Lukas

Predigthilfe vom 18.8.2002 – Lukas 7,18-35

Monatsthema: Rettung aus Glauben
Predigtthema: Selig, wer sich nicht an Jesus ärgert

Bibelstelle: Lukas 7,18-35

Verfasser: Jürgen Vier

1. Zusammenhang:
Nach einer kurzen öffentlichen Wirksamkeit wird J.d.T. inhaftiert. Er verfolgt aber weiterhin sehr interessiert das öffentliche Wirken Jesu. Und was er so hört lassen in ihm Zweifel aufkommen, ob Jesus wirklich der Messias, Gesalbte, König und Befreier ist. Jesus beantwortet diese Frage in unserem Text und Lukas untermauert diese Antwort durch den darauf folgenden Bericht (Lk 7,36ff).

2. Parallelstellen:
Mt 11,2-19 (vgl. Mt 26,63; Mk 14,61; Lk 3,15; 22,67; 23,39; Joh 10,24)

3. Textaufbau:
Lk 7,18-20 Die Anfrage des Johannes
Lk 7,21-23 Die Antwort von Jesus
Lk 7,24-30 Das Zeugnis Jesu über Johannes
Lk 7,31-35 Eine Veranschaulichung Jesu und ihre Anwendung

4. Einzelerklärungen:
Vers 18-20:
Johannes sitzt im Gefängnis, nachdem er in aller Öffentlichkeit gepredigt, getauft und auf Jesus als Kommenden hingewiesen hat (vgl. Lk 3). Johannes war der Cousin von Jesus. Er war untrennbar mit Jesus und seinem Lebensweg bereits vor der Geburt an verbunden (Besuch von Maria bei Elisabeth). Er war der Herold von Jesus, der Vorausgehende und der Ankündigende! Er zeichnete sich aus durch feurigen, unerschütterlichen Glauben, geprägt von tiefer Überzeugung. Diese unerschütterliche Verkündigung und die öffentliche Anschuldigung der Sünde des Landesfürsten Herodes hatten zur Folge, dass er nun im Gefängnis saß (Lk 3,19f).
Was vernahm er im Gefängnis? Jesus ist ein großer Prophet, Gott hat sein Volk besucht! Herr über den Tod!
Was verkündigte Johannes noch selbst über Jesus in Lk 3?
Nach mir kommt der Stärkere, der Höhere, der Mächtigere!
Ich taufe lediglich mit Wasser, der nach mir kommt tauft mit heiligem Geist und Feuer!
Er wird Richter sein!
Aber grundsätzlich getragen von der umfänglichen Heilsverkündigung (Lk 3,18).
In dieser Situation stiegen Zweifel hoch. Keine Zweifel daran, ob er vielleicht „ungeziemlich“ geredet hat, den Mund zu voll genommen hat, zu viel riskiert hat, es an Gottes Weisheit mangeln lassen. Den goldenen Mittelweg nicht gefunden hat. Nein – eine einzige Frage beschäftigt ihn: Bist du es? Bist du der Christus? Herodes beugt Johannes nicht, aber diese Not beugt Johannes, diese Frage muß geklärt werden! (vgl. Ps 118,26; mal 3,1; Mt 3,11; Hebr 10,37).

V.21-23:
Jesus verweist eigentlich „nur“ auf das was sie sehen, was sie bereits wissen, was er tut. Er heilte Kranke, weckte Tote auf, den Armen wird das Evangelium, die frohe Botschaft verkündigt (vgl Lk 4,40; 5,17; 6,18f). Und doch ist es mehr. Jesus erinnert Johannes an die Schrift. Welche Weissagungen erfüllen sich hier? Vgl. Jes 26,19; 35,5f, 61,1… Jesus macht Johannes damit unmißverständlich klar: Ja, ich bin der Messias. Verlaß dich darauf. Dieser Glauben hat ein sicheres Fundament – die Schrift. Es gibt kein anderes Fundament. Hier kann man seine Zweifeln überwinden! Gefühle sind da eher hinderlich!
Der letzte Satz ist Seelsorge am Täufer. „Und glücklich zu preisen ist, wer nicht zu Fall kommt an mir.“ (V.23) Zweifel sind erlaubt, aber er soll nicht den Glauben an ihn verlieren, sich nicht abwenden von Jesus!

