Monatsthema: Tiefblick gewinnen
Predigtthema: Das Recht Gottes
Bibelstelle: Micha 7,8-20
Verfasser: Boris Paschke
Verwendete Micha-Kommentare
Allen, Leslie C., The Books of Joel, Obadiah, Jonah and Micah (NICOT), Grand Rapids: Eerdmanns, 1976; Keil, C.F., Minor Prophets (Commentary on the Old Testament, Vol. X), Grand Rapids: Eerdmanns, Reprint 1989; Martin, John A., „Micha“, Das Alte Testamant erklärt und ausgelegt, Bd.3, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1991, S.575-598; Schibler, Daniel, Der Prophet Micha (Wuppertaler Studienbibel), Wuppertal: Brockhaus, 1991; von Ungern-Sternberg, R.F., Der Rechtsstreit Gottes mit seiner Gemeinde: Der Prophet Micha (BAT 23/III), Stuttgart: Calwer Verlag, 1979.
1. Zusammenhang
Im vorausgehenden Abschnitt, dem Predigttext der letzten Woche (Micha 7,1-7) ging es darum, dass Micha voller Herzschmerz feststellen musste, dass im Volk Israel keine Frömmigkeit mehr vorhanden war. Das genaue Gegenteil war leider für ihn zu beobachten. Wohin er blickte: Lauter Bosheit, Bestechung, Blutvergießen, Gier, interfamiliäres Misstrauen usw. Micha kündigte das kommende Gericht an, brachte aber dann im letzten Vers (V.8) zum Ausdruck, dass er auf Gott vertraut und sich in Ihm sicher weiß.
Um diese positive Zuversicht & Zukunft geht es nun im vorliegenden Abschnitt (Micha 7,8-20)
2. Biblische Parallelen
Israels „Feinde“: 1Mose 22,17; 49,8; Ps 102,9 (vgl. viele andere Psalmen)
Lästerliche Frage „Wo ist der HERR, dein Gott?“: Ps 42,4.11; Ps 79,10; Joel 2,17
Souveräne Niederwerfung der Feinde Israels durch Gott: gutes Bsp. Obadja (das ganze Buch, d.h. alle 21 Verse)
3. Aufbau/Gliederung des Textes
Im Abschnitt Micha 7,8-20 sind mehrere Stimmen zu hören, d.h. es kommt mehr als nur ein Sprecher zu Wort. Auch gibt es mehrere Adressaten. KEIL spricht in seinem Kommentar im Blick auf diesen Abschnitt daher von einem „Dialog“ (S.421) Die Ausleger sind sich einig, dass dieser Dialog sich in folgende vier Teile untergliedern lässt:
1) Psalm der Gewissheit (Sprecher: Volk Israel) V.8-10 (vgl. Ps 27,1-6; Ps 62; Ps 90)
2) Heilsversprechen (Sprecher: Gott) V.11-13 (vgl. Ps 12, 50, 75, 81, 82, 95)
3) Bittendes Gebet (Sprecher: Micha bzw. Volk Israel) V.14-17 (Ps 44,77, 80)
4) Psalm der Gewissheit (Sprecher: Volk Israel) V.18-20
4. Einzelerklärungen
Vers 8
„ich“: Sprecher: das Volk Israel, d.h. die gottesdienstliche Gemeinde
„Feindin“: feindliche Völker, die über Israel gesiegt haben. Völker, die Gott dazu benutzt hat, um Israel zu strafen und zu richten, d.h. Babylon oder Assyrien
Vers 9
Das Volk bekennt sich zu seinen Sünden und nimmt daher auch willig den strafenden Zorn Gottes entgegen. Allerdings bringt es die Hoffnung auf bessere Zeiten und die zukünftige Rettung aus der Hand der Feinde zum Ausdruck. Das Volk verlässt sich ganz auf den Beistand und die Gnade Gottes.
Vers 10
„Wo ist der Herr, dein Gott?“: Eine äußerst höhnische & lästerliche Frage der feindlichen Siegermächte. Diese Frage wurde in ähnlicher Form von Heiden oftmals an gottesfürchtige Menschen gestellt: vgl. Ps 42,4.11; Ps 79,10; Joel 2,17. Interessant: Diese Frage richtet sich in erster Linie nicht gegen das Volk Israel sondern gegen Gott selbst. Gott selbst wurde von den Feinden lächerlich gemacht, sein Name wurde gelästert. Gottes Ehre steht also auf dem Spiel und eins ist sicher: Gott wird seine Ehre und Macht verteidigen: 5Mose 32,26-27; Ps 74,22; Ps 79,10. VON UNGERN-STERNBERG schreibt: „Darauf bleibt Gott die Antwort nicht schuldig. Er duldet die Verspottung seines Namens nicht, weil er auch den heidnischen Menschen das Maß seiner selbst nicht überschreiten lässt. Es soll kein Volk sich rühmen dürfen, den Gott Israels ungestraft verhöhnt zu haben.“ (S.167)
„zertreten“: Anspielung auf die Sitte des Alten vorderen Orients, in welcher der Sieger dem Verlierer den Fuß auf den Nacken stellte (Jos 10,24; Ps 110,1)
Vers 11
„deine“: Adressat: das Volk Israel. Sprecher: Gott durch seinen Propheten Micha
„Mauern“: Mauern Jerusalems, eigentl. Mauern, die Weinberg umgeben, d.h. eine geläufige Metapher für ein Israel, dass sich an einer gesunden Beziehung mit Gott erfreut (vgl. Ps 80,13; Jes 5,5) Nehemia hat diesen Wiederaufbau ausgeführt (445 v.Chr.)
