Lukas

Predigthilfe vom 22. Juli 2012 – Lukas 18, 31-34

Monatsthema: Kraft zur Hoffnung

Predigtthema: Hoffnung für Verständnislose

Bibelstelle: Lukas 18,31-34

Verfasser: Thomas Richter

Eine Predigthilfe enthält Hinweise für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und das Weitergeben der vom Herrn aus dem Predigttext persönlich gehörten Beauftragung zur Botschaft. Unsere Predigt folgt dabei dem Grundsatz Jesu: „Aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34b). Nur wo der Herr selbst uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)! „So sind wir nun Gesandte an Christi Statt“ (2Kor 5,20a). So suchen wir in der Predigtvorbereitung nach dem, was der Herr uns durch das Wort des Predigttextes sagen will. Es geht um seine Botschaft und wir sind seine Botschafter. Deshalb hören wir zwar auch auf andere Botschafter, z.B. durch die Hinweise der Predigthilfe, verkündigen aber die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufgetragen wird! „Redet jemand im Auftrag Gottes, dann soll er sich bewusst sein, dass es Gottes Worte sind, die er weitergibt“ (1Petr 4,11a – NGÜ).

1. TEXT- UND PREDIGTHILFSMITTEL

Verschiedene Bibelübersetzungen um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).

Hilfen zur Auslegung und Anwendung des Predigttextes (Lk 18,31-34) bieten z.B.

* Gerhard Maier. Lukas-Evangelium 2.Teil. Edition C Bibelkommentar Bd. 5. Hänssler (S. 410-415)

* Fritz Rienecker. Das Evangelium des Lukas. Wuppertaler Studienbibel NT. R. Brockhaus (S. 434f)

* Norman Crawford. Was die Bibel lehrt Bd. 3: Lukas. CV Kommentarreihe NT. Christliche Verlagsgesellschaft (S. 381-383)

* John Charles Ryle. Lukas – Vers für Vers. Bd. 3: Kap 16-24. 3L-Verlag (S. 109-115)

* Theodor Zahn. Kommentar zum Neuen Testament. Bd. 3: Das Evangelium nach Lukas (http://bitflow.dyndns.org/german/TheodorZahn/Kommentar_Zum_Neuen_Testament_Band_03_Buecher_42_1913.pdf – S. 618f)

Beachtenswerte Textanmerkungen und Parallelstellen zum Predigttext bietet die MacArthur Studienbibel (http://bitflow.dyndns.org/german/JohnMacArthurStudienbibel/42-Das_Evangelium_Nach_Lukas.pdf; S. 1462). Unter dem Stichwort „Von der Weissagung und Gebet“ gibt Martin Luther bedenkenswerte Anmerkungen zu Lk 18,31-43 (einsehbar unter http://bitflow.dyndns.org/german/MartinLuther/Lukas_18_31_43.html).

Zur Beschäftigung mit dem Predigttext hilft das Anhören (im Sinne von Apg 17,11b) der Predigt von Winrich Scheffbuch vom 03.03.1974 mit dem Titel „Leidensgeschichte“ (Lk 18,31-34). Diese Predigt findet ihr unter www.sermon-online.de, wenn ihr unter „erweiterte Suche“ die Felder „Bibelstelle“ [Lukas 18] und „Autor“ [Scheffbuch, Winrich] ausfüllt. Zu unserem Predigttext hielt auch Dr. Helmuth Egelkraut am 04.03.2012 eine Predigt unter dem Titel „Jesus kündet sein Leiden an“ (unter http://www.lgv-backnang.org/index.php?option=com_content&view=article&id=68&Itemid=98).

Grundsätzliches zum theologischen Gehalt unseres Predigttextes bietet John Stott. Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens. Edition SMD. Marburg: Francke, 2009 [528 S.].

Für die Textlesung bietet die „Neue Genfer Übersetzung“ eine gut verständliche, lesbare und zuverlässige Übersetzung unseres Predigttextes (http://www.ngue.info/online/lesen).

2. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG

In Anlehnung an die Jahreslosung fragen wir uns in diesem Jahr, wie die „Kraft“ Jesu in uns so mächtig sein kann, wie er es will und schenkt. Gegenwärtig beschäftigen wir uns an Hand von Lk 17 + 18 mit dem Themenfeld „Hoffnung“ (Monatsthema: Kraft durch Hoffnung) und fragen uns, wie wir durch die Kraft Jesu so leben können, dass deutlich wird welche Hoffnung uns erfüllt. In der chronologischen Folge von Lk 17+18 zeigen wir so im Juni und Juli, dass es Hoffnung gibt für Ratlose – Ausweglose – Erwartungslose – Rechtlose – Ahnungslose – Machtlose – Orientierungslose – Verständnislose (= Predigtthema) – Hilflose. Auf der Grundlage unseres Predigttextes (Lk 18,31-34) geben wir im Rahmen dieser Predigt einen Überblick darüber wer Jesus ist und welche Konsequenzen dies für uns hat. Bitte beachtet hierzu auch die Parallelstellen bei Mt 20,17-19 und Mk 10,32-34.

Zum Nachdenken:

Geht es hier um den „lieben Gott“ oder den „liebenden Gott“?

„Durch diesen Gang hat uns der Herr Jesus den Weg zum oberen Jerusalem geöffnet“ (Johann Albrecht Bengel zu V. 31)

„O wie viel Erkenntnis fehlet mir! Herr Jesu, ich preise deine Langmut hierüber, wiewohl ich auch diese noch nicht erkenne, wie ich sollte. Gib mir zu erkennen die Wunderkraft in deinem Todesleiden und in deinem Leben“ (Johann Albrecht Bengel zu V. 31-34)

3. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN

Zu V. 31 macht Bruder Peter Lohmann aus dem Lebenszentrum Adelshofen in einer ERF-Morgenandacht (10.02.2002) folgende Anmerkungen: „ Es ist wohl typisch für uns Menschen, dass wir möglichen Leiden, körperlichen oder seelischen Schmerzen tunlichst aus dem Wege gehen. Wer will schon gerne leiden? Vollends in unserer Wohlfühlgesellschaft, in der alles auf Spaß und Happening ausgerichtet ist. Schließlich gibt es für alle Wehwehchens, ob Kopf- oder Bauchweh, Tabletten und Tropfen, so dass wir immer gut drauf sein können. Im Kontrast dazu zeigt unser heutiger Bibelvers: Jesus Christus ist von anderer Natur. Er nimmt fest entschlossen seinen Weg ins Leiden und Sterben unter die Füße. Unmittelbar vor seinem Martyrium konfrontiert er seine Jünger mit dem Satz: ‚Ihr wisst, dass wir jetzt nach Jerusalem gehen. Dort wird sich alles erfüllen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben‘. Wir lesen das im Lukasevangelium, Kapitel 18, Vers 31. Jesus geht also bewusst auf Jerusalem zu, obwohl er weiß, was ihn dort erwartet. Mehrfach hatte er es seinen vertrauten Mitarbeitern gesagt: „Man wird mich misshandeln, anspucken, auspeitschen und schließlich töten!“ Immer wieder einmal wurde von Spöttern, Philosophen und Theologen behauptet, dass die Ereignisse in Jerusalem Jesus überrollt hätten. Dass das nicht vorhersehbar war. Dass es sich hier um einen Justizmord handelte, und Jesus einer Kette von Missgeschicken zum Opfer fiel. Unser Bibelwort zeigt : Jesus wusste, was auf ihn zukommt. Er nahm den Weg unter die Füße im Vollbesitz seiner fünf Sinne. Er wusste worauf er sich einließ und wo das Ganze enden würde. Was hat ihn dazu bewogen, dennoch darauf zuzugehen? Warum hat er nicht gekniffen? Er hätte sich ja aus dem Staub machen können, ehe es für ihn brenzlig wurde. Dieser feste Entschluss des Herrn Jesus hatte seine lange Vorgeschichte. Der zweite Teil unseres Verses gibt die Antwort: „Es wird sich alles erfüllen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben.“ Nicht Zufall, nicht rätselhaftes Schicksal – hier, auf seinem Weg nach Jerusalem, erfüllt sich der Heilsplan Gottes. Wie ein roter Faden läuft es durch das ganze Alte Testament: Die Rettung der Menschen wird durch das stellvertretende Leiden des Gottesknechtes zustande kommen. Das war der Heilsplan Gottes für eine verloren gegangene Welt. Nun soll er sich erfüllen! Propheten hatten es schon Jahrhunderte im Voraus angekündigt. Jetzt ist er da! Jetzt soll es vollendet werden. Jesus ist Träger und Erfüller der Hoffnungserwartung aller Generationen. Nun soll zurechtkommen, was seit dem tragischen Sündenfall am Anfang der Menschheitsgeschichte zwischen Gott und Menschen kaputt gegangen war. So viel sind die Menschen Gott wert, dass Vater und Sohn in der Einheit der Liebe zum äußersten Opfer bereit sind. Der Liederdichter Paul Gerhardt hat diesen Heilsplan Gottes in einem seiner Passionslieder nachempfunden. Da sagt der Vater: „Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Kinder, die ich ausgetan zur Straf- und Zornesruten; die Straf‘ ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten.“ Und dann die erstaunliche Antwort des Sohnes an den Vater: „Ja“ Vater, ja, von Herzensgrund, leg auf ich will dir’s tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.“ Mit dieser Mission kommt der Sohn vom Himmel auf die Erde. Dieses „Ja“ vor der Zeit im Himmel gesprochen, soll jetzt zur Tat werden. Da, auf dem Weg nach Jerusalem vollzieht sich die Heilsgeschichte Gottes. Jerusalem soll zum Ort des Handelns Gottes werden. Für die heutige Gesellschaft mögen Washington, Moskau, Rom oder Mekka von Bedeutung sein, bedeutender ist für alle Zeiten jener Hügel vor Jerusalem, wo Gott in Jesus Christus die Versöhnung vollendet. Dafür gibt sich der Sohn hin. Da sollen alle Hilfe finden: Verzweifelte, Hoffnungslose, die, die suchen und fragen. Da will er alle Schuld auf sich nehmen, damit niemand mehr draußen, ferne von Gott stehen muss. Auf dieses Ereignis haben alle Propheten hingewiesen. So richtet sich Jesus aus, im Wissen: Jetzt vollendet sich der Heilsplan des Vaters. Dieses Bibelwort haben die Kirchenväter einem der ersten Sonntage der Passionszeit (als Wochenspruch) zugeordnet. Es ist wie eine Einladung von Jesus an uns alle: ‚Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem…‘. So hatte er damals seine Jünger auf sein Leiden und Sterben vorbereiten wollen, so will er uns alle mitnehmen, dass wir sein Leiden recht begreifen. Zugegeben, da geht es uns wohl so, wie den Jüngern damals. Wir tun uns schwer, das alles zu verstehen. Der Textzusammenhang sagt uns: ‚Die Jünger begriffen nichts‘. Nichts von diesen großen heilsgeschichtlichen Zusammenhängen. Sie verstanden nur ‚Bahnhof‘. Sie waren festgelegt auf ihre eigene Dogmatik. Sie hatten eine Erfolgstheologie, die lautete: Gott kommt und schafft das Paradies, und zwar hier auf Erden. Ein Gott, der leidet und womöglich stirbt, das passt einfach nicht in ihr Denkschema. Und uns geht es nicht anders. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen, wie Erlösung, wie Frieden in die Welt kommen kann. Wie kommen wir nun zum rechten Hören und Verstehen? Ich möchte Ihnen einige praktische Tipps geben, was mir hilft das Geheimnis der Passion Jesu tiefer zu begreifen. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, in diesen Wochen jeden Tag einen Abschnitt aus der Passionsgeschichte zu lesen, wie sie uns in den Evangelien aufgeschrieben ist. Ich singe oder betrachte Passionslieder. Ich staune immer wieder, wie stark einzelne Dichter das Leiden des Herrn in Worten ausdrücken konnten. Das ist mir schon oft zum großen Gewinn geworden. Wenn irgend möglich versuche ich an Passionsandachten teilzunehmen, wie sie vielfach in Gemeinden angeboten werden. Dazu gehören auch musikalische Aufführungen, wie etwa die Werke von Johann Sebastian Bach. Es gibt auch gute Literatur, die uns zur Andacht anleitet. Nicht zuletzt ist mir das Gebet in diesen Wochen wichtig, meinem Herrn zu danken und ihn mit eigenen Worten anzubeten für das, was er für mich und diese Welt getan hat“.

