Apostelgeschichte

Predigthilfe vom 4.7.2010 – Apostelgeschichte 19, 21-40

Monatsthema: Kurs halten in stürmischen Zeiten
Predigtthema: Auf Kurs bleiben – in Bedrängnis

Bibelstelle: Apostelgeschichte 19, 21-40

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und das Studieren von Bibelkommentaren.

1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

Im Monat Juli setzen wir unsere Reihe „Kurs halten in stürmischer Zeit fort“ [= Monatsthema]. Mit Apg 19,21 beginnt der letzte große Abschnitt der Apostelgeschichte mit der Reise nach Rom über Jerusalem. Unser Predigttext (Apg 19,21-40) schildert die Ereignisse, die auf die Erweckung in Ephesus folgen. Die Erweckung hat zu konkreten Auswirkungen im Geschäftsleben geführt, da eine Veränderung des geistlichen Lebens auch zu einer Veränderung des alltäglichen Lebens führt. Aber wo der Glaube sich auf Grund der neuen Lebensschwerpunkte geschäftsschädigend auswirkt, da geraten die Nachfolger Jesu in Bedrängnis (= Predigtthema: „Auf Kurs bleiben – in Bedrängnis“). Denn „wenn Jesus-Nachfolge zur Geschäftsschädigung führt, dann platzt die dünne Haut der Toleranz“ (Ulrich Parzany – Die Kirche am Markt – 12.8.1984).

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B.
* Werner de Boor. Die Apostelgeschichte. Wuppertaler Studienbibel. 7. Aufl. Wuppertal: R. Brockhaus, 1980. S. 353-362.
* Heinz-Werner Neudorfer. Apostelgeschichte 2.Teil. Edition C-Bibelkommentar Bd. 9. Neuhausen: Hänssler, 1990. S. 202-215
* Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. Herausgegeben von Arno Pagel. 7. Aufl. Lahr: VLM, 1996. S. 256-277 (nachfolgend in Auszügen).

A) Bedrängnis – der unvermeidliche Ausbruch (V. 21-27)

V. 21f: „In das Gebiet des Plänemachens führt uns dieser Text. Lasst uns den Apostel sorgfältig beim Entwerfen seiner Pläne beobachten:
* Der Zeitpunkt des Plänemachens: Wann beschäftigte sich Paulus mit der Fortsetzung seiner Reise? Erst als das Wort Gottes in Ephesus so eingewurzelt und gewachsen war (V. 20), dass er seine Aufgabe daselbst als vollendet ansehen durfte (‚da das ausgerichtet war‘). Vorher widmete sich Paulus ganz der Arbeit in dieser Stadt (20,18ff). Unsere Herzen sind geneigt, sich vorzeitig mit allerlei Zukunftsplänen zu beschäftigen, anstatt uns ganz auf unsere gottgewollte Arbeit zu beschränken. Infolgedessen werden wir leicht abgelenkt und geschwächt. Gott wird seinen Kindern schon den rechten Zeitpunkt weisen, wo sie an neue Wege denken müssen. Lasst uns dies nicht vorzeitig tun.
* Der Inhalt seiner Pläne: Paulus gedachte, die alten Arbeitsgebiete und die Muttergemeinde in Jerusalem zu besuchen (‚er setzte sich vor, durch Mazedonien und Achaja zu ziehen und nach Jerusalem zu reisen‘). Da sehen wir, wie heilige Liebesbande ihn zu seinen geistlichen Kindern hinziehen, und wie es ihm am Herzen liegt, den Zusammenhang mit der Urgemeinde zu befestigen. Es sollte das Band der Einigkeit zwischen den juden- und heidenchristlichen Gemeinden nicht gelockert werden. Sodann erfüllte ihn der Drang, an dem wichtigsten Punkt des damaligen Weltreiches, in der Hauptstadt Rom, die ihm von Jesus gegebene Aufgabe zu erfüllen (vgl. Röm 1,9-15). Wohl uns, wenn solche Pläne unser Herz erfüllen, die sich auf die Förderung der Sache Gottes beziehen (2Sam 7). Wie viel falsche Pläne erfüllen doch oft die Menschenherzen! Noch heute heißt es bei vielen: Lasst uns einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen (1Mose 11,4). Noch heute spricht mancher: ‚Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und alles dreinsammeln‘ (Lk 12,18). Auch jetzt kann man oft hören: ‚Wir wollen in die oder die Stadt gehen und Handel treiben und gewinnen‘ (Jak 4,13-16). Wenn wir aber Hochmuts- oder Gewinnsuchtspläne oder Pläne der Kreuzesflucht schmieden, so sind wir nicht auf dem Weg des Paulus bei seinem Plänemachen.
* Die Vorbereitung und Verwirklichung seiner Pläne: Paulus reiste nicht ohne weiteres in die zu besuchenden Gemeinden ab. Er sandte zunächst zwei seiner Gehilfen dorthin, wo er selbst bald einzutreffen hofft. Was bedeutet die Entsendung jener zwei Mitarbeiter? Wer im Gebiet der Evangelisation Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt hat, der weiß, wie wichtig bei derselben die rechte Vor- und Nacharbeit ist. Beides finden wir schon in der Missionstätigkeit des Paulus. In Beröa ließ er bei seiner Abreise Silas und Timotheus zurück (17,14). Dort war Nacharbeit angebracht. Hier sendet er Timotheus und Erastus vor sich her, weil für diesen Besuch Vorarbeit geschehen musste. Die Aussendung beweist uns die Sorgfalt des Apostels bei der Ausführung seiner Pläne. Auch für uns gilt es, keinen Plan zu übereilen oder leichtfertig auszuführen, sondern ihn sorgfältig vorzubereiten, damit Gottes Segen darauf ruhen könne (Spr 16,13; 19,2; 20,18; Lk 14,28-32)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 256f).

