Monatsthema: Leben im Advent des Herrn
Predigtthema: In Spannungen aushalten
Bibelstelle: 1.Petrus 1,13-25
Verfasser: Eckhard Löffler
Vorbemerkungen
Es geht um die Berufung der Christen. Drei Abschnitte: V 13-16 Leben in der Heiligung; V 17-21 Festhalten an der Erlösung; V 22-25 Bleiben in der Bruderliebe.
Alle Briefe des NT zielen auf die Stärkung der Gemeinden und ermahnen zu einem heiligen Leben vor Gott und Menschen.
Erklärungen und Tipps:
V 13 „Darum…“, „Deshalb…“ beschreibt die menschlichen Konsequenzen aus dem, was Gott an ihnen tat.
Jede Lebensgestaltung beginnt mit dem Denken. Das AT sah die Zentrale dafür im „Herzen“.
Das Bild „Lenden des Denkens begürtet“ stammt aus der Antike. (1) Aber flatternde Gedanken verursachen mehr Probleme als flatternde Kleider. Träume, Wünsche, Phantasien können den Menschen beherrschen.
Deshalb mahnt Jesus mit ähnlichen Worten (Lk 12, 35.36a).
Auch beim Auszug aus Ägypten verlangte Gott „umgürtete Lenden“ (2. Mo 12, 11). Es geht um Konzentration des Denkens, Fühlen und Wollens auf das, was Gott will. (2)
„Nüchtern“ beschreibt die uneingeschränkte Konzentration auf das was wirklich ist. Wer konzentriert auf ein Ziel oder einen Kampf ausgerichtet ist, versagt sich bewusst Dinge, die seine Kräfte unnötig beanspruchen.“ (Uwe Holmer).
Die „Enthüllung Jesu als Messias“ ist der nächste wichtige Zeitpunkt der Weltgeschichte. Dann wird klar, wer Gott, wer Jesus und wer jeder Mensch ist. Diese Welt wird mit allem, was die Heiligung erschwert, vergehen
(1. Jo 2, 17).
Bis dahin sind auch die Nachfolger Jesu verachtete, übergangene und verfolgte Leute.
„Gnade“ beschreibt alles, was Gott den Erlösten unverdient(!) schenkt.
„DARUM“ (V 13) leben Christen konsequent, weil sie von der Vordergründigkeit der Vorstellungen dieser Welt kuriert sind und Gottes Wort für sich akzeptiert haben.
V 14 Christen verträumen und vertrödeln nicht die Gegenwart. Als „Kinder des Gehorsams“ richten sie sich nach Gottes Wort. Glaube und Gehorsam sind wie siamesische Zwillinge, untrennbar verbunden.
Gehorsame müssen zuerst HÖREN.
Und der Begriff „Kinder des Gehorsam“ beschreibt die Zustimmung und Umsetzung im Blick auf Gottes Wort. (3)
V 15f „Heilig“ (ausgesondert) bezeichnet das vom Gewöhnlichen Getrennten, den Bereich Gottes. Gott allein IST (Jes 6, 3) und MACHT (Hes 37, 28) heilig.
Heilige leben nicht automatisch oder gar „zwangsläufig“ heilig. (4) Sie richten sich nur konsequent nach dem, was Gott tut.
Sie mühen sich nicht um ein Ziel, sie leben vom erreichten Ziel her. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der HERR, euer Gott“ (3. Mo 19, 2) – so wird das Kapitel, in dem sich der berühmte Satz findet, bestimmt durch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Mo 19, 18).
„Heilig“ ist der Bereich, wo Gott wohnt. Und das ist im NT zuerst die Gemeinde Gottes.
Hier ist niemand besonders heilig, weil er sich besondere Mühe gibt, sondern weil Gott dabei ist.
Sie sind „Herausgerufene“ (ekklesía) in Gottes Bereich hinein.
Und „Heiligung“ bedeutet nun auch nicht, sich die engere Nähe Gottes zu erarbeiten. Heilig ist heilig – und heilig, heiliger, am heiligsten gibt es nicht. Wer zur Gemeinde Gottes gehört, ist „drin“. Und drin, drinner, am drinnsten wäre unsinnig. (5)
Heiligsein geschieht nicht DURCH den Wandel, sonder IM Wandel. WEIL berufene Heilige wissen, wo sie hingehören. Das entscheidende Ereignis lag in ihrer Wiedergeburt, also in der Vergangenheit und muss in der Gegenwart nur noch realisiert werden. Allerdings nicht nur sonntags oder hier und da, sondern „in ALLEM Wandel“.
