Nehemia

Predigthilfe vom 9.8.2009 – Nehemia 8, 1-18

Monatsthema: Als Mitarbeiter des Herrn leben
Predigtthema: Leben aus dem Wort Gottes

Bibelstelle: Nehemia 8, 1-18

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt – Bd. 2. S. 267-268 und Klaus vom Orde. Die Bücher Esra und Nehemia. Wuppertaler Studienbibel AT. Wuppertal: R. Brockhaus, 1997. S. 229-241 und Warren W. Wiersbe. Sei fest entschlossen: Im Gegenwind standhaft bleiben. Dillenburg: CV, 2008. S. 101-112.

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Mit Nehemia hat die Wende im Volk Gottes nun konkrete Formen angenommen. Während Nehemia die Grundlagen für die „äußere“ Ordnung des Volkes legt, so kann Esra nun aufbauend auf dem Dienst des Nehemia die „innere“ Ordnung des Volkes weiterführen (vgl. 2Kor 7,10). „Nun tritt Esra in den Mittelpunkt der Ereignisse, die so von Nehemia gewollt und gefördert wurden (8,9; Kap. 10). Es ist eine faszinierende Zusammenarbeit zweier Männer, die sich von ihrem Beruf, ihrer Ausbildung und ihren Gaben her ideal ergänzten und jeweils einen durch den anderen nicht zu ersetzenden Dienst taten. Was für ein Segen für den äußeren und inneren Aufbau der Gemeinde Jesu, wenn von der Kinderstunde bis zur Gemeinschaftsleitung unterschiedliche Biografien, Gaben und Schwerpunkte als ergänzende Bereicherung gesehen und sinnvoll eingesetzt werden. Und was für ein Jammer, oft Schaden, wenn stattdessen Konkurrenzdenken und Machtkämpfe herrschen“ (Karl-Hermann Gruhler, Gemeinschaft H. 6 / 2001, S. 6).

„Nehemias großer Auftrag war ausgeführt, die Mauer fertig und das Volk in seinem Land wieder beheimatet. Dennoch waren die Feinde nicht einfach verschwunden. Auch unser Feind liegt Tag und Nacht auf der Lauer. Ist vielleicht doch noch eine ganz andere ‚Schutzmauer‘ nötig? Wir staunen, dass das Volk einmütig und sehnsuchtsvoll um das einzig Richtige in diesem bedeutenden Augenblick bittet. Sie wollen das Wort Gottes hören. Haben wir bemerkt, wie Nehemia, der mutige Mann des Mauerbaus, plötzlich einen Schritt zurücktritt? Tagelang hört das Volk der biblischen Lesung und der Auslegung durch Esra und seine Mitarbeiter zu. Gottes Wort bedeutete ihnen viel. Wie viel bedeutet es mir? Welche Priorität nimmt es in meinem Leben ein? Wie zeigt sich das in meinem Alltag praktisch? Es scheint, dass die Juden in Jerusalem den unschätzbaren Wert des Wortes Gottes neu entdeckt haben. Sie waren tief bewegt, sie feierten, sie weinten und trauerten. Ihre Herzensohren waren nach vielen Jahren wieder offen für Gottes Reden, Dort, wo das freie, vertrauensvolle Gespräch zwischen Gott und den Seinen auflebt, wächst auch die Freude an der Person selber: die Freude am Herrn. Es ist eine Freude, die auf Gottes Erlösung beruht (Neh 1,10), die sich in Anfechtungen bewährt (V. 6.3.4.8.9. 11) und zum Gehorsam motiviert (Kap. 2,18b). Die Freude am Herrn macht das Volk Gottes stark. Sie gleicht einem Schutzwall, der der Zugluft des Zeitgeistes widersteht und dem Gegenwind der Mutlosigkeit, ja den Stürmen herzzerreißender Nöte, standhält – bis wir einmal den Herrn von Angesicht zu Angesicht sehen. ‚So werden die Erlösten des Herrn heimkehren und nach Zion kommen mit Jauchzen, und ewige Freude wird auf ihrem Haupte sein. Wonne und Freude werden sie ergreifen, aber Trauern und Seufzen wird von ihnen fliehen‘ (Jes. 51, 11; lies Offb.21, 1-7)“ (= Aidlinger Bibellesezettel = Zeit mit Gott, H. 3 / 2007, S. 120).

