Predigtthema: Ich bin so frei! Unbedingt Freiheit, aber keine Beliebigkeit
1 Erläuterungen zum Text
10,1-5: Viele Christen in Korinth sind gefährdet, sich selbst zu überschätzen und einer trügerischen Sicherheit zu verfallen – mit fatalen Folgen. Diese Gefährdung wird von Paulus ausdrücklich zur Sprache gebracht – am Beispiel der Geschichte Israels: „Ich will euch aber nicht in Unkenntnis darüber lassen…“ Auch in anderen Zusammenhängen formuliert Paulus so, wenn er Wichtiges mitzuteilen hat (vgl. 12,1; 2Kor 1,8; Röm 1,13; 11,25; 1Thess 4,13). Seine persönliche, wertschätzende Anrede „Brüder“ („und Schwestern“) unterstreicht: Mit seinen warnenden Worten verfolgt Paulus eine seelsorgerliche Absicht. Er will die Korinther für einen Lebensvollzug gewinnen, der dem Glauben an Jesus Christus entspricht.
Darum konfrontiert er die Gemeinde mit den Erfahrungen Israels während der Wüstenwanderung. Die enge Verbundenheit mit den Vätern Israels unterstreicht Paulus, indem er sie als „unsere Väter“ bezeichnet. Zugleich wird deutlich, wie maßgebend für die Gemeinde Gottes Handeln an Israel ist. Folgende Aspekte der Wüstenwanderung der „Väter“ hebt Paulus hervor:
- Nach dem Auszug aus Ägypten standen alle Israeliten unter dem Schutz einer Wolke (2Mo 14,19f) und zogen wohlbehalten durchs Meer (2Mo 14,21ff). Das ist ein überwältigender Ausdruck für Gottes rettendes Handeln an seinem Volk.
- Alle Israeliten sind durch die Wolke und das Meer auf Mose getauft worden. Zwar begegnet im Alten Testament diesbezüglich kein Hinweis auf die Taufe. Israel war aber in einer bedrückenden Notsituation von der Wolke umhüllt und vom Meer umschlossen. Dies versteht Paulus offenbar als ein Vorausbild für die Taufe als Heilsgabe. Wolke und Meer stehen in Entsprechung zum Wasser der Taufe. Mose gilt als Bevollmächtigter Gottes (vgl. 2Mo 14,31). Unter seiner Führung hat Israel mit der Befreiung aus ägyptischer Unterdrückung Gottes Heilshandeln erfahren. Auch die Taufe steht im Zusammenhang einer Befreiungstat Gottes, nämlich der Befreiung von Sünde durch Christus (vgl. Röm 6,4).
- Auf dem Weg durch die Wüste haben alle Israeliten das Gleiche gegessen und getrunken: eine geistliche Speise (Manna, 2Mo 16,4.15) und einen geistlichen Trank (Wasser aus einem Fels, 2Mo 17,6). Die Bezeichnung „geistlich“ unterstreicht: Manna und Wasser in der Wüste sind unverfügbare, von Gott gewirkte Gaben. Manna war in Israel zuvor völlig unbekannt. Wasser floss nur, wenn Mose im Auftrag Gottes seinen Stab gegen den Felsen schlug. Zwar wird im Alten Testament nirgends erwähnt, dass der Felsen den Israeliten folgte. Aber die ständige Versorgung mit Wasser aus einem Felsen folgte den Stationen der Wüstenwanderung (vgl. 2Mo 17,1-7; 4Mo 20,1-11; 4Mo 21,17f). Diese Erfahrungen Israels bezieht Paulus auf das Abendmahl (vgl. 11,17ff) mit dem Empfang von Brot und Wein als Wegzehrung für die Gemeinde. Die Identifizierung des Wasser spendenden Felsens mit Christus unterstreicht: Gottes Heilszuwendung begegnet in Christus und ist immer schon mit ihm verbunden. Jenseits von Christus gibt es kein Heil. Wir werden hier im Zusammenhang der Geschichte Israels an den präexistenten Christus zu denken haben im Unterschied zum erhöhten Christus, der seiner Gemeinde gegenübersteht.
Fazit: Seine großzügigen und wohlwollenden Gaben hat Gott allen zugewendet, die zum Volk Gottes gehören (fünfmal „alle“ in 10,1-4!). Trotzdem führte der Weg des Volkes Gottes in eine Katastrophe (so die Bedeutung des zugrunde liegenden griechischen Verbs). Die meisten Israeliten lebten im Widerspruch zu Gott. Damit konnte Gott nicht einverstanden sein. Die bittere Konsequenz: Die Menschen durften nicht in das verheißene Land Kanaan einziehen (vgl. 4Mo 14,26ff). Ihr Weg endete in der Wüste.