Der Urtext für V16 steht in 3. Mo 19, 2, wobei dieses Kapitel bestimmt wird durch V18b: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst: ICH bin der Herr!“.
Petrus braucht Einzelgebote nicht mehr aufzuzählen, denn die Befreiten stehen ja nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der GNADE (Rö 6, 14).
V 17 Wörtl „Und WENN ihr als Vater anruft den…“ ist nicht als „Falls ihr mal…“-Fall gemeint, sondern beschreibt die neue, unmittelbare Nähe zu Gott, die Jesus Christus ermöglicht hat.
„Abba, Vater!“ (Rö 8, 14f; Gal 4, 6) dürfen sie sagen, – dieselbe Anrede wie vom Sohn.
Sie haben nicht mehr das Gericht Gottes zu fürchten (Jo 5, 24), nicht die Unerbittlichkeit eines gerechten Richters, sondern können bildlich „trotz allem“ und immer wieder ihrem Abba auf den Schoß klettern und seine Zuneigung, Liebe und Gnade erleben.
Der Jesusnachfolger kommt nicht mehr ins Gericht, muss aber durchs erprobende Feuer hindurch (1. Ko 3, 12-15). Er handelt nicht mehr aus Furcht vor Strafe (Jes 53, 5; 1. Jo 4, 18; Hebr 9, 12; 10, 10), sondern will dem Vater, den die Rettung so viel kostete, nur noch dankbar sein.
Gott hat keine Günstlinge, sondern Kinder.
V 18f Dieser Wandel wird erst möglich, wenn man WEISS, wie viel Gott unsere Erlösung gekostet hat. (6)
„Nichtig“ bedeutet unwirksam. (7)
Die „Erlösung“, der „Loskauf“ (8) kostete Gott „alle Ressourcen“, seinen einzigen Sohn.
ER lässt sich nicht kaufen, weder durch fromme Anstrengung noch durch weltliche Werte.
Extrem kostbar ist, was durch nichts ersetzt werden kann. Jesus ist einmalig, das wertvollste Unikat aller Zeiten.
Die Bezeichnung „fehlerloses, fleckenloses Lamm“ deutet auf die Opfer im AT hin, die allerdings immer wieder nötig waren, weil Menschen immer wieder sündigten. Die Opfer mussten fehlerfrei sein (s. Bibellexikon).
Jesus, das „Lamm Gottes“, ist die Lösung für die größten Fragen dieser Weltgeschichte, s Offb 5: Der Löwe aus dem Stamm Juda ist das geschlachtete Lamm.
Wer das verstanden hat, kann eigentlich nicht mehr leben, als ob nichts wäre.
V 20 „Um euretwillen“ wird das alles erst in der letzten Zeit offenbar (2. Petr 3, 9).
Und warum dieses Blutvergießen? Weil Sünde den Tod verdient. Reue und ein überschaubares Strafmaß reichen nicht aus. Für Sünde ist nur das Todesurteil zu erwarten. Und DAS übernahm Jesus am Kreuz.
V 21 Das „um euretwillen“ wird näher erklärt. (9)
An Gläubigen erfüllt sich die Heilsabsicht Gottes, an den Übrigen nicht. Wer diesen Unterschied verwischt (z.B. „Alle Menschen sind Gottes Kinder.“), ist blind oder menschengefällig.
Ohne das Osterereignis keine Vergebung! Wir wären noch in unseren Sünden (1. Ko 15, 17) und es gäbe keine lebendige Hoffnung für uns (1. Ko 15, 3).
Jesus hat als „Bahnbrecher“ den Weg frei gemacht für viele, die an ihn glauben (Jo 3, 15f).
Das Wort HERRLICHKEIT kommt in 1. Petr neun Mal vor, u. a. weil der Brief Leidende stärken und der angefochtenen Gemeinde Hoffnung vermitteln will. (10) So wie Jesus mit der Auferstehung die Herrlichkeit Gottes erhielt, werden auch seine Nachfolger Herrlichkeit erleben.
Vertrauen auf Jesus bedeutet gleichzeitig Hoffnung auf Gott.
V 22 Hauptthema: Habt einander beharrlich von Herzen lieb. Die Reihenfolge ist dabei allerdings wichtig: „NACHDEM“ ihr eure Seelen gereinigt…“. Die Liebe zum Bruder setzt die Reinigung des Herzens voraus. Und die geschieht nicht ein für allemal, sondern ist immer neu nötig. Wo in einer Gemeinde die Bruderliebe fehlt, muss mit der Reinigung angefangen werden. (11)
Unter „Seele“ verstand man mehr als ein geistliches Einbauteil im Inneren. Sie galt als Sitz des Lebens. Der Mensch HAT keine Seele, er IST eine (1. Mo 2, 7). Das hebräische ‚näphäsch’ beschreibt den ganzen Menschen, sein Zentrum wird mit „Herz“ beschrieben (Hes 36, 26f; Mt 15, 19; Mk 7, 21).