Vers 12
„da wird man zu Dir kommen“: Hierzu gibt es unter den Auslegern folgende drei Deutungsmöglichkeiten (1) Bezieht sich auf Juden, die aus dem Exil in ihre Heimat zurückkehren und (2) auf Heiden, die nach Jerusalem pilgern, um den Gott Israels anzubeten, oder: (3) erweiterte Grenzen Israels. Ich persönlich tendiere zu Möglichkeit Nr.3 (vgl. Vers 11; Jos 1,4; Sach 9,10; Ps 72,8)
„Strom“: Euphrat ist der Strom schlechthin (1Mose 15,18)
„Mazor“ = Ägypten (Luther)
„von Meer zu Meer“ = evtl. Mittelmeer – Persischer Golf (Allen, S.398)
„von Gebirge zu Gebirge“ = nördl./südl. Achse/Grenze: Libanon-Bergreihe (5Mose 11,24; Jos 1,4) bis zum Berg Sinai (Allen, S.398)
Vers 13
„Land“/“Erde“: nur das Gebiet Ägyptens & Mesopotamiens ist hier im Blick, nicht Israel. Ihr Land wird zerstört werden, weil sie böse (gegen Gott und Israel) waren (Allen, 398)
Vers 14
„Weide!“: Sprecher: Micha betet hier als Einzelperson fürbittend für die Gemeinde (vgl. „sie“). Die Gemeinde bittet bestätigend, dass Gott seine Versprechen in Bezug auf die Landerweiterung wahrmacht (ganz ähnlich wie David es in 2Sam 7,25 tut; vgl. Off 22,20) Bild vom Weiden tauchte schon vorher als Versprechen Gottes (!) im Buch auf: Micha 2,12; 4,6-7; 5,3 (ähnliche „Weide!“ – Bitten finden sich in Ps 28,9; 80,2) D.h. die Gemeinde bittet hier um etwas, was Gott bereits versprochen hat. Sie bittet also nach Seinem Willen.
„Baschan“ & „Gilead“: nördl. fruchtbares Transjordan-Land, das Israel einst gehörte (4Mose 32,1-5); Nostalgischer Blick zurück auf frühere Tage/Zeiten. Zusage Gottes: Micha 4,8: es wird Israel wieder gehören.
Vers 15
Nostalgischer Blick schweift weiter zurück zum Auszug aus Ägypten. Gott wird hier als derjenige gesehen, der (vor Israel her) aus Ägypten auszog (vgl. 2Sam 5,24; Ps 60,12). Vergangene Macht- und Wundertaten Gottes als „Prototyp“ für das, was Gott in der Zukunft zu tun imstande ist.
Vers 16
„Hand auf den Mund legen“: sprichwörtl. „sprachlos sein“/ „die Sprache verschlagen“ (zur Geste vgl. Ri 18,19; Hiob 21,5)
„ihre Ohren werden taub sein“: taub durch „Gottes mächtigen Donner“ (vgl. Hiob 26,14)
Vers 17
„Staub lecken“: Anspielung auf die Sitte, dass Besiegte die Füße ihres neuen Herren küssen mussten (vgl. Ps 72,9; Jes 49,23; Phil 2,10)
„Schlange“: 1Mose 3,14
„zittern“: 2 Mose 15,14-18; Ps 18,46
„zum Herrn“/“vor dir“: Israel sucht hier nicht eigene Ehre, sondern sie freuen sich, dass die Nationen sich vor Gott demütigen müssen (vgl. Ps 83,19; 102,16-17; Ps.115,1)
Der Gemeinde geht es um den Ruf und Namen Gottes unter den Völkern. Sie sollen nicht vor Israel zu Boden fallen, sondern vor Gott.“
Vers 18
SCHIBLER spricht im Blick auf diesen Abschnitt vom „Höhepunkt des ganzen Michabuches“ und weist auf folgenden interessanten Sachverhalt hin: „Die meisten Prophetenbücher enden mit einer positiven Note (Nahum ist eine Ausnahme).“ (S.120)
Für ALLEN handelt es sich um eine „Hymne“ (S.401) Ähnlich VON UNGERN-STERNBERG: „Lobpreis Gottes/Hymnus/jubelnder Psalm“ (S.177) und MARTIN:
„Lobpreis“ (S.597)
„Wer ist ein Gott wie du?“: rhetorische Frage, bei der die Antwort klar ist: Es gibt keinen Gott wie Gott (vgl. 2Mose 15,11; Ps 71,19; 89,9) Gemachte Aussagen über Gott spiegeln 2Mose 34,6f wieder (Vgl. Ps 30,6). Der Charakter Gottes wird den Israeliten hier zur Sicherheit/Garantie dafür, dass sie in der Zukunft gesegnet werden.