V. 23-27: „Von einem Ausbruch wütender Feindschaft gegen die Arbeit des Paulus erzählt uns der hier beginnende neue Abschnitt. Sein erster Vers gibt uns zusammenfassend Zeit, Umfang und Ziel dieser Bewegung an:
* Die Zeit des Aufruhrs: Der Ausdruck ‚um dieselbe Zeit‘ weist uns darauf hin, dass jener Aufruhr im Anschluss an die herrlichen Siege des Evangeliums (V.8-20) entstand und gerade dann losbrach, als Paulus seine Pläne zur Weiterreise machte (V. 21f). Beides hat uns etwas zu sagen. Wenn Gott seine himmlischen Winde durch eine Gegend wehen lässt, wenn viele Seelen zum lebendigen Glauben an Christus kommen, wenn ‚das Wort des Herrn wächst und überhand nimmt‘, dann wird gewiss der Teufel nicht still bleiben. Gerade in solcher Zeit macht er sich auf und setzt neben die himmlische eine höllische Bewegung. Die Geschichte des Reiches Gottes bietet dafür viele Belege. Deshalb gilt es, sich in den herrlichsten Gnaden- und Erweckungszeiten zu freuen – ‚mit Zittern‘ – (Ps 2,11) und über dem Jubel nicht die Wachsamkeit und innere Wappnung für die hereinbrechenden Gefahren zu vergessen (Lk 10,17-20; Joh 11,45.53; 1Kor 16,9). Die Tatsache, dass der Ausbruch dieser furchtbaren Gefahr gerade während der Ausarbeitung neuer Reisepläne für Paulus erfolgte, ruft uns zu: Lasst uns bei allem Plänemachen daran denken, dass leicht unerwartete Umstände und Schwierigkeiten eintreten können, die all unser Vorhaben in Frage stellen. Alle Pläne des Paulus hätten durch diesen Aufruhr des Demetrius für immer vernichtet werden können. Deshalb wollen wir den Rat des Jakobus befolgen und bei allen Zukunftsplänen beifügen: ‚So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das tun‘ (Jak 4,15).
* Der Umfang des Aufruhrs: Der Umfang wird uns mit den Worten ‚eine nicht kleine Bewegung‘ gezeigt. In der Tat beschränkte sich dieselbe nicht etwa auf einen Kreis der in ihren Interessen geschädigten Arbeiter, sondern zog die ganze Stadt in Mitleidenschaft (V. 29) und veranlasste die höchsten Beamten zum Eingreifen (Vers 31+35). Dieser große Umfang der christentumsfeindlichen Bewegung kann uns vor leichtfertiger Überschätzung der Erfolge in einer Erweckungszeit bewahren. Gewiss war auf alle Einwohner der Stadt eine heilige Furcht gefallen (V. 17). Gewiss war der Name Jesu zu hoher Anerkennung gelangt (V. 17 c). Trotzdem war aber noch eine große Feindschaft in der Stadt vorhanden. Es gehört zur geistlichen Nüchternheit, dass man in besonderen Erweckungszeiten bei aller berechtigten Freude über die göttlichen Siege doch die noch vorhandenen Widerstände nicht aus den Augen verliert oder unterschätzt. Wie wir in Zeiten geistlichen Tiefstandes nicht zu schwarz sehen wollen, sondern vielmehr an die ‚7000‘ glauben, die ihre Knie vor Baal nicht gebeugt haben (1Kön 19,18), so wollen wir umgekehrt in herrlichen Erweckungszeiten nicht vergessen, dass noch 7000 vorhanden sein können, die treu zu Baal halten, wenn es darauf ankommt (1Petr 5,8).
* Die Zielscheibe des Aufruhrs: Gegen die von Paulus gepredigte Lehre (‚über diesem Weg‘) erhob sich die ganze Woge des Aufruhrs. Sicherlich gab es damals in Ephesus mancherlei Verhältnisse, die Grund zu Klagen boten. Gegen keine derselben wandte sich dieser schreckliche Tumult, sondern nur gegen ‚diesen Weg‘ der Religion des Paulus. Das ist ‚der Weg‘, den Satan hasst. Wer ‚diesen Weg‘ geht, muss sich auf die Wut der Hölle gefasst machen (Joh 16,1-4; Mt 10,17). […]. Schon Stilling sagte, dass Zeiten kommen würden, wo man gegen alles duldsam sein würde, nur nicht gegen das wahre biblische Christentum. Dieser Weg, den die Welt hasst, der seinen Anhängern Schmach und Verfolgung einbringt, soll unser Weg sein und bleiben (2Kor 4,9-11; Gal 6,17)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 257-259).

