Monatsthema: Der Lebensstil Jesu
Predigtthema: Glückselig leben – trotz Ärger?
Bibelstelle: Matthäus 5, 21-26
Verfasser: Thomas Richter
Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren.
1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG
Nachdem in Mt 5,17-20 die ganz grundsätzliche Haltung aufgezeigt wurde, die es gegenüber dem Wort Gottes einzunehmen gilt, werden nun Einzelaspekte beleuchtet und aufgezeigt, wie das Wort Gottes nun in einem messianischen Horizont konkret auszulegen und anzuwenden ist, im Unterschied zu den Pharisäern und Schriftgelehrten. Das erste Thema, das aufgegriffen wird ist der „Umgang mit dem Zorn“, der auf dem Hintergrund des fünften Gebotes (nach luth. Zählung) konkretisiert wird (Mt 5,21-26). Die „ich aber sage euch“ – Aussagen Jesu stehen nicht im Kontrast zum göttlichen Gesetz, sondern stehen im Kontrast zur menschlichen Gesetzesauslegung. So ergibt sich zu Mt 5,21-26 aus inhaltlicher Hinsicht folgendes Predigtthema: „Glückselig leben – trotz Ärger?“ Auch wenn das Predigtthema in eine Frage gekleidet ist, so ergibt sich aus dem Monatsthema („Lebensstil Jesu“) eine bejahende Antwort auf die Frage: Wo wir durch und im Lebensstil Jesu leben, da kann man glückselig leben, auch wenn man mit Ärger oder Zorn konfrontiert wird.
2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN
Vom 03.-05.01.2010 findet in Friolzheim ein Heilsgeschichteseminar statt, das sich vor allem mit der Auslegung und Anwendung der Bergpredigt beschäftigt (siehe Leuchtfeuer 2010 auf S. 50). Dieses Seminar mit Dr. Schwarz von der FTH Gießen sollte man sich nicht entgehen lassen.
Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B.
* Fritz Grünzweig. Die Bergpredigt: Antworten auf Fragen von heute. Hänssler, 1985 (S. 85-92).
* Gerhard Maier. Matthäus-Evangelium 1.Teil. Edition C-Bibelkommentar 1 (S. 152-161).
* D. Martyn Lloyd-Jones. Bergpredigt Bd. 1: Predigten über Matthäus 5,3-48. 2. Aufl. Friedberg: 3L-Verlag, 2003 (S. 251-274 – sehr empfehlenswert).
Zum Predigteinstieg: „Ein kleines Mädchen, das für die Schule einen Aufsatz schreiben musste, kam zu ihrem Vater und fragte: ‚Papa, was ist der Unterschied zwischen Wut und einem solchen Ärger, der einen zur Verzweiflung bringt?‘ Der Vater antwortete: ‚Der Unterschied liegt vor allem im Grad der Verärgerung. Komm, ich zeig’s dir!‘ Mit diesen Worten ging der Vater zum Telefon und wählte willkürlich irgendeine Nummer. Zu dem Mann am anderen Ende der Leitung sagte er: ‚Hallo, ist Melvin zu Hause?‘ Der Mann antwortete: ‚Es gibt hier keinen Melvin. Warum lernen Sie nicht, im Telefonbuch nachzuschauen, bevor Sie eine Nummer wählen?‘ ‚Siehst du‘, meinte der Vater zu seiner Tochter. ‚Dieser Mann war nicht sonderlich erfreut über unseren Anruf. Vermutlich war er gerade sehr beschäftigt, und wir haben ihn verärgert. Und jetzt pass auf!‘ Der Vater wählte noch einmal dieselbe Nummer. ‚Hallo, ist Melvin zu Hause?‘ fragte der Vater. ‚Jetzt hören Sie mal zu‘, ertönte die gereizte Antwort. ‚Sie haben soeben schon einmal diese Nummer gewählt, und ich sagte Ihnen, dass es hier keinen Melvin gibt! Sie haben ganz schön Nerven, hier noch einmal anzurufen!‘ Hart wurde der Hörer auf die Gabel geknallt. Der Vater wandte sich an seine Tochter und sagte: ‚Siehst du, das war Wut. Und nun zeige ich dir, was es heißt, jemanden zur Verzweiflung zu treiben.‘ Noch einmal wählte er dieselbe Nummer, und als eine aggressive Stimme ‚Hallo!‘ brüllte, sagte der Vater ganz ruhig: ‚Hallo, hier ist Melvin. Hat irgendjemand für mich angerufen‘?“ (Gumbel, Herausfordernder Lebensstil, S. 55f).
