Matthäus

Predigthilfe vom 15. Oktober 2017 – Matthäus 6, 12

Predigtthema:         Und vergib uns unsere Schuld… – „VATER UNSER“ Teil 6

Predigttext:              Mat 6,12 und Psalm 103,1-14 (Vorschlag zur Textlesung)

Die Predigthilfe zum Vater Unser enthält eine Einleitung und eine jeweils aktuelle Auslegung zum Text bzw. Thema. Wer bereits die Einleitung von den vorherigen Sonntagen gelesen und bearbeitet hat, kann direkt weiter gehen zu: 1.3 Anmerkungen zum Verständnis des aktuellen Predigttextes

Einleitende Gedanken – Was soll man da bloß predigen? 

Mancher fragt sich vielleicht: Warum muss man 9 Sonntag lang über das Vater unser (sechs Verse der Bibel) predigen? Wie soll man eine Sonntagspredigt gefüllt bekommen, wenn man nur einen Teil eines Verses oder Satzes als Textgrundlage zur Verfügung hat?

Keine Angst – die Bibel gibt uns genügend Material!

Lass Dich darauf ein, sei gespannt und staune selbst – was Gott Dir in der Vorbereitung schenken will.

Die Themenpredigt – was ist das?

Die Predigtreihe über das VATER UNSER gibt uns einen Einblick in die verschiedenen Themenbereiche, die Jesus in seiner Gebetsanleitung für seinen Jünger anspricht. Dazu dienen die jeweiligen Versteile des Textes als Ausgang. Verbunden mit weiteren Parallelstellen aus anderen Büchern der Bibel, wird sich das Verständnis und die Bedeutung des VATER UNSER vertiefen und uns praktisch Anwendungen geben.

Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes.

Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!

  1. Sehen, was dasteht

Verschiedene Bibelübersetzungen um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).

1.1 Allgemeine Hinweise zum „VATER UNSER“.

  • Das „VATER UNSER“ ist eine Lehrstunde über das Gebet

Das Gebet ist immer ein Indikator für die Gottesbeziehung. Es ist das natürliche Gespräch zwischen einem Kind Gottes mit seinem Vater im Himmel. Wer nicht betet, schwächt seine geistliche Beziehung zu Gott und vergisst welch ein Vorrecht es ist mit dem heiligen Gott reden zu dürfen.

Jesus und sein Gebetsleben ist daher ein Vorbild für uns und lehrt uns die rechte Art und Weise des Gebetes. In den Evangelien erleben wir Jesus in seiner tiefen und lebendigen Beziehung zum heiligen Gott. Jesus betete in vielen Situationen – oft auch allein (Lk 6,12, 9,28-29). Sein vertrautes und vollmächtiges Gespräch (Gebet) mit dem Vater, war der Anlass, dass die Jünger selbst lernen wollten, so zu beten wie Jesus. (Lk. 11,1)

Das Vater UNSER ist also eine Antwort auf die Frage – wie man richtig betet.

  • Das „VATER UNSER“ ist eine Anleitung zum Gebet

Jesus sagt in Mt 6,9 „Deshalb sollt ihr auf diese Weise beten“. Jesus betont damit, dass das VATER UNSER kein vorformuliertes Gebet sein möchte, das man wörtlich runterbetet oder gar runterleiert. Vielmehr ist es eine Gebrauchsanweisung, die uns aufzeigt, welche Motivation, Inhalte und Ziele ein Gebet enthalten soll. Wir finden in Matthäus 6:

Mt 6,5             Motivation des Gebets       – aufrichtig, nicht wie die Heuchler

Mt 6,6             Orte des Gebets                  – verborgen, nicht zur öffentlichen Show

Mt 6,7             Form des Gebets                – überlegt, nicht wie die Gottlosen

Das VATER UNSER zeigt also die wesentlichen Inhalte eines Gebetes:

(In Klammer der Aufbau unserer Predigtreihe):

Mt 6,9             Adressierung            : An Gott den Vater

V.9a    Gottes Wesen (Predigt Teil 1: Vater unser im Himmel)

Mt 6,9-10       Orientierung: Zuerst kommen die Anliegen des Schöpfers

V.9b    Gottes Name (Predigt Teil 2: Geheiligt werde dein Name)

