Monatsthema: Gott schafft neues, indem er…
Predigtthema: … mit Liebe erfüllt
Bibelstelle: Philipper 2, 1-4
Verfasser: Eckhard Löffler
Vorbemerkung:
Paulus ist die echte Einheit in der Gemeinde wichtig. „Die Geschichte der evangelischen, auf LEHRE aufgebauten Kirchen hat gezeigt, dass man so nur zu immer neuen Spaltungen kommen kann.“ (Werner de Boor)
Dr. Paul Murdoch schlägt vor, den Aufbau dieser Verse zu beachten: V 1 = Voraussetzungen; V 2 = Konsequenz, V 3f schließen falsche Folgerungen aus.
Erklärungen und Tipps:
V 1 „WENN das so IST“ (Ermahnung, Trost, Gemeinschaft, Liebe, Barmherzigkeit), DANN macht ihr mir auch Freude damit (V 2).
Drei Bereiche: Ermahnung + Zuspruch – Gemeinschaft des Geistes – Herzlichkeit und Barmherzigkeit.
Ermahnung (griech. paraklesis): Jemanden herbeirufen, zu sich rufen, um ihm beizustehen. Ermahnung meint nicht unsere Zurechtweisung, beschreibt keinen gnadenlos erhobenen Zeigefinger! – sondern im Gegenteil: Die Werbung um einen Menschen, der, aus welchen Gründen auch immer, auf andere Wege geriet und für eine Richtungskorrektur GEWONNEN werden soll. Das Mittel: Der tröstende Zuspruch der Liebe.
Ermahnung und Trost sind im Griechischen Zwillinge. Falscher Trost, der nur höflich ist, zerstört. (1)
Ein Trostloser und deshalb -bedürftiger ist zuerst ein Haltloser. Nur die Verbindung mit Christus ist der Halt für Leben und Tod. Liebloser Trost ist kontraproduktiv und verstärkt eher den Abstand.
Wunsch: Geschwister, auf die man versucht ist, herab zu sehen, in Liebe herbeirufen und sie echt zu GEWINNEN für einen Weg mit dem Herrn.
Gemeinschaft des Geistes: Bei Jesus nähern sich die Menschen einander wie sonst nirgends. (2)
Das schloss auch gemeinsamen Besitz mit ein. (3) Die GEMEINSCHAFT des Geistes schließt zusammen.
Herzliche Liebe (genauer: „irgendein Herz und Barmherzigkeit“), d. h. ECHT sein, den anderen ernst nehmen, ihn höher schätzen als sich selbst (Phil 2, 3). In der Ehe: Mindestens ebenso wichtig wie mein Glück ist, dass der Partner glücklich ist.
Das „HERZ“ (=mitfühlende Barmherzigkeit“), eigentlich „Eingeweide“ beschreibt im Altertum den Sitz der Gefühle, das Selbst des Menschen, den Tatort der Willensentschlüsse. Psychosomatische Störungen beeinflussen die Nerven im Bauchraum. (4)
Bruderschaft erschöpft sich nicht in Gefühlen, aber ebenso wenig in kühlen Taten und sozialer Betriebsamkeit.
V 2 Eine persönliche BITTE stellt den Bittsteller unter den, der helfen könnte – und gewinnt so leichter dessen Herz, als es mit theologischen Argumenten möglich wäre (s. auch Joh 4, 7).
„Dieselbe Liebe“ = die göttliche Liebe (agape). Sie entsteht nicht aus sympathischer Anziehung oder erotischer Zuneigung, sondern gründet sich auf einer Hingabe bis zur Aufopferung (s. Jesus am Kreuz).
Dazu gehört der WILLE, den anderen zu lieben, wie Gott ihn liebt. Gefühle schaffen das nicht.
Christliche Liebe ist HINGABE, die willentlich geschieht und dann auch Herz und Verstand prägt.
„Eines Sinnes“, wörtl. „einträchtig dasselbe denkend“ lässt jedem seine persönliche Gedankenfreiheit (5), konzentriert aber alles Denken, Dichten und Trachten auf Jesus Christus, weil die Liebe Gottes in die Herzen der Jesusleute ausgegossen ist (Rö 5, 5).
Der Wunsch, EINMÜTIG (griech. sym-psychoi) zu leben, führte in Jahrtausenden zu den verschiedensten Versuchen, im Rückzug aus der kaputten Welt eine „heilere“ zu planen. (6) Aber die Fußwaschung (Jo 13, 14) lässt sich im stillen Kämmerlein kaum durchführen.
V 3 „Die alten Todfeinde der Gemeinschaft leben auch in wiedergeborenen Herzen weiter und kommen immer wieder ans Licht: Eigensucht (1, 17) und Geltungsdrang.“ (Werner de Boor).
„Vor zwei Dingen hüte dich : Menschenfurcht und Menschengefälligkeit! “ (Ernst Modersohn).
Die Demut ist frei vom Ich, sachlich in Erkenntnisfragen und gelenkt durch Gottes Liebe. (7) Sie ist das Maschinenöl, das Reibung und Heißlaufen nicht nur in geschwisterlichen Beziehungen verhindern kann.
Demut ist keine übliche, praktisch erreichbare Tugend, sondern ein Geschenk Gottes, für jeden zu haben (Mt 11, 28).
Prälat Oetinger: „Nichts als dein himmlisches Licht zeigt uns, dass wir von Natur aus so hochmütig und stolz sind.“
Martin Luther stellt in einer Predigt über das Evangelium vom Pharisäer und Zöllner den offensichtlichen Sünder als „Meister und Doktor“ vor.
