Monatsthema: Tiefblick gewinnen
Predigtthema: Die rechte Frömmigkeit
Bibelstelle: Micha 7,1-7
Verfasser: Boris Paschke
Verwendete Micha-Kommentare
– Allen, Leslie C., The Books of Joel, Obadiah, Jonah and Micah (NICOT), Grand Rapids: Eerdmanns, 1976.
– Keil, C.F., Minor Prophets (Commentary on the Old Testament, Vol. X), Grand Rapids: Eerdmanns, Reprint 1989.
– Martin, John A., „Micha“, Das Alte Testamant erklärt und ausgelegt, Bd.3, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1991, S.575-598.
– Schibler, Daniel, Der Prophet Micha (Wuppertaler Studienbibel), Wuppertal: Brockhaus, 1991.
– von Ungern-Sternberg, R.F., Der Rechtsstreit Gottes mit seiner Gemeinde: Der Prophet Micha (BAT 23/III), Stuttgart: Calwer Verlag, 1979.
1. Zusammenhang
„Das Buch enthält drei Botschaften (Mi 1,2-2,13; Kap.3-5; Kap.6-7), die alle mit der Ermahnung ‚Höret‘ oder ‚Höret doch‘ (was der Herr den Völkern zu sagen hat) beginnen.“ (John A. Martin, „Micha“, Das AT erklärt & ausgelegt, Bd.3, S.575) Diese 3 Botschaften beinhalten jeweils sowohl das Aufdecken von Sünde & die Ankündigung von Gericht als auch die Hoffnung auf eine Wiederherstellung. Der vorliegende Abschnitt ist Teil der 3.Botschaft.
2. Biblische Parallelen
– Ähnliche Missstände (z.B. Bestechlichkeit) werden auch bei anderen Propheten angekündigt
– V.6 wird von Jesus zitiert (Mt 10,35-36)
– Zu V.1-2 vgl. Ps 12,2; Jes 57,1, sowie das „Elia-Syndrom“ (1Kön 19,10.14.18)
– Bekenntnis bzw. Vorsatz des Micha „Ich aber will…“ (vgl. Josua 24,15)
3. Aufbau/Gliederung des Textes
1) Micha beklagt sich über die Gottlosigkeit des Volkes (V.1-4a)
2) Micha kündigt Gericht an (V.4b)
3) Micha warnt das Volk, sich gegenseitig aufgrund der Gottlosigkeit nicht zu vertrauen (V.5-6)
4) Micha bekennt sein persönliches Vertrauen auf Gott (V.7)
4. Einzelerklärungen
Vers 1
„Wehe mir!“: hebr. allaj li, Wehklage; Schrei, der Micha’s Verzweiflung & Not zum Ausdruck bringt (vgl. Hiob 10,15). Es handelt sich bei Micha 7,1-7 um ein sog. „Klagelied des Einzelnen“. Viele Psalmen gehören dieser literarischen Gattung an (z.B. die Psalmen 5, 13, 22, 31, 55 und 71) Micha benutzt dieses Klagelied, um zum Ausdruck zu bringen, wie schwer die in Israel vorhandenen Missstände auf seinen Schultern liegen. Vermutlich trug er dieses Lied im Tempel vor.
„wie“: hebr. ke, Micha beginnt sein Klagelied mit einem Vergleich, dem Gleichnis von der Nachlese. Dieses Gleichnis wird dann im folgenden Vers gedeutet (V.2a).
Auch in Vers 4a taucht das „wie“ 2x auf, d.h. auch hier redet Micha in Gleichnissen/Vergleichen.
„Nachlese“: Die Nachlese war ausschließlich für die Armen bestimmt (3Mose 19,9-10; Rut 2). Micha kommt sich also hier elend vor, weil er als einer in Erscheinung tritt, der auf die Nachlese angewiesen ist, als einer, dessen letzte Hoffnung die Nachlese ist.
