Titus

Predigthilfe vom 9. November 2014 – Titus 2, 11-15

Jahresthema: In Gottes Nähe leben
Predigtthema: Geistlich glauben (Alternativvorschläge s. unten)
Predigttext: Titus 2,11-15

1 Erläuterungen zum Text
1.1 Zuspruch und Anspruch
Der vorliegende Abschnitt setzt mit einem begründenden „denn“ ein (2,11). Damit knüpft er an die Ermahnungen des vorausgehenden Abschnitts an. Mit anderen Worten: Der Anspruch Gottes (Ermahnungen) und der Zuspruch Gottes (Gnade) sind eng aufeinander bezogen. Ermahnungen verstehen sich nicht von selbst, sondern sind im Schenken Gottes begründet. Dieser Zusammenhang ist für den Brief an Titus grundlegend (vgl. Predigthilfe vom 02.11.2014, Abschnitt 2.1).

1.2 Das Erscheinen der Gnade Gottes (2,11)
Das Stichwort „Erscheinen“ kommt in den Pastoralbriefen (1./2.Tim und Tit) häufiger vor als in der übrigen Literatur des Neuen Testaments. Gemeint ist das sichtbare irdische Erscheinen Jesu Christi – mit einer doppelten Akzentuierung:
• Zum einen: Das bereits geschehene Erscheinen des Retters Jesus Christus (2,11; 3,4; vgl. 2Tim 1,10), d.h. sein irdisches Auftreten und besonders seine Geburt.
• Zum anderen: Das noch ausstehende künftige Erscheinen des Herrn am Ende der Geschichte und sein letztes Richten (2,13; vgl. 2Tim 4,1).
Wenn nun das Wort „Erscheinen“ in 2,11 auf die Gnade bezogen wird, so wird erkennbar: Das Sichtbarwerden der Gnade Gottes ist unlösbar mit Jesus Christus verbunden. Gnade ist ein personales Geschehen und bedeutet Rettung vor dem Zorn Gottes. Dazu ist Jesus Christus erschienen (vgl. Joh 3,16), um durch die Hingabe seines Lebens den Riss zwischen Mensch und Gott zu überwinden und Menschen mit Gott zu verbinden (vgl. 2,14). Gnade ist also rettende Gnade (heilsame Gnade) für alle Menschen. Sie wird nicht durch eigenes Bemühen erworben, sondern ausschließlich als Geschenk Gottes im Glauben empfangen.

1.3 Das Ziel der Gnade Gottes (2,12-14)
Die Gnade erzieht und bildet Menschen (2,12). Das Wort „erziehen“ (davon abgeleitet ist unser Wort „Pädagogik“) umfasst ein breites Bedeutungsspektrum: erziehen, züchtigen, strafen, zurechtweisen, unterweisen.
In den Gemeinden auf Kreta tummeln sich Leute, die erst kurze Zeit im Glauben an Christus leben. Sie sind geprägt vom Milieu ihrer Insel: Kreta gilt als „Seeräubernest“. Der kretische Priester Epimenides urteilt (vgl. 1,12): „Alle Kreter sind Lügner.“ Nun kommt es darauf an, Christen in die Lebensvollzüge des Glaubens einzuweisen. Sie sind herausgefordert, das ABC des Glaubens bis in die Fragen der Lebensgestaltung hinein zu erlernen.
Die Einweisung in die Vollzüge des Glaubens begegnet im Titusbrief als Pädagogik der Gnade. Sie nimmt Maß an der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes (vgl. 3,4). Das bedeutet: Gott hat sich in Jesus von Nazareth als unser Retter und damit als Gott für uns erwiesen. Sein Handeln bildet die Grundlage für ein Leben, das seiner Gnade entspricht. Jede Lebens- und Weltanschauung, die sich von Hause aus gnadenlos gibt, ist abzulehnen. Gnadenlose Existenz ist ein Ausdruck von Gottlosigkeit (gottloses Wesen, vgl. Mt 18,21-35). Sie ist keine Option für den von Gott begnadigten Sünder. Vielmehr vollzieht die Gnade einen radikalen Bruch mit Gottlosigkeit und mit selbstzentrierten Begierden (2,12). Fortan bestimmt sie das Leben der Glaubenden. Drei Bereiche werden besonders hervorgehoben (2,12):
• Besonnen leben (auch: selbstbeherrscht leben) steht im Gegensatz zu Maßlosigkeit, Unvernunft und Leichtsinn (mehr dazu: Predigthilfe vom 02.11.2014, Abschnitt 2.3). Auffallend häufig wird im Titusbrief Besonnenheit angemahnt, als Mahnung an Älteste (1,8), an alte Männer (2,1), an junge Frauen (2,5), an junge Männer (2,6), an die gesamte Gemeinde (2,12). Ein Indiz dafür, dass die Christen auf Kreta (und heutige Christen) gerade in diesem Bereich gefährdet waren?
• Gerecht leben ist Antwort des Menschen auf Gottes Handeln. Gott macht den gottlosen Sünder gerecht – ausschließlich aus Gnade. Mit seiner Antwort darauf verzichtet der Mensch auf jede Form von Selbstgerechtigkeit. Er ist vielmehr darauf ausgerichtet, sowohl der Wirklichkeit Gottes als auch der Wirklichkeit des Menschen gerecht zu werden. Das zeichnet seine Begegnung mit Gott und mit den Menschen aus.
• Fromm leben beinhaltet die uneingeschränkte Anerkennung des alleinigen Gottes, die Verehrung Gottes, die Ausrichtung des Alltagslebens auf ihn und das Tun von Gottes Willen. Der Respekt gegenüber Gott wirkt auf die gesamte Lebenshaltung und Lebensgestaltung eines Glaubenden.
Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Pädagogik der Gnade zielt nicht auf eine spektakuläre Lebensführung, sondern auf die Bewährung des Glaubens in einem ganz normalen, alltäglichen, unauffälligen Leben. Diese Bodenhaftung des Glaubens wird ausdrücklich erwähnt mit dem Hinweis auf das Leben in dieser irdischen Welt (2,12).
Darüber hinaus führt die Pädagogik der Gnade zu einer atemberaubenden Erwartung (2,13), die im sichtbaren Erscheinen der Herrlichkeit Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus ihren Höhepunkt findet. Das heißt auch: Die Pädagogik der Gnade kommt mit den Glaubenden zum Ziel. Glaubende leben nicht von der eigenen Substanz, sondern von den Möglichkeiten ihres Herrn, den sie erwarten. Ausdrücklich wird betont: Er hat sich selbst für uns hingegeben, hat uns erlöst von aller Ungerechtigkeit und hat sich ein Volk zum Eigentum gereinigt (2,14). Alttestamentliche Aussagen werden hier auf Christus bezogen (Ps 130,8; Hes 37,23; Ex 19,5). Sie unterstreichen: Alles, was Gemeinde zu bieten hat (Bereitschaft zu guten Werken, 2,14), verdankt sie ihrem Herrn.
Titus wird angewiesen, mit ganzem Ernst und Nachdruck davon zu reden, zu ermahnen und zurechtzuweisen (2,15). Damit ist er herausgefordert, die Gemeinde an Christus zu verweisen. Die Gemeinde aber ist gefordert, ihn als Zeugen für Christus zu achten.

