Predigtthema: Gott ist da – und schenkt Weisheit gegenüber den Feinden
Predigttext: Esra 4,1-5
Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes. Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!
1. Sehen, was dasteht
Verschiedene Bibelübersetzungen um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).
1.1 Allgemeine Hinweise zum Predigttext
Hinweise zu Einleitungsfragen zum Buch Esra finden sich in der Predigthilfe vom 03.01.2021.
Der heutige Predigttext in Esra 4,1-5 ist eine kurze Zusammenfassung der ersten Widerstände gegen den Tempelbau. Damit ist der Text auch eine Erklärung, warum nach der erfolgreichen Grundsteinlegung (Kapitel 3) und dem Start des Tempelbaus 17 Jahre später unter Haggai und Sacharja (Kapitel 5) immer noch so gut wie nichts gebaut war. Erst 22 Jahre später, 515 v. Chr., wurde der Tempel fertig gebaut. Wir schauen uns nur diese fünf Verse des Widerstands an. Die Widerstände gegen den Tempelbau und Mauerbau auch im nächsten Jahrhundert führt Esra im Rest des Kapitels noch weiter aus.
Die entscheidende exegetische Frage im Text ist: Warum lehnten die Israeliten das Angebot zur Zusammenarbeit ab und wie lässt sich das auf heute übertragen?
Der heutige Predigttext endet etwas niederschlagend: Die Israeliten sind entmutigt und brechen den Tempelbau ab. Die Auflösung kommt in der nächsten Predigt, wenn der Tempel fertiggestellt wird, hier kann der Spannungsbogen aufrechterhalten werden.
1.2 Hilfen zum Verständnis des Predigttextes
Hilfen zur Auslegung bieten z.B.
- Klaus vom Orde, Die Bücher Esra und Nehemia, Wuppertaler Studienbibel
- Antonius H.J. Gunneweg, Esra
- H. G. M. Williamson, Esra. Nehemiah, Word Biblical Commentary
- D. J. Clines, Ezra. Nehemiah. Esther, The New Century Bible Commentary
- F. Charley Fensham, The Books of Ezra and Nehemiah
1.3 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes
Wann spielt Esra 4,1-5?
- 537 v. Chr. war die Grundsteinlegung, die in Esra 3 am Ende berichtet wird. Esra 4,6-24 sind aus dem 5. Jh. v. Chr. und handeln erst von späterer Zeit (siehe dazu die Einleitung zu Esra in der Predigthilfe vom 03.01.). In Esra 5 werden Haggai und Sacharja eingeführt, die 520 und 519 gewirkt haben. In Vers 5 lesen wir, dass die Geschichte noch zur Zeit des Königs von Kyrus passierte (er regierte bis 530 v. Chr.) und bis in die Zeit des Darius hinein die Widerstände andauerten (er regierte ab 522 v. Chr.). Somit startet unsere Beschreibung irgendwann zwischen der Grundsteinlegung 537 v. Chr. und dem Ende von Kyrus 530 v. Chr. Die Widerstände dauerten dann bis 520 v. Chr. der Tempelbau zu der Zeit von Darius und unter Haggai und Sacharja weiterging. Unser heutiger Predigttext liefert eine Erklärung, warum trotz des erfolgreichen Starts erst über 20 Jahre später der Tempel fertig gebaut wurde.
Vers 1:
Wer waren die Gegner/Widersacher der Rückkehrer?
- Gerade erst lief der Weihegottesdienst zur Grundsteinlegung, der Aufbau des Tempels sollte voran gehen. Da treten auf einmal unerwartet die Gegner auf. Esra stellt sofort in Vers 1 klar, dass es Gegner und Widersacher waren. Die Frage ist: Wer waren diese Widersacher eigentlich? Drei Beschreibungen der Gegner lesen wir im Text: zuerst in Vers 1: Sie waren Widersacher. In Vers 2 lesen wir, dass sie unter Asaharddon, dem König von Assur, nach Israel umgesiedelt wurden und von da an Gott gesucht haben. Und in Vers 4 ist von dem „Volk des Landes“ die Rede, was wahrscheinlich die gleichen Personen betitelt.
