Johannes

Predigthilfe vom 28. Januar 2024 – Johannes 1,11-13

Jahresthema: Von der Schönheit der Gemeinde – biblische Bilder der Gemeinde

Predigtthema:  Bilder der Gemeinde: Familie (Joh 1,11-13; Mt 12,46-50; 2Kor 6,18; 1Tim 5,1-2)

Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes. Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!

  1. Sehen, was dasteht

Verschiedene Bibelübersetzungen, um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).

1.1 Allgemeine Hinweise zum Jahresthema

Einleitung zum Jahresthema: Von der Schönheit der Gemeinde – biblische Bilder der Gemeinde

Es ist Gottes Herzenswunsch von Adam bis in die Ewigkeit hinein: Bei und unter den Menschen zu wohnen. Ganz nahe! In unserer Zeit wohnt Jesus dort, wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen – in der Gemeinde. Dabei spielt es keine Rolle, wie groß die Gemeinde ist. Aber Gemeinde ist wichtig und schön.

In vielen Bildern beschreibt uns die Bibel das Wesen und die Berufung der Gemeinde. An jedem letzten Sonntag im Monat denken wir über diesen Herzenswunsch Gottes nach:

Die Gemeinde als Familie (Januar), Gottes Weinberg (Februar), Leib Christi (März und Juli), Gottes Bau (April), Gottes Tempel (Mai), Gottes Herde (Juni), Gottes Volk (August), der Pfeiler (September), Brief Christi (Oktober), Braut Christi (November), der Leuchter (Dezember).

Jedes Bild legt den Schwerpunkt auf einen bestimmten Aspekt der Gemeinde. Alle Bilder zusammengenommen ergeben ein umfassendes Bild. Allen Bildern gemeinsam ist, dass Jesus Christus der Mittelpunkt des Bildes ist. Die Gemeinde lebt nur durch Christus und in Verbindung mit ihm. Solange die Beziehung zu ihm lebendig bleibt, bleibt Gemeinde lebendig. Jesus ermöglicht, baut, erhält und bewahrt die Gemeinde. Allen Bildern gemeinsam ist aber auch das gemeinsame Wesen der Gläubigen: Sie sind untereinander Geschwister, sind Reben am Weinstock, lebendige Steine oder Schafe in Gottes Herde. Es wird jeweils deutlich, dass es auf die innere Ausrichtung auf ihren Herrn, Jesus Christus, ankommt.

Für die Auslegung der Bilder, die uns Gott schenkt, sollten wir einige Regeln beachten, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Jesus verwendet in seinen Predigten unterschiedliche Arten von Bildern: er gebraucht u. a. Gleichnisse, Metaphern, Allegorien. Wenn wir von einer wörtlichen Auslegung der Bibel sprechen, dann legen wir jedes einzelne Wort der Bibel auf die Goldwaage. Jedes Wort ist genauso beabsichtigt, wie es dasteht. Wir beachten aber, dass wir uns darum bemühen, die Worte so zu verstehen, wie sie der Verfasser verstanden haben wollte bzw. wie sie die ersten Hörer verstehen konnten:

Bilder wollen eine geistliche Wirklichkeit veranschaulichen, die in der Realität nicht sichtbar ist oder nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. Ein Beispiel für die Veranschaulichung einer geistlichen Realität im Alten Testament, die etwas unsichtbares sichtbar macht, ist die Stiftshütte. Mose erhielt die Pläne für die Stiftshütte direkt von Gott (2. Mose 25,9): Genau nach dem Plan, den ich dir von der Wohnung und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen. In der Offenbarung schließlich sehen wir, dass die Stiftshütte die himmlische Realität veranschaulicht (Offb 15,5): Danach sah ich: Es wurde aufgetan der Tempel, die Stiftshütte im Himmel.

