Galater

Predigthilfe vom 12. Mai 2019 – Galater 1, 6-24

Predigtthema: Glauben heißt, das reine Evangelium bewahren

1        Erläuterungen zum Text

Der Predigttext lässt sich in zwei Teile untergliedern:

  • 1,6-10: Einführung: Das Evangelium von Christus und das „andere Evangelium“.
  • 1,11-24: Begründung: Der göttliche Ursprung des Evangeliums.

Einführung (1,6-10): Im Brief an die Galater kommt Paulus sofort und direkt zu Sache. Das zeigt, wie dramatisch er die Situation der galatischen Gemeinden einschätzt und wie dringlich er darauf reagieren muss. Zunächst benennt Paulus in einem kurzen einführenden Teil das Kernproblem der Gemeinden in Galatien (1,6):

  • Abwendung von Gott, der in die Gnade von Christus berufen hat.
  • Hinwendung zu einem „anderen“ Evangelium.

Die Reaktion von Paulus lässt folgendes erkennen:

  • Es gibt nur ein Evangelium, wie es Paulus verkündigt hat und durch das Gott die Galater in die Gnade von Christus gerufen hat (1,6).
  • Gewisse Leute (abwertend) führen in die Irre und pervertieren das Evangelium (1,7). Deren „anderes Evangelium“ kann nicht als Evangelium akzeptiert werden, weil es die Gnade von Christus verfehlt (1,6).
  • Die Formulierung „anderes Evangelium“ wurde offensichtlich von Paulus in die Debatte eingebracht. Sie umreißt die Position derer, die mit einem Abweichen von der „Wahrheit des Evangeliums“ (2,5.14) die Gemeinde zersetzen.
  • Die Entfremdung vom Evangelium der Gnade in den galatischen Gemeinden stellt eine schwierige Situation dar, mit der so nicht zu rechnen war.
  • Paulus reagiert mit einer doppelten Verfluchung ohne Ansehen der Person. Sie trifft alle, die ein „anderes Evangelium“ vertreten und auf diese Weise Menschen verführen. Auch Paulus oder die Engel wären verflucht, wenn sie das Evangelium pervertieren würden (1,8f).
  • In Israel bezieht sich eine förmlich ausgesprochene Verfluchung auf das schlimmste Vergehen: Abgötterei – als Abfall von Gott und Hinwendung zu anderen Göttern. In der frühen Kirche gilt das Aussprechen des apostolischen Fluches als schärfste Sanktion. Sie gilt denen, die Gottes Gemeinde zerstören (vgl. 1Kor 3,17; 2Kor 11,15; Gal 5,10; Phil 3,19) und beinhaltet den Ausschluss aus der Gemeinde und die Preisgabe an Gottes Gericht.
  • Zu beachten ist der Spannungsbogen des Galaterbriefes: der Fluch am Anfang des Briefes korrespondiert mit dem Segen am Ende des Briefes (6,16). Nicht Fluch, sondern Segen ist das letzte Wort des Briefs an die Galater. Auf diese Weise wird der Fluch nicht relativiert, aber das Gefälle im Heilshandeln Gottes wird abgebildet.
  • Paulus muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, er würde sich mit seiner Verkündigung bei Menschen einschmeicheln, um ihnen zu gefallen (1,10). Offensichtlich wird er verdächtigt, mit der gesetzesfreien Verkündigung des Evangeliums unter Heiden faule Kompromisse einzugehen.
  • Das Selbstverständnis von Paulus als Sklave Christi bezieht sich auf seine Zuordnung zu Gott und die damit verbundene Beauftragung und Autorisierung (1,10).

Begründung (1,11-24): Nach seiner Einführung verweist Paulus anhand seines biografischen Werdegangs auf den Ursprung des Evangeliums, das er verkündigt. Trotz scharfer Worte im Einführungsteil wählt er jetzt eine betont freundliche Anrede (1,11): „Brüder“. Damit setzt Paulus ein Signal. Wenn Menschen in einer Gemeinde von Irrlehre verunsichert und erfasst werden, ist damit noch nicht die Bruderschaft mit ihnen aufgekündigt. Das gilt allerdings nicht in gleicher Weise für die Irrlehrer selbst, die Gemeinde zersetzen. Paulus bemüht sich um die galatischen Gemeinden, damit Verführte wieder zurückfinden zum Evangelium.

Seinen weiteren Ausführungen stellt Paulus eine These voran (1,11f):

  • Das von Paulus verkündigte Evangelium stammt nicht von Menschen.
  • Paulus hat das Evangelium einzig und allein durch eine Offenbarung von Jesus Christus empfangen.