B) Bedrängnis – der überwältigende Aufbruch (V. 28-34)

V. 28f: „Die Hetzrede des Demetrius hatte den gewünschten Erfolg. Die Arbeitermassen jenes Erwerbszweiges entbrannten vor Zorn. Mit lautem Geschrei rühmten sie ihre durch Paulus gefährdete Religion. Damit gewannen sie leicht alle diejenigen, welchen die Predigt des Paulus unbequem war, oder die sie aus irgendeinem Grund ablehnten. Die Bewegung verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Stadt. Es war, als ob höllische Mächte losgelassen wären, die ihr Spiel trieben. Man stürmte zu dem Platz, auf dem die Volksversammlungen stattzufinden pflegten. Da Paulus nicht zur Hand war, warf sich die Wut der Heiden auf zwei seiner Genossen, die mitgeschleppt wurden. Was sagt uns der Anblick dieser wüsten Szene? Er lässt uns unter anderem eine dreifache Gewalt erkennen, die heute noch Scharen mit sich fortreißt und sich gern bis in unser Christenhäuflein hineindrängen will:
* Die Gewalt des Hasses: Der ganze Tumult ist durch eine hasserfüllte Rede hervorgerufen worden. Durch dieselbe „wurden sie voll Zorns“. Die Ansteckungskraft des Hasses ist groß. Lasst uns vor diesem Gifthauch uns hüten.
* Die Gewalt des natürlichen Herdentriebes: Wir Menschen sind auf Gemeinschaft angelegt. Wir haben Bedürfnis, uns anzuschließen. Dieser Trieb ist gut, wenn er richtig geleitet wird. Aber wenn dieser natürliche Trieb ohne jede Geisteszucht und -prüfung die Herrschaft bekommt, so kann er Entsetzliches anrichten. Durch den Herdentrieb kann man in Absaloms Aufruhr (2Sam 15,11) und in Korahs Höllenfahrt (4Mose 16,2+32) hineingezogen werden. Seien wir vorsichtig. Wir bemitleiden eine Schafherde, die durch den Herdentrieb vor einen Eisenbahnzug läuft, weil einzelne Schafe vorangehen. Wir bedenken nicht, dass wir in der Gefahr stehen, diesen armen Tieren ähnlich zu werden (Eph 5,11; 1Kor 10,20f; Ps 1,1; 26,4).
* Die Gewalt des Schlagwortes: Der Ruf ‚Groß ist die Diana der Epheser!‘ war für jene Scharen ein gut gewähltes, dem einfachsten Mann leicht verständliches Schlagwort. Es knüpfte an die seit Jahrhunderten in Ephesus bestehende Dianaverehrung an und konnte darum an diesem Ort leicht Boden fassen. Die Menge griff es auf und verbreitete es weiter. Dies Schlagwort trug mit dazu bei, dass sich der Aufruhr so schnell durch die ganze Stadt ausbreiten konnte. Wie hat doch das Schlagwort eine Gewalt bei der Masse derjenigen, denen selbständiges, tieferes Nachdenken unbequem ist. Lasst uns niemals von der Gewalt menschlicher Schlagworte uns fortreißen lassen. Schon oft haben suchende Seelen sich von der engen Pforte und dem schmalen Pfad zurückschrecken lassen, wenn die Welt ihnen diesen Pfad durch ein Schlagwort (unnüchtern, überspannt, pietistisch, methodistisch und dergleichen) verdächtigte. Auch auf dem Lebensweg wollen wir uns nie durch irgendein herrschendes Schlagwort auf einseitige unbiblische Linie drängen lassen (Ps 119,133; Mt 24,23-26). Lasst uns selbständig werden, indem wir uns täglich unter den Einfluss des göttlichen Wortes und Geistes stellen. Da empfangen wir Widerstandskraft gegen die drei Gewalten, welche den Volkshaufen in Ephesus fortrissen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 263f).

