Galater

Predigthilfe vom 5. Mai 2019 – Galater 1, 1-5

Predigtthema: Glauben heißt, meine Berufung kennen

1        Erläuterungen zum Text

Der Brief von Paulus an die Galater setzt mit dem Briefkopf ein (1,1-5). Formal entspricht dieser Brief den Briefen, die aus der Antike bekannt sind. Interessant ist aber, dass Paulus schon im Briefkopf gewichtige inhaltliche Akzente setzt.

Für die Predigt ist der Briefkopf (1,1-5) als Textgrundlage vorgesehen. Er umfasst drei Angaben:

  • Absender (1,1f)
  • Empfänger (1,2)
  • Gruß (1,3-5)

Absender (1,1f): Paulus stellt sich den galatischen Gemeinden als Apostel vor, also als beauftragter Abgesandter, bevollmächtigter Bote, Überbringer, Repräsentant. Zwar versteht sich Paulus als „Geringster der Apostel“ (1Kor 15,9), denn er war kein Jünger des irdischen Jesus. Aber Christus ist ihm vor Damaskus erschienen (vgl. Apg 9,3ff; 22,6ff) und hat ihn zum Dienst als Apostel beauftragt und ermächtigt. Damit ist er qualifiziert, im Namen von Jesus Christus zu reden und zu wirken und nicht in eigenem Namen.

Diese Selbstvorstellung von Paulus wird durch je zwei Negativ- und Positivaussagen unterstrichen und ergänzt.

Negativaussagen:

  • Nicht von Menschen berufen.
  • Nicht durch einen Menschen eingesetzt.

Positivaussagen:

  • Durch Jesus Christus berufen und eingesetzt.
  • Durch Gott, den Vater, berufen und eingesetzt, der Christus vom Tod auferweckt hat.

Mit großem Nachdruck stellt Paulus den Charakter seiner Berufung heraus. Sie ist auf Gott in Jesus Christus zurückzuführen und nicht auf Menschen. Somit ist auch der Ursprung des Evangeliums, das Paulus verkündigt, ausschließlich in Gott verankert und nicht in Menschen. Diese Akzentuierung von Paulus zielt auf die Wahrheit des Evangeliums. Er verfolgt nicht die Absicht, sich selbst darzustellen oder hervorzuheben. Das dürfte wohl eher seinen Gegnern vorzuwerfen sein (6,13).

Verunsicherung und Auseinandersetzungen um die Inhalte des Evangeliums nötigen in den galatischen Gemeinden zur Klarstellung (vgl. 1,6ff). Als Apostel sieht sich Paulus herausgefordert, das von ihm verkündigte Evangelium zu verteidigen – gegen jedes andere Evangelium der Pseudoapostel.

Für die frühen Gemeinden haben die Apostel eine fundamentale Bedeutung als unmittelbare Zeugen von Jesus Christus. Denn neben dem Alten Testament gibt es noch kein Neues Testament, das den Gemeinden als orientierende Richtschnur und Grundlage für Glaube und Leben, für Verkündigung und Verhalten dienen könnte. Das zuverlässige, geistgewirkte Wort der Apostel repräsentiert alternativlos das Evangelium, das gegen jede Verdrehung durch Pseudoapostel geschützt werden muss.

Als Absender des Briefes an die Galater versteht sich Paulus nicht nur allein, sondern gemeinsam mit allen Brüdern, die bei ihm sind (1,2). Auf eine namentliche Nennung verzichtet Paulus. Es ist davon auszugehen, dass Mitarbeiter von Paulus gemeint sind, vielleicht auch Christen der Gemeinde, in der sich Paulus während der Abfassung des Briefes aufhielt. Der Brief ist während seines Ephesus-Aufenthalts oder eher noch etwas später während seines Aufenthalts in Mazedonien entstanden.

Der Hinweis auf „alle Brüder“ unterstreicht: Paulus steht nicht allein! Die zentrale Wahrheit des Evangeliums wird auch von allen anderen mitgetragen. Angesichts der Auseinandersetzungen um den Inhalt des Evangeliums darf dieser Rückhalt nicht unterschätzt werden. Die Gegner von Paulus versuchen seine Position zu schwächen. Seine Mitarbeiter (und die Gemeinde vor Ort) stärken ihn.

