1.Korinther

Predigthilfe vom 15. Juli 2018 – 1- Korinther 9, 16-27

Predigtthema: Ich bin so frei! Freiheit wovon? Freiheit wozu?

1        Erläuterungen zum Text

9,16-18: Mit dem Stichwort „Ruhm“ wird der Gedankengang von 9,15 fortgeführt. Paulus verzichtet freiwillig auf sein Recht auf Versorgung durch die Gemeinde. Niemand soll seinen Ruhm beschädigen können, den er in Christus sucht. Für sich selber erwartet Paulus keinen Ruhm. Er verkündigt das Evangelium, weil er seit seiner Berufung gar nicht anders kann (und will). Die Macht der erfahrenen Gnade Gottes fordert ihn als Menschen radikal (vgl. das Geschick der Propheten, z.B. Jer 20,9). Weil Gott über Paulus verfügt und ihn zum „Verwalter der Geheimnisse Gottes“ eingesetzt hat (vgl. 4,1), besteht sein Lohn im Verzicht auf eine Vergütung seiner Verkündigung. Sein Lohn besteht also darin, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten. Das macht ihn zwar angriffig für seine Gegner (s. Predigthilfe für 8.7.2018 zu 9,2), lässt ihn aber an der Niedrigkeit von Christus teilhaben. Paulus rühmt sich also dessen, was er durch seinen Herrn ist (vgl. 1,31).

9,19: Der Apostel formuliert nun eine überraschend paradoxe Aussage. Einerseits: Paulus ist allen gegenüber frei. Damit ist er unabhängig von Ansprüchen auf sein Leben, die von anderen erhoben werden könnten. Andererseits: Paulus ist frei, für andere Menschen da zu sein. Damit macht er sich sogar zum Sklaven (Luther: „Knecht“) aller. Diese Freiheit, aus Freiheit zu verzichten, eröffnet einen weiten Raum, in engagierter Hingabe (als Sklave!) den Menschen zu dienen. Dabei lässt Paulus keinen Zweifel an der Absicht seines Dienstes. Fünfmal wird von ihm hervorgehoben (9,19.20-22): „um (möglichst viele) zu gewinnen“. Sein entschlossener Einsatz zielt darauf ab, Menschen für Christus zu gewinnen. Sowohl mit seiner Verkündigung als auch mit seinem Lebensstil konzentriert er sich ganz auf sein Gegenüber. Das wird nun hinsichtlich verschiedener Zielgruppen präzisiert.

9,20: Den Juden („die unter dem Gesetz sind“) begegnet Paulus wie ein Jude. Seiner Herkunft und Erziehung nach war er selber Jude. Wie die Juden hält sich Paulus an die Wegweisungen der Tora (Gesetz). Jedoch misst er ihnen keine Heilsbedeutung mehr zu, denn Paulus sucht das Heil allein in Christus (vgl. Röm 10,13). Das unterscheidet ihn als Christ von den Juden.

9,21: Den Nichtjuden („die ohne Gesetz sind“) begegnet Paulus wie ein Nichtjude. Er drängt ihnen nicht die Wegweisungen der Tora als Voraussetzung des Heils auf. Doch in seiner Bindung an Christus achtet er durchaus die Weisungen der Tora. Das unterscheidet ihn als Christ von den Nichtjuden. Paulus ist „im Gesetz Christi“ verwurzelt. Im Gehorsam gegenüber Christus lebt er gemäß dem Willen Gottes. Dieser begegnet in den Weisungen der Tora. Sie drängen nicht auf Pflichterfüllung, sondern haben ihren Dreh- und Angelpunkt in der Liebe (Mt 22,36-40; vgl. Gal 5,14; Röm 13,9f).

9,22: Den Schwachen begegnet Paulus als Schwacher (nicht „wie“ ein Schwacher). Das fehlende Wort „wie“ unterstreicht den entgegenkommenden Einsatz von Paulus, der besonders den Schwachen in der Gemeinde gilt. Paulus geht den Weg der Schwachen mit, um sie auf ihrem Glaubensweg zu fördern. Er verzichtet darauf, die in Christus gewonnene Freiheit demonstrativ auszuleben, um nicht die Schwachen mit ihrem ängstlichen Gewissen zu überfordern und zu belasten (vgl. 8,7ff). Mit diesem Verzicht aus Liebe will Paulus die Schwachen gewinnen für ein Leben in der Freiheit des Glaubens in der Bindung an Christus.