10,6-11: Mit diesem bedrückenden Ergebnis ist das Beispiel Israels ein Vorausbild (Vorbild). Es dient der Gemeinde als Warnung. Die von Gott empfangenen geistlichen Heilsgaben bieten keine automatische Heilssicherheit. Wie die „Väter“ lebt die Gemeinde vom Zuspruch Gottes. Nun kommt es darauf an, anders als die „Väter“ den Heilszuspruch Gottes nicht zu gefährden. Darum warnt Paulus die Korinther, nicht dem verhängnisvollen Weg der Wüstengeneration zu folgen. Es ist keine Option für die Gemeinde, sich auf das Böse einzulassen und daran Gefallen zu finden. Mit Bezug auf die Geschichte Israels benennt Paulus konkrete Bereiche, in denen er für die gefährdeten Korinther eine klare Grenze aufzeigt:
- Keine Götzenverehrung! In Israel wurde sie mit der Verehrung eines selbst gefertigten goldenen Stierbildes inszeniert (2Mo 32,6).
- Keine Unzucht (im Zusammenhang der Prostitution heidnischer Kulte)! In Israel führte sie zu sexuellen Eskapaden mit den Moabiterinnen in Schittim (4Mo 25,1-9).
- Kein Herausfordern von Christus (s. Anmerkung oben) durch Unglauben und Ungehorsam! In Israel wurden Gott und Mose durch ungerechtfertigte Vorwürfe provoziert (4Mo 21,4-6).
- Kein Aufbegehren gegen Gott! In Israel wurde permanent gejammert und genörgelt als Ausdruck mangelnden Vertrauens gegenüber Gottes Fürsorge (2Mo 16,2; 4Mo 14; vgl. 4Mo 17,2). Der hier begegnende Hinweis auf den „Verderber“ bezieht sich auf den Engel des Verderbens, wie er im Alten Testament mehrfach erwähnt wird (vgl. 2Mo 12,23; 2Sam 24,16; 1Chr 21,15).
Die uralten Erfahrungen Israels während der Wüstenwanderung sind nicht als erledigt zu betrachten. Sie haben eine Vorbildfunktion mit dem Hinweis auf Gottes Heilshandeln, aber auch auf das heillose Agieren Israels. Für Paulus ist Israel ein typisches Beispiel, an dem deutlich wird: Heillose Beliebigkeit kann sich nicht auf das Wollen Gottes berufen. Das schreibt er den Korinthern ins Stammbuch. Gemeinde lebt am „Ende der Zeiten“. Gott wird sein Heil in Christus vollenden. Damit ist Gemeinde zur Verantwortung herausgefordert.
10,12f: Die Korinther sind überzeugt, fest im Glauben zu stehen und deshalb unbeschadet an Mahlzeiten heidnischer Opferkulte teilnehmen zu können (vgl. 10,14ff). Doch wer so handelt, verharmlost die eigene Gefährdung. Wer im Glauben steht, soll sich nicht zu sicher sein. Die Versuchungen begegnen so real, dass ein Fallen (Abfallen von Gott) als Verlust des Heils nicht auszuschließen ist.
Götzenverehrung, sexuelle Entgleisungen, Vorwürfe und nörgelndes Aufbegehren gegen Gott – wie sie Paulus am Beispiel Israels benannt hat – sind nicht zu verharmlosen. Im Gegenteil: Die Christen in Korinth sind gefordert, Versuchungen als solche zu erkennen und dagegen anzukämpfen. Zugleich soll die Gemeinde wissen: Gott in seiner Treue wird der Bedrohung durch Versuchungen eine Grenze und ein Ende setzen. Gerade mitten in bedrohlichen Anfechtungen und Versuchungen ist auf Gott Verlass. Nicht das steile, fromme Selbstbewusstsein zählt, sondern unbedingtes Gottvertrauen.
Zusammenfassung: In seelsorgerlichem Bemühen um die Gemeinde in Korinth warnt Paulus in Anlehnung an die Geschichte Israels, den Heilszuspruch Gottes nicht durch eigenmächtige Beliebigkeit und trügerische Heilssicherheit zu gefährden. Die Gemeinde ist herausgefordert, konkreten Versuchungen entschlossen entgegenzutreten im Vertrauen zu Gott, der allen Versuchungen eine Grenze und ein Ende setzen wird.
