Jahresthema: In Gottes Nähe leben
Predigtthema: Geistlich nachfolgen (Alternativvorschläge s. unten)
Predigttext: Titus 2,1-10
1 Erläuterungen zum Text
1.1 Die Herausforderung
Titus als bewährter Mitarbeiter von Paulus steht vor der Aufgabe, das Zusammenleben der Gemeinden auf Kreta zu ordnen. Die vorhandenen Unterschiede von Geschlecht (Mann – Frau), Alter (jung – alt) und sozialem Status (Sklaven – Herren) sind nicht zu übersehen, sollen jedoch keine trennende Bedeutung gewinnen. Das Miteinander ist zu fördern. Die unterschiedlichen Gruppen in der Gemeinde sind also auf ihre jeweilige Verantwortung hin anzusprechen.
1.2 Die Bewährungsfelder
Die von Paulus benannten Unterschiede (Geschlecht, Alter) erinnern an die Unterschiede in einer Familie (2,1-8). Das wirft die Frage auf: Worauf beziehen sich die Ermahnungen – auf das Zusammenleben in der Familie oder in der Gemeinde? Faktisch sind Familienalltag und Gemeindealltag aufeinander bezogen. In beiden Bereichen soll der Glaube an Jesus Christus bewährt werden. Was in der Familie gelebt wird, hat Auswirkungen auf die Gemeinde und umgekehrt. Diese Wechselwirkung gilt auch für das gesellschaftliche Leben (Sklaven) und den Gemeindealltag (2,9-10).
1.3 Die Begründung
Die Ermahnungen werden begründet (2,11: „denn“) mit dem Evangelium von der „heilsamen Gnade Gottes“ (2,11-15). Sie verstehen sich nicht von selbst. Die lebensverändernde Kraft des Evangeliums führt zu einer neuen Lebensorientierung. Darin sind die Ermahnungen verankert. Der Zusammenhang von 2,1-10 und 2,11-15 hat grundlegende Bedeutung (auch wenn 2,11-15 nicht Predigttext ist).
1.4 Die Vorbildwirkung (2,1.6f)
Für die Gestaltung von Beziehungen in Familie, Gesellschaft und Gemeinde wird Titus auf die gesunde Lehre (2,1.7) festgelegt. Nur das Gesunde kann Beziehungen gesunden lassen. Gesunde Lehre ist das Wort, das sich niemand selbst sagen kann. Sie ist ergangenes, überliefertes, gehörtes und gelesenes Wort. Gesunde Lehre ist als rechte Lehre zu verstehen, die auf Christus konzentriert ist. Mit diesem Bezug ist sie klar von Irrlehre abgegrenzt (vgl. 1,10-16).
Rechte Lehre ist kein lebensfernes Gedankenkonstrukt, sondern fundierte Verkündigung, die in die Praxis des Glaubens und Lebens einweist. Darum gehören „Wort“ und „Werk“ zusammen. Es ist kein Zufall, dass Titus aufgefordert wird, sich selbst als Vorbild guter Werke darzustellen. Er selbst ist gefordert, um andere Menschen zu fördern. Offensichtlich brauchen (junge) Menschen lebendige Vorbilder, an denen sie studieren können, wie man mit Jesus sein Leben gestalten kann. Sie brauchen Anschauungsunterricht, was Gott an einem Menschen bewirken kann. Vorbildwirkung kann unverfälschte Lehre nicht ersetzen, aber durch das Vorbild wird unverfälschte Lehre in das Leben hinein übersetzt (2,7).
1.5 Die Ermahnungen
1.5.1 An die älteren Männer (1,2)
Wodurch können ältere Männer das Miteinander positiv prägen? Durch einen Lebensstil, der mit drei Prädikaten umschrieben wird:
• nüchtern (maßvoll, bescheiden)
• ehrenwert (aufrecht, zuverlässig)
• besonnen (aufmerksam, umsichtig, überlegt)
Die Chance des Alters entfaltet sich in einem gelassenen, reifen und mündigen Glauben. Gedanken, Worte und Taten sind stimmig (eine integere Persönlichkeit). Christus lässt Menschen reifen zur Gesundheit im Glauben, in der Liebe und in der Standhaftigkeit (Geduld, Durchhaltevermögen). Standhaftigkeit ist eng mit Hoffnung verbunden (vgl. 1Kor 13,13 mit 1Thess 1,3).
