Monatsthema: Unter Gottes Augen leben: Petrus
Predigtthema: Der falsche Mut
Bibelstelle: Matthäus 26,31-36
Verfasser: Markus Neumann
1. Zusammenhang
Die Passion Jesu (Mt 26,1 – 27,66)
Ereignisse vor der Passion (Mt 26,1-46): Jesus sagt seinen Tod voraus, wird von Ma-ria gesalbt, von Judas verraten und feiert mit den Jüngern das Abendmahl. Unmittel-bar danach bricht die Gruppe auf in Richtung Ölberg und erreicht schließlich das Gut Gethsemane. Auf dem Weg dorthin findet dieses Gespräch statt: Die Ankündigung der Verleugnung durch Petrus (Mt 26,31-35).
2. Biblische Parallelen
Parallelstellen: Mk 14,27-31; Lk 22,31-34; Joh 13,36-38
Petrus in „geistlichen Schwierigkeiten“: Mt 14,27-31; 16,21-23; 26,40-41; 51-55; 69-75
3. Der Aufbau des Textes
Ein Gespräch zwischen Jesus und den Jüngern, bei dem beide Parteien je zweimal zu Wort kommen:
a) V.31-32 Jesus: Ärgernis für alle, Tod, Auferstehung, Gang nach Galiläa
b) V.33 Petrus: Das Anstoß nehmen kann höchstens für die anderen gelten.
c) V.34 Jesus: Es gilt gerade für Dich – sogar dreifache Verleugnung.
d) V.35 Petrus/alle: Das wird nicht geschehen, und wenn es das Leben kostet.
4. Einzelerklärungen
V.31 Auf dem Weg nach Gethsemane sagt Jesus voraus, daß seine Jünger („alle“!) sich an ihm „ärgern“ (griech. skandalizo – Anstoß nehmen, zu Fall kommen, zur Sün-de verleitet werden) würden. Sie werden ihn im Stich lassen.
Warum wird das geschehen? Weil die Schrift es sagt: „Es steht geschrieben…“.
Jesu Weissagung basiert auf einem Text aus dem Alten Testament, den er zitiert: Sach 13,7 („Ich werde den Hirten schlagen…“).
Morrison schreibt: „Beraubt ihres sichtbaren Leiters und betäubt durch die offensicht-liche Katastrophe werden sie nicht wissen, was sie tun oder wohin sie gehen sollen“.
V.32 Dieser Vers bildet einen starken Kontrast zum vorigen – „… ein Licht in dieser Dunkelheit.“ (P. Timblin).
Jesus würde den Tod besiegen und auferstehen.
Diese beiden Verse greifen somit die Aussagen der Leidensankündigungen Jesu auf, s. z.B. Mt 20,17-21, liefern aber in einem Punkt zusätzliche Informationen: Das Han-deln Jesu nach der Auferstehung bezieht die Jünger unmittelbar mit ein. Er wird vor ihnen hergehen nach Galiläa, also in das Heimatgebiet der Zwölf (vgl. Apg 2,7). Ge-nauso geschah es dann tatsächlich (s. Mt 28,7).
Der Trost hier: Jesus gibt die Jünger nicht auf, obwohl sie ihn im Stich lassen wer-den. Sie bleiben weiterhin Teil seines Planes (s. Lk 22,31-34).
V.33 Ähnlich wie in Mt 16,22 ergreift auch in dieser Situation Petrus das Wort. Er wi-derspricht entschieden: Nicht ganz „alle“!
Rieneker schreibt: „Diese Worte des Petrus passen so ganz und gar zu seiner Art: voll Liebe zu seinem Meister, aber ohne jede Selbsterkenntnis und nicht ohne Selbstüberhebung.“
V.34 Die Antwort Jesu schmerzt. Ausgerechnet der starke Mann im Team, der Wortführer, der Privilegierte wird entgegen seiner eigenen Einschätzung nicht die positive Ausnahme bilden, sondern die negative: Er wird Jesus sogar dreimal ver-leugnen und zwar bevor der Hahn (zweimal, s. Mk 14,30) kräht.
Rienecker: „Die erste Verleugnung geschah etwa um drei Uhr. Die Tatsache zweier verschiedener Hahnrufe, deren erster schon für Petrus eine Warnung sein mußte, hebt die Größe seiner Verfehlung stärker hervor.“
Die besondere Schuld des Petrus, die sich hier abzeichnet – Sonderrolle, dreifache Verleugnung, trotz Warnung – und die Genauigkeit der Vorhersage – Jesus war ihm u.a. als Prophet bekannt (Mt 13,57) – läßt ihn umso energischer reagieren.
V.35 Er weist diesen Gedanken weit von sich. So groß empfindet er die Liebe zu sei-nem Herrn, daß er sich für ihn opfern würde. Dies wäre das Äußerste, zu dem Men-schen bereit wären (Röm 5,7), aber Gott geht darüber hinaus (Röm 5,8).