Zorn, Zank, Neid, Misstrauen, Egoismus, Eifersucht „im Herzen“ beeinflussen den GANZEN Menschen. Das muss er nicht kaschieren, indem er „sich beherrscht“. Es geht nur durch WAHRHEIT und GEHORSAM.
Keine Reinigung ohne Heiligung (s. V16).
Der Begriff „ungeheuchelt“ deutet die ständige Gefährdung an (Rö 12, 9; 2. Ko 6, 6). (12)
Vorgetäuschte Bruderliebe ist so gefährlich, weil sie die Lüge für eigene Zwecke benutzt. Wie oft wurden ganze Gemeinden durch fehlende Bruderliebe über Jahre hin geistlich gelähmt! (Mt 6, 15f; 7, 5; Lk 12, 1).
Nur die Bruderliebe kennzeichnet das geordnete Verhältnis der Jesusnachfolger untereinander (Jo 13, 34f; 15, 12; 17, 26; 1. Thess 3, 12; 4, 9f). Diese Liebe muss regelmäßig (täglich) neu übernommen werden. Sie hat „an sich“ nur ein kurzes Haltbarkeitsdatum, eben nur bis zur nächsten Unregelmäßigkeit. (13)
„Beharrlich, beständig, anhaltend“ zeigt an, dass Bruderliebe nicht immer leicht ist. Aber nur wenn sie „von Herzen kommt“ entkrampfen sich gespannte Verhältnisse.
V 23 Diese apostolischen Ermahnungen appellieren nicht an die Willenskraft des Menschen: „Du musst…, damit…“, sondern erinnern an Gottes Tatsachen.
Dabei sollte nicht unterschieden werden zwischen Bekehrung und Wiedergeburt. (14) Gott schafft beides.
Wer an Jesus glaubt, HAT den heiligen Geist und IST wiedergeboren.
Für „Samen“ steht eigentlich „Saat“ (spora). Die Wiedergeburt geschieht also ohne eigenes Dazutun aus dem Wort Gottes. Mehrfach wird hier das „aus“ und „durch“ benutzt.
Keine Verkündigung, die ewiges Leben schaffen möchte, kommt ohne das bleibende, lebendige und Leben schaffende Wort Gottes aus. (15)
Jesus bezieht diesen Samen auf das Wort Gottes (Lk 8, 11; vierfaches Ackerfeld).
V 24 „Alles Fleisch“ meint alle Menschen. „Fleisch“ ist weithin begehrt, bezeichnet aber auch die Vorläufigkeit und das Vergehen des Menschen. (16)
„Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm“ (Jer 17, 5). Paulus sieht das genauso (Gal 1, 16; Rö 8, 3b).
Menschen ohne Gott haben nur ihre kurze Lebenszeit. Gras verdorrt, Blätter welken, Blumen fallen ab.
V 25 Die Judenchristen scheuten sich, den Namen Gottes auszusprechen. Paulus benutzt nun den Begriff „Wort des Herrn“. Jesus und der Vater sind eins (Jo 10, 30).
Der „Zweifler“ Thomas hat das schließlich verstanden: „Mein Herr und mein Gott!“ (Jo 20, 28).
Was ewig bleibt ist Gottes Wort, das mich treffende Wort des ewigen Herrn.
Das griech. Wort ist hier nicht logos sondern rhäma, das gesprochene Wort, das mich trifft.
Das AT formuliert „das Wort GESCHAH zu Jona…“ (Jona 1, 1; u. a.).
Und hier wird das Wort des Herrn als Evangelium weitergesagt. Das Griechische spricht von euangelizesthai = evangelisieren).
Wer seine Wiedergeburt und das ständige Neuschaffen der Verhältnisse im eigenen Herzen erlebt, kann Geschwister echt lieben. Gott IST Liebe (1. Jo 4, 8).
Gliederungsvorschlag (siehe Vorbemerkungen):
1. Leben in der Heiligung V13-16
2. Festhalten an der Erlösung V17-21
3. Bleiben in der Bruderliebe V22-25
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Fußnoten
(1) Bei der praktischen Arbeit störten die langen Gewänder und man stopfte die unteren, flatternden Säume deshalb hinter den Gürtel.