V.10a Gottes Reich  (Predigt Teil 3: Dein Reich komme)

V.10b Gottes Wille   (Predigt Teil 4:
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden)

Mt 6,11-13     Konkretisierungen: dann die Anliegen der Geschöpfe

V.11    Gegenwart: Versorgung

(Predigt Teil 5: Unser tägliches Brot gib uns heute)

V.12    Vergangenheit: Vergebung

(Predigt Teil 6: Und vergib uns unsere Schuld)

(Predigt Teil 7: Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern)

V.13    Zukunft: Versuchung

(Predigt Teil 8: Und führe uns nicht in Versuchung

(Predigt Teil 9: Erlöse uns von dem Bösen)

  • Das „VATER UNSER“ ist ein prophetisches Gebet

Das Gebet greift die alttestamentlichen Verheißungen für das Volk Israel auf und richtet den Blick auf das kommende messianische Königreich auf Erden. Es ist ein weitreichendes Gebet, das über unser gegenwärtiges Gemeindezeitalter hinausgeht und seine Erfüllung durch das zweite Kommen Jesu erbittet (Mt 10a Dein Reich komme…).

Das VATER UNSER ist eingebettet im Kontext der Bergpredigt (Mt 5,1ff bis 7,28f), die eben dieses kommende irdische Königreich verkündigt. Wenngleich sich das Gebet vor allem an einen jüdischen Jüngerkreis richtet, so ist es kein ausschließliches Gebet für Israel. Auch die Gemeinde erwartet das zweite Kommen des Herrn und die Aufrichtung des 1000jährigen messianischen Königreichs hier auf Erden, in dem dann sein Wille wie im Himmel, so auch auf Erden geschehen wird (Mt.10b).

  • Das „Vater Unser“ ist kein frommes Gebetsritual

In Matthäus 6 spricht sich Jesus gegen eine falsche Frömmigkeit aus, die den Glauben vor den Menschen zur Schau stellen aber nicht im Herzen tragen. Jesus spricht

  • vom „rechten Almosen“ Mt 6,1-4
  • vom „rechte Beten“ Mt 6,5-15
  • vom „rechten Fasten“ Mt 6,16-18, welches im Verborgenen geschieht.

Das VATER UNSER soll eben nichts Aufgesetztes sein, das man in der Öffentlichkeit oder im Gottesdienst einfach betet um von Anderen gehört oder gesehen zu werden. Nur weil jemand das VATER Unser betet ist das noch kein Anzeichen von echter Frömmigkeit. Es besteht eher die Gefahr, dass das VATER UNSER durch eine feste Gottesdienstliturgie nur oberflächlich als ein traditionelles Gebetsritual herunter geplappert wird. Hier stellt sich die Frage, ob Jesus das wörtliche VATER UNSER für die Gemeinde wirklich angeordnet hat.

Wenn, dann kann das VATER UNSER nur im selben Sinn ein wörtliches Gebet sein, wie es die Psalmen (z.B. Ps. 23) auch sein können. Bibelabschnitte auswendig zu lernen oder Gottes Wort betend zu lesen ist eine wertvolle Hilfe – nicht nur in persönlichen Notzeiten. Doch die Motivation des Gebets ist und bleibt der entscheidende Faktor.

1.2 Hilfen zum Verständnis des Predigttextes

Adams, Yay E. „70 x 7: Das Einmalsein der Vergebung“ CMV

Barclay, William: Matthäusevangelium 1 – Auslegung des Neuen Testamentes, Aussaat Verlag; Neukirchen Vluyn

Platte, Eberhard „Lehre uns beten, Herr (Gedanken zum Vater unser)“ 2011, Eigenverlag E.Platte, Wuppertal

Sorg, Theo „Wenn ihr aber betet…“ 1989, Verlag Junge Gemeinde Stuttgart

Wasserzug, Gertrud „Vater-Unser-Betrachtungen über das Gebet des Herrn“ 1994, Schriftenmission Bibelheim Böblingen

1.3 Anmerkungen zum Verständnis des aktuellen Predigttextes

Die nächste Bitte im VATER UNSER ist die Vergebungsbitte. Sie führt uns zum Zentrum des christlichen Glaubens und des Evangeliums. Der Beter wendet sich mit seiner ganzen Lebensschuld an den himmlischen Vater und bittet um Vergebung.