1.5.2 An die älteren Frauen (1,3-4)
Wodurch können ältere Frauen das Miteinander positiv prägen? Durch eine dem Heiligen angemessene Haltung, z.B. wie bei Hanna, deren ganzes Wesen auf Gott ausgerichtet war. Das lässt sich weder mit Klatsch und Tratsch (Verleumdung) noch mit der Abhängigkeit von reichem Alkoholgenuss (Wein) vereinbaren. Die Alkoholabhängigkeit von Frauen ist ein Indiz für die sittlichen Verhältnisse, die auf der Insel Kreta herrschten. Die Chance älterer Frauen besteht nun darin, Lehrerinnen des Guten zu sein und zur Besonnenheit anzuregen. Auf diese Weise können die älteren Frauen die jüngeren Frauen unterstützen und prägen.
1.5.3 An die jüngeren Frauen (2,4-5)
Die jüngeren Frauen werden aufgefordert, ihre Ehemänner zu lieben. Nach Eph 5,25 werden umgekehrt die Männer aufgefordert, ihre Ehefrauen zu lieben. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Zustände auf Kreta und in Ephesus erforderten unterschiedliche Ermahnungen. Sowohl für Kreta als auch für Ephesus gilt: Gegenseitige Liebe ist Voraussetzung für das Einverständnis zwischen Mann und Frau. Auch die scheinbar selbstverständliche Liebe einer Mutter zu ihrem Kind muss auf Kreta angemahnt und eingeübt werden.
Keuschheit bezieht sich nicht nur auf das Verhalten vor der Ehe (sexuelle Enthaltsamkeit), sondern in der Ehe. Keuschheit meint ein Sexualverhalten, das von der Achtung vor dem Ehepartner geprägt ist und der Christusbeziehung entspricht. Durch Keuschheit wird Sexualität weder verneint noch als autonomer Lebensbereich betrachtet.
Die Aufforderungen an die jüngeren Frauen (lieben; besonnen, keusch, häuslich und gütig sein; sich unterordnen) zeigen: Ihr Anteil am Bau der Gemeinde ist der Bau der Familie – in Übereinstimmung mit dem Ehepartner, nicht ohne ihn und nicht gegen ihn. In diesem Sinne ordnet sich die Ehefrau ein und unter.
1.5.4 An die jüngeren Männer (1,6)
Die Aufforderung an die jüngeren Männer fällt sehr knapp aus. Lediglich Besonnenheit wird angemahnt. Doch alles, was Titus als lebendiges Vorbild ins Leben hinein verwirklicht, gilt auch für sie. Insofern werden die jüngeren Männer durchaus umfassend in die Lebensvollzüge des Glaubens eingewiesen.
1.5.5 An die Sklaven (9f)
Nur Sklaven werden ermahnt, aber nicht deren Herren (vgl. Eph 6,9; Kol 4,1). Wahrscheinlich gehörten die Herren dieser Sklaven (noch) nicht zur Gemeinde. Von den Sklaven ist Loyalität als Unterordnung unter ihre Herren zu erwarten, die aus ganzem, ungeteiltem Herzen kommt. Sie findet ihren Ausdruck darin, dass Sklaven ihre Herren zufrieden stellen (mit innerer Bereitschaft), ihnen nicht widersprechen (nicht widerstreben), nichts veruntreuen (nichts unterschlagen), ihren Herren aber in allem gute (betont!) Treue erweisen. In der guten Treue des Sklaven wird die Güte Gottes abgebildet, der selber zur Rettung der Menschheit den niedrigsten Dienst vollzog – in Christus.
2 Hinweise zu Lehre und Leben
2.1 Wie verkündigen wir Ermahnungen?
Ermahnungen sind Trost. Sie zu predigen heißt: Christus predigen. Die Ermahnung sagt: „Du brauchst Christus!“ Das Evangelium aber antwortet: „Hier ist Christus!“ Ermahnungen appellieren nicht an Willensstärke oder Können. Nein, sie führen in eine Umkehr hinein: „Wende Dich ab, von allen Deinen gescheiterten Versuchen, Dich selbst zu inszenieren und Perfektion anzustreben (und sie von anderen zu erwarten)! Wende Dich Christus zu, der durch seinen Geist in Dein Leben hineinwirkt! Überlasse Dich seiner Menschen verändernden Kraft!“ Mit dieser Ausrichtung führen Ermahnungen in die Freiheit des Glaubens. Ohne Christus aber verkommen Ermahnungen zu Forderungen, die heillos überfordern, in die Verzweiflung treiben und ins Scheitern.