„Die Heilige Schrift trug dazu bei, das Volk Israel zu ‚formen‘. Seine Angehörigen sind ein ‚Volk des Buches‘ wie keine andere Nation. Dabei tut die Gemeinde unserer Zeit gut daran, dem Beispiel des alten Israel zu folgen. Wenn Gotteskinder das Wort Gottes immer weniger lieben, lesen und befolgen, verlieren sie den göttlichen Segen. Wenn wir fruchtbringenden Bäumen gleichen wollen, darf uns die Freude an Gottes Wort nicht verlorengehen (Ps 1,2.3). Dies ist der Grund dafür, warum Nehemia eine ‚Konferenz unter dem Wort‘ einberief und den Schriftgelehrten Esra einlud, die biblische Unterweisung zu übernehmen. Jetzt waren die Mauern wiederaufgebaut und die Tore wiedereingesetzt. Für die äußeren Bedürfnisse der Stadtbewohner war gesorgt worden; nun war der Zeitpunkt gekommen, ihre geistlichen Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen. In Kapitel 8-13 des Buches wird von diesem Dienst im geistlichen Bereich berichtet. Dabei geht es um die Belehrung des Volkes (Kap. 8), das Bekenntnis der Sünden (Kap. 9), die Erneuerung des Bundes einschließlich der Mauerweihe (Kap. 10-12) und um die Reinigung der Gemeinschaft durch Aussonderung der Heiden (Kap. 13). Es ist wichtig festzustellen, dass Esra und Nehemia das Wort Gottes im Leben der Stadtbewohner an erste Stelle setzten. Was in Jerusalem von diesem Zeitpunkt an geschah, ging mit der Reaktion des Volkes auf die Heilige Schrift einher. ‚Die wichtigste Aufgabe der Gemeinde und des christlichen Dienstes besteht in der Verkündigung des Wortes Gottes‘, sagte Dr. D. Martyn Lloyd-Jones. ‚Die Zeiten und Zeitabschnitte des Verfalls in der Kirchengeschichte sind stets jene Phasen gewesen, in denen die Predigt im Niedergang begriffen war‘. Der Geist Gottes gebraucht das Wort Gottes, um die Herzen der Gotteskinder zu reinigen und neu zu beleben“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 101f).

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Leben aus dem Wort Gottes (= Predigtthema) können wir, wenn wir es anhören (V. 1-8), annehmen (V. 9-12) und anwenden (V. 13-18). Exemplarisch zeigt uns Neh 8,1-18 wie es zur verbindlichen Erkenntnis und Erfahrung des Willens Gottes kommt, denn im Hinblick auf den Umgang mit dem Wort Gottes gilt es die Wirkung der Schrift in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu beachten (vgl. hierzu auch Röm 15,4):
* Vergangenheit: „Damals wurde es gesagt“ = anhören = „erfahren, was dasteht“ (V. 1-8)
* Gegenwart: „Jetzt wird es gehört“ = annehmen = „erkennen, worum es geht“ (V. 9-12)
* Zukunft: „Nun wird es gelebt“ = anwenden = „erleben, wohin es geht“ (V. 13-18)
So können wir aus dem Wort Gottes leben, wenn wir zuerst „unter“ (= anhören), dann „in“ (= annehmen) und auf dieser Grundlage „mit“ (= anwenden) dem Wort Gottes leben. Es geht darum, dass der ganze Mensch vom Wort Gottes angesprochen und in Beschlag genommen wird: Verstand (= anhören) – Herz (= annehmen) – Wille (= anwenden).