!!!! Wichtig !!!! Eigentlich gehören die beiden Bitten in Mt 6,12 zusammen – denn es heißt ja: „Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.“

Da es aber viel über das Thema zu sagen gibt, teilen wir diese in zwei Predigten auf. Damit sich die Inhalte nicht wiederholen benötigt es eine gute Abgrenzung.

Die tabellarische Übersicht und die Predigttipps sollen dabei helfen.

1.Teil – Mt 6,12a 2.Teil – Mt 6,12a
„Und vergib uns unsere Schulden“ „wie auch wir vergeben unseren Schuldnern“
„Und vergib uns unsere Sünden“ Lk 11,4 „denn auch wir vergeben jedem, der uns etwas schuldig ist!“ Lk 11,4
Meine Schuld gegenüber Gott Die Schuld des Anderen gegenüber mir
Ich bin schuldig an Gott Andere sind schuldig an mir
Schuldeingeständnis Vergebungsbereitschaft
Gott vergibt mir Ich vergebe Anderen
Vergebung empfangen Vergebung weitergeben/gewähren
Was ist Schuld Was ist Vergebung
Folgen der Schuld Folgen der Vergebung

 

Die Vergebungsbitte ist wohl das schwierigste Thema im VATER UNSER.

Der Satz „Ich bitte Dich um Entschuldigung – bitte vergib mir!“ geht uns wohl allen am schwersten über die Lippen und doch ist er der zentrale Kern des Evangeliums.

Das Gebet: Vergib uns unsere Schuld…

  • ist das zentrale Thema unsers geistlichen Lebens, denn ohne Vergebung gibt es kein Christenleben
  • ist das wichtigste Anliegen worüber Gott mit uns reden möchte, denn Schuld lässt sich nicht verschweigen
  • ist die praktische Erfüllung des VATER UNSERS, denn genau hierin wird Gottes Name geheiligt und Gottes Wille umgesetzt.

Die Vergebungsbitte ist ein Schuldgespräch und -bekenntnis, welches in erster Linie eine Angelegenheit zwischen dir und dem Vater im Himmel ist. Daher soll dieses Gebet, wie auch alle anderen Gebete im Verborgenen geschehen (Mat 6,10).

Bevor wir aber über die Vergebung der Schuld sprechen können, müssen wir zuerst wissen was Schuld ist. Daher geht es in der Vergebungsbitte zuerst um folgende Hauptpunkte:

  1. „Unsere Schuld“:  Was ist Schuld überhaupt? à die Schuld erkennen!

Das VATER UNSER fordert uns auf, mit Gott über unsere Schuld zu sprechen. Das setzt aber voraus, dass hier jemand betet, der die Schuld in seinem Leben bereits erkannt hat. Was ist denn die Schuld des Menschen?

  • Die große Lebensschuld – „wenn wir nicht an IHN glauben“

Die erste und wohl schwerste Schuld des Menschen ist, wenn Gott der Schöpfer nicht der Herr unseres Lebens ist. Wer Jesus als Retter nicht glaubt und annimmt, ihm keine Ja-Antwort auf sein Erlösungsangebot gibt, macht sich schuldig (Joh 16,9; Jer 2,13; Heb 3,12). Die große Lebensschuld des Menschen ist und bleibt, wenn er die für ihn mögliche Rettung ausschlägt und sich nicht zu Gott bekehrt (2Thess 2,20-21). Jedes Zögern, sein Leben mit Jesus in Ordnung zu bringen führt zur vermehrten Belastung.

  • Die aktive Sündenschuld – „er tat, was dem Herrn missfiel“

Hier geht es um die Übertretung und den Verstoß gegen Gottes Gebot. Jede Tat, die moralisch oder ethisch dem Willen Gottes nicht entspricht ist Sünde und bewirkt eine Sündenschuld (2Sam 11,27; 2Kö 24,9). In der Parallelstelle des VATER UNSERS (Lk 11,4) steht daher anstelle von „Vergib uns unsere Schulden“ der Synonymbegriff „Sünden“. Beides meint im Grunde dasselbe. Es ist die Missetat, der Fehltritt, das Vergehen, die aktiven Handlungen, die Gottes Gebote und Ordnungen brechen (Röm 3,23; 5,12).

