Matthäus

Predigthilfe vom 21.9.2003 – Matthäus 26,69-75

Monatsthema: Unter Gottes Augen leben: Petrus
Predigtthema: Das Versagen

Bibelstelle: Matthäus 26,69-75

Verfasser: Markus Neumann

1. Zusammenhang
Die Passion Jesu (Mt 26,1-27,66)
Ereignisse vor der Passion (Mt 26,1-46): Jesus sagt seinen Tod voraus, wird von Ma-ria gesalbt, von Judas verraten und feiert mit den Jüngern das Abendmahl. Unmittel-bar danach bricht die Gruppe auf in Richtung Ölberg und erreicht schließlich das Gut Gethsemane. Auf dem Weg dorthin sagt Jesus die Verleugnung durch Petrus voraus (Mt 26,31-35), was sich hier in Mt 26,58.69-75 erfüllt. Jesus wird gefangengenom-men, vor den Hohen Rat geführt (ab Mt 26,47) und das Gerichtsverfahren über ihn wird eröffnet (27,1-26).

2. Biblische Parallelen
Parallelstellen: Mk 14,66-72; Lk 22,56-62; Joh 18,15-18.25-27
Der Verrat und das Ende des Judas: Mt 26,14-16.25.48-50; 27,3-5; Lk 22,3-6.47-48; Apg 1,16-19
Petrus in „geistlichen Schwierigkeiten“: Mt 14,27-31; 16,21-23; 26,40-41; 51-55; 69-75
Petrus von Jesus rehabilitiert: Joh 21,15-22

3. Der Aufbau des Textes
V.69-70: Erste Verleugnung gegenüber einer Magd
V.71-72: Zweite Verleugnung gegenüber einer anderen Magd mit einem Eid
V.73-75: Dritte Verleugnung gegenüber einer Gruppe von Passanten mit Verflu-chung; umfassende Erfüllung der Vorhersage Jesu (Hahn kräht) und Reue

4. Einzelerklärungen
V.69-70 Petrus, der in Mt 16,16 („Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ – und genau darum ging es gerade bei dem Verhör Jesu, vgl. Mt 26,63-64) dieses vollmächtige Bekenntnis zu Jesus ausgesprochen hatte (vgl. Joh 6,68-69), versagt kläglich nach der knappen Anrede durch ein Mädchen.
Mead schreibt: „Petrus erklärte sich bereit, für den Herrn zu sterben, aber als ein Dienstmädchen lächelte, hat er seine Meinung geändert“.
Nachdem die Jünger geflohen waren, kehrten Petrus und wahrscheinlich Johannes zurück. Letzterer war dem Hohenpriester bekannt und hatte dadurch Zutritt zu sei-nem Hof (Joh 18,15-16). Auf diese Weise konnte er auch Petrus den Zugang ermög-lichen.
Dieser war sicherlich skeptisch beim Betreten des Hauses, denn noch vor kurzer Zeit war er auf die Dienerschaft des Hauses mit dem Schwert losgegangen (V.51).
Die Verleugnung gegenüber der Magd steht im starken Widerspruch zu seinem ur-sprünglichen Vorsatz (s. Joh 13,37: „Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen“).
„Ich weiß nicht, was du sagst!“ (V.70). Rienecker schreibt: „In der traurigen Stim-mung, worin er sich jetzt befand, mochte er zuerst sich überreden, diese Antwort sei nur eine kluge Ausflucht. Nach Lukas hatte ihn die Magd bei dieser Anfrage im Licht-schein des Herdes scharf fixiert; er dagegen wies sie mit einer Entrüstung von sich, worin sich seine Aufregung kundtat: „Frau, ich kenne ihn nicht!“ Das war die erste Verleugnung.“

V.71-72 Zum zweiten Mal, jetzt von einer anderen Magd, wird Petrus bezichtigt, einer von Jesu Jüngern zu sein (s. Mk 14,69; Joh. 18,25). Petrus leugnete wieder „ mit ei-nem Eid: Ich kenne den Menschen nicht!“ (Mt. 26,72).
Er scheint nach Mt und Mk gleich nach der ersten Verleugnung beabsichtigt zu ha-ben, diesen riskanten Ort zu verlassen. Joh legt allerdings nahe, daß er doch noch eine Weile unter den Knechten am Feuer geblieben ist, womöglich um seine Unsi-cherheit zu kaschieren und durch die Verzögerung seinen Rückzug zu sichern.
Die zweite Versuchung begegnet ihm bei dem Versuch, den Schauplatz zu verlas-sen.
Wie lassen sich die Unterschiede in den Parallelberichten hinsichtlich der beteiligten Personen verstehen? Rienecker: „Die Magd sah ihn wieder, sagt Markus, und fing an, bei den Umstehenden von ihm zu sprechen: „Auch dieser ist einer von denen.“ Eine andere sah ihn, sagt Matthäus; die Angabe, welche er sie machen läßt, ist dem Sinne nach dieselbe. Ein anderer sah ihn, heißt es bei Lukas, und sprach: „Auch du bist einer von denen.“ Und nach Johannes fragten ihn mehrere der Knechte, welche das Feuer umstanden: „Bist du auch einer von seinen Jüngern?“.“