Empfänger (1,2): Die Adressaten des Galaterbriefes sind die Gemeinden in Galatien. Entsprechend werden alle Personen, die zu diesen Gemeinden gehören, pauschal als „Galater“ angesprochen (3,1). Es gibt zwei Möglichkeiten, diese Gemeinden zu lokalisieren:

  • Gemeinden der Landschaft Galatien im Zentrum Kleinasiens (im Gebiet des heutigen Ankara).
  • Gemeinden der römischen Provinz Galatien, die neben der Landschaft Galatien auch Teile von Pisidien, Lykaonien, Isaurien (im Süden) und einen kleinen Teil von Phrygien umfasste.

Vieles spricht für die erste Variante. Die Gemeinden sind entstanden, weil Paulus in Galatien das Evangelium von Jesus Christus verkündigt hat. Allerdings sind diese Gemeinden gefährdet, die fundamentale Wahrheit des Evangeliums zu verlieren.

Der Galaterbrief ist als Rundschreiben an alle galatischen Gemeinden abgefasst, also nicht nur an eine Einzelgemeinde. Das setzt voraus: Diese Gemeinden haben Kontakt miteinander und sind gut vernetzt – ein Indiz für den ausgeprägten Gemeinschaftswillen über die eigene Gemeinde hinaus.

Die Nennung der Briefempfänger fällt im Unterschied zu vielen anderen seiner Briefe knapp, nüchtern und distanziert aus: kein Dank für die Gemeinden, keine Anrede als Geliebte Gottes, berufene Heilige, Geheiligte in Christus, Gläubige usw. Dies dürfte ein Indiz für die äußerst angespannte Situation der Gemeinden sein. Sie sind gefährdet, das von Paulus verkündigte Evangelium zugunsten eines anderen Evangeliums aufzugeben (1,6).

Gruß (1,3-5): Paulus hat die gefährdeten Gemeinden nicht abgeschrieben, sondern bleibt ihnen zugewandt. Das unterstreicht der Gruß. Paulus spricht den Gemeinden Gnade und Frieden zu. Mit dem Aussprechen gilt das Zugesprochene – wie bei einem richterlichen Urteil. Der Gruß beinhaltet also mehr als einen frommen Wunsch!

Mit diesem Friedensgruß begegnet uns eine alte liturgisch geprägte Formel der frühen Christenheit – vergleichbar mit der Bedeutung des aaronitischen Segens (Num 6,24-26).

Die beiden Begriffe „Gnade“ und „Frieden“ berühren das Zentrum des Glaubens. Sie umschreiben Gottes Eingreifen in die menschliche Misere der Gottvergessenheit und des Bruchs mit Gott zugunsten eines umfassenden Friedens. Dieses heilende Handeln Gottes kann von Menschen weder erwartet noch inszeniert werden. Es ist ausschließlich der nicht verdienten und nicht zu verdienenden gnädigen Zuwendung Gottes zu verdanken.

Paulus präzisiert das Heilshandeln Gottes mit dem Hinweis auf die Selbsthingabe von Jesus Christus, der durch seinen Tod Menschen aus der Versklavung an das Böse befreit. Ausdrücklich unterstreicht der Apostel: das uns Menschen zugewendete Heil ist allein auf den  Willen Gottes, unseres Vaters, zurückzuführen. Darüber staunend mündet der Gruß an die Galater in die Verehrung Gottes ein. Paulus, der seinen Brief verhalten eröffnet, wird „hingerissen vom Staunen über die Größe des Geschenkes und das Übermaß der Gnade“ (Chrysostomos).

2        Hinweise zu Lehre und Leben

Das Predigtthema „Glauben heißt, meine Berufung kennen“, nötigt dazu, die Differenz zwischen der Berufung von Paulus in den fundamentalen Dienst als Apostel (vgl. Eph 2,20) und einer Berufung heutiger Menschen in viele verschiedene Dienste wahrzunehmen. Eine Berufung, wie sie Paulus durch die unmittelbare Christusbegegnung sichtbar und hörbar (Vision, Audition) erfahren hat, dürfte eher als Sonderfall und nicht als Normalfall für Berufungen im Umfeld der Gemeinde betrachtet werden. Dennoch haben Berufungen eine grundlegende Bedeutung, auf die Gemeinde nicht verzichten kann. Die Berufung von Paulus bietet Orientierungen, die für jede Berufung von Bedeutung sind.

