Monatsthema: Kurs halten in stürmischen Zeiten
Predigtthema: Auf Kurs bleiben – trotz Unverständnis
Bibelstelle: Apostelgeschichte 18, 18-28
Verfasser: Thomas Richter
Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und das Studieren von Bibelkommentaren.
1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG
Der Predigttext (Apg 18,18-28) beschreibt das Ende der zweiten und den Beginn der dritten Missionsreise. Auf der einen Seite wird uns die Notwendigkeit der Dienstkontinuität vor Augen geführt (am Beispiel des Paulus) und auf der anderen Seite wird uns die Notwendigkeit der Dienstunterstützung vor Augen geführt (am Beispiel von Aquila + Priszilla und von Apollos). Beides ist nötig, dass das Evangelium verkündigt und ausgebreitet werden kann. Aber damit wir auf diesem Kurs bleiben können, müssen wir lernen, Unverständnis zu überwinden (= Predigtthema). Hierbei ist zu beachten, dass wir immer als „Lernende“ (= Jünger) mit dem Herrn auf seinem Weg gehen.
2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN
Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B.
* Werner de Boor. Die Apostelgeschichte. Wuppertaler Studienbibel. 7. Aufl. Wuppertal: R. Brockhaus, 1980. S. 332-340.
* Heinz-Werner Neudorfer. Apostelgeschichte 2.Teil. Edition C-Bibelkommentar Bd. 9. Neuhausen: Hänssler, 1990. S. 178-188.
* Alfred Christlieb. Der Apostel Paulus. Herausgegeben von Arno Pagel. 7. Aufl. Lahr: VLM, 1996. S. 229-238.
Zur Vorbereitung der Predigt empfehlen wir das Anhören (im Sinne von Apg 17,11b) der textbezogenen Predigt mit praktischen Anwendungen von Wolfgang Nestvogel mit dem Titel „Einsatz in Ephesus“ (Predigt vom 17.01.2010 unter http://begh.podspot.de/?page=5).
A) Paulus bleibt auf dem Weg (V. 18-23)
V. 18-21: „Es gab bei den Israeliten mancherlei Gelübde, welche im Alten Testament häufiger erwähnt werden (4Mose 30; 3Mose 27,2-25; 5Mose 23,22-24). Welcher Art das Gelübde des Paulus war, ob es einem Nasiräatsgelübde ähnlich war, wie manche glauben, (4Mose 6), wissen wir nicht. Wir wollen uns deshalb an die einfache Tatsache halten, dass Paulus ein Gelübde getan hatte und dasselbe hier erfüllte. Auch für uns gilt es treu zu sein in dem, was wir Gott gelobt haben […]. Wenn wir in schwerer Krankheitszeit oder in drohender Gefahr für unser eigenes oder unserer Angehörigen Leben oder bei drohendem Verlust unseres Eigentums das Gelübde irgendeiner besonderen Dankbarkeit getan haben, so lasst uns nicht verziehen, dasselbe einzuhalten. Jakob erfüllte sein Gelübde, das er nach dem Traum von der Himmelsleiter getan hatte (1Mose 28,20-22). Er zog wieder nach Bethel und baute dort seinen Altar (1Mose 35,1-7). Hanna brachte ihren Samuel zum Dienst in die Stiftshütte, wie sie es gelobt hatte, obwohl sie sicherlich in ihrer Mutterliebe dieses Kind gern bei sich behalten hätte (1Sam 1,11+27f; vgl. Ri 11,30-39). Auch Paulus handelte in Kenchreä nach seinem Gelübde. Nur in einem Fall haben wir unser Gelübde nicht zu halten: Wenn dasselbe einem klaren Wort oder Willen Gottes zuwider ist, dann sind wir nie und nimmer an dasselbe gebunden […]. Während Paulus an vielen Orten in den Synagogen mit den abscheulichsten Verwünschungen überhäuft wurde, bat man ihn in der Synagoge zu Ephesus, er möge doch noch länger dableiben. Wie wohltuend muss dem Apostel diese Bitte gerade in der Synagoge gewesen sein!