- Asarharddon war König von Assyrien von 680-669 v. Chr. Das Nordreich war schon von Assyrien eingenommen (722 v. Chr.). Direkt nach der Niederlage hatte es erste Ansiedlungen gegeben; der König von Assyrien ließ von verschiedenen Gebieten Menschen nach Israel umsiedeln. Diesen geschah zuerst viel Unheil, woraufhin sie einen Priester zugeteilt bekamen, der sie die Furcht des wahren Herrn lehrte. Allerdings fürchteten sie gleichzeitig den HERRN und ihre alten Götter (2Kön 17,24-33). Von einem neuen Umsiedlungsstrom 40 Jahre später unter Asarhaddon lesen wir sonst nirgends etwas, aber es ist gut möglich, dass es mehrere Besiedlungsschübe gab. Ausgehend von der Geschichte in 2Kön 17,24-33 ist es gut möglich, dass auch die Gegner in dieser Geschichte gläubig waren, allerdings einen gefährlichen Mischglauben hatten – es war also Vorsicht geboten.
- Die Bezeichnung „Volk des Landes“ erfährt in der Bibel immer wieder eine Wandlung. Während am Anfang der Bibel mit dieser Bezeichnung oft die Kanaanäer gemeint sind und der Begriff negativ ist, wandelt sich nach der Einnahme Israels der Begriff: Volk des Landes bezeichnet oft die Israeliten. Jetzt nach dem Exil in Esra und Nehemia wird er meistens wieder negativ verwendet (vgl. Esr 3,3; 9,1; Neh 10,29): Mit Volk des Landes sind die anderen angesiedelten Völker oder die mittlerweile entstanden Mischvölkern gemeint, vor denen man sich in Acht nehmen musste, weil sie einen Mischglauben hatten – in Anlehnung an die Abgrenzung zu den Kanaanäern in früherer Zeit.
- Die Gegner sind also am besten als eine Gruppe von im Nordreich angesiedelten Gruppen anzusehen, die sich möglicherweise mittlerweile ins Südreich ausgebreitet hatten und mit zurückgebliebenen Israeliten vermischt hatten. Teilweise werden sie in den Kommentaren in Blick auf das Neue Testament mit den Samaritern gleichgesetzt (es gab auch damals schon die Provinz Samaria – zu der Israel zu der Zeit noch gehörte). Allerdings ist nicht ganz klar, ab wann es ein klar abgrenzendes Volk Samariter gab. Gut möglich ist allerdings, dass viele dieser angesiedelten Gruppen und Mischvölker später zu den Samaritern wurden.
Waren die äußeren Feinde die einzigen „Widersacher“?
- Es gab zwar äußere Feinde, die die Israeliten vom Tempelbau abhielten, aber wir lesen später bei Haggai auch von inneren Feinden. Auch das Besitzstreben, die eigene Sicherung und das eigene Häuserbauen hielt die Isareliten vom Tempelbau ab (z. B. Hag 1,3f).
Warum kamen auf einmal Feinde und Widersacher?
- Spannend ist hier zu sehen: Während die Wegführung ins Exil ganz klar eine Strafe Gottes auf den bleibenden Ungehorsam und Unglauben war, tauchen hier die Widersacher wie aus dem Nichts aus. Es gibt keine Schuldzuweisung, die Israeliten waren im Kapitel zuvor eigentlich auf einem guten Weg. So läuft es doch auch oft bei uns: Das eine Mal wissen wir ganz sicher: Diese Strafe hat Gott geschickt, um uns etwas zu zeigen. Das andere Mal, wie hier, erkennen wir die Ursache nicht: Warum hat Gott die Widersacher geschickt? Es bleibt unklar und zeigt einfach die Sünde der Menschen, die Gottes Auftrag hindern wollen.