Um das Thema „Glauben heißt, meine Berufung kennen“ nicht auf den vorgegebenen Text (Gal 5,1-5) einzugrenzen, sollen einige neutestamentliche Aussagen in ihrer Breite Beachtung finden:

  • Christsein gibt es nur als Berufensein. Der Glaube eines jeden Menschen verdankt sich einer persönlichen Berufung in die Gemeinschaft Gottes. In dieser Gemeinschaft werden die Berufenen als zu Gott gehörig geheiligt (Röm 1,6; 8,27-30; 1Kor 1,9.22-31). Ihnen wird die Verkündigung des auferstandenen Gekreuzigten zuteil (1Kor 1,24). In ihm und durch ihn finden Glaubenden Teilhabe an Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung (1Kor 1,30).
  • Diese Berufung umfasst alle Lebensbereiche der Berufenen. Der kulturelle, soziale, berufliche, wirtschaftliche und familiäre Stand sind ein Ausdruck der Berufung, in dem sich jeweils das unverwechselbare Menschsein der berufenen Person vollzieht (1Kor 7,17-24).
  • Berufung erfolgt durch Gottes unmittelbares Wirken an und im Menschen ausschließlich nach seinem souveränen Wollen. Dieses Wirken wird als Wirken Gottes erkannt, indem Jesus, der Sohn Gottes, als Berufender erkannt wird. Diese Berufung wird zum Grund einer Gewissheit, die vom Urteil anderer Menschen unabhängig ist. Das zeigt sich beispielhaft bei Paulus (Apg 9,1-9; Gal 1,15-17). Die unverwechselbare Identität der berufenen Person in ihrem Menschsein wird in die jeweils besondere Ausrichtung der Berufung einbezogen (Mk 1,16-20; Mk 2,13-17; Joh 1,35-51).
  • Die Berufenen werden auf dem Weg, den sie in der besonderen Ausrichtung ihrer Berufung einschlagen sollen, durch das helfende und unterweisende Handeln der Mitglaubenden geleitet (Apg 9,10-19). Dabei richtet sich dieses begleitende Handeln einerseits auf die Verankerung in der Gemeinde (Apg 9,26-28) und andererseits auf die Unterweisung in den fundamentalen Lehraussagen des Evangeliums (Apg 11,25f; 1Kor 15,3).
  • Die Gewissheit der Berufung und die fundierte Unterweisung in der Lehre befähigen zur Auseinandersetzung und Zurechtweisung bei Verfälschung des Evangeliums in der Gemeinde. Dies geschieht ungeachtet der Stellung der zurechtzuweisenden Person(en) in der Gemeinde (Gal 2,4-14). Die Gewissheit der Berufung wird auch zum Halt, wenn sich selbstanmaßende Autoritäten die Autorität des Berufenen in Frage stellen oder seine Person lächerlich machen wollen (2Kor 11,1-10; 12,7-13).
  • Aus dem Zuspruch der Berufung resultiert der Anspruch an den Berufenen, in der Zugehörigkeit zu Gott ein berufungsgemäßes Leben zu gestalten, das sich an Jesus Christus orientiert (Eph 4,1-4). Die Berufenen werden vom Gebet begleitet und von der Zusage getragen, dass Gott selbst allen Mangel überwindet, die Berufenen würdigt und ihr angefangenes Werk vollenden wird (2Thess 1,11f).
  • Wer seine Berufung kennt, kann das Ziel seiner Berufung beschreiben: Glauben wecken, Glauben begründen, Glauben vertiefen, Glauben bekennen, Glauben verteidigen (vgl. Gal 1,1-10).

3        Bausteine für die Predigt

3.1         Predigtziel

Die Predigthörer sollen am Beispiel von Paulus ermutigt werden, sich ihrer eigenen Berufung zu stellen bzw. diese zu klären, wobei auch die unterschiedlichen Aspekte von persönlicher Berufung, Berufung in eine konkrete Aufgabe und Berufung in eine Bewegung oder Gemeinde zu berücksichtigen sind.

3.2         Predigtthema und Gliederung

Für eine Predigt dürfte es herausfordernd sein, auf der Grundlage eines Briefkopfes über das vorgegebene umfangreiche Thema „Glauben heißt, meine Berufung kennen“ zu predigen. Paulus thematisiert seine Berufung sehr deutlich im Kontext der Auseinandersetzungen, die in den galatischen Gemeinden anstanden. Diese Auseinandersetzung zwischen dem Evangelium von Christus und einem „anderen Evangelium“ wird in der Einleitung des Briefes (1,6-10) sehr schroff und wirkungsvoll zur Sprache gebracht. Leider empfiehlt es sich nicht, auf diese Einleitung näher einzugehen, da am darauffolgenden Sonntag dieser Abschnitt Gal 1,6-24 der Verkündigung zugrundeliegt. Es kann also nur am Rand erwähnt werden, weshalb Paulus im Zusammenhang der Auseinandersetzungen besonderen Wert darauf legt, dass seine Berufung auf Gott und nicht auf Menschen zurückzuführen ist.