* Die Veranlassung dieser Bitte: Paulus hatte trotz aller bösen Erfahrungen, die er immer wieder in den Synagogen gemacht hatte, auch trotz der üblen Behandlung an seinem letzten Wirkungsort Korinth (V. 4-6) dennoch sich in Ephesus gleich wieder in dieses gottesdienstliche Haus seines Volkes begeben und dort geredet. Alle früheren und die zuletzt neu hinzugekommenen Kränkungen hatten ihn nicht aus der Liebe herausbringen können. Seine Geduld war wohl auf harte Proben gestellt worden. Aber er hatte in diesen Proben durchgehalten. Mancher wäre an seiner Stelle nicht mehr in die Synagoge gegangen. Aber Paulus ließ sich nicht erbittern, sondern hoffte und liebte weiter. Solche Liebe gewinnt die schönsten Siege im Reich Gottes. Durch sie kam es zu dieser Bitte in Ephesus. Vielleicht bringen wir uns um manche köstliche Erfahrung und manchen lieblichen Sieg durch unsere Ungeduld und unseren Mangel an Liebe, weil wir uns nach erfahrenen Kränkungen so schnell zurückziehen. Wollen wir liebliche Erfahrungen machen, so lasst uns von der ausdauernden Liebe des Paulus etwas lernen. Die stammt aus Jesu Liebe.
* Die Bedeutung dieser Bitte: Es ist für die Freunde des Reiches Gottes wichtig, dass sie die Kennzeichen einer herannahenden göttlichen Erweckungs- und Gnadenzeit nach der Schrift erkennen und solche Zeit benutzen lernen. Ephesus stand vor einer (in Apg 19 beschriebenen) großen Erweckung. Wo zeigt sich die erste Spur dieser anbrechenden Zeit? Wir sehen sie in der hier ausgesprochenen Bitte (‚sie baten ihn, dass er längere Zeit bei ihnen bliebe‘), die uns ein wenig in die Herzen jener Zuhörer hineinblicken lässt. In dem starken Verlangen nach der lauteren Speise des göttlichen Wortes merken wir zuerst das gute Ackerland für den Samen des Evangeliums. Paulus wird in der Bitte jener Epheser einen göttlichen Hinweis zur Missionsarbeit in dieser Stadt erkannt haben. Wenn er auch sein klar erkanntes Ziel der Heimreise nicht aufgeben konnte und durfte, so war ihm doch für die Zukunft ein Arbeitsfeld gezeigt worden, dem er möglichst bald zustrebte.
* Die Beantwortung dieser Bitte: In der Beantwortung dieser Bitte verband Paulus Festigkeit, Freundlichkeit und Vorsicht. Fest und bestimmt lehnte er für jetzt ab (‚er willigte nicht ein‘). Freundlich und bereitwillig versprach er dem Wunsch für die Zukunft entgegenzukommen (‚ich will wieder zu euch kommen‘). Vorsichtig fügt er die wichtige Bedingung hinzu, die wir bei keinem Zukunftsplan vergessen dürfen: ‚So der Herr will‘. Wie oft mangelt uns die eine oder andere dieser Eigenschaften bei den Entscheidungen, die wir zu treffen haben“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 229-231).
V. 22f: Hier „werden uns drei Besuche von Paulus berichtet, die auch für unser Christenleben ihre Bedeutung haben:
* Zuerst sein Besuch bei der Muttergemeinde in Jerusalem (denn diese ist mit dem Ausdruck „die Gemeinde“ gemeint). Dieser erste Besuch beweist uns, wie sehr dem Paulus daran gelegen war, das Band mit der ersten christlichen Gemeinde und damit auch das Band mit der Gesamtchristenheit aufrecht zu erhalten. Es schien manchmal, als wollte sich dieses Band lockern. In Jerusalem bestand eine streng gesetzliche Richtung, welche die Arbeit des Paulus nicht ohne Misstrauen ansah (15,5; 21,20f). Demgegenüber sagt Paulus nicht etwa: Es ist mir ganz gleichgültig, was diese oder jene Christen in Jerusalem über mich denken. Vielmehr suchte er, wo er nur konnte, alle Misstrauenswolken durch persönliche Fühlungnahme mit der Gemeinde in Jerusalem zu zerstreuen. Er handelte damit ganz im Sinne Jesu, dem die Einigkeit aller seiner Jünger so besonders am Herzen lag (Joh 17,21; vergleiche Eph 4,3-6). Lasst auch uns immer darauf bedacht sein, das Band mit allen Gotteskindern zu pflegen und zu befestigen und aller Zertrennung entgegenzuarbeiten.
