Hesekiel

Predigthilfe vom 1.12.2001 – Hesekiel 34,11-16

Monatsthema: Christus – der Hirte
Predigtthema: Christus – der Suchende

Bibelstelle: Hesekiel 34,11-16

Verfasser: Matthias Koehler

1. Der Zusammenhang
Die Fuehrer Israels haben als Hirten versagt. Sie weideten nur sich selbst und muessen dem Gericht entgegensehen. Nun nimmt Gott die Fuehrung seines Volkes selbst in die Hand. Damit ist die Heils-Wende im Hesekiel-Buch (in Kap. 34ff finden wir die Heilsverheissungen), in der Geschichte Israels (Rueckkehr aus dem Exil) und in jedem Leben markiert!

2. Biblische Parallelen
* Zum Hirte-Sein Gottes bzw. Jesu: Ps. 80,2; 1. Mose 46,15; Ps. 23; Mt 18,12ff; Lk 15,3ff; Joh 10; 1. Ptr 2,25; 1. Ptr. 5,4; Offb 7,17
* Parallele zu Hes 34,16: Lk 19,10; Lk 5,31
* Gott will das Schwache: 1. Kor 1,25-28; 2. Kor 12,9f

3. Der Aufbau des Textes
V. 11+12: Gott uebernimmt die Fuehrung seiner Herde: „ich selbst!“
V. 13+14: So sieht die Fuehung Gottes konkret aus (Teil 1): Heimbringen, Versorgen im Ueberfluss
V. 15: Nochmal: „Ich selbst!“
V. 16: So sieht die Fuehrung Gottes konkret aus (Teil 2): Dem Verlorenen, Schwachen, Kranken helfen, das Starke austilgen.
V. 16b: Zusammenfassung: Ich will sie weiden in Gerechtigkeit.

4. Einzelerklaerungen
V. 11
* „ich selbst“ im hebr. eher selten. Daher sehr betont!
* „fragen“ im Sinn von Fuersorge, sich kuemmern.
* Gott muss tun, was die treulosen Hirten nicht taten: Suchen. Das ist das Herzstueck der Taetigkeit Jesu (vgl. Lk 15,4ff; 19,10. Vgl. Jes. 40,11)

V. 12
* „Sich annehmen“ ist hebr. gleiches Wort wie „suchen“ in V. 11.
* „alle Orte, wohin sie zerstreut waren“: Da ist das Exil angesprochen: D.h. das Exil wird ein Ende haben.
* „zur Zeit, als es trueb und finster war“: woertl: „zur Zeit der Wolken und des Wolkendunkels“. Das ist die Gerichtszeit, in der Jerusalem unterging.

V. 13
* Mehrzahl bei Voelker und Laendern meint nicht nur Babylon, sondern auch Aegypten, Perien, Arabien und evtl. andere Laender. Die Erfuellung geschah durch das Kyrusedikt von 539 v.Chr. (vgl. 2 Chr 36,22; Esr 1,11f). Eine zweite Erfuellung kann man in der jued. Rueckwanderung nach Palaestina im 19. und 20. Jhdt. n. Chr. erblicken.

V. 13 u. 14: Thema: Gute Weide.
Zunaechst auf das Israelland bezogen. Dann aber oeffnet es sich mehr und mehr zu einer Perspektive in die neue Heilszeit, ja die neue Schoefung und das ewige Leben.
„Weiden“ drueckt die umfassende, liebevolle Fuersorge aus: Schutz vor Feinden, Verschaffen von nahrung und Waser, Gewaehren von Ruhe und Lagerstaetten, Aufmerksamkeit, Zurueckholen des Verirrten und Verlorenen, Heilung bei Krankheit und verletzung, kurzum alle Massnahmen, die zu Leben und Gedeihen fuehren.

V. 14
* „gut“: Zuerst: Fuer die Sinne gut (=etwa wohlschmeckend). Dann aber vor allem: Fuer das angestrebte Ziel gut (= etwa sinnvoll bzw. heilvoll).
* Hohe Berge: Damit ist nichts Gefaehrliches gemeint, sondern drueckt wie in Ps. 121,1 Geborgenheit, Schutz und Erfahrung von Hilfe aus.
* „lagern“: Ein bild von ueberreichem, geschuetztem und sicherem Leben.
* „fett“: bedeutet: sehr gut, reichlich

V. 15
Zweimal „ich selbst“: Hinweis auf die ganz persoenliche Zuwendung. Gott selbst bereitet das Lager (Ps. 23,2). Wie beim Zug durch die Wueste, als Gott durch die Wolken- und Feuersaeule immer das Lagern bestimmte. Aber dieser Vers weist weit darueber hinaus: Den Erloesten wir der endgueltige Lagerplatz, den endgueltigen Ruheort von Gott bereitet.

V. 16
So sieht Gottes Hirte sein aus: Das Kranke, das Schwache, das Verlorene, das Zerbrochene findet bei Gott Hilfe. (siehe Parallelstellen oben).
Der naechste Satz wird verschieden uebersetzt, weil sich der hebraeische Text von dessen griechischer Uebersetzung (sog. Septuaginta) an dieser Stelle unterscheidet (was sehr selten vorkommt). Der Ausleger muss entscheiden, welche der beiden Versionen die urspruengliche ist. Mit guten Gruenden betrachten wir den hebraeischen Text als den urspruenglicheren: „Das Fette und Starke will ich vertilgen“. Der Sinn der Aussage ist dann der, dass Gott die Maechtigen, die ihre Macht missbrauchen (V. Kap. 34,1-11), vernichtet.
* „weiden in Gerechtigkeit“: Das kann nur geschehen, wenn Gott die ganze Regierung an sich nimmt. Allerdings bleibt in unserer Welt noch Unrecht und Suende, so dass diese Verheissung hinueberscheint in eine neue Welt mit einer neuen Schoepfung.