Diese These begründet Paulus, indem er in chronologischer Abfolge vier biografische Stationen skizziert:

Sein einstiges Leben im jüdischen Glauben

  • Jüdische Lebensführung in konsequenter Beachtung der Mose-Tora (1,13).
  • Leidenschaftliches Verfolgen der „Gemeinde Gottes“ (1,13).
  • Ungebrochenes Engagement als Pharisäer für die Überlieferung der Väter (1,14).

Seine Berufung und Beauftragung von Gott

  • Berufung, Christus unter allen Völkern (Heiden) zu verkündigen (1,16).
  • Berufung als Gnadenakt Gottes, der bis in das vorgeburtliche Stadium zurückreicht (1,15) – in Analogie zu alttestamentlichen Prophetenberufungen (Jer 1,5; Jes 49,1-6).
  • Berufung im Zusammenhang der Offenbarung von Gottes Sohn (1,16).
  • Aufschlussreiche Darstellung der Berufung von Paulus (1,15f):
  • Paulus stellt das Ereignis von Damaskus äußerst zurückhaltend dar, ohne die Umstände der Christusbegegnung näher zu beschreiben. Er spricht nur von der „Offenbarung“ (1,12.15f), von der „Erscheinung“ (1Kor 15,8), vom „Sehen“ des Herrn (1Kor 9,1), von der „Erkenntnis Christi“ (Phil 3,8). Lediglich Faktum und Ziel seiner Berufung nennt er. Diese Darstellung zielt auf den Ursprung des Evangeliums und nicht auf die Selbstdarstellung des Apostels.
  • Subjekt des Geschehens ist Gott. Gott hat souverän entschieden, nicht Paulus. Aufgrund von Gnade und nicht besonderer menschlicher Voraussetzungen ist Paulus berufen. Offenbarung des Sohnes, Anvertrauen des Evangeliums und Auftrag zur Heidenmission gehen allein auf Gottes Initiative zurück.
  • Gottes Berufung bedeutet nicht Privilegierung eines Einzelnen, sondern Bestimmung zu einer Aufgabe an Vielen. Sie zielt nicht auf Ausschließen, sondern auf Gewinnen und Einbeziehen.

Seine Zeit unmittelbar nach der Wende

  • Nach der Erscheinung von Christus entdeckt Paulus auch „im Gesetz und den Propheten“ (= AT) das Evangelium.
  • Nun erkennt er die Schrift (AT) von Christus her und legt sie nach Maßgabe der Christuserkenntnis aus. Christus ist das Kriterium für die Schrift (AT).
  • Paulus hat also nicht infolge seines Schriftstudiums Jesus von Nazareth als Messias erkannt, sondern umgekehrt durch die Erscheinung von Christus.

Sein Jerusalemaufenthalt drei Jahre nach der Christuserscheinung

  • Nach der Christuserscheinung vor Damaskus plant Paulus keine Reise nach Jerusalem, um die dortigen Apostel zu kontaktieren. Das wäre naheliegend. Doch Paulus sucht keinen Kontakt zu Menschen, sondern geht seinen Glaubensweg eigenständig.
  • Jahre später sucht er Jerusalem als Zentrum der damaligen christlichen Gemeinden auf. Neben der Begegnung mit Petrus lernt er Jakobus kennen. Sonst kein weiterer Kontakt zu Jerusalemer Aposteln.
  • Mit seiner Darstellung demonstriert Paulus seine Unabhängigkeit von Menschen und ihren Lehren – insbesondere in der Anfangszeit seines Glaubens nach der einschneidenden Christusbegegnung.
  • Paulus hat nie die christlichen Gemeinden in Judäa persönlich kennengelernt, blieb aber den Gemeinden nicht unbekannt. Sie haben das Neue anerkannt, das Gott an Paulus getan hat.

Fazit: Paulus schützt den Inhalt der Christuserscheinung durch Überfremdung von Menschen. Damit ist das Evangelium allein auf Christus und nicht auf Menschen zurückzuführen. Christus allein hat Gewicht.

2        Hinweise zu Lehre und Leben

2.1         Der Bruder und die Schwester

Paulus geht mit den Christen der galatischen Gemeinden hart um. Er verzichtet sogar auf die in seinen Briefen sonst üblichen Danksagungen und Fürbitten für Gemeinden (vgl. 1,6ff). Nirgendwo fallen so harte Begriffe wir hier, denn in den galatischen Gemeinden steht das Evangelium von Jesus Christus selbst auf dem Spiel. Hier werden nicht nur die Ränder des Glaubens, nicht nur die Folgewirkungen des Evangeliums berührt – wie beispielsweise das Verhalten in der Gemeinde oder die ethische Verirrung einzelner Personen. Paulus geht so vehement zur Sache, weil es um den Kern des Ganzen geht, um den Kern des Evangeliums, mit dem der gesamte Glaube an Jesus Christus steht und fällt.