* Sein zweiter Besuch galt Antiochien. Weshalb ging er dorthin? Hier war der Kreis, in welchen die göttliche Führung ihn einst hineingestellt hatte. Dorthin hatte ihn Barnabas in die Arbeit berufen (11,25f). Hier wohnten die Beter, welche durch göttliche Erleuchtung zuerst seine Aufgabe in der Heidenwelt erkannt hatten. Von hier war er einst ausgesandt worden (13,1-3). Wenn Paulus im Lauf der Jahre noch so große und wichtige Wirkungskreise gefunden hatte, so besuchte er doch immer wieder diese Gemeinde, mit der er durch seine Führung in allererster Linie verwachsen war (14,26-28). Auch wir wollen niemals eine Verbindung, die Gott uns durch unsere Lebensführung in besonderer Weise wichtig gemacht hat, gering achten und vernachlässigen, sondern dankbar festhalten und zu beiderseitiger Stärkung pflegen (1Sam 23,16-18).
* Die dritte Missionsreise des Paulus beginnt mit seinem Besuch der Gemeinden in Galatien und Phrygien. Auch dieser Besuch hat uns etwas zu sagen. Die Jünger in Galatien und Phrygien waren geistliche Kinder des Paulus. Er hatte sie auf seiner früheren Missionsreise (Apg 14) für den Herrn gewinnen dürfen. Diese seine geistlichen Kinder ließ er nicht ohne Pflege. Er trieb nicht immer nur Missions- und Evangelisationsarbeit zur Gewinnung neuer Seelen. Er verwandte auch bestimmte Zeit auf die Befestigung der Gläubigen (vgl. 14,22; 16,4). Wie wichtig ist doch auch diese Arbeit, wo man ‚die Schwachen stärkt‘ (Hes 34,4; Sach 11,16) und ‚die Lämmer weidet‘ (Joh 21,15). Vor Menschen mag diese Arbeit nicht so in die Augen fallen wie die erste Missionierung an manchem Ort. Der Erfolg lässt sich nicht so nach außen erkennen oder zahlenmäßig ausdrücken. Aber ihr Wert ist nicht kleiner. Noch einmal sei erinnert an das Wort von Rektor Dietrich, der einmal zum Schreiber dieser Zeilen sagte: ‚Es gibt viele in unserer Zeit, die herumreisen und Raketenfeuer anzünden wollen. Aber es gibt wenige, die Kinder pflegen wollen. Und doch ist diese Geduldsarbeit so dringend nötig‘. Paulus pflegte auch die geistlichen Kinder“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 231-233).
B) Apollos lernt auf dem Weg (V. 24-28)
V. 24f: „In Apollos lernen wir einen reichgesegneten Arbeiter im göttlichen Weinberg kennen (1Kor 1,12; 3,6+22; 16,12). Drei Stücke waren es vor allem, die ihn zu solch brauchbarem Werkzeug des Herrn machten:
* Seine Inbrunst: Er war ein ‚beredter‘ Mann. Diese Beredsamkeit war nicht etwa nur eine natürliche Begabung. Solche gibt es auch bei vielen Gegnern des wahren Christentums. Seine Beredsamkeit floss aus innerer Herzensliebe zu der göttlichen Wahrheit, die er vertrat. Er redete nicht kalt und trocken von einer Lehre, die er nur mit dem Verstand erfasst hatte, sondern er sprach mit einem inneren Eifer und einer heiligen Glut, die auch andere nicht kalt ließ, sondern entzündete und mit fortriss (Röm 12,11; vgl Offb 3,15).