  • Die passive Versäumnisschuld – „wer nun weiß Gutes zu tun und nicht tut…“

Auch die sogenannten Unterlassungssünden machen uns schuldig vor Gott (Jak 4,17). Ob es ein mangelnder Einsatz ist für die Sache Jesu (Lk 12,47), eine fehlende oder nachlassende Fürbitte für Menschen (1Sam 12,23) oder mangelnde Hilfsbereitschaft gegenüber Glaubensgeschwistern (Mt 25,35-46; 1Joh 3,16). Die Liste wäre lang, wenn wir daran denken wo wir Gott um sein Recht berauben, wo der Herr einen Anspruch auf unser ganzes Leben hat, aber unsere Opferbereitschaft und Hingabe zu wünschen übrig lässt (Mal 1,6ff + 12-13). Wir werden an Gott schuldig, wenn wir verkehrte Prioritäten setzen und unsere Zeit, Kraft und Geld zu wenig einsetzen und nicht tun, was wir hätten tun können (Mk 14,8). Wie sehr versäumen wir das Gute zu tun an unseren Mitmenschen und kommen nicht genügend unseren Aufgaben oder Beziehungen nach? Es mangelt an Wertschätzung in der Ehe gegenüber dem Ehepartner, an Zeit und Aufmerksamkeit der Kinder, an Besuchs- und Hilfediensten beim Kranken, Bekannten, Verwandten oder dem Nachbarn. Wie oft sind wir lau, müde und bequem und haben einen missionarischen Eifer und Einsatz verloren, das Zeugnis und Lichtsein für Jesus strahlt nur spärlich. Hier vernachlässigen wir viel und können nur mit Paulus bekennen: „Wir sind Schuldner (Röm 1,14)

  • Die angeborene Wesensschuld – „ich bin in Schuld geboren“

Wir leben in einer gefallenen Welt und seit dem Sündenfall steht die Menschheit in der Schuld Gottes. Der Mensch wird mit dieser Schuld geboren (Ps 51,7). Meine Schuld vor Gott erkennen bedeutet auch, den eigenen Zustand als sündhaftes Wesen zu bekennen, wenngleich auch ich nichts dafür kann, dass mein Wesen von Grund auf sündig und verdorben ist (Mt 15,18-19).

Die Vergebungsbitte ist ein Schuldeingeständnis in dem der Beter seine Schuld erkannt hat und zugibt. Er gesteht ein, dass seine Schuld ihn hilflos dastehen lässt und er die Notwendigkeit der Vergebung verstanden hat.

2.„Was tun damit“: Wie lebt man mit Schuld?  à die Schulden nicht verdrängen

Es ist ja eine der großen Fragen. Wie geht der Mensch mit seiner Schuld um? Selbst ein Verbrecher oder Straftäter muss trotz abgelaufener Haftstrafe mit seiner Schuld leben. Ein Gericht und eine Verurteilung nimmt uns die Schuld nicht weg. Die Schuld im Leben eines Menschen kann so belastend und erdrückend werden, dass es ihn zum Suizid treibt (Mt 27,4-5). Im Grunde kann der Mensch mit unvergebener Schuld nicht leben und versucht daher die Schuld auf verschiedenste Weise los zu werden.

  • Aber Schuld kann nicht verschoben oder wegdiskutieren werden

Bereits im Garten Eden versuchte der Mensch seine Schuld zu verschieben oder mit Gott darüber zu diskutieren (1Mo 3,12f). Oft suchen wir Ausreden wie Saul, der das Volk und die Umstände benutzte um seinen Ungehorsam zu entschuldigen (1Sam 15,9ff). Oder wir sind von unserer Selbstgerechtigkeit so überzeugt, dass wir aus Stolz und Selbstüberschätzung an unserer Unschuld festkleben wie Hiob (Hi 27,5).

  • Aber Schuld kann nicht verschwiegen und verdrängt werden

David versuchte seine Schuld zu verdrängen und kam dabei in immer größere Not, es reihte sich Sünde und Sünde und seine Schuld nahm überhand (2Sam 11).