Warum ist hier nur von Juda und Benjamin die Rede?
- Hier wird ausdrücklich von den Gegnern Judas und Benjamins geredet. Damit macht Esra noch einmal klar: Das neue Volk Israel, das den Altar wiederaufbaut, das sind die beiden Stämme Juda und Benjamin, das ursprüngliche Südreich. Gut möglich ist, dass die mittlerweile vermischten Völker im Nordreich teilweise auch noch auf die alten Stämme Israels zurückgingen, allerdings wollte man sich von diesen Mischvölkern klar abgrenzen.
Vers 2:
War es ein ehrlich gemeintes Angebot, Israel zu helfen? Was heißt, sie suchen den Gott Israels?
- Bei dem Angebot der Gegner stellt man sich die Frage: War das wirklich ernst gemeint? Warum wollen die anderen Völker im Land den Israeliten beim Aufbau helfen? Kann es wirklich sein, dass diese Völker auch Gott suchen und geopfert haben? Oder war das nur heuchlerisch gemeint, um sie zu infiltrieren?
- Im ersten Augenblick könnte man von einer geheuchelten Freundlichkeit ausgehen: Warum sonst hätten sie danach sofort zu Widersachern werden sollen, die die Israeliten entmutigten?
- Ich denke aber, dass das Angebot hier ehrlich gemeint ist. Zum einen kommen sie dem Aufruf des Königs Kyrus in Kapitel 1 nach, der die Völker dazu animiert, den Israeliten beim Aufbau (finanziell!) zu helfen und ihren Teil beizusteuern. Zum anderen passt gerade der Bericht in 2Kön 17,24-41 gut dazu, wo berichtet wird, dass einige der neu Angesiedelten Gott suchten, nachdem Gott Unheil über sie geschickt hat. Somit ist ihre Feindschaft gegen die Israeliten vor allem in der Ablehnung und der Absonderung der Israeliten begründet. Weil die Israeliten sie nicht mit ins Boot nahmen, arbeiteten sie stattdessen gegen ihre Pläne zum Wiederaufbau des Tempels.
Vers 3:
Warum wollen die Israeliten alleine bauen und lehnen die Hilfe ab?
- Die Antwort Jeschuas, Serubbabels und der anderen Anführer Israels war: Es ziemt sich nicht, mit euch zu bauen. Sie lehnen das Hilfsangebot ab. Der Aufruf von Kyrus in Kapitel 1 ist nur so zu verstehen, dass den Israeliten finanziell und materiell geholfen werden soll. Den direkten Tempelaufbau wollen sie aber alleine machen. Warum? Wäre es nicht klasse gewesen, diese Menschen, die doch teilweise auch Gott suchten, mit hineinzunehmen? Wäre es nicht klasse, im Einvernehmen mit den Völkern im Land und mit ihnen gemeinsam zu bauen?