A. Anhören – unter dem Wort leben (V. 1-8)

„Die Bibel ist kein ‚Zauberbuch‘, das Menschen oder Verhältnisse schon dadurch verändert, das jemand daraus vorliest oder Bibelverse aufsagt. Wir müssen Gottes Wort verstehen, bevor es uns ins Herz gehen und seine lebensverändernde Kraft freisetzen kann. Beachten wir, dass in diesem Kapitel viermal von ‚verstehen‘ die Rede ist (V. 2-3.8.12). Nur diejenigen, die alt genug waren, die Schrift zu verstehen, durften in der Versammlung zugegen sein (V. 3). Im ‚Gleichnis vom Sämann‘, das unser Herr erzählt (Mt 13,1.9.18.23), liegt der Schwerpunkt auf dem Verstehen des Wortes Gottes. Jesus verglich Verstehen und Aufnehmen des Wortes mit dem Aussäen des Samens in den Boden, wo er Wurzeln schlägt und Frucht bringt.
Esra war als derjenige, der diese biblische Unterweisung im Freien durchführte, in jeder Beziehung geeignet. Er war Priester und Schriftgelehrter, der ‚sein Herz darauf gerichtet (hatte), das Gesetz des HERRN zu erforschen und zutun und in Israel … zu lehren‘ (Esra 7,10). Er war etwa vierzehn Jahre vor Nehemias Ankunft nach Jerusalem gekommen und hatte bereits versucht, die Angehörigen des Volkes zu den Wegen des Herrn zurückzuführen (Esr 7-10). Eine interessante Tatsache besteht darin, dass die führenden Persönlichkeiten den Platz am Wassertor als Versammlungsstätte wählten. In der Bibel symbolisiert Wasser, womit man sich reinigen kann, das Wort Gottes (Joh 15,3; Eph 5,26), während Wasser, das man trinken kann, ein Bild des Geistes Gottes ist (Joh 7,37-39). Wenn wir das Wasser des Wortes in unserem Leben benutzen, kann der Geist wirken und die für uns erforderliche Hilfe gewähren. Es erquickt die Seele, wenn man das Wort aufnimmt und sich vom Geist belehren lässt. Beachten wir all das, was Esra während dieses speziellen Zusammenseins für das Volk tat:
* Er brachte zunächst das Buch herbei (Neh 8,1-4): Dies geschah am ersten Tag des siebten Monats, was im Judentum unserem Neujahrstag entspricht. Der siebte Monat war eine besondere Zeit im jüdischen Kalender, weil die Juden am ersten Tag dieses Monats das Fest des Posaunenhalls, am zehnten Tag den Versöhnungstag und vom 15. bis zum 21. Tag das Laubhüttenfest feierten (3Mo 23,23-44). Dies war ein idealer Zeitpunkt für das Volk, in die rechte Stellung vor den Herrn zu kommen und nochmals ganz von vorn anzufangen. Das Buch, das Esra herbeibrachte, war ‚das Buch mit dem Gesetz‘. […]. Esra befand sich auf einem hölzernen Podium (‚einer Kanzel‘), so dass er gegenüber seinen Landsleuten etwas erhöht stand und diese ihn besser sehen bzw. hören konnten. Er sah zu dem öffentlichen Platz hin, wo die Menschen standen. Dabei machte er sich vielleicht die Resonanzfähigkeit der hinter ihm befindlichen Mauern und Tore zu Nutze, so dass seine Stimme besser zu hören war, während er vor der riesigen Versammlung stand. In Vers 4 erwähnte Nehemia dreizehn bei ihm stehende Männer, die als führende Leute möglicherweise die Stämme repräsentierten. In Vers 7 werden neben den Leviten dreizehn weitere Männer erwähnt, die vermutlich für biblische Belehrung zuständige Priester waren.
* Er öffnete das Buch (Neh 8,5-6): Zunächst nahm Esra die Schriftrolle zur Hand, um sie so weit zu entrollen, wie er vorlesen wollte. Dabei standen die bisher auf dem Platz sitzenden Anwesenden als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber dem Wort Gottes auf. Sie wussten, dass sie jetzt nicht die Worte und Gedanken eines Sterblichen hören würden. Vielmehr würden sie unmittelbar das Wort Gottes vernehmen (1Thes 2,13). Das Volk blieb stehen, während das Gesetz verlesen und erklärt wurde (Neh 8,7). Esra fing frühmorgens an, das Wort zu verlesen sowie zu erläutern, und fuhr damit bis zum Mittag fort (V. 3). Dies bedeutet, dass die Versammelten fünf oder sechs Stunden lang dastanden und zuhörten, wobei dies eine ganze Woche so ging (V. 18). Obwohl er den Leuten zweifellos gelegentlich die Möglichkeit zum Ausruhen gab, waren dort Menschen versammelt, die Gottes Wort hören wollten und bereit waren, auszuharren und zuzuhören.