2 Hinweise zu Lehre und Leben
Es lohnt sich, die warnenden Worte von Paulus als seelsorgliche Worte zu bedenken. Sie zielen auf Menschen, deren Vertrauen zu Gott gestärkt werden soll angesichts von Gefährdung und Versuchung.
2.1 Seelsorgerliche Worte als vergewissernde Worte (10,1-4)
Die Korinther waren gefährdet, sich leichtfertig von Gott abzuwenden, obwohl er sie doch unter der Verkündigung des Evangeliums berufen hat. Dabei gründet der Glaube nicht im Menschen, sondern in Gottes gnädiger Zuwendung. Folglich bezieht sich die Glaubensgewissheit nicht auf die menschliche Entscheidung, eigene Überzeugung oder Zuverlässigkeit, sondern allein auf die Zusage der Treue des berufenden Gottes.
Die Geschichte Israels unterstreicht: Ohne eigenes Zutun wurde Israel von Gott berufen und hat sein rettendes Handeln erfahren. Auf dem Weg durch die Wüste konnten alle Israeliten vom Zuspruch Gottes und seinen geistlichen Wohltaten profitieren. Auch Gemeinde lebt vom Zuspruch Gottes in seinem Wort, in Taufe und Abendmahl. Sie lebt von Gottes Heilshandeln in Jesus Christus, das bedingungslos gilt.
Gemeinde ist also gefordert, mit seelsorgerlichen Worten Gott zu vergewissern, der sich Menschen voraussetzungslos zuspricht und ihnen fürsorgend begegnet.
2.2 Seelsorgerliche Worte als warnende Worte (10,5-11)
Wenn voraussetzungsloser Glaube als folgenloser Glaube gelebt wird, wenn Glaubensgewissheit mit Glaubenssicherheit verwechselt wird, wenn Freiheit der Verantwortung mit Freiheit der Beliebigkeit vertauscht wird, muss vor den fatalen Folgen gewarnt werden. Glaube ist kein Ruhekissen, so dass sich die Glaubenspraxis in Taufe, Abendmahl und Lobpreis erschöpft. Glaube bietet keine Sicherheitsgarantie, die das Austesten von Grenzen erlaubt. Glaube bietet keine Freiheit, die jede nur denkbare Beliebigkeit ermöglicht. Die bedrohlichen Konsequenzen solcher Haltungen spiegeln sich in der Geschichte Israels. Paulus hat sie deutlich erkannt und ausgesprochen. Ganz in seinem Sinne kann und darf angesichts problematischer Entwicklungen in der Gemeinde nicht geschwiegen werden. Seelsorgerliche Verantwortung nötigt dazu, unbequeme Wahrheiten zur Sprache zu bringen und Menschen nicht sich selbst zu überlassen.
Gemeinde ist also gefordert, mit seelsorgerlichen Worten vor Irrwegen zu warnen, die in der Konsequenz ein gutes Verhältnis zu Gott schwer belasten.
2.3 Seelsorgerliche Worte als ermutigende Worte (10,12-13)
Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Lust am Bösen (in unterschiedlichen Gestalten) der Gemeinde als Versuchung begegnet. Nach Paulus gilt nicht Gott als Urheber von Versuchungen. Stattdessen kennt er „menschliche“ (10,13) und „satanische Versuchungen“ (7,5; 1Thess 3,5). Sie zielen darauf ab, Menschen zum Abfall von Gott zu verführen. Zutreffend hat Martin Luther angedeutet, wie damit umzugehen ist: „Wie man nicht wehren kann, dass einem die Vögel über den Kopf herfliegen, aber wohl, dass sie auf dem Kopfe nisten, so kann man auch bösen Gedanken nicht wehren, aber wohl, dass sie in uns einwurzeln.“ Es gilt also, den bösen Gedanken und dem daraus folgenden bösen Handeln oder Unterlassen keinen Raum zu gewähren. Die gute Nachricht: Gerade in Versuchung und Anfechtung steht Gott in seiner Treue ganz nah an der Seite der Versuchten. Er ist stärker als jede Versuchung und wird dafür sorgen, dass keinem Menschen mehr zugemutet wird, als er ertragen kann.
Gemeinde ist also gefordert, mit seelsorgerlichen Worten das Vertrauen zu Gott zu stärken, der in den Kräfte raubenden Versuchungen für ein erträgliches Maß und Ende sorgt.