- Man könnte kurz überlegen: Ist die Antwort Jeschuas und Serubbabels hier vielleicht nicht in Gottes Sinn, wenn Gott danach zulässt, dass sie entmutigt werden? Hätte er die Zusammenarbeit befürwortet? Das scheint mir aber nicht naheliegend. Zum einen wird hier im Text die Absonderung gegen die Widersacher nicht negativ beurteilt. Zum anderen ist im ganzen Werk Esra+Nehemia die Problematik der Vermischung mit anderen Völkern und Religionen immer wieder ein Thema (vor allem zum Schluss in Nehemias 10-13). In dem Kontext ist die Abgrenzung hier ganz klar positiv zu werden. Zwei Gründe gibt es für die Abgrenzung: Nationalistische, dass sich die Israeliten nicht mit den anderen Völkern vermischen wollten. Und religiöse, dass sie bei den Gegnern keine deutliche Verehrung Gottes sahen, sondern eine gefährliche Mischreligion. Ich denke, dass beide zusammenkamen und sich nicht ganz klar trennen lassen:
- Nationaler Grund: Zum einen hatten die Israeliten zu der Zeit eine Skepsis vor anderen Nationen. Das zeigt die Liste in Esra 2, wo viel Wert darauf gelegt wird, herauszufinden, wer ursprünglich auch aus dem Südreich kam und Israelit war. Im Alten Testament wird zwar insgesamt keine Theologie vertreten, dass nur der Stammbaum über die Zugehörigkeit zum Volk Israel entscheidet. Von Anfang an der Bibel ist deutlich: Gott will durch Israel alle Völker erreichen. Das zeigt sich beispielsweise schon beim Auszug aus Ägypten oder der Einnahme Israels, wo immer wieder die Formulierung auftaucht: „damit alle Völker der Erde erkennen…“ (z.B. Jos 4,24). Auch konnten schon aus Ägypten andere Völker mit Israel ausziehen und gehörten ganz zum Volk, wenn sie an ihren Gott glaubten (2Mose 12,38). In den Psalmen lesen wir ständig vom Aufruf, den Völkern zu verkündigen und ihnen vorzuleben (z.B. Ps 105,1), ähnlich auch in den Propheten (Jes 12,4). In Jesaja wird sogar explizit vorhergesagt, dass der Tempel ein Bethaus für alle Völker sein wird (Jes 56,7). Auch andere Geschichten wie Jona oder Daniel deuten in diese Richtung. Warum also spielt hier bei Esra die nationale Abgrenzung und auch der Stammbaum auf einmal eine Rolle? Ich denke der Grund liegt in der besonderen Zeit. Man kam zurück aus dem Exil. Viele Völker wohnten im Land, es war schwer, eine Einheit in Israel herzustellen. Man hatte keinen Überblick: Wer gehört eigentlich zu uns, wer betet welche Götter an? So spielte in der Zeit Esras auch die nationale Abgrenzung eine Rolle, um das israelitische Volk wieder zu einen.
- Der zweite und gewichtigere Grund zur Ablehnung der Zusammenarbeit mit den Völkern war sicher die Gefahr der Religionsvermischung. Wie die Geschichte aus 2Kön 17,24ff zeigt, lebten diese Völker den Synkretismus. Sie fürchteten zwar den lebendigen Gott und verehrten ihn, um Unheil abzuwehren. Aber sie verehrten genauso ihre eigenen Götter und blieben bei ihren alten Bräuchen. Inwieweit der Einzelne von ihnen gläubig war oder nicht, lässt sich nicht beurteilen – vermutlich gab es Einzelne der Völker, die sich von ihren Völkern absonderten und ganz dem Gesetz Gottes nacheiferten (vgl. Neh 10,29). Aber als Ganzes war die Zusammenarbeit mit diesem Volk gefährlich und schädlich, weil sie eine Mischreligion lebten. Sie wollten sich als eigenes Volk sehen mit ihren Bräuchen und Göttern – und gleichzeitig dem Gott Israels dienen, das war nicht möglich.
Vers 4-5:
Was genau machten die Widersacher, um die Israeliten vom Bauen abzuhalten? Wie war das möglich, wenn doch der König auf der Seite der Israeliten war?