2 Hinweise zu Lehre und Leben
2.1 Gnade erzieht zur Gnade
Die Pädagogik der Gnade schließt eine Absage an jedes gnadenlose Verhalten ein. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken: das Wort „gnadenlos“, das in unserer Gesellschaft mit negativen Empfindungen besetzt war, entwickelt sich zunehmend zu einem Markenzeichen unserer Gesellschaft. Damit bekommt es eine positive Wertung. „Gnadenlos“ steht für Durchsetzungsvermögen, für hartes rücksichtsloses Verhalten und gilt als Garantie für Erfolg.
Drei Beispiele:
• Geburtstag der Großmutter. Alle versammeln sich um den großen Familientisch. In der Mitte eine große Schachtel Mon Cheri. Der kleine Enkel bedient sich kräftig. Die Pralinen schmecken köstlich. Als er das letzte Drittel der Kirschpralinen in Angriff nehmen will, greift die Mutter ein: „Los, leg die sofort zurück! Die anderen möchten sich auch eine Praline nehmen.“ Der Junge zögert. Die Mutter fährt ihn noch einmal an. Dann presst er die Faust zusammen. Zerdrückt die Praline. Wirft sie auf den Tisch. Die Gäste am Tisch sind überrascht, erstaunt, entsetzt. Doch der Vater erwidert: „Der wird richtig. Der bringt es mal zu was. Der hat ein gnadenloses Durchsetzungsvermögen.“
• Der Sportreporter kommentiert: In einer gnadenlosen Abwehrschlacht hält die Mannschaft ihr Tor sauber.
• Eine Zeitung berichtet aus einer großen Verwaltung: Mit gnadenloser Konsequenz räumte der neue Chef in den Amtstuben auf und reduzierte den Personalaufwand um fast 50%.
Gnadenlosigkeit begegnet auch in vielen anderen Zusammenhängen:
• Ein Geburtstagsgruß: „Wie schön, dass du geboren bist – wir hätten dich sonst sehr vermisst!“ Viele Kinder werden nicht geboren – und niemand vermisst sie. Gnadenlosigkeit?
• Ein Terrorismus, der eigene Interessen in äußerster Brutalität durchsetzt und der ohne Rücksicht Menschen abschlachtet, wird als gnadenlos wahrgenommen. Hier bekommt das Wort „gnadenlos“ tatsächlich negative Bedeutung.
Gemeinde Jesu wird von der Gnade zur Gnade erzogen. Um ihres Auftrages willen und um der Verheißung Gottes willen hat sie sich auf das zu konzentrieren, was den Menschen dient und für sie elementar wichtig ist. Viele Fragen des heutigen Lebens können von kompetenten Fachleuten, Forschern und Menschen mit Berufs- und Lebenserfahrung beantwortet werden. Die anvertraute Gabe Gottes, das Leben aus der Gnade, kann nur durch die Gemeinde Jesu proklamiert werden. Das setzt voraus, dass sich Menschen der Pädagogik der Gnade überlassen, um das Geschenk aller Geschenke, die Gnade Gottes bis in die persönliche Lebensgestaltung hinein transparent werden zu lassen. Auf diese Weise demonstriert Gemeinde in einer gnadenlosen Gesellschaft, welchen Reichtum Menschen gewinnen können, die aus der Gnade leben und sich von ihr prägen lassen. Jeder Hinweis auf die Gnade ist aber ein Hinweis auf Christus!

