

Das VATER UNSER soll eben nichts Aufgesetztes sein, das man in der Öffentlichkeit oder im Gottesdienst einfach betet um von anderen gehört oder gesehen zu werden. Nur weil jemand das VATER Unser betet ist das noch kein Anzeichen von echter Frömmigkeit. Es besteht eher die Gefahr, dass das VATER UNSER durch eine feste Gottesdienstliturgie nur oberflächlich als ein traditionelles Gebetsritual herunter geplappert wird. Hier stellt sich die Frage, ob Jesus das wörtliche VATER UNSER für die Gemeinde wirklich angeordnet hat.

Wenn, dann kann das VATER UNSER nur im selben Sinn ein wörtliches Gebet sein, wie es die Psalmen (z.B. Ps. 23) auch sein können. Bibelabschnitte auswendig zu lernen oder Gottes Wort betend zu lesen ist eine wertvolle Hilfe – nicht nur in persönlichen Notzeiten. Doch die Motivation des Gebets ist und bleibt der entscheidende Faktor.

1.2 Hilfen zum Verständnis des Predigttextes

Adams, Yay E. „70 x 7: Das Einmalsein der Vergebung“ CMV

Barclay, William: Matthäusevangelium 1 – Auslegung des Neuen Testamentes, Aussaat Verlag; Neukirchen Vluyn

Platte, Eberhard „Lehre uns beten, Herr (Gedanken zum Vater unser)“ 2011, Eigenverlag E.Platte, Wuppertal

Sorg, Theo „Wenn ihr aber betet…“ 1989, Verlag Junge Gemeinde Stuttgart

Wasserzug, Gertrud „Vater-Unser-Betrachtungen über das Gebet des Herrn“ 1994, Schriftenmission Bibelheim Böblingen

1.3 Anmerkungen zum Verständnis des aktuellen Predigttextes

Am letzten Sonntag haben wir den ersten Teil der zusammenhängenden Bitte um die Vergebung betrachtet.     „Vergib uns unsere Schuld, (Teil 1)

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ (Teil 2) Mat 6,12

Beide Teile gehören eigentliche zusammen. Um aber eine Doppelung zum vorherigen Sonntag zu vermeiden soll eine thematische Abgrenzung, wie sie in der tabellarischen Gegenüberstellung vom letzten Predigttipp ersichtlich ist, helfen (siehe Predigthilfe vom 15.10.2017 unter 1.3.).

Evtl. wäre es auch sinnvoll sich nochmals bei den Gottesdienstteilnehmern zu erkundigen, was der Prediger am letzten Sonntag gepredigt hat.

Vielleicht der schwerste aller Bereiche, wenn es um Vergebung geht.

Gott um Verzeihung zu bitten scheint oft einfacher zu sein, als Menschen, die uns mutwillig Böses angetan haben Vergebung zu gewähren. Oft leidet der Betroffene selbst noch mehr unter der Schuld, als der Täter. Wieviel Last und Bitterkeit, Groll und Unmut tragen wir mit uns herum, weil wir den Menschen nicht vergeben können, die an uns schuldig geworden sind. Manchmal sind es Wochen, Monate, Jahre oder Jahrzehnte, wo Gedanken über Schuld einen Menschen gefangen halten.

Das VATER UNSER will mit der Vergebungsbitte genau hier diese Wunden heilen.

  1. WIE – ist denn das „Wie“ zu verstehen?

Das Wörtlein „wie“ stellt einen direkten Zusammenhang zum 1. Teil der Bitte her. Keine andere Bitte im VATER UNSER enthält so einen herausfordernden und weitreichenden Nachsatz. Es scheint eine Bedingung zu sein: „…wie wir unseren Schuldigern vergeben.“ Beachten wir die anschließende Ermahnung Jesu in Mt 6,14-15, dann bekommt dieses „wie“ ein großes Gewicht.

Hier stellt sich die Frage, die wir evtl. mit Angst und einer gewissen Skepsis stellen: Ist die Vergebung meiner Schuld wirklich abhängig von meiner Vergebungsbereitschaft gegenüber meinen Mitmenschen???

Gott weiß doch, was dieser oder jener mir angetan hat, das kann man nicht einfach vergeben. Gott hat doch Verständnis dafür, dass ich gewisse Dinge nicht vergeben kann???