V. 30f: „* Auch gute Pläne großer Gottesmänner müssen bisweilen unterbleiben. Unser Text führt uns aus der lärmenden, tobenden Volksversammlung in die stille Friedensluft des Jüngerkreises. Dort zeigt sich uns ein scheinbar unwichtiges aber doch sehr lehrreiches Bild. Paulus will hinaus in die Volksversammlung, fügt sich aber dem gemeinsamen Widerstand der Jünger und gibt sein Vorhaben auf. Dieses Zurückbleiben des Paulus auf das Anraten der Jünger soll uns beschäftigen. Der Mann, welcher hier einen Entschluss fasst, ist der gesegnetste Zeuge und Apostel Jesu, ein Mann von lauterster Gesinnung. Sein Plan, unter das Volk zu gehen, war durchaus edel. Er entsprang aus Liebe. Seine beiden Gefährten Gajus und Aristarchus waren vom Volkshaufen ergriffen und mitgeschleppt worden (V. 29). Die gegen ihn selbst gerichtete Wut hatte sich auf diese zwei geworfen. Lag es da nicht für den Apostel nahe, sich zur Verfügung zu stellen, damit diesen zweien Erleichterung und Hilfe zuteil würde? Ihm lag nur das Beste am Herzen. Liebe zu den Brüdern und Sorge um die Sache des Evangeliums trieben ihn zu seinem Entschluss. Er hatte die Absicht, der verführten Volksmenge Klarheit und der in Unruhe geratenen Stadt wieder Ruhe und Frieden zu verschaffen. Und doch zeigte es sich, dass dieser gute Plan besser unterblieb. Er selbst gestand dies durch die Tat ein. Wenn ein Mann von solcher Nüchternheit und Klarheit, von so tiefer Erkenntnis der Wege und des Willens Gottes, von solcher Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit einen Plan aufgeben musste, wieviel Ursache haben wir dann, gegen unsere eigenen Pläne und Entschlüsse misstrauisch zu sein, die wir doch alle an innerer Erleuchtung und göttlicher Erkenntnis unendlich tief unter Paulus stehen (Röm 12,17a; 1Sam 25,13).
* Es liegt in der Gemeinschaft der Jünger Jesu eine bewahrende Macht: Paulus stand den Christen in Ephesus als Hirte und Lehrer gegenüber. Er war ihr Führer. Seine Überlegenheit in geistlichen Dingen schloss aber nicht aus, dass die eingeborenen Gemeindeglieder ihn an praktischem Blick für die Gefahr, an richtiger Einschätzung der Volksleidenschaft übertrafen. Mit dieser ihrer Erkenntnis hielten sie nicht zurück. Sie stimmten nicht etwa in falscher Ehrfurcht dem großen Apostel in jedem Stück ohne weiteres zu. Vielmehr blieben sie in ihrem Urteil ihm gegenüber trotz aller Ehrerbietung durchaus selbständig. Sie wagten es, seinen Plan nicht gut zu heißen, sondern abzulehnen. Sie setzten seiner Meinung ihre berechtigte Überzeugung entgegen. Auch ein Paulus musste sich dies gefallen lassen. Er musste sich durch Brüder aufmerksam machen, warnen und berichtigen lassen. Eine rechte Gemeinschaft duldet nie, dass der einzelne ein unnahbarer Papst wird. Einer tritt dem andern, wo es nötig ist, entgegen, warnt ihn und hält ihn von gefährlichen Wegen zurück. So ergänzen, erziehen und bewahren sich die Gläubigen untereinander. Die Ewigkeit wird einmal all den Segen offenbaren, den Gott uns durch Brüder, besonders durch selbständige, anders urteilende Christen gegeben hat. Lasst uns diesen Segen recht schätzen und ihm nie aus dem Wege gehen (1Kor 12,21-26; 1Sam 25,26; 1Thess 5,11).
* Das echte Kennzeichen eines Gottesmannes ist die Demut, die sich raten lässt: Es gibt Menschen, die es nicht vertragen können, wenn Brüder anderer Meinung sind als sie selbst. Zu solchen gehörte Paulus nicht. Die Verschiedenheit der Meinungen hat in jenen Augenblicken auch nicht den leisesten Schatten auf das schöne Verhältnis zwischen beiden Teilen geworfen. Paulus wurde nicht verstimmt, gekränkt und beleidigt. Er wollte nicht recht behalten. Er verlangte nicht, das letzte Wort zu sagen und den Ausschlag geben zu müssen. Vielmehr war Paulus demütig genug, sich dem Rat der Brüder zu fügen. Diese Demut zeigt uns den echten Gottesmann. Sein apostolisches Ansehen litt durch dieses Nachgeben keinerlei Schaden. Im Gegenteil! Seine Demut lässt ihn im Urteil jedes biblisch denkenden Menschen nur noch höher steigen. Diothrephes würde nicht so gehandelt haben (3Joh 9f). Paulus war das Gegenteil jenes stolzen und herrschsüchtigen Mannes. Lasst uns der Demut des Paulus, die sich von Brüdern sagen ließ, nachfolgen (Jak 3,17; Spr 11,2b; Zeph 2,3).
Gottes Kinder sind meist nicht gewohnt, unter den Hohen dieser Welt gute Freunde zu haben. Sie erleben es viel häufiger, dass sie von derartigen Personen geringschätzig behandelt und verächtlich angesehen werden. Umso auffallender ist die außerordentlich freundliche Stellung, welche hier einige der höchsten Persönlichkeiten der Stadt zu Paulus einnehmen. In dem Wohlwollen dieser sogenannten ‚Asiarchen‘ dürfen wir ein treffliches Zeugnis für die Person und Arbeit des Paulus erkennen. Diese hochgestellten Männer müssen aus allem, was sie über Paulus zu hören und von ihm zu sehen bekamen, einen günstigen Eindruck gewonnen haben. Nur so konnten sie derart für ihn eingenommen werden und solches Interesse für die Erhaltung seines Lebens bekunden. Wenn ein Christ mit Takt und Weisheit, mit selbstloser Liebe und Treue seine Arbeit treibt, so wird er Vertrauen auch bei der Obrigkeit erlangen können. Lautere und echte Christen wurden meist von den Obersten des Landes geschätzt (Mk 6,20). Jene Würdenträger hatten aber noch einen besonderen Grund, für Paulus einzutreten. Eine aufmerksame Beobachtung und gerechte Beurteilung des Paulus musste sie erkennen lassen: Paulus stärkt das Ansehen und unterstützt die Arbeit der Obrigkeit. Er lehrt die Leute, derselben untertan zu sein um des Herrn willen (Röm 13,1-7). Sein Einfluss ist gut. Er bekämpft das Schlechte und befördert das Gute, besonders die Nächstenliebe. Der Wohlstand des ganzen Gemeinwesens hebt sich durch die Verbreitung des wahren Christentums. Machthaber, welche die gläubigen Christen nicht schätzen, sondern gar bekämpfen, schneiden sich in ihr eigenes Fleisch und werden früher oder später die Folgen solchen Verhaltens zu schmecken bekommen. Dagegen wird jede Regierung, welche Gottes Kinder deckt und fördert, selbst den Segen und Gewinn davon haben. Wohl allen Obersten im Lande, die sich zu wahren Gottesknechten freundlich stellen (Ps 101)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 264-267).