2.2 Erlösung geschieht aus Gnade
Hinter dem biblischen Begriff der Erlösung (vgl. 2,14) steht die Vorstellung vom Loskauf aus Sklaverei und Kriegsgefangenschaft. Dieser Loskauf erfolgt gegen Zahlung eines Lösegeldes (vgl. Mk 10,45). Zwar spielt der Loskauf von Sklaven in unserer heutigen Gesellschaft keine Rolle und trotzdem ist das Thema „Lösegeld“ hoch aktuell:
• Lösegelder bieten den Stoff für Krimis.
• Lösegelder werden bei Entführungen gezahlt.
• Je wichtiger eine Person ist, desto mehr Lösegeld fließt.
• Gegen Lösegeldforderungen kann man sich versichern lassen (Rundum-sorglos-Paket mit Übernahme aller anfallenden Kosten).
In diesen uns bekannten Zusammenhang lässt sich die Erlösung durch Jesus Christus einzeichnen:
• Keine Versicherung ist nötig.
• Jesus selbst zahlt für Menschen.
• Er zahlt den höchsten Preis, indem er mit seinem Leben bezahlt.
• Dieser hohe Einsatz zeigt, wie wertvoll der einzelne Mensch für Jesus ist.

3 Bausteine für die Predigt
Die Predigt will dem Hörer die Gnade Gottes vor Augen malen, die in der Erlösung durch Jesus Christus ihren sichtbaren Ausdruck gefunden hat, und will ihn anregen, sich durch die Pädagogik der Gnade in ein Leben einweisen zu lassen, das der Gnade Gottes entspricht.

3.1 Themen- und Gliederungsvorschläge
Je nachdem, welche Intention des Textes für die Predigt aufgenommen werden soll, sind verschiedene Themen denkbar:
• Gottes sichtbare Gnade: Jesus Christus
• Aus der Gnade leben
• Alles aus Gnade
• Gnade empfangen und Gnade gewähren
• Gemeinde zwischen gnädigem Gott und gnadenloser Gesellschaft
Die Predigt verlangt eine Konzentration auf das Wesentliche, so dass für den Hörer relevante Schwerpunkte auszuwählen sind. Beispielsweise sind zwei Schwerpunkte denkbar:
• Erlösung, die aus Gnade geschieht
• Gnade, die zur Gnade erzieht
Eine Predigt mit drei Gliederungspunkten könnte zum Beispiel so aussehen:
Gottes sichtbare Gnade: Jesus
• Jesus hat den höchsten Preis bezahlt, um uns zu gewinnen
• Jesus arbeitet geduldig an uns, um uns zu verändern
• Jesus kommt zuletzt zu uns, um uns zu vollenden
Gemeinde zwischen gnädigem Gott und gnadenloser Gesellschaft
• Das Geschenk der Befreiung
• Das Geschenk der Pädagogik
• Das Geschenk der Erwartung

3.2 Sprache und Veranschaulichung der Predigt
Der Text des Titusbriefs enthält viele theologisch dichte Begriffe (z. B. Gnade, Erlösung). Dem Bibelleser sind solche Begriffe teilweise vertraut. Nichtchristen können weniger damit anfangen oder die Begriffe werden mit anderen inhaltlichen Vorstellungen verbunden. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe der Predigt, die Aussagen des Textes in die Lebenswelt heutiger Menschen (auch Nichtchristen) zu übersetzen.
Zudem macht es Sinn, Begriffe mit Geschichten zu verbinden. So werden die Aussagen des Textes anschaulich und erreichen Kopf und Herz des Hörers. Zum Beispiel lässt sich das Themenfeld „Gnade – Gnadenlosigkeit“ sehr schön mit dem Gleichnis Mt 18,21-35 veranschaulichen, wobei auch hier Bezüge zum heutigen Lebensalltag nicht vernachlässigt werden dürfen.
Das Themenfeld „Pädagogik der Gnade“ kann sehr schön mit Erziehung im häuslichen oder schulischen Bereich verknüpft werden. Auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen mit Erziehung kann die Wirksamkeit der Pädagogik der Gnade entfaltet werden.
Gott segne das Hören auf Tit 2,11-15 mit seinem großartigen Evangelium!
Christoph Müller