* Seine Schriftkenntnis: Sodann war er in Gottes Wort zu Haus. Er war ‚mächtig in der Schrift‘. Nicht im Vertrauen auf seine alexandrinische Bildung zog er in den Kampf hinein (so sehr diese ihm auch von Nutzen sein konnte), sondern mit dem teuren Wort Gottes, das allein die Herzen bezwingt. Er hatte die Kraft dieses Buches an seinem eigenen Herzen geschmeckt. Nun ging er mit dieser Waffe an andere Seelen heran und überwand sie. Wohl allen Arbeitern im Reich Gottes, die dieses beste Schlachtschwert besitzen. Andere Waffen reichen nicht aus (Ps 119,97-100+111; Eph 6,17).
* Seine Demut: Vor allem aber war Apollos ein demütiger Mann. Trotz seiner reichen inneren und äußeren Gaben verschmähte er es nicht, sich von den einfachen Handwerkern Aquila und Priscilla unterweisen und das geben zu lassen, was ihm noch an christlicher Erkenntnis fehlte. Er hielt es nicht für weit unter seiner Würde, als gebildeter Mann von schlichten Zeltwebern noch etwas zu lernen. Die Anerkennung, die ihm bei seiner großen Redebegabung ohne allen Zweifel da und dort zuteil geworden war, hatte ihn nicht zu dem Wahn verleitet, dass er einer weiteren Belehrung nicht mehr bedürfe, sondern selbst alles am besten wisse. Apollos, der wie wenige den Platz eines Redners und Lehrers in der Synagoge ausfüllen konnte, setzte sich auch gern als Hörer auf die Schulbank, um von zwei Leuten, die an äußerer Bildung sicherlich weit unter ihm standen, zu lernen. Diese Demut des Apollos ist noch wichtiger als seine übrigen Vorzüge. Die gesegnetsten Werkzeuge im Reiche Gottes sind durchaus nicht immer die, welche die glänzendsten Gaben haben, sondern vielmehr die, welche klein und niedrig bleiben und den Schülersinn nicht verlieren. An ihnen erfüllt sich das Wort, welches auch von Apollos gilt: Wer sich sagen lässt, den lässt man auch allezeit wiederum reden (Spr 21,28; 12,1; 11,2b; 29,23; 1Petr 5,5)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 233f).
V. 26: „Unser Text lässt uns nicht nur einen Blick tun in die Demut des Apollos, der sich von Aquila und Priscilla etwas sagen lässt, sondern auch in die Weisheit dieses Ehepaares, mit der es den Apollos belehrte. Nicht jeder hätte sich dazu geeignet, diesen bedeutenden Redner auf das, was ihm noch fehlte, in der richtigen Weise aufmerksam zu machen. Wie wichtig ist doch die Kunst, andere Menschen zu belehren, dass sie etwas von uns annehmen. Wie selten wird sie gefunden. Von Aquila und Priscilla können wir etwas von dieser heiligen Kunst lernen. Drei Hinweise können wir aus ihrem Verhalten lernen, indem wir beachten: wann, wo und wie sie den Apostel unterwiesen:
* Erst nachdem sie ihn persönlich gehört, also aus eigener Anschauung Vorzüge und Mängel dieses Gottesknechtes kennengelernt hatten, sprachen sie mit ihm (‚da ihn aber Aquila und Priscilla hörten‘). Wollen wir andere belehren, so lasst uns dieselben zuerst so kennenlernen, dass wir imstande sind, ein eigenes Urteil über sie zu gewinnen und ihnen gerecht zu werden.
* Nicht vor versammeltem Publikum, nicht in der Versammlung der Synagoge widersprachen sie ihm irgendwo oder machten ihn dort auf die große Lücke in seiner Erkenntnis aufmerksam, vielmehr suchten sie ein stilles Zusammensein mit ihm zu erreichen, was ihnen auch gelang. (Sie ‚nahmen ihn zu sich‘). Welch zartes Taktgefühl liegt doch in der Wahl dieses Ortes ihrer Unterweisung. Lasst auch uns niemals einem von Gott gesegneten Werkzeug in Gegenwart anderer Menschen, etwa in der Versammlung, in liebloser Weise entgegentreten. Wir verschließen uns dadurch vielleicht selbst eine Türe, die uns offenstehen könnte.