* Nachdem Esra das Buch geöffnet hatte, ‚Pries (er) den HERRN, den großen Gott‘ (V. 6). In vielen Kirchen und Gemeinden wird ein Segensgebet nach der Schriftlesung gesprochen, doch es ist gewiss nicht verkehrt, den Herrn für sein Wort zu preisen, bevor wir es lesen und hören. Die Anwesenden bestätigten Esras Worte, indem sie ‚Amen, Amen‘, sagten (siehe 5,13), was ‚so sei es‘ bedeutet. Hier hatten sich Menschen einmütig zusammengefunden (8,1), welche die Heilige Schrift ehrten und bereit waren, einen halben Tag zu opfern, um sie zu hören und dadurch belehrt zu werden. Sie verehrten nicht das Buch als solches, sondern beteten den Herrn an, der durch das Buch zu ihnen sprach. Hinsichtlich unserer heutigen Gemeinden ist es dringend erforderlich, dass die Gemeindeglieder in den Gottesdiensten dem Wort Gottes mehr Ehrfurcht entgegenbringen. Obwohl uns geboten wird, uns ganz dem Vorlesen der Heiligen Schrift zu widmen (1Tim 4,13), ist der Predigttext oft die einzige Schriftstelle, die in zahlreichen Gemeinden öffentlich vorgelesen wird. ‚Unabhängige Gemeinden‘ kritisieren ‚liturgieverhaftete Gemeinden‘ dafür, dass sie traditionsgebunden sind, doch in den sogenannten ‚liturgieverhafteten Gemeinden‘ wird wenigstens noch regelmäßig das Wort Gottes vor allen verlesen. (Das Wort ”Liturgie‘ bedeutet lediglich ‚eine Form des öffentlichen Gottesdienstes‘. Jede Gemeinde hat in irgendeiner Form eine Liturgie bzw. Gottesdienstordnung – auch wenn sie das abstreitet – sei sie nun wertvoll oder unbrauchbar.) Wir sollten uns fragen, wie dem Heiligen Geist zumute ist, wenn er sieht, wie Bibeln auf den Boden des Gemeinderaums gelegt oder als tragbare Ablagen für diverse Notizen benutzt bzw. gar in der Gemeinde vergessen und gesammelt werden, bis sie schließlich an die Stadtmission vor Ort weitergegeben werden. Obwohl wir die Bibel als das Wort Gottes verteidigen, behandeln wir sie nicht immer wie das Wort Gottes. Uns kann es auch nicht schnell genug gehen, die gemeindliche Zusammenkunft zu beenden. In manchen Teilen der Welt, insbesondere in Osteuropa vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks, standen die Gläubigen stundenlang in überfüllten Gemein¬desälen, um sich biblisch unterweisen zu lassen. In der evangelikalen Durchschnittsgemeinde der westlichen Welt gilt: Je kürzer die Verkündigung, desto mehr gefällt sie uns.
* Er las aus dem Buch vor und erklärte diese Stellen (Neh 8,7-8): Die Angehörigen des einfachen Volkes besaßen keine eigenen Exemplare der Heiligen Schrift. Somit waren sie in freudiger Erregung, als sie Gottes Wort hören konnten. Mit dem Begriff ‚deutlich‘ in Vers 8 (vgl. z.B. Nichtrevidierte Elberfelder und Schlachter) ist gemeint, dass das Gesetz den Angehörigen des Volkes in einer Sprache erklärt wurde, die sie verstehen konnten. Das Wort wurde übersetzt und so ausgelegt, dass die Menschen imstande waren, es auf ihr eigenes Leben anzuwenden. Die hebräische Sprache hatte sich seit der Zeit, da Mose die fünf nach ihm benannten Bücher niedergeschrieben hatte, in einigen Beziehungen geändert, wobei sich das in Alltagsgesprächen gebrauchte Volkshebräisch [= aramäisch] in gewisser Hinsicht vom alten Hebräisch unterschied. […]. Die Leviten gingen Esra bei der Gesetzesunterweisung zur Hand (V. 7), denn dies umfasste einen ihrer göttlich gegebenen Dienste (5Mo 33,10; Mal 2,7). Wenn Esra innehielt, das Gesetz zu verlesen, mischten sie sich vermutlich unter die Angehörigen des Volkes, um deren Fragen zu beantworten und ihnen zu sagen, wie sie das Gesetz auf ihr eigenes Leben anwenden sollten. Hier finden wir eine Ausgewogenheit zwischen der öffentlichen Verkündigung des Wortes in einer großen Zusammenkunft und dessen persönlicher Anwendung in kleineren Gruppen. Beide Aspekte sind von Bedeutung“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 102-107).