- In Vers 4 lesen wir: Das Volk des Landes wurde mutlos gemacht, sie wurden vom Bauen abgehalten. Wörtlich heißt es hier: „Ihre Hände wurden schlaff gemacht.“ Außerdem lesen wir in Vers 5 noch spezieller: Es wurden Ratgeber in den Dienst genommen, um ihren Plan zunichte zu machen. Und das Ganze zog sich wohl 15 Jahre hin – vom König Kyrus über König Kambyses bis in die Zeit des Darius. Was hier ablief, ist nicht ganz klar und etwas spekulativ. Mit Ratgebern sind vermutlich persische Beamte und Vertreter von Behörden gemeint, also staatliche Ratgeber. Wie konnten die Widersacher sie beeinflussen, wo der Auftrag doch eigentlich vom König kam? Möglicherweise spielte Bestechung eine Rolle. Vielleicht wurden falsche Gerüchte über die Juden erzählt, wie es dann auch in den nächsten Jahrzehnten geschah (Esr 4,6-24) – die Israeliten seien aufrührerisch, rebellisch, sie werden keine Steuern mehr bezahlen. Einerseits wurden wohl die persischen Beamten und Ratgeber gegen Israel aufgehetzt, andererseits wurde den Israeliten Angst gemacht und sie wurden entmutigt. Warum der König, der anfangs den Tempelaufbau so klar unterstützt hatte, das jetzt zulässt, ist nicht ganz klar. Vielleicht war er mittlerweile mit anderen Dingen beschäftigt.
Wie ließen sich die Israeliten so leicht vom Bau abbringen?
- In Kapitel 3 waren die Israeliten noch begeistert und legten einmütig den Grundstein für den Tempel. Hier in Kapitel 4 sind sie anfangs noch ganz klar bei Gott: Wir wollen uns schützen vor den Mischreligionen, den Tempel können wir selbst bauen. Doch dann lassen sie sich doch entmutigen, wie kann es dazu kommen? Der schnelle Umschwung der Israeliten verwundert ein wenig, wo sie doch gerade noch so klar Kante gezeigt hatten. Aber es zeigt sich, wie schwankend wir Menschen manchmal sind: In einen Augenblick begeistert und brennend für Gott, im nächsten Augenblick entmutigt. Nachdem einige Monate und Jahre alles sehr gut lief mit dem Wiederaufbau, brachten die ersten Schwierigkeiten und Herausforderungen Israel nun ins Wanken und sie beschäftigten sich doch lieber wieder mit ihren eigenen Häusern, die aufgebaut werden mussten.
2. Verstehen, worum es geht
2.1 Hinweise für hermeneutische Überlegungen (Auslegung)
Der Tempelaufbau und die Völker in Israel, die nicht an Gott glauben – beides spielt erstmal keine Rolle mehr für den Christen im Neuen Bund. Wir haben keinen Auftrag mehr zum Bau des Tempels in Jerusalem. Stattdessen wird im Neuen Testament sowohl der einzelne Christ als auch die Gemeinde als Tempel Gottes bezeichnet (siehe dazu ausführlicher die Predigthilfe vom 10.01.). Auch die nationale Reinhaltung spielt im Neuen Testament keine Rolle mehr – es geht nicht mehr darum, einen Staat aufzubauen, in dem nur Christen leben. Aber beides lässt sich in gewisser Weise übertragen bzw. wird im Neuen Testament übertragen. Auch wir sollen den Tempel bauen in dem Sinn, dass wir unser eigenes Leben nach Gottes Willen führen und uns von ihm umgestalten lassen dürfen. Außerdem dürfen wir die Gemeinde als seinen Tempel bauen. Religionsvermischung ist bis heute ein großes und relevantes Thema. Zwar sollen wir uns nicht mehr national abgrenzen, allerdings gilt auch im Neuen Bund die klare Abgrenzung von gefährlichen Einflussnahmen anderer Religionen und Widersachern des heiligen Gemeindebaus. Zum einen von scheinbaren Brüdern, die aber kein bisschen danach leben – das gilt aber nicht für Nichtchristen, die schlecht leben! – (1Kor 5,9-11); zum andern kann keine gemeinsame Sache gemacht werden mit Nichtchristen (2Kor 6,14-7,1). So muss auch heute differenziert werden: Wo stehen wir in Gefahr, dass die Religion vermischt wird? Und wo ist diese Gefahr nicht gegeben, weil es nur kulturelle Prägung ist?
2.2 Hinweise für situative Überlegungen (Predigtanlass)
Wie leicht lassen wir uns abbringen vom Gemeindebau und der Evangelisation? Wer sind unsere Widersacher? Was entmutigt uns? Diese Fragen sind hochaktuell, gerade mit den Corona-Einschränkungen in der letzten Zeit.