V. 73-75 Zum dritten Mal wird Petrus identifiziert und zwar von einem Verwandten des Malchus (siehe Joh. 18,26): „Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich“ (Mt 26,73).
Zu diesem Zeitpunkt fängt Petrus an, sich zu verfluchen und zu schwören: „Ich kenne den Menschen nicht“ (Mt. 26,74). Anschließend erfahren wir: „Und alsbald krähte der Hahn“.
Timblin schreibt: Wie mag es Petrus zu dieser Zeit ergangen sein! Das Krähen des Hahnes mußte Petrus an die Worte Jesu erinnern: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (Mt. 26,75). Lk gibt uns etwas mehr Licht in bezug auf das, was danach passiert. In Lk. 22,61 lesen wir: „Und der Herr wandte sich und sah Pet-rus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“.
Rienecker: „Und in demselben Augenblick wurde Jesus an der Gruppe, die den ver-leugnenden Jünger in beängstigender Weise umgab, vorübergeführt. Jesus hörte vielleicht noch die letzten Worte seiner Selbstverwünschung… Sein Blick sprach es aus, wie tief der Jünger gefallen war, wie sehr derselbe sein Herz verwundet hat und wie es blutete, nicht nur durch ihn, sondern auch um ihn.“

5. Spitze des Textes
„Petrus erklärte sich bereit, für den Herrn zu sterben, aber als ein Dienstmädchen lächelte, hat er seine Meinung geändert“. (Mead)

6. Der Text heute
6.1 Immer aktuell ist die Gefahr einer falschen Selbsteinschätzung (vgl. Predigttipp 7.9.2003). Der Apostel Paulus beschrieb dies später so: „Daher, wer zu stehen meint, sehe zu, daß er nicht falle.“ (1 Kor 10,12). Gerade auf geistliche Höhenflüge folgt nicht selten ein besonders tiefer Sturz. Die Freude über einen besonders gelun-genen Dienst könnte in Stolz umschlagen. Verliere ich in solchen Phasen aus den Augen, daß ich ohne Jesus nichts (geistlich Fruchtbares) tun kann (Joh 15,5)?
Es ist wichtig, solche Situationen in der Seelsorge aufzufangen in dem Bewußtsein, daß ich genauso anfechtbar und zur Sünde fähig bin wie jedes meiner Geschwister (Gal 6,1 vgl. V.33).
Wie gut, wenn ich dann erfahre, was ich auch anderen gewähren soll (Mt 18,21-22). Jesus wird die Jünger, die hier versagen, nicht aufgeben (V.32)!

6.2 Petrus lernte durch diese Erfahrung eine wichtige geistliche Lektion. Paulus be-schreibt sie anschaulich in Römer 7: Der Mensch in sich ist nicht fähig, Gott zu ge-horchen. Er braucht die Hilfe des Heiligen Geistes.
Timblin schriebt: „Die Geschichte des Petrus ist ein gutes Beispiel, daß die Bibel Menschen darstellt, wie sie sind. Wir sehen die Helden mit ihren Stärken und ihren Schwächen. Zweifellos hat diese Erfahrung das Leben des Petrus beeinflußt und verändert.“

6.3 Gerade dort, wo wir am stärksten sind, greift der Feind (Satan) uns mit Vorliebe an. Petrus ist eins von mehreren Beispielen für diese Wahrheit, die die Bibel nennt:
– Petrus war bemerkenswert mutig – bei der Verleugnung Jesu war er sehr feige…
– Mose war beispielhaft sanftmütig – wegen Zornes durfte er nicht ins verheißene Land…
– Abraham war ein Glaubensvorbild – in Ägypten präsentierte er sich kleingläubig…
– Elia war couragiert – Isebel gegenüber wurde er ängstlich…