Das Anhören des Wortes und die Bereitschaft unter dem Wort zu leben zeigt sich darin, wenn wir einmütig – erwartungsvoll – aufmerksam – erwidernd – gehorchend – belehrbar auf das Wort Gottes reagieren.

B. Annehmen – in dem Wort leben (V. 9-12)

Jetzt geht es um die Frage, die der Begründer des Pietismus – Philipp Jakob Spener – wie folgt formulierte: „Wie bringen wir den Kopf ins Herz?“

„Als Esra das Wort vorlas und erklärte, brachten die Versammelten in ihrer ersten Reaktion Betroffenheit und Betrübnis zum Ausdruck. Sie waren über ihre Sünden zutiefst bekümmert, ‚denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde‘ (Röm 3,20). Das Gesetz kann uns nicht erretten. Es kann uns lediglich davon überzeugen, dass wir uns erretten lassen müssen, und uns dann auf den Heiland Jesus Christus hinweisen (Gal 3,24). Diese Juden hatten gerade den jährlichen Versöhnungstag begangen – einen Tag, an dem der Herr ihre Sünden bereinigt hatte (3Mo 16). Daher hätten sie sich über seine Vergebung freuen sollen. Im jüdischen Kalender folgt auf den Versöhnungstag das Laubhüttenfest (Sukkot), so dass Gottes Volk eine ganze Woche lang freudig feiern konnte (3Mo 23,26.44). Die Reihenfolge ist bedeutsam: erst Überführung von Sünde, dann Reinigung und schließlich Festfeier. Das Wort Gottes ruft Sündenerkenntnis hervor und führt zur Buße, aber es bringt uns auch Freude, denn das gleiche Wort, das Wunden schlägt, verbindet im nächsten Augenblick. ‚Fanden sich Worte von dir, dann habe ich sie gegessen, und deine Worte waren mir zur Wonne und zur Freude meines Herzens; denn dein Name ist über mir ausgerufen‘ (Jer 15,16). ‚Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele‘ (Ps 19,8). ‚Deine Zeugnisse sind mein Erbe für ewig, denn die Freude meines Herzens sind sie‘ (Ps 119,111). Von den Leviten unterstützt konnte Nehemia die Angehörigen des Volkes umstimmen: Sie trauerten nun nicht mehr, sondern begannen zu feiern. Wenn wir als diejenigen, die göttliche Vergebung erfahren haben, trauern, handeln wir genauso falsch wie diejenigen, die sich freuen, wenn Sünde sie bezwungen hat. Die Freude des Sünders ist ebenso wenig berechtigt wie die Trauer des Gotteskindes, das Vergebung empfangen hat (Mt 9,9-17). Ja, als Gotteskinder tragen wir Lasten und wissen, was Weinen bedeutet (Neh 2,1f), doch wir erleben ebenso die Kraft, die Traurigkeit in Freude verwandelt. Das Geheimnis christlicher Freude besteht darin, den Aussagen Gottes in seinem Wort zu glauben und danach zu handeln. Glaube, der nicht auf dem Wort beruht, ist überhaupt nicht biblisch, sondern umfasst Anmaßung und Aberglaube. Freude, die nicht dem Glauben entspringt, ist keineswegs schriftgemäß, sie ist lediglich ein ‚gutes Gefühl‘, das bald verschwinden wird. Auf dem Wort gegründeter Glaube ruft Freude hervor, die in den Stürmen des Lebens standhält. Wir müssen das Wort nicht nur lesen oder es als Teilnehmer an biblischer Unterweisung aufnehmen, sondern uns vielmehr auch über das Wort freuen. ‚Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht‘ (Ps 119,162). In biblischer Zeit versteckte man Reichtümer mitunter in Krügen, die man im Boden vergrub (Mt 13,44; Jer 41,8). Wenn ein Landwirt sein Feld pflügte und plötzlich einen mit Gold gefüllten Krug entdeckte, war die Freude gewiss groß. In Gottes Wort sind große Schätze verborgen, wobei wir – Sie und ich – eifrig nach ihnen ‚graben‘ müssen, während wir lesen, darüber nachsinnen und beten. Wenn wir diese Schätze finden, sollten wir uns freuen und dafür danken. Wenn wir das Wort Gottes nur aus einem Pflichtgefühl heraus lesen und studieren, dann werden sich seine Schätze uns vielleicht nie offenbaren. Nur derjenige Gläubige, der sich über das Wort freut und Freude daran findet, es tagtäglich zu lesen sowie zu studieren, findet Gottes verborgene Schätze. ‚Glücklich der Mann, der den HERRN fürchtet, der große Freude an seinen Geboten hat‘ (Ps 112,1). ‚… (der) seine Lust hat am Gesetz des HERRN und über sein Gesetz sinnt Tag und Nacht‘ (Ps 1,2). Haben Sie Freude an Gottes Wort? Würden Sie Gottes Wort der Nahrung (Ps 119,103; Lk 10,38-42), dem Schlaf (Ps 119,55.62.147.148) oder dem Reichtum (V. 14.72.127.162) vorziehen? Wenn Sie sich über sein Wort freuen, hat Gott an Ihnen seine Freude, so dass er Ihnen seine besten Segnungen zueignen wird“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 107-109).