V. 32-34: „Dem Unternehmen des Demetrius ging es ähnlich wie dem Turmbau zu Babel (1Mose 11,1-9). Es endet in Verwirrung. Ist nicht das wilde Durcheinander von Stimmen in unserem Text ein Abbild von dem Durcheinander unserer Welt? Schreien nicht da auch ‚etliche so, etliche etwas anderes‘? Geht es nicht in den verschiedensten Gebieten der Politik, des Wirtschaftslebens, ja, auch bei mancher äußeren Baugerüstarbeit im Reich Gottes oft ähnlich zu? Wo Seelen sich nicht von Christi Geist regieren lassen und unter Gott stehen, kommt Derartiges oft vor. In dieser Verwirrung wussten nun die meisten gar nicht, worum es sich eigentlich hier handele. Diese Unklarheit der Menge kann uns eine doppelte Lehre geben.
* Sie mahnt uns zur Vorsicht bei der Beteiligung an öffentlichen Versammlungen, deren Ziel wir nicht genau kennen: Hier haben viele Leute ohne ihr Wissen eine gute Sache bekämpft und eine schlechte gefördert. Hätte man sie gefragt, ob sie denn wirklich die gesegnete Arbeit des Paulus unterdrücken und dem geldgierigen Demetrius behilflich sein wollten, so würden viele dies sicherlich verneint haben. Aber durch ihr Kommen und Mitlaufen stärkten sie die Protestversammlungen gegen Paulus und mehrten die gegen seine Arbeit gerichtete Unruhe (2Sam 15,11).
* Sodann lasst uns vorsichtig sein im Urteil über die irregeleiteten Volksmassen: Nicht alle Mitbeteiligten an diesem Aufruhr waren im innersten Herzen Feinde des Evangeliums. Der größte Teil bestand aus unklaren Mitläufern. Diese dürfen wir nicht den bewussten Feinden Christi gleichstellen. Wir würden ihnen unrecht tun. Lasst uns also Vorsicht im Beteiligen und im Urteil über den Beteiligten üben (Mt 7,1-3; Lk 23,34)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 267f).