Der Briefkopf könnte dazu verleiten, mit der Predigt eine Einführung in den Galaterbrief mit vielen Informationen und Erklärungen anzubieten. Zu bedenken ist aber, dass in einer Predigt die Anrede Gottes zu formulieren ist, d.h. der Zuspruch und Anspruch Gottes soll hörbar werden. Das darf nicht auf der Strecke bleiben, zumal der Gruß von Paulus (1,3-5) dazu herausfordert.

Wer dem Text folgt, könnte seine Predigt folgendermaßen aufbauen:

Glauben heißt, meine Berufung kennen

  1. Berufen von Gott und nicht von Menschen

Hier kann das Berufungsverständnis von Paulus als Absender des Briefes entfaltet werden.

  1. Berufen zum Dienst vor Gott für Menschen

Hier können die Gemeinden als Empfänger des Briefes in Blick genommen werden, denen der Dienst von Paulus gilt.

  1. Berufen zur Verehrung Gottes, der sich Menschen zuwendet (Gruß)

Hier kann der Gruß von Paulus aufgenommen werden, der auf das Heilsfundament aller von Gott berufenen Menschen verweist und in einen Lobpreis Gottes einmündet.

3.3         Fragen und Zitate als Anregung zur Reflexion

Um das Thema für die Predigt in seiner Breite wahrzunehmen, können die folgenden Fragen und Zitate als Anregung zur Reflexion für die Vorbereitung der Predigt aufgenommen werden.

Fragen:

  • Welche Bedeutung für die heutige Gemeinde hat die alte Regel der vier „B“: „Bekehrt, Bewährt, Berufen, Begabt“?
  • Wie ist der Zusammenhang von Berufensein als Christ und Berufensein zu einem bestimmten Auftrag (Beruf, Aufgabe) zu verstehen?
  • Gehört zu jeder Aufgabe und zu jedem Beruf eine Berufung oder nur zu bestimmten Berufen (Pfarrer, Pastor, Jugendreferent usw.)?
  • Braucht es für den Dienst in der Gemeinde überhaupt eine Berufung, wenn Christsein sowieso nur als Berufung gelebt werden kann?
  • Was ist, wenn eine Person mit Berufungsgewissheit eine Aufgabe übernimmt, aber daran scheitert? Ist damit die Berufung in Frage gestellt?
  • Worauf zielt eine Berufung?
  • „Ich bin berufen!“ Das ist die unerschütterliche Gewissheit der Einen. „Bin ich berufen?“ Das ist der quälende Zweifel der Anderen. Woran kann ich eine Berufung mit ihrer besonderen Ausrichtung und Platzanweisung festmachen?
  • Welche Bedeutung hat der Zusammenhang von innerer und äußerer (interner und externer) Berufung? Was ist, wenn einer der beiden Faktoren fehlt? Inwiefern erreicht uns die Berufung Gottes durch Menschen und bleibt andererseits vom Urteil anderer Menschen unabhängig?
  • Welche Bedeutung hat die Initiative Gottes bei einer Berufung und wie wird sie erfahren? Welche Bedeutung kommt der menschlichen Vermittlung zu?
  • Können zur Vergewisserung einer Berufung besondere Zeichen und Wunder erwartet werden? Sind sie Ausdruck einer unmittelbaren Berufung durch Gott? Können sie zugleich als Ersatz für eine externe Berufung gelten?
  • Welche Bedeutung hat die Zusage Gottes für eine Berufung und wie wird sie erfahren? Was kann Gemeinde tun, um Berufungen zu vergewissern? Welche Praxis erlebe ich in unserer konkreten Gemeinde und welche Veränderungen sind nötig oder sinnvoll?
  • Welche Bedeutung haben unsere Gaben, aber auch Grenzen im Zusammenhang einer Berufung?
  • Manche Personen behaupten: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand dazu.“ Heißt das: Hauptsache Gott beruft. Die Eignung ist Nebensache. Dafür wird Gott sorgen?
  • Welche Bedeutung hat das Votum der Gemeinde, wenn es um Eignung im Zusammenhang einer Berufung geht?
  • Ist eine Berufung immer mit einer lebenslangen Bindung an die Berufung verbunden? Einmal Diakonisse, immer Diakonisse? Einmal Pastor, immer Pastor?
  • Gibt es Berufungen auf Zeit? Gibt es Unterbrechungen einer Berufung oder neue Orientierungen? Was hat im Rahmen einer Berufung bleibenden Charakter und was kann variabel gestaltet werden?
  • Welche Konsequenzen beinhaltet eine Berufung?
    • Für die berufliche Ausrichtung?
    • Für Ehe, Familie oder Ledigsein?
    • Für den Umgang mit der Zeit?
    • Für die wirtschaftliche Situation?
    • Für das soziale Eingebundensein?
    • Für den Lebensstil?
  • Was lösen die Konsequenzen einer Berufung aus: Ängste und Befürchtungen oder Hoffnungen und Erwartungen?
  • Welche Hilfen und Unterstützungen sind nötig, um einer Berufung entsprechen zu können? Welche Bedeutung haben in diesem Zusammen die Gemeinde und gute Freunde?