Das Annehmen des Wortes und die Bereitschaft in dem Wort zu leben zeigt sich darin, wenn wir uns von der Schrift unsere Schuld enthüllen – unseren Horizont weiten – unsere Kraftquellen aufzeigen lassen.
V. 10: Der hebr Ausdruck „uz“ eröffnet verschiedene Perspektiven: Wir sind
* gestärkt, denn die Freude Jahwes ist unsere „Stärke“
* geschützt, denn die Freude Jahwes ist unser „Schutz“
* geborgen, denn die Freude Jahwes ist unsere „Zuflucht“

C. Anwenden – mit dem Wort leben (V. 13-18)

„Wer sich dem Dienst für den Herrn verpflichtet weiß und diesen wertschätzt, hat diesbezüglich gewiss starke Motive. Wer aber Festfeier halten will, ist noch stärker motiviert. Wenn wir dem Herrn gehorchen und ihm dienen, weil wir uns in ihm erfreuen, wird unser Dienst keine Schinderei, sondern vielmehr eine Wonne sein. Der weithin bekannte Bibelexeget Matthew Henry schrieb: ‚Wo heilige Freude herrscht und Gehorsam vorhanden ist, geht alles viel leichter‘. Für den Gläubigen, dem die Freude fehlt, ist der Wille Gottes eine Last. Für denjenigen Gläubigen jedoch, der im Herrn glückselig ist, beinhaltet er eine Lust – ein Bedürfnis wie die tägliche Nahrung (Joh 4,34). Die Juden hatten in ihrer Stadt noch eine Menge zu tun. Sie brauchten die Freude am Herrn, weil ihnen dadurch die Stärke zugeeignet wurde, dieses Werk auszuführen. […].
Der Versöhnungstag wurde am Zehnten des Monats begangen, während das Laubhüttenfest vom 15. bis zum 21. des Monats gefeiert wurde. Dies bedeutete, dass den führenden Leuten nur noch wenige Tage zur Verfügung standen, um unter den Juden in den umliegenden Dörfern bekanntzugeben, dass jedermann das Laubhüttenfest feiern sollte. Wir dürfen das Wort Gottes nicht nur hören, sondern müssen auch seine Anweisungen hinsichtlich unseres Verhaltens befolgen (Jak 1,22-25). Die Angehörigen des Volkes freuten sich nicht nur, weil sie das Wort hörten. Vielmehr herrschte unter ihnen auch ‚eine sehr große Freude‘ (Neh 8,17), weil sie es befolgten. Während der sieben Festtage lebten die Juden in Hütten, die sie aus Zweigen fertigten und gewöhnlich auf den flachen Dächern ihrer Häuser errichteten. Dies war eine Zeit, da sie zurückschauen und sich an die vierzigjährige Wüstenwanderung des Volkes erinnern sollten – eine Zeit, da es keine festen Wohnsitze besaß und ihm nur Zelte als provisorische Unterkünfte zur Verfügung standen. Doch das Fest war ebenso eine Zeit, da sie sich umschauen und erkennen sollten, wie sehr sie Gott in der Ernte gesegnet hatte. Der Herr hatte ihnen ein gutes Land gegeben, wobei sie nie den Geber vergessen sollten, wenn sie die Gaben genossen (5Mo 8). Das Laubhüttenfest war darüber hinaus eine Gelegenheit, auf das Herrlichkeitsreich Gottes vorauszuschauen, das seinem Volk Israel verheißen ist (Sach 14,4.9.16-21). Es war ein einwöchiges Fest, bei dem der freudige Lobpreis und Dank sowie die Güte des Herrn im Mittelpunkt stand. Doch diejenigen, die das Fest feierten, sollten sich nicht nur freuen, sondern sich auch beschenken und ermutigen lassen. ‚Die Freude am HERRN, sie ist euer Schutz [bzw. Stärke, Zuflucht]‘ (Neh 8,10). Die Freude der Welt hält nur kurzzeitig an und ist gekünstelt. Sobald diese Freude vorbei ist, stehen die Betreffenden noch hilfloser und leerer als zuvor da. Doch die vom Herrn kommende Freude ist real und bleibend, indem sie unser Leben reich beschenkt. Gott gibt uns nicht Freude anstelle von Traurigkeit oder Freude trotz Traurigkeit, sondern Freude inmitten von Traurigkeit. Es geht nicht um Verdrängung, sondern um Umwandlung. Jesus veranschaulichte diese Wahrheit