„keine Traube“/“keine Frühfeige“: Bei der Nachlese ist Micha allerdings erfolglos. Er findet weder Trauben noch köstliche Frühfeigen (vgl. Jes 28,4)
Vers 2a
In V. 2a findet sich nun die Deutung des Gleichnisses: Das „Land“ (d.h. das Volk Israel) ist hier – wie so oft in der Bibel (z.B. Jes 5,1-7; Mt 21,33-41) – der Weinberg, von dem Gott als Weinberg-Besitzer Früchte erwartet und fordert (in Hosea 9,10 ist übrigens auch die Frühfeige ein Bild für Israel). Die von Gott erwarteten Früchte sind aber hier leider nicht vorhanden, denn Micha findet weder „Fromme“ (=Trauben) noch „Rechtschaffene“ (=Frühfeigen). ROLF FREIHERR VON UNGERN-STERNBERG schreibt in seinem Micha-Kommentar: „Micha klagt bereits darüber, dass er als Bote Gottes nur noch nachlesen kann. Vielleicht findet er noch ein wenig. Nein, er findet gar nichts! … Es ist alles Gott entzogen.“ (S.157) Und DANIEL SCHIBLER schreibt: „So wie ein Weinleser, der im Herbst eifrig auf ein paar übriggelassene oder später erst reifgewordene Trauben hofft (oder es wagt im Frühsommer von Erstlingsfeigen zu träumen), dann aber zutiefst enttäuscht ist, wenn er nichts vorfindet, so bestürzt ist hier unser Prophet angesichts des vollständigen Mangels an Rechtschaffenheit und Redlichkeit.“ (S.110)
Verse 2b-3
In diesen Versen gibt Micha einen Einblick in die in Israel zu beobachtende Bosheit. Er beschuldigt zunächst die ganze Gesellschaft („alle“ und „jeder“ in V.2b), sowie in einem 2.Schritt speziell die führenden Persönlichkeiten („Oberste“, „Richter“, „Große“ in V.3) Vergehen sind hier z.B.: Bluttat, Nachstellungen, Bestechlichkeit, Gier. DANIEL SCHIBLER bezeichnet diese Auflistung als „moralisches Manifest“ (S.110) und schreibt: „Man versteht jetzt seinen Ausruf ‚Wehe mir!‘ in Vers 1 um so besser: Welch einen unbeschreiblichen Schmerz muss ein Wortführer Gottes erlitten haben, als er mit ansehen musste, wie die Grundlagen einer von Gott errichteten Gesellschaft auseinander fielen.“ (S.111)
Vers 4a
„wie“: hebr ke, es folgen zwei weitere Vergleiche/Gleichnisse (ebenfalls aus der Pflanzenwelt), die klarmachen, wie abgrundtief verdorben die Zeitgenossen Michas waren.
– „der Beste unter ihnen“ = „Dornstrauch“
– „der Rechtschaffenste unter ihnen“ = „Dornhecke“
„Dornstrauch“/“Dornhecke“: es handelt sich hier um unnütze und sogar schädliche/verletzende/gefährliche Pflanzen. Sehr oft werden die heidnischen/feindlichen Völker als „Dornen“ für Israel gesehen (vgl. 4Mose 33,55; Josua 23,13; Hes 28,24). Vgl. auch 2Kor 12,7, wo Paulus von seinem „Stachel/Dorn/Splitter (gr.skolops) im Fleisch“ redet.
Vers 4b
LESLIE C. ALLEN schreibt treffend, dass sich Micha hier in Vers 4b von der Diagnose der Prognose zuwendet (S.387): Nachdem Micha in den vorausgehenden Versen über die augenscheinliche Bosheit und Gottlosigkeit des Volkes geklagt hat (Diagnose), wendet er sich nun in einer Art Gebet an Gott und redet dabei über das kommende Gericht (Prognose). In der rev. Elberfelder-Übersetzung kommt (besser als in der Luther-84) zum Ausdruck, dass Gott hier der Angesprochene ist! LESLIE C. ALLEN weist des weiteren darauf hin, dass es in der literarischen Gattung „Klagelied des Einzelnen“ durchaus üblich ist, dass der Sprecher sich nach einer beobachtenden Beschreibung Gott zuwendet und Ihn direkt anredet. Allen nennt dafür folgendes Bsp.:
Ps. 55,24 („Und du, Gott, wirst sie hinunterstoßen in die tiefste Grube…“)
„deine Wächter“: Das Wort „Wächter“ kann folgende 2 Bedeutungen haben:
– Krieger, der als Posten einer auf dem Turm einer Stadtbefestigung steht und Ausschau hält (2Sam 18,24-27; 2Kön 9,17-18)
– Propheten Gottes, die kommendes Unheil verkündigt haben (Jer 6,17; Hes 3,17; 33,7)
Hier ist wohl in erster Linie die zweite Bedeutung („Propheten“) von Micha beabsichtigt, obwohl am kommenden „Tag deiner Wächter“ auch die ersteren Wächter viel zu tun haben werden. ROLF FREIHERR VON UNGERN-STERNBERG schreibt: „Es kommt der Tag, an dem er [der Wächter] das Alarmhorn blasen wird, weil feindliche Heeresmassen heran marschieren. Dann wird ‚Verwirrung‘ eintreten.“ (S.158)
Vers 5
Nach diesem Einschub des Gebets und der drohenden Gerichtsbotschaft fährt Micha mit der Beschreibung der Missstände fort. Er wendet sich dabei mit den warnenden Worten „Glaubt nicht…!“ direkt an das Volk Israel. Dabei wird klar, dass der einzelne Israelit niemandem mehr vertrauen kann. DANIEL SCHIBLER hat richtig beobachtet, „dass die betreffenden Personen, denen man nicht mehr trauen soll, nach dem Grad der Vertrautheit geordnet sind.“ (S.112)
– „Gefährte“ (Elb.)/„Nächster“ (Luther-84)
– „Vertrauter“ (Elb.)/„Freund“ (Luther-84)
– „die an deinem Busen liegt“ (Elb)/„die in deinen Armen schläft“ (Lu-84)
Wie traurig, dass man damals sogar den engsten Vertrauten, ja, selbst der eigenen Ehefrau nicht mehr vertrauen konnte! Und das in einer Kultur, in der die Familie eigentlich doch sehr hoch bewertet wurde.