Prof. Adolf Köberle macht zu unserem Predigttext (Lk 18,31-34) unter dem Thema „Die Vollmacht des leidenden Christus“ folgende Anmerkungen: „[…]. Jesus ist nicht wie ein harmloses Opfer in die Falle gegangen, die seine Widersacher ihm gestellt haben. Jesus ist vielmehr in heiliger Entschlossenheit zu dem letzten Gang angetreten, und er hat seine Jünger aufgerufen, ihm dabei zu folgen. Es heißt: »Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Sehet, wir gehen hinauf gen Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben steht durch die Propheten von des Menschen Sohn. Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und geschmäht und verspeit werden; und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tag wird er wieder auferstehen«. Das ist deutlich geredet. Es ist ein klarer Vorausblick auf. den Leidens- und Herrlichkeitsweg, den Christus vor sich hat. Wir spüren hier eine einzigartige Entschlossenheit und Willensbereitschaft, den bevorstehenden schweren Entschei­dungskampf bis zum letzten auf sich zu nehmen. Jesus sieht den Sinn seines Opfergangs in großen, heilsgeschichtlichen Zusammenhängen, und das Wissen darum gibt ihm die Kraft zu dem hohen, heiligen Werk. »Es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von des Menschen Sohn«. Das prophetische Wort im Alten Testament weiß, dass die Gestalt dieser Welt im argen liegt, dass Unrecht und Schuld die Menschheit belasten. Aber das Wort im Alten Bund ist zugleich voller Hoffnung und Verheißung: einmal wird einer kommen als Friedensbote und Held im Streit, von Gott mit Geist und Kraft ausgerüstet, um die Machtherrschaft der Sünde zu brechen und eine neue Reichsordnung heraufzuführen. Die Propheten in Israel haben den erwarteten Träger der Heilszeit mit mancherlei Namen bezeichnet. Sie haben ihn genannt den Messias, den von Gott mit Vollmacht und Herrlichkeit Gesalbten, sie haben ihn den Hirten und den Bräutigam genannt und ihn in Hoffnung fröhlich gegrüßt als Davidssohn und als des Menschen Sohn. Die prophetische Heilserwartung hat im Lauf der Jahrhunderte, angefangen von dem Buch der Richter bis hin zu Daniel, einen weiten Weg zurückgelegt, und ständig hat sie dabei an Größe, Weite und Gewicht gewonnen. Wir denken besonders an Jesaja 53, wo die Passionsmusik im Alten Bund in einer Klarheit erklingt wie nie zuvor, wenn von dem leidenden Gottesknecht gesagt wird: »Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt«. Solche Worte mögen Jesus vor der Seele gestanden sein, als er darum bemüht war, seinen Jüngern aus der Schrift die heilige Notwendigkeit und den göttlichen Sinnzusammenhang seines Opferweges aufzuschließen. Freilich, es heißt von den Jüngern: »Sie verstanden der keines und die Rede war ihnen verborgen und sie wussten nicht, was er sagte«. Wie sollen wir dieses Unvermögen der Jünger begreifen? Sie lebten doch in der Erwartung des Alten Testaments. Sie waren voller Vertrauen zu ihrem Herrn und Meister und, hätten sich darum seinem Wort wahrlich öffnen können. Woher kommt diese Ratlosigkeit, dieses durchaus Nichtverstehen-Können? Es muss bei aller Bereitschaft zur Nachfolge bei den Jüngern noch viel irdisch-jüdische Zeithoffnung mit im Spiel gewesen sein. Gewiss, die Zwölf waren ehrlich von der Überzeugung durchdrungen: Jesus ist der Heilbringer, der verheißene Friedenskönig und Welterlöser. Aber gerade weil sie ihn dafür erachteten, erhofften sie an seiner Seite eine glanzvolle Zukunft und nie und nimmer einen Weg, der durch Kreuz, Leid, Verfolgung und Niedrigkeit führt. Wir wollen die Jünger ob ihrer Verschlossenheit gegenüber der Leidensweissagung Jesu nicht zu schnell, nicht zu hart richten; denn wir verhalten uns im Grund auch nicht anders. Wer am heutigen Sonntag hierher zum Gottesdienst gekommen ist, wo Faschingsrummel, Narretei und ausgelassener Umtrieb allerorts ihren Höhepunkt erreichen, den darf man schon zu den Menschen rechnen, die zu Christus halten und stehen möchten. Gleichwohl müssen wir zugeben: auch wenn wir uns von denen unterscheiden, die es in diesen Tagen hemmungslos oder gar gewissenlos treiben, das unersättliche