Wer Schuld verheimlicht, wird keine Vergebung und Befreiung durch Gottes Gnade erleben können (Sp 28,13). Darum müssen wir mit Gott über unsere Schuld reden.

  • Denn die Schuld drückt unausweichlich und raubt uns die Kraft

Als David seine Schuld verschweigen wollte lesen wir in seinem Bußpsalm von den seelischen und körperlichen folgen der Schuld (Ps 32,3-4). Es ist eine Belastung für das Gewissen, eine Zumutung für das Gemüt und ein verzehrt werden am Leib. Erst als er seine Schuld bekannte, das VATER UNSER des Alten Testamentes sprach und die Vergebungsbitte von Herzen betete, wurde er frei von Schuld (Ps 32,1-2. 5-6). Erst wenn wir demütig mit unserer Schuld dem heiligen Gott entgegentreten, befreit er uns vom bösen Gewissen (Heb 10,22).

  • Die Schuld macht blind für die Möglichkeit der Vergebung

Wird Schuld ständig verdrängt, verleugnet oder verschwiegen macht sie den Menschen schuldunempfindlich. Dann geht es wie dem Volk Israel, das weder ihre Schuld noch ihre Möglichkeit zur Vergebung erkannte (Jes 30,15f; Mt 23,37). Dann geht es wie der Gemeinde in Laodizea, die glaubte reich zu sein und doch erbärmlich arm und blind war (Off 3,17f). Blindheit für die eigene Schuld ist dann oftmals ein Gericht Gottes, weil der Mensch die Umkehr und Vergebung verweigert hat (Mt 13,12-17; 5Mo 28,28; Röm 1,21ff).

Die Vergebungsbitte ist die großartige Einladung Gottes, dass der Mensch von seiner Schuld und der so bedrückenden Last frei werden kann.

3. „vergib uns“ – Wohin mit meiner Schuld?  à die Schuld bekennen!

  • Schuld ist unerträglich

Der Mensch kann mit seiner Schuld nicht leben und schon gar nicht sterben. Die Schuld zerstört alle Beziehungen des Menschen, die Beziehung zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst. Schuld bringt Tod und ewige Verdammnis (Röm 6,23).

Nur im Angesicht Gottes wird Schuld erträglich, weil er sie für uns trägt. Darum will Gott mit uns über unsere Schuld reden. Das Unerträgliche hat Jesus für uns am Kreuz ertragen und getragen. Die Vergebungsbitte ist das schwerste und doch das herrlichste Gebet. Es befreit von Schuld, macht das Leben leicht. Aus Barmherzigkeit, Güte und Gnade vergibt Gott, löst mich von meiner Schuld (Ps 103,3; Mal 7,18; Jes 43,25).

  • Schuld benötigt Sühnung und Vergebung

Die Schuld lastet schwer auf dem Menschen, weil diese nicht durch die Strafe oder Wiedergutmachung aufgehoben wird. Eine Strafe ist unausweichlich (2Mo 20,7; Spr 16,5; 19,5.6). Eine Wiedergutmachung ist in vielen, aber nicht allen Fällen möglich. Doch die Schuld bleibt Bestandteil des Menschen bis sie gesühnt und vergeben ist. Vergebung benötigt eine rechtskräftige Ent-schuldigung. Jemand der die reale Strafe bezahlt und somit die Schuld tilgt. Erst dann kann die Vergebung zugesprochen werden, damit die Last der Schuld weicht. Durch das Erlösungswerk auf Golgatha hat Jesus Christus diese Vergebung möglich gemacht. Durch seinen Tod am Kreuz hat er die Strafe auf sich genommen, die Schuld bezahlt und durch sein Blut Vergebung und Sühnung ermöglicht (Mt 26,28; Eph 1,7; Kol 1,14; Heb 9,22). Die Einladung zur Versöhnung mit Gott ist so Wirklichkeit geworden (2Kor 5,20; Eph 2,16), der Mensch kann und darf Frieden haben (Kol 1,20).

Dass Jesus Christus selbst uns diese Vergebungsbitte lehrt ist daher kein Zufall. Denn nur Jesus Christus selbst ist der Garant dafür, dass wir Vergebung haben können.