Der Predigthörer könnte den Text schnell wie folgt auffassen: Die Einschränkungen wegen Corona sind unsere Widersacher, wir sollen trotzdem alles normal weiter machen und die Einschränkungen missachten. Diese Übertragung scheint mir nicht dem Text angemessen: Zum einen, weil auch der Gesundheitsschutz aus Nächstenliebe (wenn natürlich auch zweitrangig) nicht vernachlässigt werden darf von Christen; zum anderen, weil das Verkündigen des Wortes Gottes nicht allgemein verboten wird, sondern nur teilweise mehr Kreativität oder Hygieneregeln dabei gefordert sind.
Aber durchaus fragen kann man in der Situation: Lassen wir uns entmutigen, weil man teilweise nicht mehr so „leicht“ verkündigen kann? Weil ich andere nicht mehr einfach so zu mir einladen kann zum Bibellesen und Gemeinschaft haben? Oder sind wir bereit, trotz der Einschränkungen kreativ zu werden, weiter Gemeinde zu bauen – mit den Möglichkeiten, die wir in Übereinstimmung mit den politischen Vorgaben haben?
2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen (Anwendung)
In diesem Teil möchte ich einige Ideen zur Anwendung des Textes geben. Natürlich muss in einer Predigt ein Schwerpunkt gelegt werden.
Vers 1:
- Es gab einen erfolgreichen Start des Tempelbaus, aber dann kamen die ersten Widerstände und die Israeliten ließen sich entmutigen. Wie ist das bei meinem Glaubensleben? Wie bin ich gestartet und wie ist der Stand jetzt? Bin ich noch bei meiner ersten Liebe? Lasse ich mich bei Aufgaben in der Gemeinde auch abbringen, sobald erste Widerstände kommen?
- Äußere und innere Feinde und Widersacher: Wo sind die heute? Was hält uns davon ab, im Glauben zu wachsen und in der Gemeinde mit zu bauen? Ist es wie nach Hag 1,2f das Verlangen nach eigener Sicherheit – die Israeliten waren nicht untätig, aber bauten lieber ihre eigenen Häuser. Oder sind es äußere Widersacher? Freunde, die mich von Gott wegziehen, falsche Lehren?
- Manchmal kommen Widerstände einfach so, auch Widerstände, die für uns zu groß sind. Wie hier im Text kein ersichtlicher Grund vorliegt – die Israeliten waren auf einem guten Weg, und trotzdem lässt Gott das zu. Wir verstehen nicht immer, warum Rückschläge kommen. Aber wir dürfen wissen: Gott hat es in der Hand, selbst wenn wir uns von seinem Auftrag abbringen lassen – er wird es zu einem guten Ende bringen (Ausblick Predigt nächste Woche).
Vers 2:
- Ganz spannend ist hier der Gedanke: Auch ein ehrliches Hilfsangebot muss manchmal abgelehnt werden. Nur weil es die Arbeit in der Gemeinde erleichtern würde, heißt es noch nicht, dass man es annehmen muss – wenn auch Gefahren damit verbunden sind.
- Für Nichtchristen: Wenn es einen lebendigen Gott gibt, kann man keine halben Sachen machen. Gott lädt uns ein, zu ihm zu gehören und sein Reich mitzubauen. Allerdings geht das nur ganz, es kann nicht als ein Hobby neben anderen, als ein Gott neben anderen Dingen verstanden werden.
