Monatsthema: Christus – der Hirte
Predigtthema: Christus – der Scheidende
Bibelstelle: Hesekiel 34,17-24
Verfasser: Matthias Koehler
Vorbemerkung:
Diese Predigthilfe ist (wie die zum Textabschnitt davor auch) im
Wesentlichen eine Zusammenfassung aus dem sehr zu empfehlenden Kommentar von
Gerhard Maier. (Wuppertaler Studienbibel, Der Prophet Hesekiel, Brockhaus
Verlag Wuppertal)
1. Der Zusammenhang
Durch das Versagen der Fuehrer Israels kam das Volk Gottes in grosse,
existentielle Not: Gefangenschaft in Babylon. Nun tritt Gott selbst als
Hirte auf und schafft seinem Volk Heil. Dieses Heil beginnt – typisch fuer
Gottes Heilshandeln – mit dem Gericht (V. 17-21). Erst auf das Gericht
folgen die grossen Gnadenzusagen fuer das Volk Gottes (V. 22-31).!
2. Biblische Parallelen
* Zum Hirte-Sein Gottes bzw. Jesu: Ps. 80,2; 1. Mose 46,15; Ps. 23; Mt
18,12ff; Lk 15,3ff; Joh 10; 1. Ptr 2,25; 1. Ptr. 5,4; Offb 7,17
* Scheidung zwischen Schaf und Schaf, Widdern und Boecken: Mt 25,31ff
* Gott will das Schwache: 1. Kor 1,25-28; 2. Kor 12,9f
* „meine Schafe“: Joh 10,26-30
3. Der Aufbau des Textes
Zweimal drei Verse sind zu erkennen mit jeweils dem gleichen Schema, aber
unterschiedlicher Schlussfolgerung:
1. Zyklus
17: 1. Gott als Richter
18: 1. Die Verwerflichkeit der Starken: Zuerst ich – nach mir die Sintflut
19: 1. Die Folge fuer die Schafe: Elend, Unterdrueckung, Lebensmangel.
2. Zyklus
20: 2. Gott als Richter
21: 2. Verwerflichkeit der Starken: Verdraengung und Verstossung der
Schwachen.
22: 2. Die Folge fuer die Schafe: Rettung
Schon dieses Schema zeigt: Wird die Folge fuer die Schafe auf das Tun der
Feinde bezogen (wie im 1. Zyklus), ist die Folge Not und Untergang.
Wird sie aber auf Gott bezogen (wie im zweiten Zyklus), ist die herrliche
Folge: Rettung.
Jetzt muesste man noch fragen: Woher kommt der Unterschied in den Folgen (V.
19 und 22)?
Antwort:
V. 23+24: Gott selbst wird Hirte sein in seinem Knecht David
4. Einzelerklaerungen
V. 17
* Vgl. Mt 25,31ff. Vielleicht hat Jesus sich auf unsere Hesekiel-Stelle
bezogen.
* Mit „Ihr meine Herde…“ spricht Gott sein Volk an.
* „richten“: hat doppelten Sinn: a) richterliche Entscheidung treffen. Man
kann sich vorstellen, dass die leidenden Israeliten Gott gegen ihre eigenen
unterdrueckerischen Landsleute anriefen. b) Recht verschaffen, naemlich den
Unterdrueckten.
* Diese richtende Taetigkeit Jahves ist von seiner rettenden gar nicht zu
trennen. Darum ist im Hebraeerbrief bei der Aufzaehlung der Heilsgaben auch
der richtende Gott genannt. (Hebr. 12,22ff). Sein Richten ist ein Retten,
ein Zurechtbringen. Wir sollen und duerfen uns auf sein Richten freuen.
* „zwischen Schaf und Schaf“: Nicht nur die versagenden Hirten werden
bedroht, die gewiss die erste Verantwortung tragen, sondern auch in der
Herde selbst werden Scheidungen vollzogen. Es geht also auch um die
Verantwortung des Einzelnen.
* „Widder und Boecke“ sind im unserem Zusammenhang wohl die unterdrueckenden
Israeliten. (vgl. auch Sach 10,3)
V. 18
Das ist der suendige Egoismus der „starken“ Israeliten: Das Gute fuer uns
selbst, aber selbst das weniger Gute den anderen noch missgoennen.
V. 19
„meine Schafe“. „Meine“ zeigt: Auch im AT gehoerte nicht automatisch jeder
Israelit zu Gottes Herde. Nicht nur die koerperliche Abstammung war
entscheidend, sondern Glaube und Gehorsam. Hier kuendigt sich schon der
Unterschied zwischen dem geistlichen und dem fleischlichen Israel an, den
wir spaeter bei Jesus und Paulus treffen (Joh 1,47; 8,30ff; Roem 2,17ff)
V. 21
Sie draengen die Schwachen zur Seite, ja sie stossen sie mit ihren Hoernern,
dass sie verjagt werden. Das klingt gefaehrlich nach einem Kampf gegen
„lebensunwertem Leben“. Diese Gesinnung der Starken, die die Schwachen nicht
dulden wollen und ihre Kraft in der Unterdrueckung der Schwachen beweisen,
wird immer und ueberall Gott zu ihrem Gegner haben.