V. 24-30
Diese Anfrage wirft einen Schatten auf J.d.T.; Jesus findet eigene Hinterfragung durch Johannes nicht so schlimm, dass er ihr entgegentreten muß. Nein, aber der Dienst und die Stellung von Johannes selbst ist durch diese öffentliche Anfrage angegriffen, daher verweist Jesus auf das Wirken des Johannes, auf seine Bedeutung und auf die Auswirkungen seines Dienstes (Viele kehrten um und taten Buße!).

a. Was suchtet ihr bei Johannes? (V. 24f)
– Rohr im Wind? Einen wankelmütigen Mann? Nein!
– Weiche Kleider? Einen einflußreichen Mann, der etwas darstellt? Nein!

b. Wer ist Johannes? (V. 26-28)
– Ein Prophet? Ja, und noch mehr! Er ist der angekündigte Wegbereiter des kommenden Messias. In Ihm erfüllt sich Mal 3,1
– Der Größte von Frauen geborene – aber der Kleinste im Gottesreich ist größer als er!
– Zu diesem Punkt gibt es meiner Meinung nach zwei verschiedene Deutungsmöglichkeiten, die ich hier in aller Kürze darlegen möchte.

A. Die Erste ist die auf den ersten Blick einleuchtende und auch bekanntere Möglichkeit. Eine Ausführliche Erklärung findet man bei Gerhard Maier Das Lukasevangelium Bd. 4:
Johannes ist nach G. Maier das Scharnier zwischen dem Alten und Neuen Bund. Dann liegt im ersten Aussagesatz der Schwerpunkt auf „von einer Frau geborene“ im Gegensatz zur Wiedergeburt „von oben oder von Gott geboren“. Obwohl Johannes eine außerordentlich wichtige Stellung und Auftrag hat, ist er doch letztlich kleiner und geringer wie jeder, der durch den Tod Jesu und der Sündenvergebung zum Neuen Bund gehört. Jeder, der von Neuem geboren ist, ist größer als Johannes. Diese Auslegung stellt die Größe des Neuen Bundes gegenüber dem Alten Bund heraus (vgl. Hebräerbrief)

B. Eine zweite Möglichkeit ist die, dass Johannes der Größte ist unter allen „natürlich“ Geborenen, aber Jesus, der sich zum Kleinsten / Diener im Gottesreich gemacht hat ist größer als er.
– Das klingt etwas ungewohnt, aber hat doch manches für sich. Einige Fragen möchte ich klären:
– Was macht Johannes so groß? Er ist der größte Prophet, Diener Gottes, weil er vor dem Messias hergehen darf (zumindest historisch gesehen einmalig). Er durfte den Messias ankündigen, er durfte die Erfüllung so vieler atl. Prophetien in der Erfüllung sehen…
– Wer ist der Kleinste? Der Kleinste steht nicht im Plural. Folgt man dem Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament Bd. 4, S. 541 liegt die Auslegung auf Jesus als der Kleinste zumindest nahe:
„Es kann damit der Jünger gemeint sein, der den Anbruch des Reiches erlebt (Mt 13,16f); es ist aber wahrscheinlicher, dass Jesus sich selbst meint, der in seiner Verborgenheit, die die Täuferfrage veranlaßte, in seiner alle Erwartungen enttäuschenden , dienenden Art als der Kleinste erscheint und doch als der, der das Gottesreich bringt, der Größte ist.
– Wann beginnt der Neue Bund? Das ist mit Sicherheit die schwierigste Frage und dennoch versuche ich eine kurze Antwort zu geben.
– Normalerweise gehen wir vom Kreuzesgeschehen aus und sagen vielleicht: Als Jesus rief: Es ist vollbracht! Und diese Antwort ist in einem normalen Gespräch mit Sicherheit gut und richtig. Aber hätte dann die Auferstehung Jesu, seine Himmelfahrt, sein sitzen zur Rechten… keine Bedeutung? Hat Jesus selbst nicht sein ganzes Leben lang den Neuen Bund gelebt? Am besten sieht man das, wenn Jesus Sünden vergibt. Ohne Opfer – das ist Vergebung nach den Neuen Bund!
– Lukas selbst schreibt im Prolog (Lk 1,1-4): Von Anfang an – und er beginnt nicht mit Jesus, sondern mit Johannes! Gehört Johannes bereits zum Neuen Bund? Folgende Überlegungen legen das meiner Meinung nach sehr nahe (aber jeder prüfe selbst!!!; diese Punkte darf ich mit freundlicher Genehmigung von Dr. Helmuth Egelkraut verwenden):
– Sein Name bezeugt den Anbruch der Gnadenzeit und ist Programm
– Schon seine Geburt wird als Erfüllung von Mal 3,1 angekündigt.
– Mit seinem Auftreten erfüllt sich Jes 40
– Seine Kleidung und der Ort seines Auftretens signalisieren eschatologische Erfüllung.
– Wie Jesus erschüttert er die Erwählungssicherheit Israels.
– So kommt es zu einem Neueinsatz der Heilsgeschichte (vgl. Lk 3,9 „schon“) und die Verkündigung des Heils (Lk 3,6).
– Mit ihm beginnt das Evangelium (Lk 1,9) und er bringt den Menschen Evangelium (Lk 3,18; vgl. Mt11,12f und Lk 16,16).
– Der Heilige Geist (Lk 1,15) und die Gabe der Prophetie begleiten sein Kommen.
– Folgt man dieser Auslegung, sehen wir ein verborgenes Selbstzeugnis über die Niedrigkeit und Größe Jesu als Sohn Gottes (vgl. Phil 2)