Vers 3:
- Wo müssen wir uns von Widersachern klar abgrenzen und wo nicht? Wo ist Zusammenarbeit möglich, wo nicht? Vom Predigttext selbst herkommend lässt sich hier vor allem eine Linie aufzeigen: Wenn die Gefahr der Religionsvermischung gegeben ist, dann muss man sehr vorsichtig sein mit der Zusammenarbeit. Mehr gibt der Text selbst zum Thema nicht her, wenn man in der Predigt näher darauf eingehen will, von welchen Widersachern man sich heute klar abgrenzen muss, um sich nicht zu vermischen, muss man das Thema gesamtbiblisch näher betrachten – warum war die Abgrenzung damals notwendig und wann ist die heute ähnlich notwendig? Wie ist der Umgang mit anderen Konfessionen? In welchen Punkten ist theologische Vielfalt möglich, in welchen nicht?
- Zum Umgang mit anderen christlichen Gruppen und der Zusammenarbeit finde ich eine vierfache Einteilung hilfreich: Die Unterscheidung zwischen (1) heilsnotwendigen biblischen Grundlagen, (2) wichtigen biblischen Themen, (3) weniger wichtigen biblischen Themen und (4) Dingen, die biblisch gesehen total egal sind. Manches lässt sich nicht ganz klar einordnen, aber um die Einordnung kurz zu erklären, für alles ein Beispiel: 1. Heilsnotwendig ist beispielsweise die Aussage, dass Jesus nicht nur Mensch, sondern auch Gott ist (1Joh 4,1-3). 2. Wichtige biblische Aussagen sind klare biblische Aussagen wie zum Beispiel, dass die ganze Schrift Gottes Wort ist (2Tim 3,16). 3. Unwichtige biblische Aussagen sind natürlich trotzdem wichtig, weil sie in der Bibel stehen – aber nicht zentral und ganz deutlich formuliert und deshalb auch in bibeltreuen Kreisen umstritten: z.B. die Frage: Gibt es noch Zungenrede? (1Kor 14) 4. Spannende biblische Fragen, die aber total unwichtig sind, ist beispielsweise die Einhaltung und Relevanz von Feiertagen (Röm 14,5). Bei erster Kategorie ist klar: Hier sind Menschen verloren und glauben nicht, mit denen kann auf keinen Fall zusammengearbeitet werden. Bei zweiter Kategorie ist der Unterschied so gewaltig, dass eine Zusammenarbeit nicht möglich ist, weil andere religiöse oder weltanschauliche Ansichten mit hineinkommen können – auch wenn die andere Person durchaus errettet sein kann, auch wenn sie zum Beispiel die Bibel nicht 100% als Gottes Wort ansieht. Bei dritter Kategorie sind unterschiedliche Meinungen möglich – es ist wichtig, sie zu diskutieren und zu debattieren. Allerdings ist hier eine Zusammenarbeit normalerweise möglich. Letzte Kategorie ist völlig irrelevant.
- Wo ist Gefahr der Religionsvermischung? Es gibt kein „wohltemperiertes Christentum“, wie ein wohltemperiertes Klavier gibt. Wo Christen sind, da entsteht eine gewisse Abgrenzung, weil sie Gottes klare Botschaft verkündigen: Wer an Jesus glaubt, der hat das Leben – wer nicht, der hat das Leben auch nicht (1Joh 4,12f).
Vers 4-5:
- Manchmal ist der Teufel trickreich, um uns vom richtigen Weg abzubringen – gelingt es ihm? Obwohl die Israeliten sich klar von den Widersachern abgrenzen wollen, entmutigen sie diese dann.
- Was entmutigt uns im Glauben? Wo hängen wir zu stark daran?
- Die Israeliten waren 17 Jahre festgefahren, sie hatten keinen Kampfgeist mehr. Wie schnell kann das auch uns passieren, dass wir uns jahrelang im Alltag verlieren und es nicht mehr voran geht. Vorsicht!
- Am Anfang waren die Israeliten froh, dass sie am Tempel mitarbeiten dürfen – aber dann kommt der Alltag, Rückschläge, Unlust, Störmanöver. Geht es uns manchmal auch so?