C) Bedrängnis – der überraschende Abbruch (V. 35-40)

V. 35-40: „Wir lauschen hier der Ansprache eines Weltmenschen, eines hohen Beamten der Stadt Ephesus. Auch von solchen können Christen etwas lernen. Die Lage des Kanzlers war nicht ganz einfach. Es galt, die erregte Volksmasse wieder in ruhige Bahnen zurückzuführen. Ein einziges, unweises Wort hätte die Volksleidenschaft neu entfesseln und unberechenbaren Schaden anrichten können. Auf der einen Seite musste er jede unnötige Schärfe vermeiden, auf der anderen die nötige Festigkeit zeigen. Es gelang ihm, seine Aufgabe zu erfüllen. Die weise Ansprache des Kanzlers kann allen, welche andere von einem falschen Weg zurückbringen möchten, drei Hinweise geben:
* Bevor er tadelt, lobt er: Ehe er das unrichtige Verhalten des Volkes rügte, sprach er zuerst einige anerkennende Worte. Er lobt ihren religiösen Eifer in der Dianaverehrung. Im Sinne jenes Heiden war dies etwas Gutes. Damit verschaffte er sich Eingang und machte die Herzen williger, nachher ein tadelndes Wort anzunehmen. Hier wollen wir etwas lernen. Selbstredend verwerfen wir jedes unwahrhaftige Schmeicheln und Buhlen um die Gunst der Zuhörer. Aber bei aller Wahrhaftigkeit gilt es auch zart vorzugehen im Behandeln von irregeleiteten Seelen. Wir dürfen sie fühlen lassen, dass wir gern alles Anerkennenswerte bei ihnen gelten lassen. Auch Jesus hat in den Sendschreiben erst gelobt, bevor er tadelte (Offb 2,2f.13.19).
* Er spricht seinen Tadel in der mildesten Form aus: Die Worte des Kanzlers enthielten einen scharfen Tadel für die versammelten Epheser. Er setzte ihnen klar auseinander:
a) Euer Verhalten ist unvernünftig. Jedermann weiß ja längst, dass die hiesige Bevölkerung die Göttin Diana eifrig verehrt, also ist diese Kundgebung ganz zwecklos.
b) Dies Benehmen ist ungerecht, denn die gewaltsam hergebrachten Anhänger der christlichen Religion sind Leute, denen man nichts Schlimmes zur Last legen kann.
c) Endlich ist eure Handlungsweise ungesetzlich, weil ihr nicht den vorgeschriebenen Beschwerdegang bei den geordneten Behörden eingeschlagen habt. So seid ihr in strafbarem Gegensatz zu den römischen Gesetzen. Diese Vorwürfe warf aber der Redner der Menge nicht einfach an den Kopf. Er sprach sie gar nicht direkt aus. Sie liegen nur in seiner sachlichen Darlegung des ganzen Vorkommnisses enthalten. Man sieht: Der vorsichtige Kanzler hüllt die bittere Pille, die er eingeben muss, so ein, dass sie leichter angenommen wird. Würde er die Leute spöttisch und scharf behandelt haben, so hätte er ihre Empfindlichkeit und ihren Nationalstolz wachgerufen, sie gekränkt und nichts erreicht. Nun aber bringt er mit dieser Milde und Zartheit in der Form seiner Rüge die Volksmenge zur Erkenntnis ihres Irrtums. Sie lassen sich diese Worte gefallen und gehen bereitwillig auseinander. Lasst uns beim Strafen behutsam werden in der Form und hierin gern von dem Kanzler lernen. Wenn die menschliche Bildung eines Heiden solche Weisheit verleihen kann, sollte die Schule des Geistes Gottes dieses nicht auch vermögen (Mt 7,3-5; Gal 6,1; Ps 141,5)?
* Der Kanzler schließt sich selbst mit ein bei seinen Worten: Ein Wörtlein des Kanzlers kann uns – wenn wir es in der rechten Weise brauchen – den Eingang in viele Herzen öffnen. Es ist das Wörtlein ‚wir‘ (‚wir stehen in Gefahr‘ der Anklage). Der Kanzler schließt sich durch dieses Wort ganz mit dem fehlenden Volk zusammen. Er hebt die Gemeinsamkeit im Tragen der entstehenden Schwierigkeiten hervor. Er hätte ja sagen können: ‚Euch wird es schlecht gehen, wenn der römische Statthalter eine Untersuchung einleitet. Ihr werdet sehen, was dann für Freiheitseinschränkungen über euch verfügt werden‘ und dergleichen. Das tat er nicht. Vielmehr ließ er als Stadtoberhaupt, obgleich er selbst unschuldig war, die Leute fühlen: Wir gehören zusammen. Etwaige Folgen treffen uns gemeinsam. Er stellte sich also nicht hoch über die Zuhörer und weit abseits von ihnen, sondern mitten unter sie. Damit gibt er allen denen, die Sünder vom Irrweg bekehren möchten, einen recht schönen Hinweis. Lasst uns doch (nicht aus diplomatischer Schlauheit, um etwas zu erreichen, sondern) aus wahrer Herzensdemut die Kunst lernen, uns mit den allerverirrtesten Menschen zusammenzuschließen. Dann wird Gott unseren Dienst segnen können. In dieser Hinsicht nehmen wir auch den heidnischen Kanzler von Ephesus gern als unseren Lehrmeister an (Eph 4,15; Röm14,19; Gal 6,10).