* Bei ihrer Unterweisung knüpften Aquila und Priscilla an das an, was Apollos schon an richtiger Erkenntnis des göttlichen Weges besaß. Sie stellten sich nicht so, als ob das, was Apollos bis dahin erkannt hatte, noch gar nichts wert wäre. (Sie ‚legten ihm den Weg Gottes noch tiefer aus‘). Demut und Liebe gaben ihnen die richtige Weisheit ins Herz und auf die Lippen. Man merkt, dass sie nicht umsonst so lange in der Gemeinschaft des Paulus gelebt hatten. Gott gebe uns von der Weisheit dieses Ehepaares ein reiches Maß! (Jak 1,5)“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 234f).
V. 27f: „Bei der Abreise des Apollos nach Achaja sandten die Christen von Ephesus ein Empfehlungsschreiben für Apollos dorthin. Sie ermunterten die Christen Achajas zur freundlichen Aufnahme des Apollos.
* Dieses Empfehlungsschreiben zeigt uns die Verbindung zwischen den Christen der verschiedenen Länder. Zwischen Ephesus und Achaja lag ein weites Meer. Man hätte denken können: Was gehen die Christen auf der einen Seite des Meeres die auf dem anderen Ufer an? Aber so dachten jene Brüder nicht. Die äußere weite Entfernung hinderte die innere Nähe und Verbundenheit nicht. Sie traten miteinander in Briefwechsel. Sie übersandten ihnen Nachricht von dem Segen, den sie durch Apollos gehabt hatten. Sie sorgten dafür, dass jene Brüder gleich Bescheid wussten über den neuen Ankömmling. Es war ihnen wichtig, dass jene desselben Segens durch Apollos teilhaftig würden. Gläubige Christen gehen einander etwas an. Sie gehen nicht kalt aneinander vorüber wie die Welt. Sie kennen sich ‚als die Unbekannten und doch bekannt‘. Jeder ist darauf bedacht, dem anderen zum Segen zu verhelfen. Sie warnen sich untereinander, sie empfehlen diesen und jenen, je nachdem es am Platze ist. Wohl allen, die sich auch in dieser Liebeskette befinden, welche die Gläubigen aller Länder umschlingt (Röm 16,1; 2Tim 4,14f).
* Aber auch eine traurige Seite hat dieses Empfehlungsschreiben: Wenn jeder fremde Bruder und Redner damals ganz und voll vertrauenswürdig gewesen wäre, so bedurfte es gar keines derartigen Schreibens. Aber schon in jener Zeit gab es auch ‚falsche Brüder‘ (2Kor 11,26; Tit 1,10f). Weil solche sich da und dort einschlichen, konnte man nicht jedem aus der Ferne kommenden Bruder ohne weiteres mit Vertrauen begegnen. Dieses Empfehlungsschreiben deutet geradezu darauf hin, dass Christen in der Zulassung fremder, unbekannter Redner vorsichtig sein mussten. Auch bei uns gilt es: Lasst uns nicht jeden fremden Bruder und Redner unbesehen in unsere Kreise aufnehmen, besonders, wenn es sich um den Diener der Wortverkündigung handelt. Schon manchmal ist Trennung und Spaltung entstanden durch allzu vertrauensselige Aufnahme fremder Brüder. Es ist viel besser, zuerst von Christen, welche den betreffenden Bruder schon länger kennen, Auskunft zu erbitten, ob er auch einer vertrauensvollen Aufnahme wert ist.
* Dieses Empfehlungsschreiben kann deshalb für jeden Arbeiter im Reich Gottes auch die stille Mahnung enthalten, so zu wandeln und zu arbeiten, dass er das Vertrauen der Brüder seines Arbeitsfeldes gewinnt und von denselben an anderen Plätzen empfohlen werden kann. Wer in Demut und Einfalt dem Herrn dient wie Apollos, der wird sicherlich – wie er – ein gutes Zeugnis aus dem Bruderkreis mitbringen, in dem er gestanden hat. Dagegen wird ein solcher, der das Seine sucht, gern herrschen will und Trennung verursacht, nicht leicht für andere Orte empfohlen werden können.