Im Paralleltext in Joh 13,36-38 erklärt Jesus ihm sehr deutlich, dies sei ein Weg, den er allein gehen müsse.
Petrus muß begreifen, daß sein Heil davon abhängt, daß Jesus für ihn stirbt. Sein schuldhaftes Verhalten belegt das (Lk 22,61-62).
Schließlich sehen wir, daß auch die übrigen Jünger die falsche Selbsteinschätzung des Petrus teilten. Barbieri schreibt: „Sie alle konnten nicht fassen, daß sie den Herrn verleugnen sollten. Sie würden ihn nicht verraten (V.22), warum also sollten sie ihn verleugnen?“
Es steht Aussage gegen Aussage. Jesus beläßt es dabei. Es ist bekannt, wer Recht behalten sollte.
5. Spitze des Textes
Die falsche Einschätzung der eigenen Person und der Worte Jesu (bei den Jüngern).
6. Der Text heute
6.1 Jesus ist nicht nur für die Jünger in dieser Nacht ein „Ärgernis“, sondern grund-sätzlich für die Menschheit, der zugerufen wird: „Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht.“ (1.Joh 5,12).
Dasselbe Wort wie in V.31.33 steht in Gal 5,11: „…das Ärgernis (griech. skandalon) des Kreuzes…“. Es ist deswegen ein Ärgernis, weil es die Unfähigkeit des Menschen belegt, von sich aus Gott zu gefallen. Trotzdem oder gerade deshalb ist dies unsere Predigt (1 Kor 1,22-24 vgl. 1 Kor 2,2; Gal 3,1).
Christus ist und bleibt der Stein des Anstoßes, der Fels des Ärgernisses (griech. skandalon) (Röm 9,32-33; 1 Petr 2,7-8) – oder aber der kostbare Eckstein, denn wer an ihn glaubt wird nicht zuschanden werden (1 Petr 2,6). An ihm scheiden sich die Geister.
6.2 Die Verse 31 und 32 beschreiben, wie Gott trotz der Ablehnung Jesu durch sein Volk, trotz der Unzulänglichkeit seiner engsten Vertrauten zum Ziel kommt. Das E-vangelium basiert einzig und allein auf der Initiative und Gnade Gottes (Phil 2,5-11); es hat diese zwei tragende Säulen: Den Tod und die Auferstehung des Sohnes Got-tes (Röm 4,25).
6.3 Jesus betont hier die Autorität der Schrift, die sich erfüllen muß und bekräftigt seinen eigenen Anspruch als Prophet. Die Jünger widersprechen, weil sich Gottes Wort nicht mit ihren eigenen Einschätzungen und Interessen deckt.
Wie stellen wir uns zur Heiligen Schrift? Können wir Verse wie 2 Tim 3,16 unter-schreiben? Darf die Schrift uns belehren, überführen, zurechtweisen, unterweisen…? Ist sie für uns oberste Autorität oder behalten wir uns vor, ggf. anderer Meinung zu sein, wenn es die Interessenlage erfordert?
Welche Prinzipien der Auslegung wenden wir an, wenn es um Prophetie geht? Hun-derte von AT-Weissagungen auf den Messias haben sich wörtlich erfüllt in seinem ersten Kommen (Lk 24,25-28). Wird es bei seinem zweiten Kommen anders sein?
6.4 Das Zitat Jesu aus Sach 13 nimmt die Verhältnisse in der Gemeinde vorweg. Je-sus ist der gute Hirte, der sein Leben läßt für seine Schafe. Er ist heute der Oberhirte der Gemeinde (1 Petr 5,4), der seine Aufgaben an menschliche (Unter-) Hirten dele-giert, die Gemeindeältesten. Dieser Dienst ist auch heute unabdingbar (Sach 13,7, vgl. Tit 1,5).
Diese Tatsache und wie er geleistet werden soll beschreibt Petrus (1 Petr 5,1-5), nachdem er selbst von Jesus mit der Hirtentätigkeit betraut wurde (Joh 21,15-17). Beachten wir, daß für diesen Dienst rein geistliche Voraussetzungen gefragt sind (Jesus: „Hast du mich lieb?“). Das gilt heute genauso (1 Tim 3,1-7; Tit 1,5-9). Diese Kriterien sind ernstzunehmen.
6.5 Immer aktuell ist die Gefahr einer falschen Selbsteinschätzung. Der Apostel Paulus beschrieb dies später so: „Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, daß er nicht falle.“ (1 Kor 10,12). Gerade auf geistliche Höhenflüge folgt nicht selten ein beson-ders tiefer Sturz. Die Freude über einen besonders gelungenen Dienst könnte in Stolz umschlagen. Verliere ich in solchen Phasen aus den Augen, daß ich ohne Je-sus nichts (geistlich Fruchtbares) tun kann (Joh 15,5)?
