Johannes

Predigthilfe vom 22.4.2011 – Johannes 19,1-30

Monatsthema: Wege zum Kreuz Jesu
Predigtthema: Glaube konkret – für alle

Bibelstelle: Johannes 19,1-30

Verfasser: Thomas Richter

Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren.

1. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT

Predigtanlass ist der Gottesdienst an Karfreitag mit dem Schwerpunkt der Kreuzigung Jesu. Im April haben wir uns bisher auf dieses Ereignis vorbereitet, indem wir die Wege Jesu zum Kreuz (= Monatsthema) betrachten und dabei entdecken, welche Bedeutung für unseren Glauben darin liegt. Dabei haben wir bisher den Schwerpunkt auf eine biographische Betrachtungsweise gesetzt und gefragt, was wir über Jesus und uns erfahren haben. Was am Kreuz geschehen ist, das geht uns alle an (= Predigtthema). Von daher wollen wir durch Joh 19,1-30 (= Predigttext) aufzeigen, was am Kreuz durch Jesus geschehen ist. Allerdings gilt es zu beachten, dass nicht nur Jesus am Kreuz hing, sondern das wir mit ihm gekreuzigt werden (vgl. Gal 2,19f; 6,14; Röm 6,5f; Kol 2,20; 3,3f; 1Petr 2,21-25).

Für die Textlesung bietet die „Neue Genfer Übersetzung“ eine gut verständliche, lesbare und zuverlässige Übersetzung unseres Predigttextes (www.ngue.info). Auf Grund der Länge des Predigttextes ist evtl. eine Begrenzung auf Joh 19,16-30 hilfreich.

2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B.
* Gerhard Maier. Johannesevangelium 2. Teil – Edition C Bibelkommentar 7 (S. 281-318).
* Werner de Boor. Das Evangelium des Johannes 2. Teil – Wuppertaler Studienbibel (S. 198-220).
* John Heading. Johannes. Was die Bibel lehrt Bd. 4. (S. 384-402).

Hilfreiche Textanmerkungen für die Verkündigung enthält der Predigttipp für den 06.04.2007 zu Joh 19,16-30 von Eckhard Löffler (siehe unter www.wbb-online.de/pt).

Zur Beschäftigung mit dem Predigttext hilft auch das Anhören (im Sinne von Apg 17,11b) der Predigten von Winrich Scheffbuch vom 05.04.1996 mit dem Titel „Es ist vollbracht“ (Joh 19,16-30), vom 08.04.1990 mit dem Titel „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30), vom 24.03.1989 mit dem Titel „Siegeszeichen des Lebens“ (Joh 19,17-30) und vom 28.03.1982 mit dem Titel „Unter dem Kreuz“ (Joh 19,25-27). Diese Predigten findet ihr unter www.sermon-online.de, wenn ihr unter „erweiterte Suche“ die Felder „Bibelstelle“ [z.B. Johannes 19] und „Autor“ [z.B. Winrich Scheffbuch] ausfüllt.