- Kapitel 4,24: Die Arbeit hörte auf und blieb liegen – aber es gibt trotzdem noch Hoffnung, selbst wenn wir komplett versagen: In Kapitel 5 (nächste Woche der Schwerpunkt): Gottes Wort kommt in die Zeit, Gott greift ein. Es gibt noch Hoffnung, auch für träge gewordene Christen: Gottes Wort, das uns verändern will!
- Obwohl die Israeliten sich entmutigen lassen: Gott gibt sie nicht auf und führt seinen Plan weiter aus!
- Auch wenn wir ähnlich versagen, selbst über Jahrzehnte hinweg geistlich einschlafen oder Gott zurückgestellt haben. Gott gibt uns nicht auf – wie er auch die Israeliten damals nicht aufgegeben hat! Gottes Wort will unser Herz bewegen.
- Für Nichtchristen die doppelte Einladung: Wenn es rund läuft im Leben und scheinbar alles passt – stell dir die Frage: Was ist Gottes Auftrag für dein Leben? Gott fordert dich auf, „Tempel zu bauen“! Wenn du im Leben entmutigt bist, eine Bauruine hast, dein Leben an die Wand gefahren hast. Komm zu Gott. Bei ihm gibt es eine neue Chance.
3. Sagen, wo es hingeht
3.1 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?
Gott ist da und schenkt Weisheit gegenüber den Feinden.
Widersacher der Gemeinde und im persönlichen Glauben – wie erkennen wir sie und wie gehen wir damit um?
Bringt der Sturm unser Glaubensschiff zum Wanken?
3.2 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?
Textgliederung:
- Das Volk des Landes versucht, die Israeliten mit ihrem Hilfsangebot zu verführen (Verse 1-2)
- Die Israeliten lehnen das Angebot ab, um ihr Volk reinzuhalten und vor Religionsvermischung zu schützen (Vers 3)
- Das Volk des Landes entmutigt die Israeliten und hält sie vom Tempelbau ab (Verse 4-5)
Mögliche Predigtgliederung:
Gott ist da und schenkt Weisheit gegenüber den Feinden
- Auch wenn alles gut läuft – es ist Vorsicht geboten (Verse 1-2)
- Gott schenkt Weisheit zur Abgrenzung gegenüber Gefahren (Vers 3)
- Der träge Mensch lässt sich schnell entmutigen – aber Gott ist da! (Verse 4-5)
Alternative Gliederung:
Die Baustelle deines Lebens
- Die Baustelle ist gut angelaufen und andere wollen helfen (Verse 1-2)
- Erste Gefahren für den Bau können erfolgreich abgewehrt werden (Vers 3)
- Aus der Baustelle wird eine Bauruine – und nun? (Verse 4-5)
3.3 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?
- Das Bild der Baustelle kann hier gut gebraucht werden in Anlehnung an den Tempelbau. Man kann hierzu beispielsweise Bilder von Baustellen oder Bauruinen verwenden. Oder der Vergleich mit sehr langwierigen Baustellen – wie Stuttgart 21 – ähnlich war auch der Tempel damals und ist unser Leben oft eine sehr langwierige Baustelle.
- Sturm oder Stillstand. Man kann am Beispiel eines Bootes die Frage stellen: Wie kommen wir durch Stürme hindurch: Beugen wir uns dem Sturm? Was ist der Wind in unserem Segel und im Leben – oder stehen wir im Stillstand?
- Manchmal sind wir träge und entmutigt wie die Israeliten damals. Hier kann man vom physikalischen Trägheitsgesetz erzählen oder sogar einfache Experimente vormachen: Wir brauchen etwas, das uns anstößt, sonst geht es nicht voran. Das lässt sich beispielsweise mit einer Kugel gut zeigen: Von sich aus bewegt sie sich nicht, aber wenn etwas anderes dagegen gestoßen wird, rollt sie los. Aber egal wie stark die Kugel angestoßen wird, irgendwann kommt sie wieder zum Stillstand. So brauchen auch wir Christen immer wieder neu Anstöße durch Gottes Wort.
(Samuel Koser)