Die kurze Schilderung der weiteren Tätigkeit des Apollos lässt uns eine dreifache Wirkung seiner Arbeit erkennen: Dieselbe brachte den Gläubigen Hilfe (‚er half viel denen, die gläubig geworden waren‘), den Gegnern des Evangeliums Niederlagen (‚er überwand die Juden beständig‘) und unserem Herrn Jesus Christus Ehre und Anerkennung (‚er erwies öffentlich, dass Jesus der Christus sei‘). Das sind Kennzeichen gesegneter Arbeit. Solche findet man bei den Reformatoren und allen wahren Gottesmännern immer wieder. Wie manche Reichsgottesarbeit bringt den Gläubigen nicht Hilfe, sondern allerlei Kummer und erweckt ihnen ernste Bedenken. Einer anderen mangelt die Durchschlagskraft, welche die Feinde überwindet, eine dritte bringt der eigenen Partei mehr Ehre und Anerkennung als dem Heiland. Wo aber ein rechter, von Gott gesandter Zeuge wirkt, da freuen sich die Gläubigen und spüren eine Hilfe durch seine Arbeit; die Feinde aber fürchten sich und merken, dass ihrer Sache Abbruch getan wird. Aber dem Namen Jesu wird mehr und mehr Ehre gemacht. Lasst uns bitten, dass Gott Arbeiter in seine Ernte sende, welche diese dreifache Segensspur des Apollos zurücklassen (Mt 9,36-38). Der Anblick der so reich gesegneten Arbeit des Apollos weckt unwillkürlich den Wunsch in uns, bei der Tätigkeit für Jesus in die Segensbahnen dieses Mannes hineinzukommen. Wie aber ist dies möglich? Unser Textwort deutet uns ein dreifaches Geheimnis der gesegneten Arbeit an:
* Die Quelle der Apollosarbeit war Gnade: Nicht durch seine großen Redegaben, nicht durch seine Klugheit im Beweisen und dergleichen, sondern ‚durch die Gnade‘ half er den Gläubigen. Wo liegt der tiefste Grund, weshalb manche Arbeit im Reiche Gottes nicht mehr Frucht bringt? Der Fehler steckt in vielen Fällen darin, dass in eigener Kraft gearbeitet wird. Deshalb wollen wir dankbar sein, wenn Gott seine Werkzeuge oft auch leiblich auf das tiefste demütigt und zerbricht. Je schwächer und ärmer wir in uns selbst werden, desto mehr lernen wir aus der Quelle des Apostels zu schöpfen und ‚durch die Gnade anderen zu helfen‘.
* Das Mittel der Arbeit des Apollos war die Schrift: Durch diese überwand er die Feinde und bewies ihnen, dass Jesus der Messias ist. In unserer Zeit sucht man mit allerlei Kunst- und Ersatzmitteln die Christusfeindschaft zu bekämpfen. Zuletzt wird man merken, dass nur diese Waffe des göttlichen Wortes sich als siegreich erweist (Eph 6,17).
* Das Ziel der Arbeit des Apollos war das richtige: Er wollte nur eins, nämlich Menschen dahin bringen, dass sie Jesus als ihren Heiland erkannten und annähmen. Er lehrte Christus und nichts als Christus. Wenn eine Arbeit aus dieser Quelle fließt, mit diesem Mittel kämpft und dieses Ziel verfolgt, so ist sie in den rechten Bahnen, zu denen Gott sich bekennen kann“ (Christlieb, Apostel Paulus, S. 235-238).