durch das Bild einer menschlichen Geburt (Joh 16,20-22). Über dasselbe Kind, das der Mutter zuvor Schmerzen verursacht, freut sie sich danach ungemein! Ihr Schmerz wird nicht einfach durch Freude abgelöst, sondern in Freude umgewandelt. In den schwierigen Lebensumständen dürfen wir hinsichtlich der Freude ‚guter Hoffnung‘ sein, wobei wir ihr als Glaubende Zeit zur Entfaltung geben müssen. Das Laubhüttenfest war eine Zeit, da man anderen – insbesondere den Bedürftigen – Anteile vom Festmahl und Geschenke zusandte. Die Juden hatten Freude erlebt, weil sie das Wort Gottes hörten, doch nun durften sie Freude darin finden, die Segnungen Gottes weiterzugeben. Der Verstand erschließt sich neue Bereiche, indem er aufnimmt, während das Herz dies tut, indem es weitergibt. Dabei ist es bedeutsam, auf die Ausgewogenheit im Leben zu achten. Anhand von Nehemia 8,17 können wir nicht folgern, dass es das Volk seit der Zeit Josuas versäumt hatte, das Laubhüttenfest zu feiern. Dies war nicht der Fall. So wurde das Fest während der Regierungszeit des Königs Salomo (2Chr 8,13) und auch von den aus Babylon zurückgekehrten Verbannten gefeiert (Esra 3,1-4). Es war nicht die Tatsache des Festes, die ihm einen besonderen Charakter verlieh, sondern die Art und Weise, wie es begangen wurde. Anscheinend beteiligte sich nämlich jeder begeistert daran. Weil jede Familie eine Hütte errichtete, mussten einige der Bewohner statt der Hausdächer die Straßen und Plätze der Stadt als Stellflächen nutzen. Offensichtlich hatten in früheren Jahren nicht alle Juden Hütten gebaut und während der Festwoche darin gewohnt. Für sie war die Festteilnahme nur ein ‚leerer Brauch‘ gewesen. Außerdem übertraf die freudige Haltung der Anwesenden alles, was das Volk je erlebt hatte. Dies war zweifellos eine Woche, in der man freudig feierte und somit den Herrn verherrlichte. Esra führte die ‚Konferenz unter Gottes Wort‘ während der gesamten Festwoche fort, indem er tagtäglich das Wort Gottes vorlas und erklärte. Dadurch, dass die Angehörigen des Volkes in froher Gemeinschaft beisammen waren, miteinander feierten und das Wort hörten, müssen sie außerordentlich gestärkt worden sein. Dann endete die Woche mit einer Festversammlung (4Mo 29,35), nach deren Abschluss sich die Menschen wieder ihrer Alltagsarbeit zuwandten. Hatten die mit dem Fest verbundenen Segnungen Bestand? Ja, eine Zeitlang. Dann wurden die Angehörigen des Volkes jedoch wieder nachlässig, so dass ihre Führer sie wieder zum Wort Gottes zurückführen mussten. Doch das Versagen des Volkes bildet kein Argument gegen die Praxis, besondere Zeiten biblischer Unterweisung oder freudigen Feierns vor Gott zu haben. Es fragte einmal jemand den Evangelisten Billy Sunday, ob Erweckungen von Bestand wären. Darauf erwiderte dieser: ‚Nein, es ist wie bei einem Bad: Daher sollte man gelegentlich eins nehmen!‘ Von Zeit zu Zeit hat es Gottes Geist in der Kirchengeschichte Menschen aufs Herz gelegt, zu beten, in der Heiligen Schrift zu forschen, und ihre Sünden zu bekennen. Dabei hält er es für angemessen, ausgehend von diesen ernsten geistlichen Übungen den Seinen Impulse neuen Lebens zu geben. Dies geschah zur Zeit Nehemias, und es kann auch heute geschehen. Kann Gott mit Ihnen beginnen? ‚Wenn mein Volk, über dem mein Name ausgerufen ist, (sich) demütigt … und sie beten und suchen mein Angesicht und kehren um von ihren bösen Wegen, dann werde ich vom Himmel hören und ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen‘ (2Chr 7,14)“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 109-112).