„Schuld“ & „Vergehen“: 2 Begriffe, die die menschliche Verletzung der Gebote Gottes beschreiben. In Vers 19 kommt noch ein dritter dazu: „Sünde“
„Überrest“: Vgl. Micha 2,12; 4,7; 5,6-7; Jes 1,9; Röm 11,5. Der bußfertige Teil des Volkes, der Buße tut (Schibler, S.121-122)
Vers 19
Wechsel von „Du“ zu „Er“
„Tiefen des Meeres“ (vgl. 2Mose 15,5, wo Gott eben dies mit den Ägyptern machte) Vgl. Ps 103,12
Vers 20
„Jakob“ und „Abraham“ = Volk Israel. Es benutzt mutig die Namen dieser beiden Helden, identifiziert sich mit ihnen, bindet sich an sie, erinnert Gott somit an den Abrahamsbund und all die mit diesem einhergehenden Verheißungen (1Mose 12,2-3; 15,5; 22,16-18; 28,13-14)
„Im Gegensatz zu vielen anderen, ähnlichen Texten bildet hier nicht etwa das Land den Gegenstand der unveränderlichen Verheißung Gottes, sondern die Gnade und Treue (Wahrheit) Gottes. Nun wissen wir aber, dass ‚… die Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus geworden ist‘ (Joh 1,17). Somit findet dieser Text seine letzte Erfüllung in Jesus, wo es nur ein Ja gibt, denn ‚alle Verheißungen Gottes sind dieses Ja in Ihm‘ (2Kor 1,19f).“ (SCHIBLER, S.123)
5. Die Spitze des Textes
In diesem Text wird dem Volk Israel versprochen, dass es nach dem Gericht und der Unterwerfung/Wegführung durch feindliche Völker mit der gnädigen Hilfe & Rettung Gottes rechnen darf. Diese gestaltet sich im Einzelnen folgendermaßen: Gott wird über die feindlichen Völker souverän triumphieren, Israel wird von Gott das verheißene Land bekommen, Gott wird Israel bzw. „Überrest“ Sünden vergeben und treu sein.
6. Der Text heute
Auch heute gibt es für die Gemeinde der Gläubigen Feinde (vgl. Christenverfolgung)
Auch heute begegnen Christen der arroganten Frage „Und, wo ist jetzt dein Gott?“
Auch heute haben Christen eine Landverheißung (Himmel)
Auch heute gilt: „Wo ist ein Gott wie Du, der die Sünden vergibt?“
Auch heute steht fest, dass Gott uns durch Jesus zum Sieg verhilft
7. Beispiele und Verdeutlichungen
Evtl. aus eigenem Erleben schildern, wie Nichtchristen einem arrogant und anmaßend mit der Anfrage „Und, wo ist jetzt dein Gott?“ begegnet sind
der nostalgische Blick zurück zu früheren, „besseren“ Tagen (V.14-15): auch wir dürfen uns an das mit Gott in der Vergangenheit erlebte (seine Güte, Bewahrung) erinnern und es darf uns in „dürren“/schweren Zeiten zur Ermutigung werden.
V.18-20: Hier muss das Evangelium von Jesus Christus verkündet werden, weil Jesus derjenige ist, durch den Gott Sünde vergibt.
8. Material und Gliederung zur Predigt
Mögliche Predigt-Themen:
Von „Wo ist der Herr, dein Gott?“ zu „Wo ist solch ein Gott wie Du?“
Wenn Gott Fragen beantwortet
Wie Gott Fragen beantwortet
Gottes schlagkräftige Antwort
Predigtgliederung
1. Die überhebliche Frage der vorübergehend siegreichen Feinde: „Wo ist der Herr, dein Gott?“ (Verse 8-10)
2. Die schlagkräftige Antwort des ewig siegreichen Gottes: Niederwerfung der Feinde & Wiederherstellung Israels (innerlich & äußerlich) Verse 11-20
Lieder nach der Predigt:
„Wo ist solch ein Gott“ (Ich will dir danken, Nr.101)
„Du hast Erbarmen“ (Feiert Jesus 1, Nr.107)