Dennoch: Paulus betrachtet die Christen in Galatien als Schwestern und Brüder. Selbst das irrige Glauben und Verhalten dieser Gemeinden hebt die geistliche Gemeinschaft nicht auf. Er weiß sich mit allen diesen Christen verbunden. Nach wie vor sind sie Kinder desselben Vaters im Himmel, der allein ihnen allen den Glauben geschenkt hat. Gerade in dieser Verbundenheit des Glaubens setzt sich Paulus leidenschaftlich für seine Schwestern und Brüder ein, damit sie nicht vom  Evangelium abdriften und damit alles verlieren.

Aus diesem Verhalten können wir viel für unsere eigenen Situationen lernen. Wie schnell werden unter Christen Tischtücher zerschnitten? Wie schnell wird der Glaube anderer Christen bewertet und verdächtigt, nicht entschieden genug, echt genug, bibeltreu genug usw. ausgeprägt zu sein. Wie viele Vorurteile und Missverständnisse belasten das Miteinander von Christen und führen zu Trennungen. Entsprechende Urteile über katholische Christen, Angehörige charismatisch oder pfingstlich geprägter Gruppen und vieler anderer Kirchen und Gemeinschaften sind schnell gefällt und vergiften oder verhindern geistliche Gemeinschaft. Bruderschaft bedeutet: Wir sind auch mit solchen Christen im Glauben eng verbunden, von denen wir uns bis in Lehrausprägungen hinein unterscheiden. Was uns verbindet ist stets mehr als das, was uns trennen könnte. Wer andere Christen bejaht, wird nicht zu allem Ja sagen, was sie lehren und leben – man denke nur an die katholische Marienverehrung oder überzogene Heilungsversprechen in pfingstlich geprägten Gruppen. Wohl aber ist anzuerkennen, was Gott im Leben der Glaubenden bewirkt hat, die anders ticken und anders gestrickt sind, als wir selbst.

2.2         Das Evangelium

Die Christen in den galatischen Gemeinden sind durch das Evangelium in die Gnade von Jesus Christus berufen (1,6). Das kann geradezu räumlich verstanden werden: Die Gnade von Jesus Christus als bergender Raum und als Lebenselement, in dem der glaubende Mensch zu Hause ist. Doch die Galater sind gefährdet, einem „anderen“ Evangelium zu folgen, das den Namen „Evangelium“ überhaupt nicht verdient. Dieses andere Evangelium führt zum Verlust der unverdienten Gnade. Damit ist alles verloren, was den Galatern mit dem Evangelium geschenkt war.

Paulus verwendet das Wort „Evangelium“ nicht im Sinne einer Literaturgattung (die vier Evangelien), sondern im Sinne der mündlichen Verkündigung der frohen Nachricht vom Kommen, Leiden, Sterben und Auferstehen des Herrn Jesus Christus.

Dieses Evangelium von der Gnade ist exklusiv. Es kann nicht mit anderen Inhalten vermischt oder durch sie ersetzt werden. Zum Evangelium gibt es keine Alternative in Gestalt eines „anderen“ Evangeliums. Jedes andere Evangelium ist kein Evangelium!

Teilhabe an der Gnade heißt: Der für Gott tote Mensch ist aus Gnade gerettet – ausschließlich aus Gnade! Scharf pointiert bedeutet das: nicht aus sich selbst, ohne eigenes Zutun, nicht aus Werken – seien sie noch so beeindruckend und fromm. Gnade bleibt unverfügbar. Sie kann nicht gekauft, nicht erwirtschaftet, nicht verdient, nicht erzwungen werden. Gnade bedeutet immer: Gott handelt souverän am Menschen.

Demgegenüber ist jede menschliche Eigenleistung, jede „Mischfinanzierung“ (Gottes Gnade und unser Bemühen) ausgeschlossen, sogar verdammt (3,10). Die Verfluchung derer, die ein Evangelium ohne Gnade präsentieren, unterstreicht das (vgl. 1,8f). Alle menschlichen Werke kommen aus dem „Fleisch“ (Joh 3,6). Selbst die „frömmsten“ Werke sind eine Selbstbestätigung des „alten Adam“, der an seinem eigenen Denkmal baut. Werke sind hochreligiöse Klettertouren (z.B. Luther im Kloster), eifriges Engagement (vermeintlich) für Gott (z.B. Saulus, der im Eifer für das Gesetz die Gemeinde verfolgt). Letztlich widersprechen die Werke in all ihren Varianten der Gnade und stehen unter dem Urteil (Röm 14,23): Was nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde.

Selbst wenn Menschen einen noch so geringen Eigenanteil aufzuweisen hätten, würden sie damit auf sich selbst verweisen. So aber wird der gekreuzigte Christus entwertet und Gott die Ehre geraubt. Das Evangelium, das in die Gnade von Christus ruft, unterstreicht: aus Gnade – nicht aus euch – nicht aus Werken – allein Gottes Gabe!