So dürfen wir auch die neutestamentlichen Bilder als geistliche Wirklichkeit verstehen. Sie wollen helfen, geistliche Realitäten zu verstehen, die für unsere natürlichen Augen nicht sichtbar sind. Jesus verwendet dazu viele Metapher: Metaphern sind sprachliche Stilmittel, bei denen Begriffe aus ihrem ursprünglichen Bedeutungszusammenhang herausgenommen werden, um eine Wahrheit zu veranschaulichen, die ansonsten umständlich umschrieben werden müsste. Bei einem direkten Vergleich zwischen dem Bild und dem Bezeichneten, können allerdings keine Gemeinsamkeiten festgestellt werden. Es ist beispielsweise klar, dass eine Gemeinde äußerlich wenig mit einem Leuchter gemein hat. Aber die Gemeinde ist von ihrem Wesen her ein Leuchter, ein Licht für diese Welt.

1.2. Hinführung zum Thema: Bilder der Gemeinde – Familie

„Unser Vater im Himmel“

Der Vater im Himmel verbindet die Familie Gottes untereinander. Die persönliche Vateranrede war für Israel im Alten Bund nicht üblich, obwohl der Gedanke sicher präsent war. Erst Jesus lehrte diese persönliche Anrede Gottes als Vater, der sich um seine Kinder kümmert (Mt 6,32). Paulus verwendet im Römerbrief sogar den kindlich vertrauensvollen Ausdruck „Abba“ (Röm 8,15).

Was wir unter Familie verstehen, entspricht im hebräischen und griechischen dem Haus

Weder der hebräische noch der griechische Wortschatz kennt ein Wort für Familie. Was wir, mit Vater, Mutter, Kindern und Großeltern, als Familie bezeichnen, wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament mit „Haus“ bezeichnet. Allerdings ist das Wort Haus wesentlich breiter gefasst und enthält z. B. auch das Hausgesinde, die weiter entfernte Verwandtschaft oder sogar die Vorfahren bzw. die Abstammungslinie (vgl. Joh 8,39: Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Spricht Jesus zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wärt, so tätet ihr Abrahams Werke).

Der Gedanke der Familie in den Evangelien

Bevor die Gemeinde entstand, kündigte Jesus an, dass die Jünger untereinander eine neue Familie bilden werden.

Matthäus 12, 46 Als er aber noch zu den Volksmengen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. 47 Und es sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen. 48 Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder! 50 Denn wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Jesus gibt der neuen Familie einen höheren Stellenwert als der Herkunftsfamilie. Wer nicht bereit ist, Jesus mehr zu lieben als seine Familie (die Jesus ablehnt), kann nicht sein Jünger sein. Allerdings darf das nicht falsch verstanden werden, als wäre die eigene Familie weniger wichtig. In keiner Weise wird durch die Gemeinde der Wert der Familie und die Verantwortung für die eigene Familie geschmälert!

Lukas 14, 26 Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter und die Frau und die Kinder und die Brüder und die Schwestern, dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein; 27 und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachkommt, kann nicht mein Jünger sein.

Wer an Jesus glaubt, wird unter Umständen sogar aus seinem alten Familienverband herausgerissen, weil er sich der neuen Familie Gottes angeschlossen hat.

Markus 10, 29 Jesus sprach: Wahrlich, ich sage euch: Da ist niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker verlassen hat um meinetwillen und um des Evangeliums willen, 30 der nicht hundertfach empfängt, jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker unter Verfolgungen – und in dem kommenden Zeitalter ewiges Leben.

Hausgemeinden waren entscheidend für die Verbreitung des Evangeliums

Ganz entscheidend für die Entstehung der Gemeinde waren die Hausgemeinden. Die ersten Christen trafen sich in den Häusern derjenigen, die gläubig geworden waren.  Sie dienten als Versammlungsort der neu entstandenen Gemeinden. In ihnen wurde das Evangelium verkündet. Oftmals bekehrten sich mit dem Hausvater ganze Hausgemeinschaften (Apg 11,14; 16,15.31.34; 18,18; 1Kor 1,16; Phlm 2; 2Tim 1,16; 4,19).