Der Prophet Jeremia hat einmal sein Volk zu einem lehrreichen Vergleich aufgefordert. Israel sollte den Götzendienst fremder Völker aufmerksam beobachten und dann die Treue der Heiden gegen ihre Götter mit seiner eigenen Untreue gegen den lebendigen Gott vergleichen (Jer 2,10-12). Diese Zusammenstellung war für Israel erschütternd und beschämend. Eine ähnliche Vergleichung könnte unserem Christenvolk durch obige Worte des Kanzlers nahegelegt werden. Die Stadt Ephesus war, wie wir hier vernehmen, allenthalben als eifrige Pflegerin der Diana wohlbekannt. Sie hielt ihr nach alter Sage vom Himmel gefallenes Bild hoch in Ehren. Wenn nun Israel sich durch den heidnischen Götzendienst beschämen lassen sollte, so dürfen wir sicherlich beim Anblick dieses eifrigen Dianakultus auch einen Ansporn empfangen. Der Dianadienst der Epheser war weit und breit bekannt. Nicht immer kann man dies von unserem Christentum sagen. Wie selten empfängt eine Gemeinde das Zeugnis: ‚Von euch ist erschollen das Wort des Herrn; … an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden‘ (1Thess 1,8). Die Epheser gerieten in Eifer, wenn ihrer Göttin Abbruch geschah. Sollten wir nicht entbrennen, wo die Ehre des Herrn angetastet wird! Und wenn ein hässliches, nur der Sage nach vom Himmel gefallenes Götzenbild so ehrfurchtsvoll dort gepflegt wurde, wie sollten wir das in Wahrheit vom Himmel gekommene ‚Ebenbild des unsichtbaren Gottes‘ (Kol 1,15), unsern hochgelobten Heiland, mit ganz anderer Liebe verehren. Die eifrigen Pfleger der Göttin Diana mögen uns zum Ansporn in rechtem christlichem Eifer werden“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 272-275).