(2) Zerstreute Leute leisten nichts Großes, wobei der „zerstreute Professor“ nur so wirkt, weil er über für ihn Wichtigeres konzentriert nachdenkt. Wer Zerstreuung SUCHT, will aber gerade von Wichtigem ablenken.
(3) „Kind des Todes“, „Kinder des Zorns“ (Eph2, 3) sind jeweils umfassend Geprägte vom Tod oder vom Zorn.
(4) „Christsein heißt nicht Schwätzen von Christus, sondern leben, wie er gelebt hat.“ (Ulrich Zwingli)
Afrikanische Redewendung: „Die Predigt aus deinem Mund versteht man nicht so deutlich wie das Reden von deinen Händen und Füßen“.
(5) Wenn Gottes Reich als sein „Gehege“ in dieser Welt verstanden wird, heißt Heiligung: Sich an der Mitte orientieren und nicht ständig am Zaun stehen, um zu suchen, was es in dieser übrigen Welt noch mitzunehmen und zu erben gibt.
(6) Beispiel: Wer in einem Hotel nach ausgiebigem Essen feststellt, dass er kein Geld für die Bezahlung dabei hat und ein anderer Gast für ihn zahlt, wird kaum auf die Idee kommen, dann gleich noch mal was Teures zu bestellen.
(7) Die Rechtswissenschaft beschreibt einen Rechtsakt (Vertrag, Kündigung, Genehmigung, Gesetz, Satzung, usw.) als „nichtig“, wenn er nicht wirksam ist, also keine rechtlichen Wirkungen entfaltet, von niemandem beachtet werden muss, sozusagen rechtlich nicht existent ist. (nach Wikipedia)
(8) Zum „Loskauf“ (= Erlösung) auf den Sklavenmärkten der Antike reichten Gold und Silber.
(9) Paul Gerhardt hat das treffend im Lied erklärt:
„Geh hin, mein Kind, und nimm dich an der Kinder, die ich ausgetan zur Straf und Zornesruten; die Straf ist schwer, der Zorn ist groß, du kannst und sollst sie machen los durch Sterben und durch Bluten“
„Ja, Vater, ja von Herzensgrund, leg auf, ich will´s gern tragen; mein Wollen hängt an deinem Mund, mein Wirken ist dein Sagen.“ – aus Lied „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ (Paul Gerhardt, Gemeinschaftsliederbuch „Jesus unsere Freude“, Nr. 87).
(10) „Wer hier ermüden will, der schaue auf das Ziel. Da ist Freude.“ (Wilhelm E. Arends im Liede: Rüstet euch, ihr Christenleute, 1714).
(11) Auch jeder „Liebe-Lern-Prozess“ (Christian. A. Schwarz) versandet, wenn am Anfang nicht Vergebung und Reinigung stehen.
(12) Bei fehlender Bruderliebe kann man sich in „christliche Umgangsformen“ flüchten. Die sehen zwar nach Liebe aus, sind aber wirklich das glatte Gegenteil davon. Vorgetäuschte Liebe ist Schauspielerei und Verrat am Nächsten.
(13) Amy Carmichael hat in Indien ein Rettungswerk für Tempelkinder (…) aufgebaut und schreibt:
„Wenn die Liebe unter uns zu schwinden droht, wenn es möglich wird, den leisesten Schatten eines lieblosen Wortes zu dulden, dann fängt unsere Gemeinschaft an zu sterben. Lieblosigkeit ist tödlich, sie ist gefährlicher als eine Kobra. Gerade so, wie ein winziger Tropfen des Kobragiftes sich schnell in dem ganzen Körper dessen verbreitet, dem es eingespritzt wurde, so genügt ein Tropfen galliger Lieblosigkeit in meinem oder deinem Herzen, dass er sich in furchtbarer Macht in unserer ganzen Familie ausbreitet; denn wir sind ein Leib … Wenn du irgendwo Lieblosigkeit entdeckst, lass alles liegen und bringe es in Ordnung, wenn möglich sofort!“ (Aus „Amy Carmichael von Dohnavur“).
(14) Die Klassifizierung „Der scheint mir zwar bekehrt, aber noch nicht wiedergeboren zu sein. Er hat sich Gott wohl übergeben, aber es fehlt noch die Ganzhingabe.“ geht an Gottes Zusagen vorbei.
(15) „ER hat´s gesagt. Und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt“ (Iwwd 375, Ich steh in meines Herren…, Philipp Spitta).
(16) Fleisch bleibt nicht lange frisch, ansehnlich und schmackhaft. Das Haltbarkeitsdatum bescheinigt seine Vorläufigkeit.