Zitate:

„In der Begegnung mit Jesus Christus erfährt der Mensch den Ruf Gottes und in ihm die Berufung zum Leben in der Gemeinschaft Jesu Christi. Dem Menschen widerfährt die göttliche Gnade, die ihn in Anspruch nimmt. Nicht der Mensch sucht die Gnade an ihrem Ort auf – Gott wohnt in einem Licht, da niemand hinzukommen kann (1Tim 6,16) – sondern die Gnade sucht und findet den Menschen an seinem Ort – das Wort ward Fleisch (Joh 1,14) – und nimmt ihn eben hier in Anspruch. Es ist dies ein Ort, der in jedem Fall und in jeder Hinsicht mit Sünde und Schuld belastet ist, sei es der Königsthron oder die Bürgerstube oder die Hütte des Elends. Es ist ein Ort dieser Welt. Diese Heimsuchung des Menschen durch die Gnade geschah in der Menschwerdung Jesus Christi, sie geschieht im Wort von Jesus Christus, das der Heilige Geist bringt. Als Heide oder Jude, als Sklave oder Freier, als Mann oder Frau, als Verheirateten oder Ehelosen trifft den Menschen der Ruf. Dort, wo er gerade ist, soll er den Ruf hören und sich von ihm in Anspruch nehmen lassen. Nicht als erführe der Sklavenstand oder die Ehe oder die Ehelosigkeit an sich dadurch eine Rechtfertigung, sondern der gerufene Mensch darf hier wie dort Gott gehören. Allein durch den in Christus vernommenen Ruf der Gnade, die mich in Anspruch nimmt, darf ich als Sklave oder Freier, verheiratet oder ehelos vor Gott gerechtfertigt leben. Dieses Leben ist nun von Christus her gesehen mein Beruf, von mir her gesehen meine Verantwortung.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Von Gott berufene Menschen werden sehr schnell merken, „dass in den Umbrüchen der Gegenwart ihre Person gefragt ist, ihre Beziehungs- und Seelsorgefähigkeit, ihre Lebenserfahrung, ihr Glaubensfundament, ihre Fähigkeit, Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden, Traditionen auf ihre Wahrheitselemente zu befragen, Risikobereitschaft für Neues zu zeigen.“ (Friedhart Gutsche)

Leute, die schon über Jahre hinweg als von Gott berufen unterwegs sind, werden fragen müssen, „ob und was sie für ihre Persönlichkeitsbildung, für ihr geistliches Wachstum getan haben, ob sie beweglich geblieben sind und ob sie gelernt haben, altersgemäß zu leben und zu glauben.“ (Friedhart Gutsche)

„Berufung zum Glauben und eben auch Berufung in bestimmte Lebenskonstellationen hinein ist kein Privileg der Hauptamtlichen, Ordinierten. Wenn man so will, gibt es eine „Ordination“ zum Handwerker oder zur Hausfrau, zum städtischen Angestellten oder zum Krankenpfleger, zum Arzt oder Arbeiter. Was ein Christ beruflich macht, ist geistlich alles andere als gleichgültig. Auch der scheinbar profane Beruf sollte auf einer Berufung, einer Platzanweisung beruhen. Dann ist er heilig, von Gott auserwählt und für ihn ausgesondert; dann kann er, soll und darf er ausgeführt werden in Verantwortung gegen den, der mich an diese Stelle gestellt hat.“ (Heinzpeter Hempelmann)

 

„Gib, was du willst,

wie viel du willst und wann du willst.

Tu mit mir nach Deinem Belieben,

wie es dir am besten gefällt

und so, dass man dich an deinem Werk erkennt.

Stelle mich hin, wo du willst,

und schalte frei mit mir in allen Stücken.

In deiner Hand bin ich.

Drehe und wende mich, wohin du willst.

Ich bin dein Knacht.

Ich bin zu allem bereit.

Denn ich will nicht mir selbst leben,

sondern dir,

und zwar ganz und gar

und so, wie es deiner würdig ist.“ (Thomas von Kempen)

Christoph Müller