Mit der zusammenfassenden Aussage „Ich bin allen alles geworden“ zieht Paulus einen weiten Radius hin zu den Menschen unterschiedlichster Glaubensüberzeugungen. Damit wird unterstrichen: Mission nimmt teil an der Liebesbewegung Gottes, denn Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,4). „Um überhaupt einige zu retten“, verhält sich Paulus wie ein Jude bzw. Nichtjude, ohne seine Identität und Bindung an Christus preiszugeben. Die beiden Aussagen „überhaupt einige retten“ und „möglichst viele gewinnen“ bilden keinen Widerspruch. Sie bewahren vor Überforderung: Keiner muss alles tun, sondern jeder bringt sich in seinen Grenzen ein als Werkzeug des rettenden Evangeliums.

9,23: Das Evangelium ist also Ausdruck der Bewegung Gottes zu den Menschen. Wer an dieser Bewegung nicht teilhat, verliert das Evangelium. Das hat Paulus für sich selbst im Blick, aber auch für die Christen in Korinth: Gemeinde ist wesenhaft Mission oder sie ist nicht Gemeinde.

9,24: Mit vertrauten Bildern aus der Welt des Sports unterstreicht Paulus den Grundgedanken eines zielgerichteten Einsatzes. Er bezieht sich auf die stadtbekannten Isthmischen Spiele. Diese in Korinth stattfindenden Wettkämpfe gelten neben den Olympischen Spielen als eines der bemerkenswertesten Sportereignisse der Antike. Mit der Formulierung „Wisst ihr nicht?“ verweist Paulus auf die Zielstrebigkeit der Sportler im Wettkampf. Ein Sportler kennt nur ein Ziel, für das er kämpft: Er will unbedingt siegen. Paulus ermuntert die Gemeinde, sich ebenso motiviert und kompromisslos fürs Evangelium einzusetzen.

9,25: Eine erfolgreiche Teilnahme an den Spielen erfordert ein hartes und intensives Training. Bereits zehn Monate vor den Wettkämpfen beginnen die Sportler, auf Alkohol, Frauen und ungesunde Ernährung zu verzichten. Das alles muten sich die Wettkämpfer zu, um als Sieger aus den Wettbewerben hervorzugehen, um dann mit einem Kranz aus Kiefernzweigen (nicht aus Olivenzweigen wie bei den Olympischen Spielen) geehrt zu werden. Irgendwann aber wird dieser Kranz verwelken. Die Glaubenden („wir“) erwartet dagegen ein nicht vergänglicher „Siegeskranz“. Mit diesem Hinweis auf das Heil des ewigen Lebens (vgl. Jak 1,12; Offb 2,10; 1Petr 5,4; 2Tim 4,8) unterstreicht Paulus die hohe Bedeutung, die dem Einsatz fürs Evangelium zukommt.

9,26: Seine Einsichten aus der Welt des Sports bezieht Paulus auch auf seine eigene Person. Sein Dienst als Apostel erfordert wie bei einem Wettkämpfer Kondition, Energie und Ausdauer. Wie beim Wettlauf verliert er nicht das Ziel aus den Augen. Wie beim Boxkampf konzentriert sich Paulus voll auf den Gegner.

9,27: Dabei ist sich Paulus durchaus bewusst: Der größte Gegner seines Dienstes begegnet in der eigenen Person. Darum führt Paulus einen rigorosen Kampf gegen sich selbst – gegen Müdigkeit, Trägheit, Bequemlichkeit oder Lustlosigkeit. Ein zielstrebiger Einsatz verlangt ein Überwinden des inneren „Schweinehunds“. Paulus ist so frei, sich selbst in konsequenter Selbstdisziplin zu bezwingen. Immerhin hängt seine eigene Glaubwürdigkeit davon ab, wie hingegeben und zielstrebig er seinem Auftrag folgt. Anderen zu predigen und selber verwerflich werden – das wäre ein k.o.-Kriterium für seinen Dienst als Apostel.

Zusammenfassung: Im Glauben an Christus gewinnt Paulus die Freiheit, den Menschen unterschiedlicher Lebenswelten mit dem Evangelium leidenschaftlich zu dienen, um sie für Jesus Christus zu gewinnen. Wie ein Sportler führt er einen disziplinierten Kampf gegen sich selbst, um für seinen Dienst glaubwürdig und tauglich zu sein.