Betrachten wir noch weitere Textpassagen bleibt uns fast die Spucke weg. Denn in Mt 18,21-35 wird vom Schalksknecht gesprochen, der eine unbezahlbare Schuldenhöhe von 200 000 Jahreslöhnen auf Grund der Barmherzigkeit seines Herrn erlassen bekam, aber nach seinem eigenen Schuldenerlass einem seiner Schuldner, der ihm nur drei Monatslöhne schuldete, keine Barmherzigkeit noch Vergebung bereit war zu geben.

Zwei Dinge sind hier wichtig zum Verständnis.

  1. Der Text und die Aussagen müssen im heilsgeschichtlichen Zusammenhang verstanden werden. Siehe dazu die Anmerkung unter: 2.1 Hinweise für hermeneutische Überlegungen (Auslegung).
  2. Die Heilige Schrift macht dennoch deutlich, dass der Herr kein Verständnis für unsere mangelnde Vergebungsbereitschaft gegenüber unseren Schuldner hat.

Wenn wir anderen Menschen, die an uns schuldig geworden sind, die Vergebung verweigern, macht das etwas mit unserer Beziehung zu Jesus. Wir selbst finden nicht zum Frieden, verlieren die herzliche Gemeinschaft mit Jesus und es fängt eine bittere Wurzel an zu wachsen (Heb 12,15). Wenn wir anderen nicht vergeben machen wir uns selbst wiederrum schuldig und haben womöglich das Bewusstsein verloren, dass es allein Gottes Barmherzigkeit und Gnade war, der doch bereits unsere Schuld vergeben hat.

  1. „unseren Schuldigern“ – Wer wird an uns schuldig?

In dieser in Sünde gefallenen Welt leben wir in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, die ebenso der Sünde und Schuld unterworfen sind. Wir werden immer in irgendeiner Weise aneinander schuldig! Wohl geht es hier um die Schuld anderer – aber es ist doch unausweichlich, dass auch wir an anderen schuldig werden. Immer da, wo wir uns höher achten, lügen, unfreundlich und ungeduldig sind oder schroff miteinander umgehen und unseren Willen im Egoismus durchdrücken und den anderen bedrängen und bedrohen, werden wir aneinander schuldig und bedürfen der Vergebung des anderen.

Wenn wir aneinander schuldig werden hat es zwei Seiten, die wir sehen müssen.

  1. Bei dem von Schuld Betroffenen bewirkt es eine tiefe Verletzung und Erfahrung mit einer prägenden Erinnerungskraft.
  2. Bei dem Schuldigen, der die Tat begangen hat bewirkt es ein Schuldgefühl, das die jeweilige Beziehung belastet und zerstört.

Oft tun wir uns sehr schwer, Schuld anzusprechen oder dem der an uns schuldig geworden ist zu vergeben. Im Gebet lädt Jesus gerade dazu ein, dass wir den Vater darum bitten sollen und dürfen, dass wir die Bereitschaft zur Vergebung empfangen.

  1. „Auch wir vergeben“ – Wie vergeben wir unseren Schuldigern?

Gott selbst ist das Vorbild für gelebte Vergebung. Er ist der Maßstab und an ihm sehen wir wirklich was echte Vergebung ist.

Folgende Punkte sollen verdeutlichen was echte Vergebung ist und was nicht.

  • Echte Vergeben ist nichts Herablassendes

Schnell kann man vielleicht einem sagen: „Ich vergebe dir“. Wenn ich anderen in der Art vergebe gibt es ein tolles Gefühl, besser zu sein als der andere. Eine fehlende Demut zeigt eher auf, dass wie unsere eigene Vergebung der Schuld nicht wirklich wahr und ernst genommen haben. Ähnlich ist es auch, wenn jemand zu empfindlich reagiert und schnell persönlich betroffen ist. Manchmal müssen wir lernen das Verhalten und die Taten von gewissen Charakteren richtig einzuordnen (Pred 7,21). Wenn jemand sofort beleidigt ist, zeigt das auch etwas von seiner Selbstgerechtigkeit und seinem Stolz. Der nimmt sich evtl. auch zu wichtig.

  • Echte Vergebung verzichtet auf das eigene Recht

Vergebung geschieht nur da, wo ich verzichte recht zu haben. Hat z.B. einer nicht bemerkt, dass er sich schuldig gemacht hat, so warte du nicht bis er kommt. Es ist manchmal wichtig, auch wenn es Überwindung kostet, diesen im persönlichen Gespräch auf seine Schuld aufmerksam zu machen (Mt 18,15ff). Nicht mit dem Hintergedanken, ihm mal die Meinung zu sagen oder klar zu machen wer im Streitgespräch recht hatte. Auch haben wir keine Entschuldigung zu erwarten – das ist wohl oft unser Grundfehler, dass wir erst meinen vergeben zu können, wenn der andere seine Schuld eingestanden hat und sich entschuldigt. Liebe und Vergebung machen zuerst den Schritt und sprechen die Schuld offen an. Den Schuldigen daher auf seine Schuld aufmerksam zu machen ist ein Akt der Barmherzigkeit und Liebe. Sie ermöglicht dem anderen sein Verhalten zu korrigieren und sich miteinander zu versöhnen.