  • Schuld muss erkannt und bekannt werden

Wir müssen mit Gott über unsere Schuld sprechen (Hi 33,27-28; Jer 3,13). Als Menschen sollen wir die Verantwortung für unsere Schuld übernehmen. Verantwortung übernehmen bedeutet, Gott eine Antwort zu geben. Zusagen und zu bekennen: „Ja, ich bin schuldig“ (2Sam 12,13; 1Joh 1,8). Ohne Wenn und Aber, ohne Schuldverschiebung und Diskussion oder Schuldverniedlichung.

 

Die Vergebungsbitte ist das schönste und herrlichste Angebot Gottes an den Menschen. Die Bitte um Vergebung kostet nichts, die Sühnung meiner Schuld ist frei für Jeden. Und wenn wir sie auch nicht verdient habe ist sie Gottes größtes Geschenk an uns (1Tim 1,15-16; Ps 103,10-14).

4.„Und…vergib uns“ – Vergebung meiner Schuld ein Grundbedürfnis.

Die Vergebungsbitte beginnt mit dem Verbindungswort und vergib uns…“. Dieses kleine „und“ verbindet die Vergebungsbitte mit der Brotbitte und hat seinen wichtigen Grund. Denn beide Bitten sind für den Menschen existenziell. Der Mensch kann ohne Brot nicht leben und existieren. Aber genauso wenig kann der der Mensch ohne Vergebung überleben. Die Hungersnot in der Welt ist groß und schlimm, aber die Not der Vergebung scheint größer und ist für den Menschen weitaus schlimmer. Die Vergebung unserer Schuld ist ein notwendiges Grundbedürfnis des Menschen. Ohne Vergebung kann der Mensch in der Ewigkeit nicht vor Gott bestehen.

  1. Verstehen, worum es geht

2.1 Hinweise für hermeneutische Überlegungen (Auslegung)

Neben der zurecht angewendeten persönlichen Bitte um Vergebung handelt es sich im VATER UNSER aber um eine Bitte mit den Worten: „Und vergib uns unsere Schuld…“. Es handelt sich also um ein kollektives Schuldbekenntnis und eine kollektive Bitte um Vergebung. Somit hat die Vergebungsbitte durchaus auch einen gemeinschaftlichen Aspekt, der nicht vergessen werden darf.  Es gibt…

  • das kollektive Schuldbekenntnis der Menschheit
    • wir alle haben gesündigt (Röm 3,23)
  • das kollektive Schuldbekenntnis einer Nation (Israel)
    • wir als Nation haben gesündigt (Dan 9,15; Neh 1,6f)
  • das kollektive Schuldbekenntnis einer Gemeinde
    • wir als Gemeinde haben gesündigt (2Kor 7,9-15)

Heilsgeschichtlich erfüllt sich die Vergebungsbitte vor allem auch in der zukünftigen Umkehr und Erlösung des Volkes Israel (siehe 1Kö 8,30-34.39.50; Ps 130,7; Jes 1,18; 53,5; Jer 31,34; 33,8; 50,4.20; Sach 12,10; Dan 9,24).

2.2 Hinweise für situative Überlegungen (Predigtanlass)

Raus aus den Schulden – der Schuldenberater

Der bekannte deutsche Schuldenberater Peter Zwegart hilft Menschen, die in die private Schuldenfalle geraten sind. Laut Angaben des Inkassounternehmens Creditreform sind 2016 bundesweit 6,8 Millionen volljährige Personen überschuldet. Seit Jahren steigt die Zahl der überschuldeten Haushalte in Deutschland.

15.Oktober ist der „Tag des weißen Stockes“.

Es ist ein Gedenktag der weltweiten Blindenverbände, die auf die Situation von blinden und sehbehinderten Menschen aufmerksam machen.

(Infos unter:  https://de.wikipedia.org/wiki/Tag_des_wei%C3%9Fen_Stockes)

Überleitung zum Thema könnte sein, dass man auf die Blindheit und Sehbehinderung für unsere eigene Schuld aufmerksam macht.