Fazit: „Diese Stelle malt uns in kurzen Worten das reich gesegnete Leben des Apollos vor Augen:
* Die Wurzeln seines Segens: Lagen diese etwa in seiner natürlichen, besonders reichen Begabung und Beredsamkeit? Wir wollen solche Gaben nicht verachten, doch gibt es Tausende von begabten Rednern, die Menschenmassen in das Verderben führen. Ein anderes ist wichtiger. Apollos war nicht nur ‚beredt‘, sondern auch ‚mächtig in der Schrift‘. Hier haben wir eine Segenswurzel von großer Bedeutung. Er war mit seiner Begabung in die Schrift hineingegangen. Dort hatte er graben und göttlich denken gelernt. Oh, dass wir glänzend veranlagten Leuten in der Gemeinde Jesu, die eine Apollosbegabung haben, zurufen könnten: ‚Ins Bibelwort hinein!‘ Wer mit der Schrift recht umgehen lernt, der hat die Segensquelle gefunden, die wir alle am nötigsten brauchen.
* Das Wachstum seines Segens: Es gibt Segensmenschen, die abnehmen und verflachen, sei es durch Hochmut, den ihr Erfolg mit sich bringt, sei es durch irgendwelche Untreue. Apollos dagegen nahm an Segen zu. Wodurch? Es sind keine Leidensschulen erwähnt, durch die oft die gesegnetsten Werkzeuge Gottes innerlich weiter und tiefer geführt werden. Wohl aber ist uns ein anderes wichtiges Mittel zum Wachstum des Segens genannt: Apollos ließ sich von einfachen Brüdern und Schwestern etwas sagen. Er nahm es von Aquila und Priscilla gern an, dass sie ihm den Weg Gottes noch tiefer auslegten. Demut hat hundert Gelegenheiten zur Förderung, an denen der Hochmut stolz vorbeigeht. Apollos sagte nicht: ‚Ihr armen Laien und Teppichweber, meint ihr etwa, ihr könntet mich, den beredten und in der Schrift mächtigen Mann, noch etwas lehren? Setzt euch lieber mir zu Füßen!‘ Oh nein, er konnte sich auf die Schulbank setzen. Das ist der Weg zum Wachstum des Segens.
* Das Ziel des Segens: Was erreichte Apollos? Brachte er es etwa mit all seinen Gaben zu einer einflussreichen oder gewinnbringenden Stellung? Davon hören wir nichts. Aber etwas viel Größeres erlangte dieser Mann. Er half den Gläubigen, indem er viele Juden, die erst widerstrebten, durch die Schrift überzeugte, dass Jesus der Christus (Messias) ist. Welch köstliche Frucht! Wie viele gehen dahin mit den glänzenden Fähigkeiten eines Apollos! Aber sie stellen dieselben nur in den Dienst des Gewinnstrebens und der eitlen Ehre. Wie viel herrlicher ist doch das Ziel, das Apollos erreichen durfte! Dasselbe dürfen auch wir selbst im stillsten und verborgensten Kreise ins Auge fassen. So helfe uns Gott, dass auch wir im Wort Gottes wurzeln, von den Brüdern uns sagen lassen und Menschen für den Heiland werben! (Alfred Christlieb).
3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT
Unsere Predigtübersicht 2010 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Glaubenskorrekturen“. Am Beispiel des Paulus erkennen wir, dass es Situationen gibt, wo der Kurs nicht verändert werden darf, aber andere Mitarbeiter die Arbeit weiterführen müssen und können. Am Beispiel des Apollos erkennen wir, dass der Kurs zwar stimmen kann, aber auf dem Weg neue Erkenntnisse gewonnen werden können und müssen. Beide bleiben so auf dem Kurs des Evangeliums. Paulus erfährt Unverständnis über seinen Weg und bei Apollos ist an einer Stelle Unverständnis im Evangelium zu überwinden. Durch beide „Brüder“ können wir entdecken, wie auch wir mit den unterschiedlichen Formen von „Unverständnis“ (= Predigtthema) umgehen können, so dass das Evangelium im Lauf nicht gehindert wird.
4. PREDIGTGLIEDERUNG
Auf Kurs bleiben?
a) Unverständnis über den Weg – Paulus bewahrt den Fortgang (V. 18-23)
b) Unverständnis im Wort – Apollos erfährt den Übergang (V. 24-28)
oder nach Wolfgang Nestvogel: Einsatz in Ephesus
a) Ein bekehrter Traditionalist aus Tarsus
b) Ein begabter Heißsporn aus Alexandria
c) Ein bewährtes Ehepaar aus Rom