6.4 Aus seinem Versagen hat Petrus viel lernen können. Er hatte Gelegenheit, viel über seine Sünde nachzudenken und tat schließlich Buße.
Timblin: „Sein Handeln ist deutlich zu unterscheiden von dem des Judas. Jesus hatte vorher gesagt, daß Petrus fallen würde, aber auch, daß Er für ihn gebetet hätte (s. Lk 22,31-32, vgl. 1 Petrus 5,8)“
Rienecker: „Petrus ging hinaus in die Nacht, aber nicht in die Nacht der Verzweiflung wie Judas… Und so wurde es ihm bereitet, daß er in einem ganz anderen und viel heilsameren Sinne mit Christus in den Tod gehen konnte (der Tod seines alten Le-bens, besonders seines alten Stolzes), als er es gemeint hatte.“

6.5 „Dies ist sehr zu beachten, daß Petrus mit dem Gange seiner Bekehrung als der erste große leuchtende Typus der wahren Heilsordnung dasteht, während Judas in seiner Reue den entgegengesetzten Weg einschlug, und erst die menschliche Sa-tisfaktion bei den Feinden, mit denen er sich verschuldet hatte, leisten wollte, aber auf diesem Wege nie zu Christus zu kommen vermochte.“ (Rienecker)

6.6 Das Versagen der Jünger hier (Mt 26,56; 69-75; Joh 16,31-33) steht im krassen Gegensatz zu ihrem Mut und ihrer Hingabe als Zeugen für Christus später (Apg 4,13.19-20.33; 5,28-33.40-42) (vgl. Predigttipp 7.9.2003). Wie kommt das?
Der Auferstandene Jesus bezeugt im Missionsbefehl die Wirksamkeit des Heiligen Geistes, der seit Pfingsten in jedem Gläubigen wohnt (Apg 1,8). Wir haben neben demselben Auftrag auch dasselbe Potential (2 Kor 5,20; Röm 8,15). Zeugen für Christus sein zu sollen ist demnach keine Überforderung, sondern eine Anfrage an unseren Glauben.

7. Beispiele und Verdeutlichungen
7.1 Petrus ist ein impulsiver Mensch. Er trägt sein „Herz auf der Zunge“. Hier besteht besonders die Gefahr, vor der Jakobus uns alle warnt (Jak 3,1-12).
Beachten wir die vielfältige Aufforderung der Apostel zu Nüchternheit (1.Kor 15,34; 1.Thess 5,6.8; 1.Tim 3,11; 2.Tim 2,26; 4,5; 1.Petr 1,13) und Besonnenheit (Röm 12,3; 1.Tim 3,2; 2 Tim 3,4; Tit 1,8; 2,2.5.6.12; 1.Petr 4,7).

7.2 Im Angesicht des drohenden Todes reagieren die Jünger anders als sie gedacht hätten (Joh 13,38). Kennen wir Situationen, in denen unser Leben bedroht war? Un-ter Lebensgefahr verändern sich die Prioritäten schlagartig. Wo uns z.B. Nahrung, Wasser oder Sauerstoff verwehrt wird, offenbaren sich bald die wahren Verhältnisse. Der Idealismus läßt nach, Ich und meine Bedürfnisse rücken zunehmend ins Zent-rum.

7.3 Das Leben des Petrus offenbart einige konkrete Stationen, die mit seinem Fall enden:
– Petrus widersprach der ersten Warnung des Herrn (s. Mt 26,33-35; Lk 22,33-34; Mk 14,29-31; Joh 13,36-38).
– Im Garten er beten sollen; schlief aber (s. Mt 26,36-46; Mk 14,32-41; Lk 22,39-46).
– Später hat er gekämpft, statt sich ruhig zu verhalten (s. Mt 26,51-54; Mk 14,47; Lk 22,50-51; Joh 18,10-11).
– Er erhält eine zweite Warnung vom Herrn (s. Mt 26,52-54; Lk 22,51; Joh 18,11).
– Er floh mit den anderen Jüngern (s. Mt 26,56; Mk 14,50).
– Er hält sich auf Distanz zu Jesus (s. Mk 14,54; Lk 22,54).
– Er begibt sich in den Kreis der Feinde Jesu (Mt 26,69; Lk 22,55; Mk 14,54; Joh. 18,18).
– Schließlich verleugnete er den Herrn (s. Mt 26,69-75; Mk 14,66-72; Lk 22,60-62; Joh 18,25-27).

8. Material und Gliederung zur Predigt
V.69-70 Jesus verleugnen mit einer Ausrede (ich verstehe nicht…)
V.71-72 Jesus verleugnen mit einem Eid
V.73-75 Jesus verleugnen mit einem Fluch