2        Hinweise zu Lehre und Leben

2.1         Freiheitliche Existenz

Freiheit als zentraler Begriff unserer Gesellschaft ist ein hohes Gut: Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, Bildungsfreiheit, Freiheit der Wissenschaft, Freiheit der Kunst… Diese Freiheiten sind es wert, geschützt zu werden. Für viele Menschen unserer Kultur bedeutet Freiheit vor allem Entscheidungsfreiheit: „Ich selbst bestimme, welchen Arzt ich besuche, mit welchem Partner ich das Leben teile, wie ich esse, welches Auto ich fahre, wo ich wohne, welchen Beruf ich ausübe, wie ich mein Leben gestalte, welche Risiken ich eingehe, welche Politiker ich wähle… Niemand hat mir da hineinzureden. Ich tue und lasse, was ich will. Ich bin frei!“

Paulus vertritt ein von Jesus Christus geprägtes Freiheitsverständnis (9,19). Es deckt sich nicht mit dem Freiheitsverständnis unserer modernen Kultur. Da aber Gemeinde auch von ihrer Zeit und Umwelt geprägt wird, ist sie gut beraten, sich mit dem Freiheitsverständnis von Paulus auseinanderzusetzen.

Auch Martin Luther hat an das Freiheitsverständnis von Paulus angeknüpft. Seine bemerkenswerte Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beginnt mit einem Paukenschlag:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Diese berühmte und paradoxe Doppelaussage provoziert. Freiheit gibt es nur im Doppelpack: „Freier Herr“ und „dienstbarer Knecht“. „Niemandem verpflichtet“ und „jedermann verpflichtet“. Wer Freiheit sagt, muss angeben können, wovon er frei ist. „Freiheit von nichts“ ist ein sinnloser Gebrauch dieses Wortes. Andererseits: Wer Freiheit sagt, muss auch angeben können, wozu er frei ist. Denn „Freiheit für nichts“ ist ebenso sinnlos.

In aller Deutlichkeit unterstreicht Luther: Die Freiheit von Menschen und Mächten eröffnet die Freiheit, für Menschen da zu sein – um des Evangeliums willen. Jenseits von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung kann der von Christus befreite Mensch lieben. Und zwar frei, fröhlich, umsonst – nicht zwanghaft und verkrampft. Erst Freiheit versetzt in die Lage, dem Nächsten dankbar und ganz praktisch durch Wort und Tat in Liebe zu begegnen.

Der Dienst am Nächsten bedeutet nicht Einschränkung oder Verlust von Freiheit. Im Dienst am Nächsten wird Freiheit erst verwirklicht. Liebe, die mich selbst befreit hat und mich wieder und wieder befreit, führt mich zum Dienst am Nächsten. Indem ich in dieser Liebe bleibe, bleibe ich in der Freiheit. Nächstenliebe ist nicht soziale und missionarische Verpflichtung, die an die Freiheit angehängt wird. Sie gehört zum Wesen von Freiheit und dient dem Evangelium.

2.2         Missionarische Existenz

Es ist die überwältigende Erfahrung der Christusliebe, die Paulus dazu motiviert, möglichst viele Menschen für Christus zu gewinnen. Darum ist er „allen alles geworden“. Missionarische Existenz fordert dazu heraus, in die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und weltanschaulichen Umgebungen von Menschen einzutauchen, ohne die eigene Glaubenshaltung daran anzupassen oder preiszugeben. Das wirft eine Fülle von Fragen auf: Wie kann dies konkret verwirklicht werden? Was bedeutet es, einem Atheisten ein Atheist zu werden? Einem Alkohol- oder Drogenabhängigen ein Abhängiger zu werden? Einem Esoteriker ein Esoteriker, einem Geflüchteten ein Geflüchteter oder einem Liberalen ein Liberaler zu werden? Hinter allen diesen Fragen steht die Spannung zwischen Identität und Relevanz der christlichen Botschaft. Die Identität besteht darin, unbeirrt das Evangelium von Jesus Christus, wie es die Apostel verkündigt haben, weiterzutragen. Die Relevanz besteht darin, Menschen in der Not ihres Lebens, ihrer Zeit und Welt aufzusuchen und anzusprechen. Niemand wird und muss Zugang zu allen Menschen finden. Aber die Leidenschaft, dass „überhaupt einige gerettet werden“, nötigt dazu, mutige Schritte auf Menschen zuzugehen. Dabei gilt: Nicht die einzelne Person verkörpert die Gestalt des Christus, die der Welt begegnet, sondern die Gemeinde als sein Leib.

3        Bausteine für die Predigt

3.1         Predigtziel

Die Predigthörer sollen die Chancen christlicher Freiheit erkennen, damit sie aus dieser Freiheit heraus den Menschen unterschiedlicher Lebenswelten zur Verfügung stehen können, um sie für Christus zu gewinnen. Dafür lohnt es sich, Verzicht aus Liebe einzuüben.