c. Die Folgen / Reaktionen auf die Botschaft des Johannes (V. 29+30):
– Viele erkannten sich durch die Verkündigung im Licht Gottes als einen erbärmlichen Sünder („gaben Gott recht“), der bereit ist, von seinem Gottlosen Weg umzukehren und sich Gott ganz zuzuwenden und auf seinen Wegen wandeln (Buße tun!). Diese innere Hinwendung der Menschen und die Annahme und Sündenvergebung durch Gott wird öffentlich bezeugt durch die darauf folgende Taufe. Die Taufe als Sichtbarmachung eines unsichtbaren Vorganges. Wichtiger als der äußere Akt ist und bleibt der Unsichtbare.
– Aber die religiösen Führer verwarfen den Ratschluß oder den Heilsplan Gottes und ließen sich nicht taufen. Sie lehnten bereits bei Johannes den Heilsplan Gottes ab. „Offensichtlich scheiterten die Gesetzeskundigen an ihrem mangelnden Sündenbewußtsein. Sonst hätten sie die Bußtaufe des Johannes gerne in Anspruch genommen.“ (G. Maier, S. 328)

V. 31-35:
Jesus entläßt die Menge (V. 24) nicht mit dem wohligen Gefühl: „Jetzt hat er es den Pharisäern gegeben.“ Er ermahnt sie vielmehr eindringlich, selbst der „Weisheit“ zu folgen.
V. 31:
Mit wem soll ich euch vergleichen? Er spricht seine Zuhörer an und redet nicht an ihnen vorbei. Das muß auch immer unser Ziel sein.
V. 32:
Auf dem Markt spielt sich das ganze Leben ab (vgl. Mt 20,3; Apg 16,19; Mk 6,56, 7,4). Dort halten sich auch die Kinder auf und spielen miteinander. Stellen wir uns zwei Gruppen von Kindern vor. Nun kommt es zum Streit und zu gegenseitigen Vorwürfen. Die eine Gruppe wirft der anderen Gruppe vor: Wir haben euch vorgespielt (oder vorgeflötet) und ihr habt nicht getanzt. Die andere Gruppe sagt der ersten Gruppe: Wir haben Klagelieder gespielt – und ihr habt nicht geweint. Beide Versuche miteinander zu spielen sind fehlgeschlagen. Das Spiel einer Hochzeit wie das Spiel einer Beerdigung schlug fehl. Wir wissen nicht genau, um was es sich bei dem Kinderspiel handelte, aber es scheint, dass Jesus dies als Hinweis auf die benutzt, die sich durch ihre Launenhaftigkeit das Spiel selbst verderben („geistliche Führer“).
V. 33:
Mit Johannes verbindet ihr das ernste und asketische Leben mit Gott (vergleichbar mit dem Spiel der Kinder bezüglich der Beerdigung). Aber ihr seid nicht darauf eingestiegen. Ihr tatet keine Buße. Ihr habt nicht über eure Schuld und Sünde geweint. Ihr sagt sogar: Johannes hätte einen Dämon, er ist besessen und redet deshalb diese Dinge.
V. 34:
Mit mir verfahrt ihr genau umgekehrt. Weil ich mich bei den Menschen aufhalte, mit denen ihr schon längst keinen Kontakt mehr pflegt, die für euch hoffnungslose Fälle sind, haltet ihr mich für einen Fresser und Weinsäufer (übrigens mußte er ja immer mit Sündern essen, sonst wäre Jesus auf Erden verhungert – oder er hätte immer alleine essen müssen!), für einen Lebemann, der nur das „Beste“ hier auf Erden mitnehmen möchte – und ihr lehnt mich deshalb ab.