Das Leitthema klingt in V. 22 an, es geht um den Zorn („orgitzomai“ = zornig werden / sein; zürnen). Für Jesus ist der Zorn die Wurzel von Mord und aus diesem Grund spricht er zuerst die Auswirkungen des Zorns an (V. 21f), konkretisiert was zu tun ist, wenn wir Zorn wahrnehmen (V. 23f) und beschreibt einen Weg zur Überwindung des Zorns (V. 25f). Nachdem Jesus bei den eigenen mörderischen Taten und Gedanken des Zorns eines Menschen beginnt (V. 21f), geht er auf die Erkenntnis des Zorns beim „Bruder“ ein (V. 23f), um abschließend die Überwindung des Zorns beim „Feind bzw. Widersacher“ zu veranschaulichen (V. 25f). Der Umgang mit dem Zorn wird also immer konkreter, aber der Wirkungskreis wird immer weiter und herausfordernder.
A) Die Folgen des Zorns (V. 21f)
„Der Herr sagt: ‚Ihr habt gehört, dass von den Alten gesagt wurde: ,Du sollst nicht töten‘, wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.‘ Es ist nun sehr wichtig, die Materie richtig anzugehen. ‚Du sollst nicht töten‘ ist eines der Zehn Gebote. Wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten dieses Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ lehrten, dann lehrten sie doch das Gesetz, oder nicht? Welche denkbare Kritik könnte man in diesem Fall gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten anführen? Das sind doch unsere ersten Gedanken und Fragen, nicht wahr? Die Antwort lautet, dass sie etwas hinzugefügt haben. ‚Du sollst nicht töten‘, wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.‘ Aber, so mag jemand einwenden, genau das steht doch auch im Gesetz: ‚Wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.‘ Und es stimmt, das Gesetz sagt dies – und zwar in 4Mose 35,30f: ‚Wer einen Menschen erschlägt, den soll man töten auf den Mund von Zeugen hin … er ist des Todes schuldig und soll des Todes sterben.‘ Was ist also an dieser Aussage falsch? Nun, indem die Pharisäer diese beiden Dinge nebeneinander stellten, entschärften sie die Forderung des Gesetzes. Dieses ‚Du sollst nicht töten‘ reduzierten sie auf die reale Tat eines Mordes. Indem sie diesen zweiten Satz direkt anfügten, schwächten sie das ganze Gebot ab. Ihr nächster Fehler bestand darin, dass sie die Strafe, die mit diesem Verbot verbunden war, zu einer bloßen Bestrafung durch die zivile Gerichtsbarkeit begrenzten und reduzierten. ‚Wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.‘ Mit ‚Gericht‘ ist hier das Zivilgericht gemeint. Ihre Lehre lautete also lediglich: ‚Du darfst niemanden ermorden, denn sonst wirst du vom Zivilgericht bestraft werden.‘ Das war ihre ganze und umfassende Auslegung diese großen Gebotes ‚Du sollst nicht töten‘. Mit anderen Worten, sie hatten es seines wirklich wichtigen Inhalts beraubt und auf den Einzelfall Mord reduziert. Weiter bleibt bei ihnen das Gericht Gottes unerwähnt. Wichtig scheint ihnen nur das Urteil des lokalen Gerichts zu sein. Sie machten aus dem allen eine rein rechtliche Frage; eine Frage des Buchstabens, der besagt: ‚Wenn du einen Mord begehst, dann folgen gewisse Konsequenzen.‘ Infolge dessen fühlten sich die Pharisäer und Schriftgelehrten bei diesem Gebot recht wohl, solange sie nicht eines Mordes schuldig wurden. Natürlich war es auch für sie eine schreckliche Sache, wenn jemand einen Mord beging. Und hatte jemand eine solche Tat begangen, dann sollte er vor Gericht gestellt und ein angemessenes Urteil ausgesprochen werden. Solange aber jemand keinen Mord begangen hatte, war alles in bester Ordnung. Er konnte sich diesem Gebot stellen und gelassen sagen: ‚Ich habe das Gesetz gehalten und erfüllt.‘ ‚Nein!‘, sagt unser Herr, ‚gerade hier könnt ihr sehen, dass die ganze Vorstellung von Gerechtigkeit und Gesetz, die die Lehre der Pharisäer und Schriftgelehrten ausmacht, zu einem völligen Zerrbild verkommen ist. Sie haben das Gesetz solange abgeschwächt und eingeengt, dass es in der Tat nicht länger das Gesetz Gottes ist. Es vermittelt nicht mehr den ausdrücklichen Befehl, den Gott im Sinn hatte, als er dieses Gesetz verkündete. Sie haben es schlicht und einfach und sehr praktisch auf Normen und Vorschriften reduziert, die darauf abzielten, sie mehr oder wenig glücklich zu machen. Darum konnten sie von sich sagen: Wir haben das Gesetz vollkommen gehalten‘.“ (Lloyd-Jones. Bergpredigt Bd. 1, S. 264f). Wenn die Weisung Gottes besagt: „Du sollst nicht töten“, dann bedeutet das mehr als nur: „Du sollst keinen Mord begehen“. Von Mord kann nicht erst gesprochen werden, wenn die Tat geschehen ist, sondern es gilt zu beachten: „Als in Kains Herzen Zorn entbrannte, war der Mord nicht mehr fern“ (Philip Henry). Jesus geht es nicht nur im die Wirkung, die Tat, sondern um die Ursache, die zur Tat geführt hat (z.B. ein Mord).