2.3         Von Gott, nicht von Menschen

Paulus betont nachdrücklich, das rettende Evangelium allein von Jesus Christus und nicht durch Menschen empfangen zu haben. Diese Betonung darf in unseren Tagen nicht subjektivistisch oder individualistisch missverstanden werden. Viele Christen treten mit einer erstaunlichen Berufungsgewissheit auf, die keinerlei Korrektur erlaubt: „Gott hat mir dies oder jenes gezeigt – damit basta!“ Wer Berufung so versteht, entzieht sich dem Gespräch und der Korrektur durch andere Christen. Zwar betont Paulus seine Eigenständigkeit, aber nicht seinen Alleingang. Sowohl seine  Jerusalemreise (1,18f) als auch das Apostelkonzil (2,1-10) unterstreichen eindrucksvoll die volle Übereinstimmung von Paulus mit den anderen Aposteln.

Diese Einsicht hat nicht nur für die Galater, sondern auch für uns selbst wesentliche Bedeutung. Warum? Wir neuzeitlichen Leser des Galaterbriefs befinden uns in einer ähnlichen Situation wie die verunsicherten Gemeinden in Galatien: Wir können die Wahrheit, die der Apostel verkündigt, nicht distanziert und von einer höheren Warte aus betrachten und von da aus als wahr erweisen oder widerlegen. Nur durch die Verkündigung der Apostel können wir das Evangelium kennenlernen. Nur durch das Evangelium können wir seinen Inhalt, nämlich die Person Jesus Christus erkennen. Damit stellt sich für die damaligen angefochtenen Gemeinden wie für uns die brennende theologische Frage: Können wir die Legitimation des Apostels durch Christus selbst glauben oder eben nicht? Denn daran hängt alles: ob wir das von Paulus – gegen allen Widerstand – verkündigte Evangelium als Wort Gottes glauben dürfen oder nicht. Zu diesem kritischen und selbstkritischen Prozess fordert Paulus die Galater wie auch uns heraus.

Ein Nebengedanke sei noch hinzugefügt: In unseren Tagen spricht Gottes Geist auch zu einzelnen Menschen. Aber das wird stets zur Gemeinde und zum Gespräch mit Schwestern und Brüdern hinführen. Scheinchristliche Alleingänge, die unter Berufung auf Gottes Offenbarung dazu führen, sich selbst absolut zu setzen, dienen nicht der Gemeinde. Das eigene geistliche Empfinden braucht eine gesunde Skepsis und das Votum der Mitchristen. Das geht nur gemeinsam.

3        Bausteine für die Predigt

3.1         Predigtziel

Die Predigthörer sollen darin bestärkt werden, dem einen alternativlosen Evangelium zu vertrauen, das in die Gnade von Jesus Christus hineinführt und das allein im Handeln Gottes seinen Ursprung hat, wie es von Paulus in Übereinstimmung mit den Aposteln bezeugt und bestätigt w

3.2         Predigtthema und Gliederung

Für die Predigt schlage ich eine Veränderung des vorgegebenen Themas vor: „Glauben heißt, das Evangelium von Jesus Christus bewahren“ (statt „reines Evangelium“). Nirgendwo im Neuen Testament wird von einem „reinen Evangelium“ gesprochen. Die Formulierung trifft auch nicht die Absicht von Paulus. Der Apostel spricht in Bezug auf das Evangelium nicht von einem „mehr“ oder „weniger“ (reines Evangelium oder weniger reines bzw. unreines Evangelium) sondern von einem „entweder/oder“ (entweder Evangelium von Christus oder ein anderes Evangelium, das keines ist). Die Ausführungen in 1,6-10 unterstreichen das.

Wer in der Predigt dem Gedankengang von Paulus folgen will, könnte seine Predigt so aufbauen:

Glauben heißt, das Evangelium von Jesus Christus bewahren

  1. Der Verlust des Evangeliums

Hier können die Irritationen gegenüber dem Evangelium in ihrer Alternativlosigkeit und der damit verbundenen Dramatik damals und heute benannt werden.

  1. Die Gnade des Evangeliums

Hier kann ein wesentlicher Aspekt des Evangeliums, nämlich die Gnade in Jesus Christus, für den Alltag des Glaubens und Lebens entfaltet werden.

  1. Der Ursprung des Evangeliums

Hier kann der Ursprung des Evangeliums dargestellt werden, wie ihn Paulus im Zusammenhang seiner Biografie zur Sprache bringt mit der unerlässlichen Frage nach der Bereitschaft, dem geistgewirkten Wort von Paulus als berufenem Apostel zu vertrauen, das im Neuen Testament als Wort von Gott seinen Niederschlag gefunden hat.

(Christoph Müller)