V. 35:
Auch dies ist ein schwieriger Vers. Nach Spr 8,22ff geht die göttliche Weisheit umher und jeder der ihr folgt sind ihre Kinder.
Nach 1. Kor 1,24ff ist letztlich die göttliche Weisheit Jesus selbst. Wer ihm nachfolgt, das sind seine Kinder / Jünger. Jesus sagt hier also: Jeder der an mich glaubt gibt mir recht. Er erkennt mich als den Menschensohn an, den Retter, den Erlöser und nicht als Fresser und Weinsäufer.
Kinder der Weisheit sind die, welche sich von J.d.T. und Jesus belehren ließen (vgl Lk 11,49) und nicht auf die launenhaften Reden und Lehren ihrer Zeitgenossen hörten.
Die Zeit wird es enthüllen. Die Geschichte und die taten werden Torheit und Weisheit erkennen lassen, so dass letztlich alle es sehen können, wer weise und wer töricht gehandelt hat. Christus und Johannes stehen somit auch gerechtfertigt da.

5. Textspitze:
Hier gibt es mindestens zwei. Je nach Personenkreis und Veranstaltung auswählen.
A. Lehrmäßige Auslegung mit Schwerpunkt auf V. 28
B. Gottesdienstliche Verkündigung wäre mein Vorschlag: Zweifeln erlaubt!

6. Text heute:
Über Zweifel redet man nicht. Man hat fast den Eindruck, als ob unsere Gemeinschaftsstunden Inseln sind, die die letzten unangefochtenen Christusnachfolger beheimatet. Wir schweigen leider über unsere Fragen und Zweifel. Johannes bringt sie an die Oberfläche und kann sie bei Jesus klären.

7. Veranschaulichungen:
– Ein Personalausweis ist wichtig um unsere Identität nachzuweisen. Welche Identifikationsmerkmale mußte denn Christus nachweisen? Z.B. Jes 35: Wunder und vollmächtige Predigt als „Ausweis“!
– Johannes war der auf Christus Hinweisende. Er ging ihm voraus und gehörte doch bereits zum Neuen Bund. So wie eine Polizeieskorte des Bundeskanzlers nichts eigenständiges ist, sondern selbstverständlich zum Bundeskanzler zählt.
– Es geht hier auch um die Verborgenheit Jesu und den daraus resultierenden Zweifeln und Anfechtungen. Wie reagieren wir, wenn uns die Verborgenheit Jesu zu schaffen macht?

Lieder:
Ich will dir danken:
277: Bei dir Jesus will ich bleiben
28: Jesus Christus herrscht als König

Feiert Jesus 2:
127 Du hast erbarmen
133 Wo ich auch stehe
151 Jesus, zu dir darf…

8. Predigtgliederung:
I.. Einleitung:
Verlust des Personalausweises und die Folgen!

II. Hauptteil:
1. Gotteszweifel anerkennen und überwinden! (V. 18-23)
2. Gottes Beurteilung (auch über unser Leben) anerkennen! (V. 24-30)
3. Gottes Heilshandeln erkennen! (V. 31-35)

III. Schluß:
Zweifeln erlaubt – weil ich weiß, zu wem ich mit meinen Zweifeln kommen kann und darf: JESUS!