3.2         Predigtthema und Gliederung

Für den Aufbau der Predigt bietet es sich an, die paradoxe Doppelthese von Paulus (9,19) aufzunehmen und daran anzuknüpfen. Daraus ergeben sich zwei Gliederungspunkte für die Predigt.

Ich bin so frei! Freiheit wovon? Freiheit wozu?

  1. Ich bin so frei, niemandem verpflichtet zu sein
  2. Ich bin so frei, jedem verpflichtet zu sein

3.3         Möglichkeiten für den Predigteinstieg

Erster Vorschlag: Ein Lied von Reinhard Mey wird zur Diskussion gestellt: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Lied und Text sind im Internet zu finden.

  • Wie wird die Sehnsucht nach Freiheit in diesem Lied aufgenommen und verarbeitet?
  • Welches Freiheitsverständnis begegnet uns in unserer westlichen Kultur?
  • Wie verstehen wir als Christen Freiheit?

Zweiter Vorschlag: Die beiden Thesen aus der Freiheitsschrift Luthers (s. oben) werden vorgestellt.

  • Welche Gedanken und Gefühle lösen die beiden paradoxen Sätze beim Predigthörer aus?
  • Inwiefern umschreiben beide Sätze gemeinsam das Verständnis christlicher Freiheit?
  • Worin unterscheidet sich christliche Freiheit vom Freiheitsverständnis unserer Gesellschaft?

3.4         Impulse für die Predigt

Die nachfolgenden Fragen sind dazu gedacht, Impulse des Bibeltextes aufzunehmen und für den Predigthörer fruchtbar werden zu lassen.

  • Wie sind bei Paulus Freiheit und missionarische Existenz miteinander verknüpft?
  • Welche Rolle spielt Freiheit für unseren missionarischen Einsatz in und außerhalb der Gemeinde?
  • Welche Absicht verfolgt Paulus, wenn er sich im Namen der Freiheit sogar zum „Sklaven“ von Menschen macht?
  • Welche Vorbildwirkung entfaltet Paulus für die Christen in Korinth und für uns?
  • Wie haben wir uns die Zuwendung von Paulus zu verschiedenen Zielgruppen vorzustellen: Den Juden ein Jude, den Nichtjuden eine Nichtjude, den Schwachen ein Schwacher, allen alles?
  • Was können wir von dieser Art der Zuwendung für heutige Zielgruppen lernen? Wovor schrecken wir zurück? Welche Vorbehalte müssen wir überwinden?
  • Was kann uns helfen, in der Zuwendung zu Menschen größte Nähe zu leben, ohne das Evangelium anzupassen oder preiszugeben?
  • Paulus spricht einerseits davon „möglichst viele zu gewinnen“ und andererseits davon „überhaupt einige zu gewinnen (zu retten)“? Wie ist diese Spannung zu erklären? Welche Folgerungen ergeben sich daraus für unseren missionarischen Einsatz?
  • Welche Einsichten aus der antiken Welt des Sports greift Paulus auf? Was will er damit unterstreichen?
  • Welche Folgerungen zieht Paulus aus einem Sportlerleben für sich selbst? Welche Konsequenzen haben wir zu bedenken?

3.5         Predigtbeispiel aus der Welt des Sports

Zitat des Fußballprofis Mario Götze:

„Einem heute 10-jährigen Jungen, der vom Leben als Fußballprofi träumt, würde ich sagen, dass er auf ganz viel verzichten muss, jeden Tag trainieren.“

„Man darf nicht den Druck verspüren, ich muss jetzt trainieren, sondern ich habe Spaß und Freude, es ist ein Genuss, nun trainieren und Fußball spielen zu gehen. Dieses Gefühl muss ein ständiger Wegbegleiter bleiben.“

(Quelle: Jörg Runde, Thomas Tamberg: Traumberuf Fußballprofi – Der harte Weg vom Bolzplatz in die Bundesliga. Wiley-Verlag)

  • Warum erfordert nicht nur der Sport, sondern auch der Einsatz fürs Evangelium Verzicht und Training und damit einen Kampf gegen die eigene Person?
  • Was motiviert einen Profisportler wie Mario Götze zum Durchhalten? Was motiviert Christen zum Durchhalten im Einsatz fürs Evangelium?

3.6         Impuls für konkrete Schritte

Welche(n) Menschen möchtest Du unbedingt für Christus gewinnen? Was wirst Du verändern und welche konkreten Schritte bist Du bereit zu gehen, um dieses Wollen in der Freiheit des Glaubens an Christus leidenschaftlich umzusetzen? Tue es, wenn Du glaubwürdig bleiben willst!

Christoph Müller