  • Echte Vergebung ist ein Versprechen

Es ist keine echte Vergebung, wenn wir immer wieder davon reden und neu davon anfangen die alte Schuld hervorzuholen. Schuld ist dann vergeben, wenn wir die Sünde, wie Gott es tat, in die unerreichbaren Tiefen des Meeres versenken (Mi 7,19) und an die Schuld des anderen nicht mehr gedenken (Jes 43,25; 44,22 vgl. Heb 8,12; 10,17).

Vergebung ist daher eine Selbstverpflichtung…

  • die vergebene Schuld nicht mehr dem Schuldner gegenüber zu erwähnen
  • über die Angelegenheit auch nicht mehr mit Dritten zu besprechen
  • die Schuld vor mir selbst und Gott ruhen zulassen

 

  • Echte Vergeben ist manchmal schwer und benötigt viel Glaube

Es gibt Vergehen über die kommt man schnell hinweg und kann dem anderen auch zeitnah vergeben. Aber es gibt Geschehnisse, da haben Personen sich so vergangen, dass ein schnelles Vergeben nicht möglich ist. Vergebung benötigt manchmal seine Zeit. In Markus 11,23-26 berichtet Jesus von einem Glauben der Berge versetzen kann. Da ist so eine Schuld, die vor uns steht wie ein unüberwindbarer Berg. Einen Schuldenberg, den andere in meinem Leben verursacht haben, ich aber in meiner tiefen Bitterkeit und meinem Hader unbeweglich mache. Hier benötigt es Glauben, dass der Herr über jeder Schuld steht, die an mir begangen wurde. Im Glauben können Berge der Anklage, des eigenen Zorns und unsere Bitterkeit abgetragen werden. Es braucht das Vertrauen zu Gott, dass er jedes Vergehen an mir gesehen hat, zugelassen hat und es hätte verhindern können. Nur im Glauben an Gottes Fürsorge und Güte kann man so eine große Schuld vergeben und loslassen (vgl. Joseph in 1Mo 50,17-20).

  • Echte Vergebung schließt Rachegedanken aus

Manchmal wollen wir die Schuld des andere nicht vergeben, weil wir uns selbst in dieser Opferrolle gefallen. Echte Vergebung beendet die mitleidige Opferrolle und die Vergeltungsgedanken. Es befreit von den Überlegungen, wie man es dem anderen heimzahlen kann oder zum Gegenschlag ausholen könnte. Echte Vergebung begräbt den eigenen Rachegedanken und überlässt die Gerechtigkeit dem Herrn (Röm 12,17-20; 1Petr 3,9).

  • Echte Vergebung ist das Wesen des Evangeliums

Die eigene Vergebung darf nicht nur für sich allein in Anspruche genommen werden. Vergebung ist ein Empfangen und Weitergeben. Was Jesus für mich tat, das tat er auch für den anderen. Wenn Jesus dem anderen alles vergibt, wer bin ich, dass ich ihm nicht vergebe. Paulus erinnert daran, dass Vergebungsbereitschaft ein Beweis und eine Haltung des gläubigen Christen ist. Er fordert zur gegenseitigen Vergebung auf (Eph 4,32; Kol 3,13) Johannes erinnert, dass Jesus uns vergeben hat und darum auch im Glauben verpflichtet ist, die Geschwister zu lieben (1Joh 2,12).

  • Echte Vergebung ist endlos

Das widerstrebt im ersten Moment unserem Empfinden. Doch so wie Gottes Vergebung keine Grenzen setzt für den der bereut, so darf auch unsere Vergebungsbereitschaft keine Grenzen haben gegenüber dem Nächsten. Ob sieben Mal am Tag oder 7×70 Mal (Mt 18,21-22; Lk 17,3-4), die Liebe Gottes sie erträgt alles, sie glaubt alles und sie hofft alles (1Kor 13). Die Liebe rechnet nichts zu, lässt sich nicht erbittern. Das ist eine Herausforderung, die wir nicht von uns aus leben können – das kann nur Jesus allein in uns bewirken.