Dieser Zusammenhang macht verständlich, warum im Brief an Titus ermahnende Abschnitte mit verkündigenden Abschnitten (vgl. 2,11-15; 3,3-7) wechseln. Zuspruch und Anspruch des Evangeliums sind zwar zu unterscheiden, bleiben aber stets aufeinander bezogen. Für unsere Predigt wird es also not-wendig (!) sein, diesen Bezug auf Christus im Auge zu behalten. Wer ausschließlich verkündigt: „Du musst! Du sollst!“ (oder abgeschwächt und daher nichts sagend: „Du müsstest! Du solltest!“) wird dem Hörer nicht wirklich dienen. Nur Mut! Verkündige die Ermahnung in dem Rahmen, in den sie hineingehört: im Rahmen des Evangeliums.
2.2 Familie und Gesellschaft
Die unterschiedlichen Lebenssituationen in Familie und Gesellschaft auf Kreta und in Ephesus haben Paulus genötigt, für die Gemeinden unterschiedliche Akzente zu setzen (s. oben). Das Evangelium spricht Menschen stets in ihrer konkreten Lebenswelt und nicht in abstrakten Verhältnissen an. Damit sind wir herausgefordert, die veränderten Verhältnisse in Familie und Gesellschaft gegenüber der Entstehungszeit des Titusbriefs wahrzunehmen und zu reflektieren. Wer die Hörer mit den Ermahnungen von Tit 2 erreichen will, ist genötigt, diese in die Lebenswelt der heutigen Gemeinde zu übersetzen.
2.2.1 Veränderungen in der Familie
Im Altertum bildete die Großfamilie, in der mehrere Generationen einschließlich Sklaven miteinander lebten, die kleinste soziale Zelle eines Volkes. Alle hatten Anteil an der Erzeugung und dem Verbrauch von Gütern. Allerdings wurde Familie nicht nur als Quelle des Glücks erfahren, sondern auch als Ort der Gefährdung. Deshalb sah sich Jesus genötigt, in Israel für den Schutz und die Dauerhaftigkeit der Ehe einzutreten (Mt 5,27ff). Der Missbrauch von Sexualität in antiker Religiosität (z.B. auf Kreta) wirkte sich häufig destabilisierend auf Ehe und Familie aus.
Heutige Familiensituationen stellen sich anders dar (Beispiele):
• Keine Großfamilien (bis auf wenige Ausnahmen)
• Vereinsamung alter und verwitweter Menschen, deren Erfahrung wenig gefragt ist
• Keine gemeinsame Erzeugung von Gütern, allenfalls gemeinsamer Verbrauch
• Single-Haushalte
• Patchwork-Familien
• Familien mit zwei Müttern oder zwei Vätern (Homosexualität)
• Delegierung der Erziehung Heranwachsender von der Familie auf Institutionen (Kindergarten, Schule)
• Höherbewertung von Erwerbsarbeit gegenüber dem Einsatz für Familie
In diesem Kontext sind die Impulse von Tit 2,1ff als Chance und Korrektur für das Miteinander der Geschlechter und Generationen in Familie und Gemeinde zu entfalten.
2.2.2 Veränderungen in der Gesellschaft
Sklaverei ist in unserer Gesellschaft überwunden. Damit sind aber die Ermahnungen an die Sklaven nicht einfach erledigt. Die Strukturen von Überordnung und Unterordnung in unserer Gesellschaft sind durchaus ein Anlass, ein dem Evangelium angemessenes Verhalten zu reflektieren. Da in Tit 2,9f nur die Sklaven angesprochen werden, ist in der Verkündigung der Aspekt der Unterordnung (auch: Einordnung) besonders zu bedenken. Ziel dieser Reflexion muss es sein, ein Verhalten aufzuzeigen, das dem Evangelium vom rettenden Gott entspricht.
Einige Anregungen zum Weiterdenken:
• Wie haben sich Mitarbeiter einer Firma oder Behörde gegenüber Vorgesetzten, Chefs, übergeordneten Behörden usw. zu verhalten?
• Welches Verhalten von Schülern, Azubis oder Studenten kann gegenüber Lehrern, Ausbildern, Dozenten, Professoren usw. erwartet werden?
• Wie stehen Christen generell zu Autoritäten in einer Zeit, in der Autoritäten eher abgelehnt werden?
• Welches Verhalten kann von Mitarbeitern einer Gemeinde gegenüber leitenden Mitarbeitern erwartet werden?
• Was hat christliche Gemeinde angesichts von Tendenzen zu sklavenähnlicher Ausbeutung zu sagen (z.B. menschenunwürdige Arbeitsbedingungen westlicher Firmen, die im Ausland produzieren)?