Vers 6
„Denn“: hebr. ki, In diesem Vers liefert Micha nun die Begründung für die in Vers 5 ausgesprochene Warnung. Die interfamiliären Probleme sind tiefgreifend und spiegeln die Verachtung Gottes und seines Wortes wider:
– Sohn behandelt Vater verächtlich (vgl. 2Mose 20,12; Spr 15,20; 23,22)
– Tochter erhebt sich gegen Mutter (vgl. 3Mose 19,3)
– Schwiegertochter erhebt sich gegen Schwiegermutter
– Feinde eines Mannes sind seine eigenen Hausgenossen
In Mt 10,21.35-36; Mk 13,12 und Lk 12,52-53 wird dieser Vers Micha 7,6 von Jesus im Zusammenhang der Ansage kommender Verfolgungen umschrieben bzw. zitiert. „Er besagt dort,“ – so ROLF FREIHERR VON UNGERN-STERNBERG, „dass die Entscheidung für oder gegen Christus, vor allem in der Zeit einer Christenverfolgung, auch mitten durch eine Familie hindurchgehen kann … Damit erhält dieses Wort Michas in der Weissagung Jesu einen neuen Sinn, weil es in eine neue Gotteszeit hineingestellt wird. Dabei werden in diesem Worte Tiefen sichtbar, die Micha selbst nicht bewusst sein konnten.“ (S.161-162)
Vers 7
„Ich aber“: hebr. wa’ani, Micha bringt hier einen plötzlichen Gegensatz/Umschwung zum Ausdruck, und zwar einen Umschwung von allgemeinem Pessimismus zu persönlichem Optimismus (LESLIE C. ALLEN, S.389) SCHIBLER und ALLEN sind sich darin einig, daß die eine optimistische Sicht einleitenden Worte „ich aber“ typisch für ein „Klagelied des Einzelnen“ sind. Bsp.: Ps 5,8; 31,15; 55,17. Micha will zwei Dinge tun:
nach dem Herrn ausschauen
auf den Gott seines Heils warten
Und er darf sich sicher sein: „mein Gott wird mich erhören.“
SCHIBLER schreibt: „Der Kontrast mit dem vorangehenden Teil des Abschnitts ist gewiss beabsichtigt. Es handelt sich doch um die Vertrauenserklärung eines Gläubigen in einer menschlich gesehen hoffnungslosen Lage, genau so, wie man sie häufig in den Psalmen findet.“ (S.113)
5. Die Spitze des Textes
Micha muss voller Herzschmerz feststellen, dass im Volk Israel keine Frömmigkeit mehr vorhanden ist. Das genaue Gegenteil ist leider für ihn zu beobachten. Wohin er blickt: Lauter Bosheit, Bestechung, Blutvergießen, Gier, interfamiliäres Misstrauen usw. Gott kann diese Sünde des Volkes nicht unbestraft lassen. Micha kündigt das kommende Gericht an, bringt aber zugleich zum Ausdruck, dass er auf Gott vertraut und sich in Ihm sicher weiß.
6. Der Text heute
– Auch heute sind wir als wiedergeborene Christen in der Minderheit (Phil 2,15)
– Auch heute sind die von Micha aufgelisteten Missstände zu beobachten
– Auch heute ist die Gerichtsdrohung (ewige Verdammnis/Hölle) immer noch aktuell
– Auch heute dürfen wir unser Vertrauen auf den „Gott unseres Heils“ setzen
7. Beispiele und Verdeutlichungen
– Das Gleichnis von Weinberg & Nachlese (V.1-2a): Hier liefern die Weinberge des Remstals gute Anschauungs-Geschichten. Weinbau-Kundige können hier in einer Predigt nähere Informationen geben. Ich habe selbst bei Spaziergängen durch die Weinberge in Grunbach schon eine Art „Nachlese“ betrieben, indem ich übriggebliebene Reben mitgenommen habe.