2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen (Anwendung)

Die Frage nach der eigenen Schuld in unserem Leben, sowie nach dem Umgang mit der Schuld, lassen sich in viele alltägliche Situationen übertragen und anwenden. Beispiel aus dem Leben finden sich viele. Eigene Erfahrungen oder die Beobachtungen, wie z.B. auch Kinder mit Schuld umgehen, verdeutlichen dies.

Wichtig ist, dass hier die Anwendungen auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch bezogen werden. Da die Zwischenmenschliche Beziehung am kommenden Sonntag in dem 2.Teil der Vergebungsbitte aufgenommen wird.

  1. Sagen, wo es hingeht

3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?

Der Zuhörer möchte eingeladen werden, die Last seiner Schuld bei Gott abzugeben.

Der Vater im Himmel kann mit unserer Schuld am besten umgehen. In Jesus hält Gott uns Vergebung bereit und möchte uns von den inneren Belastungen der Schuld befreien.

Die Vergebung ist nur ein Gebet weit entfernt – es braucht nur ein ehrliches Schuldbekenntnis und eine schlichte Bitte um Vergebung. Dies darf und soll im Kämmerlein geschehen, kann aber auch wo es gewollt ist, unter Zeugen bekannt werden.

Für die völlige Vergebung hat Jesus selbst alles am Kreuz vollbracht, er selbst lehrt und fordert uns auf diese Bitte um Vergebung gegenüber dem Vater vertrauensvoll auszusprechen. Jesus ist der Garant für unsere Vergebung (Apg 3,19; 10,43; 13,38-39).

3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?

  • Wir alle haben mit Schuld zu kämpfen. Es gibt Menschen die evtl. seit vielen Jahren eine Schuld mit sich herumtragen, es nie ausgesprochen haben und noch keine Vergebung erfahren haben.
  • Wir alle benötigen Vergebung. Die Predigt soll persönlich und praktisch den Zuhörer zum Gebet mit Gott einladen. Gott möchte mit uns über unsere Schuld reden!
  • Wir alle können unsere Schuld loswerden und Vergebung empfangen. Egal wie groß die Schuld auch sein mag, egal wie viel Jahre sie zurückliegt. Eine Strafverfolgung mag verjähren, aber die Last der Schuld bleibt solange bis sie vergeben ist. Darum bietet Jesus diese vollkomme Vergebung an. Es gibt kein Thema das ich vor Gott verschweigen müsste und es gibt keine Sünde und keine Schuld die Gott nicht vergibt! (Jes 1,18) Schuldenfrei zu sein und los von den Lasten des schlechten Gewissens ist die herrliche Frucht der Vergebung.

3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?

Vergib uns unsere Schuld…

  • ein Problem unseres geistlichen Lebens
  • ein Thema worüber Gott mit dir reden möchte
  • eine Lösung die nur Jesus dir anbietet

Gottes Schuldenberatung

  1. Wir alle haben mit Schuld zu kämpfen
  2. Wir alle benötigen die Vergebung
  3. Wir alle können schuldenfrei werden

Nach Theo Sorg

  • Was uns belastet
  • Woher die Belastung kommt
  • Wie uns geholfen wird

3.4 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?

Ein Inhaftierter im Gefängnis sagt in Bezug auf die Frage nach seiner Schuld: „Kein Richter kann mir meine Schuld wegnehmen. Ich sitze hier im Knast nur meine Strafe ab. Wenn ich rauskomme ist meine Schuld immer noch da. Den Menschen, an denen ich schuldig geworden bin, kann ich nach wie vor nicht in die Augen sehen. Die Schuld bleibt. Die kann mir keiner abnehmen – keiner. Damit muss ich leben…“

Treffend beschreibt Spurgeon einmal („Federn für Pfeile“): „Frieden der Vergebung ist nicht ein bloßes Vergessen. Ich habe Tinte über eine Rechnung gegossen und sie so befleckt, dass sie kaum noch zu lesen ist; aber das ist etwas sehr viel anderes, als die Schuld austilgen. Denn dies kann nicht eher stattfinden, als die Bezahlung geschehen ist. So kann ein Mensch seine Sünden aus dem Gedächtnis tilgen und sich mit falschen Hoffnungen beruhigen; aber Friede wird erst, wenn Gott um Christi willen durch seinen Heiligen Geist die Vergebung zusichert.“

Klaus Eberwein