Ist Zorn immer falsch? Grundsätzlich gilt: Vgl. 2Mose 34,6 mit Jak 1,19. Kennzeichnend für die Haltung des Herrn ist: Lk 23,34; 1Petr 2,23. Das heißt aber nicht, dass Jesus nicht auch wie folgt handeln konnte: Mt 21,12f; Mk 3,1-5; Mk 7,18.
Im Hinblick auf den Zusammenhang mit dem Thema Mord ist zu beachten: Vgl. 1Mose 4,9+13; 9,6; Joh 8,44 mit Mt 15,19; Röm 1,28-31; 1Joh 3,15.
„Es gibt zwei griechische Wörter für ‚Zorn‘. Das hier verwendete Wort bedeutet ‚lange gehegter Zorn‘, der Zorn eines Menschen, der seine Wut gepflegt hat, um sie lebendig zu erhalten. Es bedeutet ‚Zorn, der vor sich hinbrütet, der sich nicht besänftigen lassen will und auf Rache sinnt‘. Jesus erklärt uns deutlich, dass man diese Art von Zorn vielleicht nicht in einem menschlichen Gerichtshof untersuchen kann, dass wir uns aber im himmlischen Gericht dafür verantworten müssen“ (Gumbel, Herausfordernder Lebensstil, S. 61).
Die Abwärtsspirale der Sünde:
V. 22a: Sünde und die Gefahr des Zorns
V. 22b: Sünde und die Gefahr der Verleumdung
V. 22c: Sünde und die Gefahr der Verachtung
B) Die Erkenntnis des Zorns (V. 23f)
V. 23f bildet nun eine Schlussfolgerung aus V. 21f. Hier gilt es genau auf den Buchstaben (= Wortlaut) zu achten, damit man auch den Geist (= Bedeutung) der Worte Jesu erfassen kann. Es heißt hier nicht: „Wenn du dich erinnerst, dass du etwas gegen deinen Bruder hast“, sondern es heißt: „Wenn du dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat“. Der Grundgedanke ist: Wenn es dem Willen Gottes entspricht, sich nicht auf Mord und mörderische Gedanken einzulassen, dann entspricht es auch dem Willen Gottes, andere davor zu bewahren, sofern es einem möglich ist. Darin zeigt sich die Liebe zum Bruder, dass wir versuchen, ihm aus zerstörerischen (= mörderischen) Gedanken heraus zu helfen.
Dass zum Gottesdienst immer die innere Anteilnahme und nicht nur die äußere Teilnahme gehört zeigt: Jes 1,11+16f; 58,5-7; Hosea 6,6
C) Die Überwindung des Zorns (V. 25f)
Entsprechend dem Lebensstil Jesu geht es nun um das Anliegen der Versöhnung. Hierin mündet die Auslegung und Anwendung des Gesetzes durch Jesus ein (vgl. 2Kor 5,14-21).
„Ich habe es mir angewöhnt: Wenn ich meine einen berechtigten Zorn auf andere Menschen zu haben und darüber nicht hinwegkomme, lese ich die Kreuzigungsgeschichte nach dem Johannesevangelium von A bis Z durch und bitte Gott darum, dass er mich lehrt, mein kleines Herz an seine großen Maßstäbe zu gewöhnen. Dass er mich zurechtrückt und mich reinigt von meinen Empfindlichkeiten, damit ich bereit werde zur Aussprache und Versöhnung“ (Teschner, Entscheidung Nr. 169, H. 1/1992, S. 22).
3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT
Unsere Predigtübersicht 2010 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Zorn“. Bei allen Überlegungen sind Röm 12,18; Eph 4,26 und Hebr 12,14f im Blick zu behalten und zu berücksichtigen. Es geht nicht nur darum, nicht zu morden (als Tat), sondern auch nicht in Gedanken bzw. solche bei anderen zu provozieren bzw. zu nähren. Im Hinblick auf den Umgang mit dem Zorn ist die Blickrichtung zum einen auf einen selbst, auf den Nächsten und auf die Gegner gerichtet.
Als Leitlinie zum Handeln zeigt uns Jesus: Vermeide Zorn bei dir – bewahre andere vor Zorn auf dich – verzichte um des Zornes beim Gegner willen. Den rechten Umgang mit dem Zorn lernt man nur durch und im Lebensstil Jesu (= Monatsthema).
4. PREDIGTGLIEDERUNG
Glückselig leben – trotz Ärger?
a) Folgen des Zorns (V. 21f)
b) Erkenntnis des Zorns (V. 23f)
c) Überwindung des Zorns (V. 25f)
oder in Anlehnung an Horst-Armin Eickel:
a) Hier geht es um das Gebot
b) Hier geht es um unser Herz
c) Hier geht es um unser Leben