2.3 Stichwort „Besonnenheit“
Der Aufruf, „besonnen“ zu sein, begegnet mit drei Belegen (2,2.5.6) besonders häufig in den vorliegenden Ermahnungen. Besonnenheit hat für das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen eine besondere Bedeutung. Die biblische Bedeutung des Ausdrucks „besonnen sein“ erschließt sich von Röm 12,3 her (Luther: „maßvoll von sich halten“). Im Unterschied zu Maßlosigkeit, Unverstand und Leichtsinn wird mit „Besonnenheit“ eine Haltung umschrieben…
… die Bodenhaftung ohne unnatürliche Übersteigerungen voraussetzt,
… die auf dem Boden des Evangeliums von Scheitern, Schuld und Vergebung weiß,
… die skeptisch wird, wenn über das Evangelium hinausgehend ein vermessenes „Mehr“ propagiert wird,
… die ihr Maß an Christus nimmt,
… die von der Freiheit des Evangeliums lebt und diese Freiheit auch anderen gönnt,
… die anderen Menschen dient.
Besonnenheit umschreibt das ganz normale Alltagsleben der Christen, ohne von besonders herausragenden, spektakulären Erlebnissen und Erfahrungen abhängig zu sein. Die Abhängigkeit von Christus allein zählt.
3 Bausteine für die Predigt
3.1 Predigtziel
Die Predigt will die Hörer anregen und ermahnen, trotz vieler Unterschiede (Alter, Geschlecht, soziale Herkunft) das Miteinander und Füreinander in Familie, Gemeinde und Gesellschaft zu suchen und zu gestalten, um auf diese Weise dem menschenfreundlichen Gott (vgl. Tit3,4) Respekt zu erweisen.
3.2 Themen- und Gliederungsvorschläge
Miteinander und füreinander…
… in der Familie
… in der Gemeinde
… in der Gesellschaft
Schritte zueinander…
… zwischen den Geschlechtern
… zwischen den Generationen
… zwischen den gesellschaftlichen Schichten
3.3 Anregungen
Kinder kommen in Tit 2,1ff nur passiv vor (sollen geliebt werden). Wie wäre es, in der Predigtvorbereitung die Erwartungen von Kindern an ihr Elternhaus zu erfragen? Zum Beispiel:
• Eltern sollen keine altmodischen Ansichten haben.
• Eltern dürfen nicht alles verbieten.
• Eltern sollen sich nicht immerzu streiten.
• Der Vater darf nicht immer bestimmend sein.
• Mit meinen Eltern kann ich nicht über Glaubensfragen reden, obwohl sie Christen sind.
Familie damals, Familie heute, Familie in der Bibel: Unterschiede und Folgerungen. Bedeutung der Familie für die Gemeinde. Bedeutung der Gemeinde für die Familie. Welche Anregungen bietet Tit 2,1ff? Wie können mütterliche Frauen, väterliche Männer, priesterliche Menschen den Gemeindealltag bereichern?
Welche Chancen hat „Besonnenheit“ in einer Zeit, in der „normale“ Angebote kaum gefragt sind? Auch im Raum der christlichen Gemeinde ist häufig das Besondere und Spektakuläre gefragt. Was bedeutet in dieser Situation, „besonnen“ zu leben? In welchen Zusammenhängen kann Familie und Gemeinde von Besonnenheit profitieren?
Das Zusammenleben in Familie, Gemeinde und Gesellschaft erfordert geordnete Verhältnisse. Welchen positiven Sinn haben Einordnung und Unterordnung in familiären (Mann/Frau; Jung/Alt), gemeindlichen und gesellschaftlichen (Sklaven/Herren) Strukturen (2,5.9)? Wieso wird mit der Ermahnung zu Einordnung und Unterordnung keinesfalls dem Missbrauch von Macht Vorschub geleistet (vgl. Eph 5,21.25).
Bilder statt Begriffe. Es empfiehlt sich, den Inhalt der Ermahnungen nicht in Gestalt nackter Begriffe, sondern narrativ in Gestalt von Bildern, Geschichten, Erlebtem usw. wiederzugeben. Dabei ist die positive Zielrichtung der Ermahnungen (Position) im Blick zu behalten, auch wenn die dunkle Folie der Verfehlungen (Negation) nicht verschwiegen werden darf. Der Hörer soll durch die Predigt eine Vorstellung von den Chancen der Ermahnungen gewinnen können. Er braucht Bilder und auch lebendige Vorbilder (2,7).
Je nach Gemeindesituation ist zu entscheiden, welche Schwerpunkte des Textes besonders zur Sprache gebracht werden sollen. Wichtig wird sein, geerdet und bodenständig zu verkündigen und nicht weltfremd und abgehoben. Letztlich entscheidet sich in den Niederungen des Alltags, ob Gott in der Höhe geehrt wird oder nicht.
Christoph Müller