Es ist wichtig, solche Situationen in der Seelsorge aufzufangen in dem Bewußtsein, daß ich genauso anfechtbar und zur Sünde fähig bin wie jedes meiner Geschwister (Gal 6,1 vgl. V.33).
Wie gut, wenn ich dann erfahre, was ich auch anderen gewähren soll (Mt 18,21-22). Jesus wird die Jünger, die hier versagen, nicht aufgeben (V.32)!
6.6 Das Versagen der Jünger hier (Mt 26,56; 69-75; Joh 16,31-33) steht im krassen Gegensatz zu ihrem Mut und ihrer Hingabe als Zeugen für Christus später (Apg 4,13.19-20.33; 5,28-33.40-42). Wie kommt das?
Der Auferstandene Jesus bezeugt im Missionsbefehl die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der seit Pfingsten in jedem Gläubigen wohnt (Apg 1,8). Wir haben neben demselben Auftrag auch dasselbe Potential (2 Kor 5,20; Röm 8,15). Zeugen für Christus sein zu sollen ist demnach keine Überforderung, sondern eine Anfrage an unseren Glauben.
7. Beispiele und Verdeutlichungen
7.1 Petrus ist ein impulsiver Mensch. Er trägt sein „Herz auf der Zunge“. Hier besteht besonders die Gefahr, vor der Jakobus uns alle warnt (Jak 3,1-12).
Beachten wir die vielfältige Aufforderung der Apostel zu Nüchternheit (1.Kor 15,34; 1.Thess 5,6.8; 1.Tim 3,11; 2.Tim 2,26; 4,5; 1.Petr 1,13) und Besonnenheit (Röm 12,3; 1.Tim 3,2; 2 Tim 3,4; Tit 1,8; 2,2.5.6.12; 1.Petr 4,7).
7.2 Im Angesicht des drohenden Todes reagieren die Jünger anders als sie gedacht hätten (Joh 13,38). Kennen wir Situationen, in denen unser Leben bedroht war? Un-ter Lebensgefahr verändern sich die Prioritäten schlagartig. Wo uns z.B. Nahrung, Wasser oder Sauerstoff verwehrt wird, offenbaren sich bald die wahren Verhältnisse. Der Idealismus läßt nach, Ich und meine Bedürfnisse rücken zunehmend ins Zent-rum.
7.3 Was genau bedeutet eigentlich dieses sich ärgern (griech. skandalizo) in V.31.33?
Hier Auszüge aus der Worterklärung der Elberfelder Studienbibel:
skandalizo:
etwas tun, was zum Fall oder Ruin eines anderen führt, eine Falle stellen; ohne Be-zug auf eine Irreführung bedeutet es: jemand ruinieren, ohne daß er es merkt; von skandalon, Auslöser einer Falle, Ärgernis, Anstoß s.u..
Im NT meint es: eine Gelegenheit oder einen Anstoß zu gottlosem Handeln, zum Abfall von Gott und dem daraus resultierenden Schaden geben, einen Anlaß zur Sünde geben, ein Ärgernis geben oder sein (Mt 5,29f; 17,27; 18,8f; Mk 9,43.45.47; Joh 6,61; 1Kor 8,13).
In Mt 18,6; Mk 9,42; Lk 17,2 könnte es auch heißen: jmd. trickreich verführen oder in den Ruin treiben, bei jmd. einen solchen Lebenswandel verursachen, daß er zu Schaden kommt, ohne es zu merken.
Im Passiv bedeutet es: sich ärgern, Anstoß nehmen, zur Sünde verleitet werden bzw. sich zur Sünde verleiten lassen (Mt 11,6; 13,21.57; 15,12; 24,10; 26,31.33; Mk 4,17 u. ö.).
skandalon:
Anstoß, Ärgernis; eigentlich: Auslöser an einer Falle, an dem der Köder befestigt ist und der die Falle sofort zuschnappen läßt, wenn ihn ein Tier berührt.
Skandalon bezeichnet immer eine Verführung oder das Schaffen einer Gelegenheit, die zu einem solchen Verhalten des verführten oder geärgerten Menschen führt, wel-ches diesen ruiniert. Im NT erstreckt sich die Vorstellung von skandalon hauptsäch-lich darauf, daß es ein gewisses Verhalten verursacht, welches in den Ruin, ins Ver-derben führt (Röm 9,33; 11,9; 1Petr 2,8). Von diesem griech. Wort kommt unser Fremdwort Skandal.
In den meisten Fällen ist ein skandalon etwas, was Gelegenheit zu einem Verhalten bietet, das mit dem Untergang dessen endet, der Anstoß nimmt. Damit ist skandalon, Ursache, Anstoß zum Sündigen, etwas Anstößiges
8. Material und Gliederung zur Predigt
a) V.31-32 Jesus, der Stolperstein
b) V.33 Jesus, der Stolperstein für Selbstbewußte
c) V.34-35 Jesus, der Stolperstein für Helden