Das Anwenden des Wortes und die Bereitschaft mit dem Wort zu leben zeigt sich darin, wenn uns die Schrift zur Dankbarkeit im Hinblick auf die Vergangenheit – zum Zeugnis in der Gegenwart – zum Vertrauen im Hinblick auf die Zukunft führt.

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Verkündigung“. Im Rahmen der Predigt gilt es auf der Grundlage von Neh 8,1-18 aufzuzeigen, wie wir sowohl „Hörer“ als auch „Täter“ des Wortes sein können (Jak 1,19-24). Vor allem gilt es die Frage zu bewegen in welcher Haltung uns das Wort Gottes erreicht in unserem persönlichen (z.B. Stille Zeit) und gemeinsamen (z.B. Predigt) Hören. Das Wort Gottes hat uns immer etwas zu sagen und die Bedeutung für unser persönliches Leben entdecken wir leichter, wenn wir uns drei ganz konkrete Fragen beim Hören (bzw. lesen) des Wortes stellen:
* Bin ich das?
* Will ich das?
* Tu ich das?

Pastor Ligon Duncan weist darauf hin, dass eine Predigt vor allem dann lebendig ist, wenn ich als Hörer so zuhöre, wie wenn mein Leben davon abhängt. Und das tut es ja auch in der Tat (vgl. Hebr 4,2+12; Röm 10,17), denn: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht“ (Mt 4,4). Ob ich das lebendige Wort Gottes höre und wie ich darauf zu reagieren habe, hängt nicht von der Form des Wortes, sondern von seinem Inhalt ab (vgl. Hebr 2,1; 3,12-19).

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Leben aus dem Wort Gottes heißt:
A. Anhören – unter dem Wort leben (V. 1-8)
B. Annehmen – in dem Wort leben (V. 8-12)
C. Anwenden – mit dem Wort leben (V. 13-18)

oder nach Wilhelm Wagner:
A. Wir entdecken eine Erwartungshaltung
B. Wir entdecken eine Lebenshaltung
C. Wir entdecken eine Grundhaltung
oder
A. Leute, die sich mit der Bibel beschäftigen
B. Erfahrungen, die Leute mit der Bibel machen
C. Freude, die durch die Bibel empfangen wird