„Der Schlusssatz dieses Kapitels zeigt uns das Bild einer auseinandergehenden Volksmenge. Die besonnene Ansprache des Kanzlers hatte den gewünschten Erfolg. Die Richtigkeit seiner Worte wurde eingesehen. Das Volk leistete seiner Aufforderung Folge, nahm von jeder weiteren Kundgebung Abstand und ging wieder auseinander. Der Anblick dieses sich zerstreuenden Haufens kann uns drei Lehren geben:
* Wir wollen die Furcht vor allen großen Bewegungen gegen die Sache Jesu ablegen. Mit diesem Auseinandergehen verlief die ganze Bewegung gegen Paulus im Sand. Großmächtig hatte sie angefangen. Anfangs schien es, als ob sie die ganze Stadt mit sich fortreißen wollte. Eine Zeitlang schien sie zu triumphieren und das Werk Gottes zu verschlingen. Aber nach kurzer Zeit war von der ganzen Sache, die so viel von sich reden gemacht hatte, nichts mehr zu sehen. So gefährlich sie anfangs aussah, so ungefährlich war der Verlauf und das wirkliche Endergebnis. Dies stärkt uns den Mut und den Glauben. Die Hölle sperrt oft ihr Maul auf wie der Drache nach dem Kindlein (Offb 12,4). Aber verschlingen kann sie es doch nicht. Demetrius kann wohl alle Silberarbeiter von Ephesus mit Zorn erfüllen. Aber zuletzt muss er beschämt abziehen und noch einen Tadel von seiner Behörde mitnehmen. Gott deckt sein Volk gegen die Armeen des Satans. Er schützt seinen Weinstock, den seine Rechte gepflanzt hat, und den er sich fest erwählt hat (Ps 80,16; Ps 76,11).
* Sodann lehrt uns dieser Anblick den Wert einer geordneten Obrigkeit schätzen. Gott hat hier das Leben und die Arbeit des Paulus durch einen heidnischen Kanzler geschützt, der dem wütenden Treiben des Demetrius und seines Anhangs Einhalt gebot. Ohne dieses Eingreifen hätten die Feinde den Jüngern Jesu noch manchen Schaden zufügen können. So aber durften diese im Frieden Gott dienen. Lasst uns für jede Obrigkeit dankbar sein, welche die Guten schützt und dem Bösen wehrt, und lasst uns betende Hände für sie aufheben (1Tim 2,1-4).
* Durch den Misserfolg des Demetrius tritt der Erfolg des Paulus in um so helleres Licht. Als alles Geschrei zum Ruhm der Diana verstummen musste, ging die Predigt von Christus weiter. Die Bewegungen, welche von unten stammen, müssen einmal ein Ende nehmen. Aber das vom Geist Gottes entzündete Feuer geht weiter (Ps 118,15f). Wohl allen, die sich der göttlichen und nicht der widergöttlichen Bewegung anschließen“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 276f).

3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Unsere Predigtübersicht 2010 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Gemeindeverfolgung“.
„Paulus hatte ja gar keinen Boykott der Silberschmiede organisiert. Er predigte nur einfach: ‚Was mit Händen gemacht ist, das sind keine Götter‘. Aber die Folge der Bekehrung hat Auswirkungen. […]. Die Änderung des Lebensstils fiel auf, weil Christen ‚nein‘ sagen und ‚nein‘ praktizieren. Das deckt den wunden Punkt bei uns Christen heute auf. Wir haben vergessen, dass das Ja zu Jesus immer ein Nein zum Götzendienst ist, Wir haben ein Christentum entwickelt, das sich marktgerecht verhält. Wir kaufen, was das Herz begehrt. Was wir kaufen, das verrät, wo unsere Götzen sitzen. […]. Christen haben in dieser Welt nur so lange Ruhe, wie sie nicht ‚nein‘ praktizieren. […]. Wir gehören entweder zur Gemeinde der verführten Götzenanhänger oder zur Gemeinde des gekreuzigten Herrn. Nur wo Gemeinde gesammelt wird, ist der lebendige Gott am Werk, und das ist Kampf. Wir können uns leider darauf verlassen. Aber scheuen wir den Bruch nicht“ (Ulrich Parzany).

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Auf Kurs bleiben – in Bedrängnis:
a) Der unvermeidliche Ausbruch (V. 21-27
b) Der überwältigende Aufbruch (V. 28-34)
c) Der überraschende Abbruch (V. 35-40)