3. PREDIGTVERANSCHAULICHUNGEN

„Eine große Menschenmenge drängt sich neugierig um drei aufgerichtete Kreuze. Drei Verbrecher sollen hingerichtet werden, und jeder in der Stadt weiß, um wen es sich handelt, Einer von ihnen ist Jesus von Nazareth, der »Judenkönig«. In Scharen strömen die Menschen dem Hügel Golgatha zu. Der Bürgermeister, der Stadtdirektor, der ganze Stadtrat gibt sich ein Stelldichein. Auch geladene Gäste sind dabei: der Direktor der Stadtwerke, der Chef der Brauerei, der Pfarrer, der Vorsitzende des CVJM, die Leiterin des Frauendienstes, der erste Vorturner, der Leiter der Deutschen Bank, zwei Staatsminister und wahrscheinlich noch mehr. Aber die kann ich im Augenblick nicht sehen. Jetzt geht ein Geraune durch die Menge, die eine breite Gasse bildet. Und durch diese Gasse kommt er. Ich sehe ihn, und es versetzt mir einen Stich. Ich müsste jetzt hervortreten, müsste rufen: Das könnt ihr doch nicht machen! Ihr könnt doch nicht einen Mann umbringen, der so viel Gutes getan hat! Das ist doch Jesus, den ihr alle kennt! Aber nichts. geschieht. Ich bleibe ruhig da stehen, wo ich stehe, und sehe ihn immer näher kommen. Die Dornen drücken sich in seine Kopfhaut, Blut läuft ihm übers Gesicht. Er ist fertig. Da nimmt ihm einer das Kreuz ab. Aha, der Simon aus der Bahnhofstraße. Na, der kann das ja auch, denn er ist kräftig. Doch ich fange an, mich zu schämen und an Simons Stelle zu wünschen. Hätte ich nicht …? Sie gehen an dem Platz vorüber, an dem ich stehe. Er schaut zu mir herüber. Er hat mich gesehen. Jetzt weiß er, dass ich nichts für ihn getan habe; dass ich nur gekommen bin, um mir das Schauspiel anzusehen; dass ich nicht einmal einen Krug Wasser mitgebracht, dass ich ihn nicht gegrüßt habe. Vorbei. Zu spät. Er ist vorübergegangen, und alles nimmt seinen Lauf. Vorbei, denke ich. Er weiß nicht einmal, dass ich nicht mitgerufen habe: »Kreuzige ihn!«; dass ich immer für ihn war, aber zu einer kleinen Minderheit gehörte; dass ich ihn gern besucht hätte – aber meine Angst, bei ihm gesehen zu werden, war größer. »Und das Volk stand und sah zu« (Lk 23,35). Wenn Jesus von Nazareth heute in unserer Stadt gekreuzigt würde, es würde genauso sein. Würde das Volk nicht auch dort stehen und zusehen? Es wird schon so sein: Die Christen heute sind keinen Deut besser als die Leute damals. Es ist beschämend. Aber es ist auch tröstlich, Denn gerade für solche Leute, für Leute wie Sie und mich, ist er gestorben. »Herr, du hast vollbracht, was noch kein Mensch vor dir vollbracht hat. Deine Wunden sind unser Heil. Wir wollen dir danken, indem wir uns nicht schämen, zu dir zu gehören. Amen.« Was ist vollbracht? Jesus ist umgebracht. Der Unschuldige ist tot, die Schuldigen sind frei und ledig. Aber Hand auf’s Herz, geht uns das noch an die Nieren? Ist dieser Anblick nicht nur ein Ausschnitt aus unserer Welt? Das Kreuzigungsbild ist modern. Die einen sagen: Das ist der Judenkönig? Das ist das Zeichen des Sieges? Dass wir nicht lachen! Wir haben eine Sichel auf der Fahne! Wir haben einen Halbmond auf der Fahne! Wir haben Sterne auf der Fahne. Und ihr? Wirklich ein Kreuz, ein Schandpfahl, ein Exekutionsinstrument? Die anderen würfeln. Sie spielen um das große Los. Ob es der lederne Würfelbecher in der Hand römischer Soldaten ist, oder ob es der Tippschein in der Brieftasche unserer Zeitgenossen ist: immer geht es um den großen Schnitt, der dies Leben mit einem Schlag verändern könnte. Die dritte Gruppe hat Mitleid. Sie gibt ihm einen Essigschwamm, ein kleines Opfer, eine Ehrenbezeugung, ein paar Krokodilstränen, mehr nicht. Trotzdem: Auch wenn es um einen Ausschnitt aus unserer Welt geht, so geht es doch um einen Abschnitt in der göttlichen Welt. Auch wenn es für uns den Anschein der Alltäglichkeit gewinnt, so ist es doch für Gott eine Tat der Einmaligkeit. Hier stirbt nicht irgendeiner, sondern ein gewisser. Hier verblutet nicht eines Menschen Sohn, sondern Gottes Sohn, Jesus Christus, der Welt Heiland. Wohl ist er umgebracht, aber nicht erledigt. Das Kreuz wurde zum Höhepunkt, aber nicht zum Schlusspunkt. An ihm scheiden sich die Geister. An ihm muss sich jeder Geist entscheiden. Auch du!“ (Konrad Eißler).