  • Echte Vergebung macht Versöhnung möglich

Wir müssen unterscheiden zwischen Vergebung und Versöhnung. Versöhnung ist die völlige Wiederherstellung einer Beziehung die auf Gegenseitigkeit beruht. Vergebung dagegen ist immer zuerst einseitig. Wir sollen unseren Schuldnern vergeben, ob sie ihre Tat einsehen, erkennen und bereuen oder nicht. Manche Schuld wiegt so schwer, dass keine Versöhnung oder tiefe Freundschaft mehr zwischen den betreffenden Menschen möglich ist. Wenn es auch dann zu keiner Versöhnung kommt – eine Vergebung ist immer möglich.

  • Echte Vergebung hat seinen Preis

Vergebung ist nicht nur ein schwieriges Thema, sondern auch ein kostspieliges. Es war ein schweres Opfer was Jesus darbrachte um uns zu vergeben, es war teuer und kostete sein Leben (1Pet 1,18-19). So kann auch die Vergebung gegenüber meinem Nächsten für uns oft ein schweres Opfer sein. Vergebung kostet vielleicht auch mir an manchen Stellen des Lebens meinen Stolz, mein Ich und mein Ego, meinen Hochmut oder meine Selbstgerechtigkeit.

  • Echte Vergebung ist eine große Macht die befreit

Alle Anspannung, Belastung, Gedankenzwänge und die schlaflosen Nächte enden wo Gottes Vergebung in unsere Beziehungen kommt. Vergebung macht mich los von den Ketten der Bitterkeit, des Hasses und dem Gefühl der Gefangenheit. Vergebung macht das Leben leichter, schafft Freude und bereitet den Weg zur Versöhnung (Ps 13,6; 21,2; Ps 51,14; Jes 61,10).

Jay E. Adams sagt: Vergebung bedeutet: Ich gebe dem anderen das, was er braucht, nämlich Versöhnung. Wenn wir Vergebung so verstehen, werden wir auch fähig sein Vergebung zu üben, selbst wenn unsere Gefühle dem entgegenstehen.

  1. Verstehen, worum es geht

2.1 Hinweise für hermeneutische Überlegungen (Auslegung)

  • Wenn Gott uns tatsächlich nur in dem Maß vergeben würde, wie wir bereit sind anderen zu vergeben, würde das für uns unerträglich und schrecklich enden. Wir hätten alle keine vollkommene Vergebung und wären vermutlich nicht gerettet.
  • Wenn es eine Bedingung ist, dass die eigene Vergebung von der Vergebungsbereitschaft untereinander abhängig ist, dann wäre meine Vergebung eine Folge meiner Tat und ein Menschenwerk. Dies würde aber der Vergebung aus der Gnade Gottes widersprechen.

Daher müssen die Evangelien und auch das VATER UNSER mit der Vergebungsbitte im heilsgeschichtlichen Kontext verstanden werden. Als Jesus dieses Gebet seinen Jüngern lehrt, befanden sich die Jünger noch unter der Heilszeit des Gesetzes. Das Kreuz mit dem vollkommenen Sühnetod Jesu war noch nicht vollbracht. Die Schuld noch nicht bezahlt, die Vergebung im neutestamentlichen Sinne noch nicht möglich.

Später finden wir in den neutestamentlichen Briefen solche Bedingungen nicht mehr, wenngleich auch die Aufforderung zur gegenseitigen Vergebung ein zentraler Bestandteil des christlichen Lebens ist und ein Beweis für die Echtheit meines Glaubens darstellt.

2.2 Hinweise für situative Überlegungen (Predigtanlass)

Es ist hilfreich, sich bewusst zu werden, dass sicherlich Zuhörer anwesend sind die untereinander zerstritten sind und evtl. seit vielen Jahren unvergebene Schuld mit sich herumtragen. Es mag sein, dass Glaubensgeschwister oder Ehepaare nicht mehr oder nur noch das Nötigste miteinander reden.

Die Predigt soll einladen, einander zu Vergeben – das schönste und herrlichste Geschenk Gottes im Leben auszupacken oder sich gegenseitig zu schenken.

2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen (Anwendung)

Vergebung ist in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen und Gemeinden immer ein aktuelles Thema.

Die größte Blockade unseres Gemeindelebens und Gemeindewachstums ist wohl die mangelnde Bereitschaft zur gegenseitigen Vergebung.

Die Anwendung muss in beide Richtungen gehen. Sie soll den Schuldigen als auch den Betroffenen ansprechen.