Demut und Weisheit sind Geschwister, aber sie vertragen sich nicht ohne GEHORSAM dem Wort Gottes gegenüber (s. V 2). Deshalb bittet Salomo vor Amtsantritt um ein gehorsames Herz (1. Kö 3, 9) – und erhält Weisheit.
Demut ist überwundene Eitelkeit. Paulus warnte davor, „um Zank und eitler Ehre willen“ (1, 15) Gott dienen zu wollen. (8) (9) (10)
V 4 In der Welt herrschen Angst vor dem Anderen und die eifersüchtige Bewahrung eigener Interessen: Ich-AGs. In der Gemeinde ist nicht mehr „jeder sich selbst der Nächste“, denkt zuerst an sich und sieht die Förderung des Nächsten als eine Dienstleistung.
Paulus erwartet keine Vernachlässigung der eigenen Angelegenheiten, sondern schlägt AUCH den hilfsbereiten Blick auf das des Anderen vor.
„Ein Jeder“ meint mehr als ein paar treue, tragwillige, immer bereite „Lasttiere“ unter den Gemeindegliedern,
ebenso wenig eine Mentalität des Sich-bedienen-Lassens. (11) Wenn Jeder an den Anderen denkt, kommt keiner zu kurz.
In den vier Versen scheint durchgängig das Vorbild Jesu durch und wird in V5 deutlich benannt. Der stärkste Antrieb für das Miteinander in der Gemeinde ist dieser Blick auf Jesus und das immer neue Beschenkt-Werden durch ihn.
Gliederungsvorschlag 1 (nach Gottfried Voigt)
Christen werden
1. das Eine bedenken,
2. den anderen achten,
3. das des anderen wichtig nehmen.
Gliederungsvorschlag 2 (nach Paul Murdoch)
1. Dieselbe Liebe habend
2. Einmütig seiend
3. Das Eine denkend
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Fußnoten
(1) Unzählige Beispiele finden sich auf Friedhöfen bei Kondolenzbezeugungen durch Nicht-Christen.
(2) Menschliche Kontakte KANN man fördern, aber letztlich nicht optimieren: Gemeinsam singen, den Nachbarn im Gottesdienst per Handschlag begrüßen, beim anschließenden Mittagessen beisammen sitzen. Das machen Sport- und Heimatvereine ähnlich.
(3) Die Aktionäre einer Firma sind selten „ein Herz und eine Seele“, aber wenn es um gemeinsame Anliegen geht…
(4) Bis heute orientieren sich einschlägige Beschreibungen im Bauchraum: Das schlimme Gefühl im Bauch – schlägt auf den Magen – geht an die Nieren – lässt die Galle hochkommen, usw.
(5) Machtmenschen wollen gleichschalten. Dagegen sagt Marquis Posa in Schillers Don Carlos (3, 10): „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!!“.
(6) Zur Zeit Jesu hatten sich Essener abgesetzt, um die Reinheit vor Gott zu praktizieren. Mönchsorden schotteten sich ab, Laienorden ähnlich. Die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ schlossen sich vor der Reformation zusammen. Separatisten wollten die Welt meiden und trennten sich oftmals gleich auch von denen, die in Erkenntnisfragen anderer Meinung waren. Christlich geprägte Völkergruppen wanderten aus, – nicht zu verwechseln mit verfolgten, verjagten Christen, wie den Salzburgern oder Hugenotten.
(7) Adolf Schlatter: Paulus redet nicht von einer unwahren Höflichkeit, die den Schwachen wie einen Helden preist und den, der nicht regieren kann, in Ämter stellt. Da wäre ja wieder die Eitelkeit zur Herrschaft über die Gemeinde gebracht… Wer mit der vollen Hingabe seiner ganzen Kraft als der Letzte in der Gemeinde steht, wird auch, wenn er als Erster handeln muss, dies mit derselben Treue tun.“
(8) Randfragen:
Welches erfahrene Gemeindeglied weiß kein Lied vom eigenen und fremden Gekränkt- und Beleidigtsein zu singen?
Wie reagiert der Verkündiger, wenn ihm jemand am Ausgang sagt, dass das heute nix war? – und wie der altgediente Leiter, der hört, dass er nicht mehr die „erste Geige“ spielen sollte?
(9) Ein junger Mann begegnet seinem Rabbi und fragt: „Warum haben früher so viele Leute Gott gesehen und erlebt – warum heute nur so wenige?“ Der Rabbi: „Weil sich heute niemand mehr tief bücken will.“
(10) Pfr. Otto Riethmüller (1889-1938), u. a. Jugendpfarrer, schreibt in der Hakenkreuz-Zeit: „Ein festes Herz ist ein Geschenk aus einer festen Burg. Nicht auf die ERfolge, auf die NACHfolge kommt es an. Das Kreuzeszeichen bleibt das Vorzeichen. Gottes Siege sehen vor der Welt oft aus wie Niederlagen. Demütigungen und Anfechtungen sind aber auch Geschenke Gottes. Wenn er uns demütigt, macht er uns stark und Anfechtung lehrt aufs Wort merken.“
(11) In lebendigen Gemeinden mit anziehender Atmosphäre fühlen sich auch psychisch Angeschlagene wohler, als unter Menschen, die auf dieselbe Weise gehandicapt sind. Das spricht FÜR dieses Gemeindeleben, erhöht aber auch deutlich die Anforderungen. Ziel des Einzelnen kann nicht nur das Element des Versorgt-Werdens sein, sondern bezieht auch ihn selbst ein: „Das tat ich für dich. Was tust du für mich?“