– Missstände in der Gesellschaft (V.2b-4a): Hier könnte man beobachtete Missstände nennen (z.B. aus Fernseh-Reportagen od. aus eigenem Erleben) Es gilt aber zu bedenken, dass Deutschland im Gegensatz zum alttestamentlichen Israel kein Gottesstaat ist.
– Gerichtsbotschaft (V.4b): Auch auf unsere Welt wartet noch ein Tag, den die Propheten vorausgesehen haben. Das letztendliche Gericht wird die ewige Verdammnis sein, vor der wir auch in dieser Predigt, wenn wir bei Vers 4 angekommen sind, warnen müssen. Daraufhin dürfen wir das wunderbare Evangelium von Jesus Christus verkünden und zum Glauben an Ihn einladen.
– Missstände in der Familie (V.5-6): Es gilt zu fragen: Wo sind auch in unseren Familien diese oder ähnliche Missstände zu beobachten. Aufruf zur Buße. Zur Warnung „Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft“ (V.6) passt evtl. ein Tatsachenbericht aus der ehemaligen DDR, wo man z.T. selbst engsten Freunden od. Familienangehörigen nicht trauen durfte, weil sie evtl. Spitzel waren.
– „Ich aber…“ als Ausdruck des persönlichen Gottvertrauens (V.7): Hier bietet sich an, dass man als Prediger in einer Art Zeugnis sein persönliches Gottvertrauen bekennt.
8. Material und Gliederung zur Predigt
Die Texte der Bibel kann man bestimmten literarischen Gattungen zuordnen. Die Texte, die zu einer bestimmten Gattung gehören (z.B. die Briefe), weisen jeweils viele der für diese Gattung typischen Elemente auf (im Falle der Gattung „Brief“ wären das z.B. Absender, Adressat[en], Anfangsgruß und Schluss). Mit Ausnahme von C.F. KEIL, der annimmt, dass sich hinter dem „ich“-Sprecher in Micha 7,1-7 die gesamte gläubige Gemeinde der damaligen Zeit mit Micha als deren Sprecher/Repräsentanten verbirgt (S.503), gehen alle von mir konsultierten Kommentatoren davon aus, dass es sich bei Micha 7,1-7 um ein sog. „Klagelied des Einzelnen“ handelt.
Auf diese Beobachtung kann man die Predigt aufbauen, indem man z.B. als Predigtthema die Überschrift „Michas Klagelied“ wählt. Außerdem kann man die einzelnen Predigtpunkte mit Bezeichnungen aus der Musik überschreiben (z.B. Strophe, Interludium (Zwischenspiel, Finale …).
Eine mögliche Predigtgliederung wäre dann:
1.Michas Klagelied über Israels Gottlosigkeit – Strophe 1 (V.1-4a)
2.Michas Ankündigung des Gerichts – Zwischenspiel (V.4b)
3.Michas Klagelied über Israels Gottlosigkeit – Strophe 2 (V.5-6)
4.Michas Bekenntnis seines persönlichen Gottvertrauens – Finale (V.7)
Ein etwas moderneres Predigt-Thema ergibt sich aus der Überlegung, dass das althebräische „Klagelied des Einzelnen“ mit dem „Blues“ vergleichbar ist. Hier einige Blues-Definitionen:
„Der Blues (blue devils), Melancholie, Ausdruck der (Sklaven-)Not und Quelle des Jazz vom frühen ländlichen über den klass. städtischen Blues bis heute“.
Aus: Michels, Ulrich (1994): dtv-Atlas zur Musik. Tafeln und Texte. Band 2: Historischer Teil: Vom Barock bis zur Gegenwart. 8. Auflage. München u.a.: Deutscher Taschenbuch Verlag/Bärenreiter Verlag, S. 539.
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„Blues, weltl., sehr volkstüml. Lieder der Farbigen Nordamerikas […] Die Texte erzählen von persönl. Schicksalen, Unglücksfällen, Armut und Tod.“
Aus: Goodman, Alfred („Erscheinungsjahr nicht angegeben“): Wörterbuch der Musik. Wiesbaden: Panorama Verlag, S. 30.
Mögliche Predigt-Überschriften wären dann:
– „Micah`s Blues“
– Blues eines Propheten
– Michas’s Blues