Daher sollte man Betroffene fragen:

  • Wo fehlt es an der Bereitschaft, die Menschen die an uns schuldig geworden sind durch Vergebung frei zu lassen?
  • Wo fehlt es an der Bereitschaft, die alten Erinnerungen durch Vergebung begraben zu lassen?

Den Schuldigen darf man fragen:

  • Wo fehlt es an Schuldgeständnis und der Bereitschaft auf den zuzugehen, an dem ich schuldig geworden bin?
  • Wo zögerst du oder duldest du eine zerbrochene oder zerstörte Beziehungen zum Nächsten, obwohl du weißt und merkst, hier wäre der Weg zur Versöhnung möglich?
  1. Sagen, wo es hingeht

3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?

Die Zuhörer sollen sich der christlichen Pflicht bewusst werden, dass der Herr unsere mangelnde Vergebungsbereitschaft nicht duldet.

Es ist zum eigenen Schaden, wenn wir unseren Schuldigern nicht vergeben, wir selbst berauben uns um ein befreites und fröhliches Christenleben.

Gott hat es mit der Erlösung möglich gemacht, dass auch wir unseren Schuldigern vergeben können.

  • Seine Erlösung schenkte uns selbst die Befreiung durch die Vergebung
  • Seine Erlösung schenkte uns selbst den Glauben an die Vergebung
  • Seine Erlösung schenkte uns selbst die Kraft zur Vergebung

3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?

Weil Jesus mir grenzenlos vergeben hat ist es auch möglich meinem Nächsten grenzenlos zu vergeben.

Wir berauben Gott, den Nächsten und uns selbst, wenn wir die Vergebung, die wir selbst empfangen haben, nicht weitergeben.

Dem anderen zu vergeben ist oftmals ein schweres Opfer und scheint uns alles abzuverlangen. Jesus kann hier deinen Kampf zu Vergeben mitempfinden. Er selbst hat für dich das schwerste Opfer gebracht.

Es benötigt eine feste Beziehung zu Jesus und ein tiefes Vertrauen, dass wir anderen vergeben können. Gottes Liebe, die er in unsere Herzen ausgegossen hat, schafft die Fähigkeit, dass wir unseren Schuldigern vergeben können.

3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?

  1. Jesus schenkt uns selbst die Befreiung durch die Vergebung
  2. Jesus schenkt uns selbst den Glauben an die Vergebung
  3. Jesus schenkt uns selbst die Kraft zur Vergebung

 

  1. Gefangen in mangelnder Vergebungsbereitschaft
  2. Folgen von mangelnder Vergebungsbereitschaft
  3. Befreit von mangelnder Vergebungsbereitschaft

Nach Theo Sorg

  1. Womit wir anderen helfen sollen
  2. Womit wir uns selbst belügen könnten
  3. Womit wir anderen eine Brücke zu Gott sind

3.4 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?

Zehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg besuchten einige Deutsche eine Gruppe Christen in Polen. Sie machten klar, dass es ihnen um den Aufbau neuer Beziehungen zwischen den beiden Völkern ging. Ob die polnische Seite damit einverstanden wäre? Nach einigen Minuten Schweigen meldete sich ein Pole zu Wort: „Was Sie erbitten, ist unmöglich! So etwas können wir nicht vergeben!“ Ehe die Gruppe sich verabschiedete, beteten sie noch das Vaterunser. Als sie jedoch zu der Bitte Jesu und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern kamen, hörte jeder auf zu beten. Nach einer Weile meldete sich der Pole wieder: „Auf Ihre Frage muss ich Ihnen doch mit Ja antworten; wie soll ich das Vaterunser jemals beten können? Menschlich gesehen kann ich nicht; aber Gott wird mir dabei helfen.“

(Philip Yancey, Gnade ist nicht nur ein Wort, Brockhaus + Franz, 1999)

Vergebung ist einer der kräftigsten Ausdrücke der christlichen Liebe. Thomas Brown sagt in „Christian Morals“, Vergeben bedeutet „den Vorhang der Nacht vor die Verletzungen zu ziehen, sie im Turm der Vergessenheit einzusperren und sie zu behandeln, als wären sie nie geschehen. Den Feinden zu vergeben und doch zu hoffen, dass Gott sie bestraft, ist keine vollständige Vergebung. Ihnen von uns aus zu vergeben und Gott nicht darum zu bitten, ihnen ebenso zu vergeben, ist nicht genug vergeben. Es ist nur ein Teilstück der Nächstenliebe. Vergib deinen Feinden total, ohne Rückhalt.“

Klaus Eberwein