5. Die Spitze des Textes
Gott kommt zur Welt, weil die Welt nicht zu ihm kommt. Man koennte Hes. 34,11-16 fast die „hesekielische Weihnachtsgeschichte“ nennen.“
Unser Abschnitt ist gewissermassen das Modell fuer Jesus als den guten Hirten.
Hoehepunkt: Der verlorenste, entfernteste Mensch hat gute „Chancen“, weil Gott sich auf die Suche macht!

6. Der Text heute
In unserer Gesellschaft zaehlt da Starke und das Gute, das Junge und das Dynamische, das Gesunde und Kraeftige. Das sind gar nicht so viele, die da mithalten koennen. Und schon gar nicht ueber lange Zeit.
Bei Gott zaehlt anderes: Das Schwache und Kranke ruft sein Erbarmen wach.
Zu wem passen wir als Gemeinde? Mehr zur „Gesellschaft“, die am liebsten nur mit den Starken arbeitet, mit dem Schwachen aber nichts anzufangen weiss? Oder zu Gott, der das letztere will und das erstere vertilgt?
Manchmal wird in der Gemeinde Jesu auch verwechselt, dass Gottes Kraft in den Schwachen maechtig ist, und nicht die Schwachen stark machen will. Letztere Aussage entstammt einem Christsein, das mehr zur Gesellschaft als zu Gott passen will!

7. Beispiele und Verdeutlichungen
7.1. aus den Parallelstellen ergeben sich viele Beispiele, die als Bilder, die unseren Text erlaeutern, herangenommen werden koennen.

7.2. Die Stellenanzeigen unserer Zeitungen zeigen: Die Starken, Gesunden usw… sind gesucht. Bei Gott haben die andern den Vorzug!

7.3. Aufgrund dieses Textes: Was wuerden wir lieber singen: „We are the champions“. Oder: „We are the looser“? („Wir sind die Sieger“ oder „wir sind die Verlierer“)

7.4. Die Meldungen ueberschlagen sich, dass man einzelne Menschen durch moderne Techniken (computergestuetzter Vergleich von Gesichtsmerkmalen, der Iris usw…) in einer Masse von Menschen finden und erkennen kann. Die Merkmale, mit denen Jesus auf die Suche geht und Menschen aus der Menge fischt sind: Verlorenheit, Schwaeche, Krankheit, kurz: Hilflosigkeit und hoffnungslose Not.

8. Material und Gliederung zur Predigt

Thema: Christus – der Suchende.

1. Der Herr Jesus sucht selbst
Er ueberlaesst das Suchen nicht mehr den schlechten Hirten. Er nimmt sich seiner Schafe selbst an. Die Suche wird „zur Chefsache“. Er kommt mitten in die Zerstreuten hinein. Das ist uebrigens im woertlichsten Sinne „Interesse“ (lateinisch: Inter-Esse = Dazwischen-Sein). Das ist Weihnachten! Jeder kann Interesse heucheln, Jesus hat es bewiesen. Joh 10 und das ganze Geschehen in den Erdentagen Jesu zeigt: Jesus sucht selbst unter Einsatz seines eigenen Lebens.

2. Der Herr Jesus sucht mit seltsamen Kriterien
Stellenanzeigen in der Zeitung. Das Schwache und Kranke usw… sind die begehrten „Objekte“ seiner Suche! (Bsp: Gesichtserkennung in der Masse). Frohe Nachricht fuer alle, die sich nicht auf der Sonnenseite des Lebens sehen (diesen Punkt gut und zum Glauben einladend ausführen!). Schlechte Nachricht fuer alle Self-made-men (= alle, die selbst was aus sich gemacht haben bzw. meinen, etwas zu sein)
Welche Suchkriterien haben wir als Gemeinde?? Hes. 34,11-16 ist ein Spiegel fuer Gemeindeleiter.

3. Der Herr Jesus sucht heim
Im woertlichen Sinn! Das ist das Ziel, auf das alles zulaeuft: 1) Zuerst in unserem individuellen Leben hier auf der Welt: Wir sollen zur Ruhe kommen, zu den Lagerstaetten, die Jesus uns zeigt. Das hat nichts mit „Nichtstun“ zu tun, sondern mit „Dort-Sein“, wo Jesus, der Hirte ist. Das hat was mit „Sich-versorgen-Lassen“ zu tun, und nicht mehr sich selbst „Zersorgen“. Das hat nichts mit „Wunden-lecken“ zu tun, sondern mit „Verbinden-Lassen“ vom Hirten.
2) Dann in unserem individuellen Leben nach unserem Tod: Es geht heim, der Hirte ging voran, bereitet uns den Lagerplatz und die Ewige Ruhe (Joh 14,1ff; Hebr. 4,9-11)
3) Dann aber auch „Heim-Suchung“ im ganzen, heilsgeschichtlichen Sinn: Der gute Hirte fuehrt die Menschheit zum Ziel. Aber nur seine Schafe hoeren seine Stimme und folgen ihm.

Schluss: Der Herr Jesus sucht. Laesst Du Dich finden?