Hilfreiche Veranschaulichungen für die Predigt bietet Wilhelm Busch. Gegenstände der Passion: Anschauungsunterricht über das Leiden Christi. Wilhelm Busch Bibliothek 2. Neukirchen-Vluyn: Aussaat, 2006. S. 126-133 + 134-140 + 156-163 + 164-171 + 179-186 + 195-202 (Kostenloser Download unter http://www.clv-server.de/pdf/255681-02.pdf).

„Ein alter Organist pflegte vor Trauungen kirchenfremder Paare zu sagen: ‚Die wollen nur Ohrwürmer‘. Dann zog er alle Flöten- und Schalmeienregister, setzte den Zimbelstern in Bewegung und griff voll in die Tasten. Aus dem Pfeifenkasten floss förmlich der Schmalzstrom des Ave Maria hinunter ins Kirchenschiff und ließ die Hochzeitsgesellschaft in diesem Fetttiegel der Seligkeit baden. ‚Die wollen nur Ohrwürmer!‘ hätte Paulus vom staunenden Predigtpublikum sagen können. ‚Die wollen nur Schalmeientöne von lieblichen Hirten auf dem Bethlehemer Feld. Die wollen nur Zimbelsterne von kamelreitenden Königen des Morgenlandes. Die wollen nur Schmalzströme des himmlischen Jerusalems, wo Milch und Honig fließt. Die wollen nur die Insel der Seligkeit, wo man den Reigen seliger Geister tanzt‘. So war es doch. Anfangs spitzten sie die Ohren, wenn er von einem Herrn redete, der wie ein Baby in der Wiege lag. Aber dann hielten sie sich die Ohren zu, wenn er von diesem Herrn sagte, dass er wie ein Verbrecher am Fluchholz verendete: ‚Das ist Beleidigung für unsere Ohren! Das ist ein Skandal‘! In der Tat ist das Wort vom Kreuz kein Ohrwurm. Das Evangelium klingt nicht wie das Ave Maria in der Kirche. Die Dissonanz von Golgatha kann nicht einfach in eine Harmonie aufgelöst werden. Dieser Schrei ‚Es ist vollbracht‘! will nämlich durch die Ohren ins Herz. Durch das Herz soll es uns gehen, dass die Schuld bezahlt ist und keine unbezahlten Rechnungen mehr offen stehen. Im Herzen sollen wir es haben, dass dem Tod heimgezahlt ist und keine Todesfurcht mehr grassieren darf. Von Herzen sollen wir es glauben, dass uns nichts mehr scheiden kann von der Liebe in Jesus Christus“ (Konrad Eißler).

4. PREDIGTGLIEDERUNG

Das Kreuz – Richtpunkt des Lebens:
a) Neue Lebensgemeinschaft
b) Neue Lebenserfüllung
c) Neue Lebensperspektive

bzw.
a) Ein Ausspruch der Fürsorge – das Kreuz ist das Ende der Beziehungslosigkeit
b) Ein Ausdruck der Anteilnahme – das Kreuz ist das Ende der Gottverlassenheit
c) Ein Ausruf des Sieges – das Kreuz ist das Ende der Hoffnungslosigkeit

bzw.
a) Jesus trägt das Kreuz
b) Jesus spricht vom Kreuz
c) Jesus stirbt am Kreuz

oder nach Gottfried Voigt
Das Geschehen des Karfreitags:
a) die Vollendung des Planes Gottes
b) die Verherrlichung des Sohnes Gottes
c) die Errettung des Volkes Gottes