Glücksverlangen und die damit verbundene Leidensscheu kennen wir an uns genauso wie bei den sogenannten Weltkindern. Ja, wir wollen mit Jesus ziehen, er hat uns das Herz abgewonnen; und wir haben ihn lieb. Aber im stillen erwarten und verlangen wir auch, dass diese Wanderschaft mit Jesus uns Glück und Gewinn bringen möge auf unserem ganzen Lebensweg. Christus wird uns geradezu zu einem Mittel, dass wir Erfolg im Geschäft haben dürfen, dass unsere Kinder gut gedeihen und schön vorankommen. Wenn uns aber Jesus an die Hand nimmt und uns auffordert: Folgt mir auf dem Weg der Passion, tragt mir das Kreuz nach, lasst euch um meines Namens willen ruhig auch verspotten und gering achten, verzichtet darauf, überall mit dabei zu sein, dann pflegt es nicht mehr so weit her zu sein mit unserer Begeisterung für die Christusnachfolge. Gott braucht uns nur einmal Schweres zuzumuten, es kommt vielleicht ein Verkehrsunfall, eine langwierige Krankheit über uns, oder unser Ehrgeiz erhält einen harten Stoß, und schon hadern wir mit Gott. Wir fühlen uns, die wir doch seine Kinder sind, ungerecht behandelt und sagen ihm das Vertrauen auf. Die Passionszeit aber, zu der der heutige Sonntag Estomihi die Tür öffnet, ruft uns zu: Fall von Gott nicht ab aus Leidensscheu, schließ dich vielmehr mit Christus innig zusammen und lass dir von diesem größten Kreuzes- und Lastenträger der Menschheit die Kraft schenken, das dir auferlegte Kreuz zu tragen, dass es in einen Segen für dich verwandelt werden kann. Aus der mittelalterlichen Frömmigkeit wird uns berichtet: damals gingen Menschen in ihrer Leidensbereitschaft so weit, dass sie sich freiwillig grausame Zumutungen ausgesucht und auferlegt haben, nur um dadurch auf alle Fälle der Passions- und Kreuzesgemeinschaft mit Christus teilhaftig zu werden. Der reformatorische Glaube hat diesen übertriebenen Eifer mit Recht abgelehnt. Wenn uns Gott in seiner Güte und Freiheit gesunde, helle Tage schenkt, so dürfen wir diese mit dankbar frohen. Händen von ihm annehmen. Gott will nie und nimmer, dass wir uns künstlich peinigen und quälen. Wohl aber hat Martin Luther mit großer seelsorgerlicher Eindringlichkeit darauf hingewiesen: wenn Kreuz und Leid ungesucht und ungewollt in unser Haus und Leben kommen, dann sollen wir es nicht verwünschen, dann wollen wir es willig annehmen als eine Gelegenheit, mit Jesus nach Jerusalem hinaufzuziehen, und wir werden erfahren dürfen, wenn wir uns dessen nicht weigern, dass auch für uns ein solcher Opferweg zu einem Auferstehungssieg werden kann. Darum wollen wir uns hüten vor jeder neidischen Vergleichssucht mit anderen. Auf den ersten Blick scheint es ja wirklich oft so, als müssten die einen fortgesetzt die schwersten Kreuzeslasten tragen, während anderen alles Widrige erspart bleibt. Und dann murren wir gegen Gott und finden, er sei ungerecht. Aber glaubt es mir: es handelt sich dabei um eine Täuschung auf Grund von Außenbildern und Oberflächen-Eindrücken. In Wahrheit fehlen die Kreuzesbalken in keinem Menschenleben. Es sieht nur bei jedem wieder völlig anders aus. Viele verstehen es auch, ihre Last in taktvollem Schweigen vor der Umwelt streng verborgen zu halten, und doch ist sie da und drückt schwer. Also, nicht dadurch unterscheiden wir uns voneinander, dass die einen Leid haben, während die anderen, davon verschont, frei ausgehen. Die Unterscheidung und Entscheidung liegt bei der Frage, ob wir bereit sind, unser Leid zu tragen oder es zornig zu verfluchen. Wo gehören wir hin? Wollen wir unseren Standort auf der unreifen Frühstufe der Jünger haben, die von der Leidensweissagung Jesu nichts verstanden, weil sie es nicht verstehen wollten, oder bei dem Herrn, der uns mitnimmt auf dem steilen Weg, der nach Golgatha führt? Sicher ist es leichter und bequemer, abwärts zu gehen als »hinauf gen Jerusalem«. Aber nur wer überwindet, kann die Krone des Lebens empfangen“ (in Auszügen aus Adolf Köberle. Christus als Seelsorger. Hamburg: Furche, 1960. S. 63-67).

4. PREDIGTGLIEDERUNGEN

Hoffnung für Verständnislose:

a) Bereitschaft zum Folgen?

b) Bereitschaft zum Hören?

c) Bereitschaft zum Handeln?