V. 23
* Das ist die Rettungstat Gottes: Er sendet den „guten“ Hirten.
* Der Ausdruck „ich werde einsetzen“ bedeutet wie in Jer 30,9 und Am 9,11
ein Geschenk Gottes, durch das er in wunderbarer Weise die Dynastie Davids
fortbestehen laesst.
* „einen Hirten“: Im Hebraeischen steht hier das Zahlwort: einen einzigen
Hirten. Der gleiche Ausdruck begegnet uns in Joh 10,16. Will heissen:
Nordreich (Israel) und Suedreich (Juda) erhalten wieder einen einzigen
Regenten. Ganz Israel soll wieder vereinigt werden. (Aehnliche
Verheissungen: Jer 23,5ff; 30,9; 33,14ff; Sach 9,9ff; 12,10ff; Hes 37,24)
„Ein Hirte“ deutet aber nach Joh 10 heilsgeschichtlich noch weiter hinaus:
Nicht nur Nord- und Suedreich, sondern auch das ganze „Israel nach dem
Geist“, die Gemeinde Jesu wird unter diesem einen Hirten eine Herde sein.
* „David“, bekanntlich ja schon grob 400 Jahre tot, deutet auf den hin, der
aus der Familienlinie Davids kam und von sich sagte: Ich bin der gute Hirte:
Jesus.
V. 24
* In diesem Vers ist keine Rangordnung innerhalb der goettlichen
Dreieinigkeit festgelegt (Gott im Himmel – Fuerst auf Erden). Gott als der
gute Hirte (V. 16) kommt im menschlichen Hirten-Fuersten zu den Menschen auf
erden. Beide sind deshalb der gute Hirte, in Einheit untereinander. Fuerst
in ihrer Mitte: Das beschreibt a) einmal die Gegenwart Gottes zu Zeiten des
Alten Bundes, b) dann das Erdenleben Jesu, in der dieses „in ihrer Mitte“
sichtbar aber doch raeumlich und Zeitlich eingeschraenkt war, c) dann die
herrliche, weil Zeit und Raum uebersteigende geistliche Wahrheit: „Wo zwei
oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich (Jesus Christus)
mitten unter ihnen“ (Mt 18,20), d) und darueber hinaus die Ziel-Verheissung
aus Offb 21,3: „Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen“ Und er wird bei
ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen
sein.“
5. Die Spitze des Textes
Gott richtet und rettet in dem einen Hirten: Jesus
6. Der Text heute
6.1. In unserer Gesellschaft zaehlt da Starke und das Gute, das Junge und
das Dynamische, das Gesunde und Kraeftige. Das sind gar nicht so viele, die
da mithalten koennen. Und schon gar nicht ueber lange Zeit.
Bei Gott zaehlt anderes: Das Schwache und Kranke ruft sein Erbarmen wach.
Ganz natuerlich betrachtet gibt uns das eine klare Richtschnur in Fragen
wie: Abtreibung (auch da schuetzt Gott das Schwache) und Euthanasie (darf
das Schwache zu Gunsten der Starken weichen muessen, gibt es lebensunwertes
Leben? – Gott ist da sehr eindeutig!). Doch in unserer Alltagswelt beginnt
das viel frueher: Zu wem halten wir uns im Betrieb, in der Schule usw…
Geistlich gesehen bemerken wir heute (auch an uns selbst) eine Christenheit,
die gern stark sein will und auf das Schwache mitleidig herunterschaut.
(Bsp: Welche Gemeinde ist fuer uns attraktiv? Welches Kriterium haben wir in
der Beurteilung? Ich fuerchte oft: Die Groesse). Es ist – je nach Lage Trost
oder Ermahnung zu wissen, dass Gott auch da den Schwachen pflegt und das
Starke, Selbstsichere richtet.
6.2. Die Rede vom Gericht Gottes ist eine Botschaft, die unsere Zeitgenossen
wieder verstehen, angesichts der Geschehnisse in der Welt.
Wir haben unsere Zeitgenossen mit unserer Rede vom „Lieben Gott“ in grosse
Verstaendnislosigkeit gefuehrt. Zwei Probleme haben wir ihnen aufgegeben: 1.
Wer wach in die Welt (mit all den Noeten, Kriegen, Krankheit usw…) blickt,
versteht den „Lieben Gott“ nicht mehr. 2. Wer immer vom „Lieben Gott“ hoert,
weiss auf einmal nicht mehr, warum er Jesus braucht! Lasst uns wieder
deutlich vom Gericht reden, und vor diesem dunklen Hintergrund das helle
Licht der Rettung in Jesus wieder anzuenden.