3 Bausteine für die Predigt
3.1 Predigtziel
Die Predigthörer sollen am Beispiel der Gemeinde in Korinth entdecken, wie die warnenden Worte von Paulus einem seelsorgerlichen Anliegen dienen, Christen in ihrer Gefährdung und Versuchung aufzusuchen, im Glauben an Gott zu stärken und Irrwege abzuwehren. Nicht zuletzt sollen die Hörer dazu angeregt werden, im Vertrauen auf Gottes Treue sich eigenen Versuchungen und Gefährdungen zu stellen.
3.2 Predigtthema und Gliederung
Das Bemühen von Paulus um die Gemeinde in Korinth regt dazu an, ganz im Sinne des Predigtziels seelsorgerlich zu predigen. Das Predigtthema ermöglicht folgende Gliederung:
Ich bin so frei! Unbedingt Freiheit, aber keine Beliebigkeit
- Wodurch wir vergewissert werden
- Wovor wir gewarnt werden
- Wozu wir ermutigt werden
3.3 Impulse für den Einstieg
Als Einstimmung aufs Predigtthema werden Warnhinweise, wie sie im täglichen Leben begegnen, sichtbar präsentiert (per Beamer, mitgebrachte Beispiele o.ä.): Verkehrszeichen, Schilder an Baustellen und anderen Orten, Hinweise auf Beipackzetteln von Medikamenten, in Bedienungsanleitungen für technische Geräte, bei der Kennzeichnung von Lebensmitteln oder Spielzeug usw. Daran können sich folgende Überlegungen anschließen:
- Wie nehmen Menschen Warnhinweise wahr und wie gehen sie damit um?
- Welchen Sinn erfüllen Warnhinweise? Weshalb sind sie notwendig? Was kann passieren, wenn sie ignoriert werden?
- Wie reagieren Menschen auf persönliche Warnungen? (Eltern warnen Kinder, Lehrer warnen Schüler, Chefs warnen Mitarbeiter usw.) Was ist anders als bei den unpersönlichen Warnhinweisen?
- Wieso engen Warnhinweise Freiheit nicht ein, sondern unterstützen sie?
3.4 Impulsfragen für die Predigt
Die folgenden Fragen (kein Anspruch auf Vollständigkeit) sollen als Hilfe für die Predigt dazu anregen, die Aussagen des Textes mit der Wirklichkeit heutiger Gemeinde zu verbinden.
Impulse für 10,1-5
- Obwohl Paulus kritische Themen zur Sprache bringt, spricht er die Korinther mit „liebe Brüder“ an. Wie ist diese Anrede zu deuten?
- Paulus verweist auf Stationen der Geschichte Israels. Wie handelt Gott an seinem Volk? Welche guten Gaben wendet er ihnen zu?
- Welche geistlichen Erfahrungen der Gemeinde in Korinth spiegeln sich in den Erfahrungen Israels wieder? Wie beantworten wir diese Frage für unsere Gemeinde?
- Trotz guter Erfahrungen mit Gott führt der Weg Israels in die Katastrophe. Wie konnte es dazu kommen?
Impulse für 10,6-11
- Inwiefern dient Israel mit seinen guten geistlichen Erfahrungen, aber auch mit seinem Desaster als Vorbild für die Gemeinde? Was soll Gemeinde daraus lernen?
- Vor welchen konkreten Gefährdungen warnt Paulus die Gemeinde in Korinth in Anlehnung an Israels Versagen während der Wüstenwanderung?
- Welchen Gefährdungen in der Gemeinde von heute müssen wir besondere Aufmerksamkeit widmen? In welchen Bereichen begegnen uns Versuchungen, die am stärksten herausfordern? Was haben wir dem entgegenzusetzen?
- Wie verhalten sich Zuspruch und Anspruch des Evangeliums zueinander? Welche Folgen hat das für unseren Glauben und unser Leben?
Impulse für 10,12-13
- Wem gilt die Aussage von 10,12? Wie ist sie zu deuten und wie kann eine lebenspraktische Umsetzung aussehen?
- Das Zitat Martin Luthers zum Stichwort Versuchung (s. oben 2.3) präsentieren. Welche Schlüsse ziehen wir aus dem Rat Luthers angesichts von Gefährdung und Versuchung?
- Welchen hoffnungsvollen Hinweis bietet Paulus angesichts von Versuchungen, die uns arg zusetzen können?
3.5 Impuls für konkrete Schritte
Innerhalb der Gemeinde sollte gemeinsam geklärt werden: In welchen Bereichen sind wir gefährdet, als Christen in Familie, Gemeinde, Gesellschaft usw. christliche Freiheit mit Beliebigkeit zu verwechseln? Welche seelsorgerliche Unterstützung lassen wir zu bzw. können und wollen wir einander gewähren? Wie setzen wir das konkret um?
Christoph Müller