7. Material und Gliederung zur Predigt
Thema: Christus, der Scheidende
1. Gott richtet
Viele – auch Christen – verbinden mit „Gericht“ etwas negatives. Das ist zu
kurz gedacht! Deshalb muessen wir die positive Wichtigkeit des Gerichts
deutlich machen: a) Angesichts der Ungerechtigkeit in der Welt muss es ein
Gericht ausserhalb dieser Welt geben. Sonst gaebe es keine Gerechtigkeit.
Die Starken wuerden immer ueber die Schwachen siegen. Der Mensch muesste
selbst versuchen, Gerechtigkeit zu schaffen, mit allen Mitteln. Im
End-Extrem nennt man das Terrorismus. Es ist fuer unser „zivilisiertes“
Zusammenleben eine gnaedige Einrichtung, dass wir das Recht-Schaffen
letztlich Gott ueberlassen koennen. (Damit ist nicht gemeint, dass wir nicht
hier und jetzt schon Gerechtigkeit suchen und fuer sie eintreten muessen!)
b) Gaebe es kein Gericht, in dem wir uns verantworten muessen, dann waere
unser Leben bedeutungslos. Unsere menschl. Wuerde kommt daher, dass unser
Leben nicht im Wind der Zeit verweht, sondern seinen „Abschluss“ findet in
einem Gericht, in dem unser Leben ernst genommen wird.
Das Richten Gottes ist einmal das wirkliche „vernichten“. Fuer den, der sich
diesem Gericht beugt und „vor Gott zu Gott flieht“, ist es aber immer
zugleich Rettung, Zurechtbringung.
Gott wird das Starke richten: Dazu gehoeren ganz Vordergruendig:
Menschen, die auf Kosten anderer Leben (V. 18+19):
* Die, die die Ellenbogen gerne einsetzen, auch auf Kosten anderer
* Chefs, Lehrer usw…, die Ihre Macht ausueben, ohne dass sie sich ihrer
Verantwortung Gott gegenueber klar sind.
* Eltern, die in ihrer Ueberlegenheit ihre Kinder „zum Zorn reizen“
* Kinder, die schamlos die Liebe der Eltern (und in der Regel sind Eltern an
diesem Punkt „schwach“: Sie muessen lieben, sie koennen es nicht abschalten)
ausnuetzen.
* Maenner, die mit ihren (Ehe-)Frauen respektlos umgehen (und andersrum)
* Gesunde, die auf Kranke keine Ruecksicht nehmen
* Junge, die auf die Alten nicht warten koennen
* Alte, die die Jungen nicht ernst nehmen
* Und vieles andere mehr (da faellt es sicher niemandem schwer, Beispiele zu
finden. Diese duerfen ruhig angesprochen werden!)
Geistlich gibt es auch „Starke“, die Gott richtet:
* Selbstsichere Christen, die fuer „Schwache“ kein Verstaendnis haben.
* Menschen, die aufgrund ihrer natuerlichen Gaben oder eines „Amtes“ sich
etwas auf sich einbilden.
* Gemeinden, fuer die gilt: „dass Du den Namen hast, du lebest, und bist
tot.“ (Offb. 3,2)
Stark ist immer das, was meint, ohne Gott etwas zu sein. Das nimmt Gott die
Ehre. Deshalb zieht das Starke das Gericht Gottes auf sich.
2. Gott rettet (V. 23)
Voraussetzung: Schwachheit. (Schwachheit ist hier nicht mit der Schwachheit
aus Roem 14+15 zu verwechseln!)
Zu sagen: „Du darfst schwach sein“ ist gut und troestlich, aber noch nicht
die ganze Wahrheit: „Du musst schwach sein“, das ist die rettende Bedingung.
Siehe 1. Kor 1,25ff: Wann nehmen wir das endlich wirklich ernst?
Wir laden die Schwachen mit offenen Arme zum Herrn Jesu ein, und zu uns, in
unsere Familien, in unsere Gemeinden.
3. Gott weidet
Das ist Rettung, dass Gott kommt, unter den Schafen wohnt und weidet. Weiden
ist noch mehr als Rettung. Rettung ist Verschonung im Gericht. Weiden ist
Leben in der Fuelle. Weiden wird in Ps 23 beschrieben: Gruende Aue, frisches
Wasser, Stecken und Stab, Leitung durch Todestaeler. Mahlzeit angesichts der
Feinde. All das galt fuer David. Dann galt es (noch nicht vollkommen) fuer
Israel bei der Rueckkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft. Dann galt es
in Jesus und fuer alle, die seine Stimme hoeren und dadurch seine Schafe
sind. Kurz: Es gilt fuer Dich, wenn Du echter Christ bist! Wichtig: Hier
muss man ausfuehren, was das bedeutet: Bzgl. Sorgen, Aengste, Noete,
Probleme mit Heilsgewissheit. Wir sind nicht „nur“ gerettet, wir werden
geweidet!! Wir brauchen nur Schaf sein, nicht Leithammel, nicht Versorger,
nicht Verteidiger, nicht Fuehrer… Am Ende wird es fuer Israel und fuer die
Gemeinde Jesu herrliche, ungetruebte und unendliche Wahrheit sein.