„Brüder und Schwestern“: Die Anreden in der Apostelgeschichte und den Briefen

Während in den Evangelien nur Jesus von Brüdern und Schwestern redet und seine Nachfolger auch so anspricht, finden wir diese Anrede unter den Jüngern erst in der Apostelgeschichte mit der Entstehung der Gemeinde. So spricht Petrus die versammelten Jünger an: Ihr Brüder, es musste die Schrift erfüllt werden… (Apg 1,16).

Von da an ist die Bezeichnung Bruder und Schwester (vgl. Jak 2,15) für die Gläubigen untereinander die übliche Anrede.

Hausgenossen des Glaubens

Zweimal verwendet Paulus den Begriff Hausgenossen für Gemeindemitglieder und greift damit den Begriff Haus für die Gemeinde auf:

Gal 6,10 Lasst uns also nun, wie wir Gelegenheit haben, allen gegenüber das Gute wirken, am meisten aber gegenüber den Hausgenossen des Glaubens!

Eph 2,19 So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen…

Trotz der üblichen Anrede als Bruder oder Schwester gebraucht das Neue Testament das Wort Haus/ Hausgenossen (als Entsprechung zur Familie) für die Gemeinde also nur sehr selten (vgl. auch Hebr. 10,21; 1Petr 4,17).

1.3 Hilfen zum Verständnis des Predigttextes

Hilfen zur Auslegung bieten z.B.

Maier Gerhard, Edition C Bibelkommentar, „Johannesevangelium 1. Teil“ und „Matthäus- Evangelium 1. Teil“, Hänssler Verlag.
De Boor Werner, Wuppertaler Studienbibel, „Das Evangelium des Johannes“, R.Brockhaus Verlag Wuppertal.
Rienecker Fritz, Wuppertaler Studienbibel, „Das Evangelium des Matthäus“, R.Brockhaus Verlag Wuppertal.
Grünzweig Fritz, Edition C Bibelkommentar, „1. Timotheusbrief“, Hänssler Verlag.
Bürki Hans, Wuppertaler Studienbibel, „Die Briefe des Paulus an Timotheus, an Titus und an Philemon“, R.Brockhaus Verlag.
Schlatter Adolf, Erläuterungen zum Neuen Testament, Calwer Verlag.

1.3.1 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes: Johannes 1,11-13

Zusammenhang/ Kontext:

Wir befinden uns mit Joh 1,11- 13 im Johannes-Prolog (Joh 1,1- 18). Der Johannes-Prolog ist eine Besonderheit unter den Evangelien. Johannes schrieb als letzter der 4 Evangelisten sein Evangelium und konnte vieles als bekannt voraussetzen. Sein Prolog ist eine knappe Zusammenfassung, ein Extrakt des Evangeliums, das die Kernaussagen des Evangeliums kurz und prägnant auf den Punkt bringt.

Dass Johannes mit den Worten „Am Anfang“ beginnt, erinnert erstens an die Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1) und macht deutlich, dass er beansprucht, ebenfalls Wort Gottes zu schreiben. Und zweitens macht er deutlich, dass mit Jesus nun eine neue Schöpfung beginnt. So wie der Logos am Anfang die Schöpfung ins Leben sprach, so spricht der Logos die neue Schöpfung ins Leben. Drittens wird mit diesen Worten deutlich, dass mit Jesus ein neuer Anfang, eine neue Heilszeit begonnen hat. Dies wird noch anschaulicher in seinen Briefen, in denen Johannes ebenfalls vom Anfang spricht und diesen Anfang mit dem Wirken von Jesus verbindet.

Das wesenhaft Neue dieses Anfangs ist, dass sich nun die Verheißung der Propheten erfüllt, die ankündigten, dass Gott seinen Geist schenken wird: Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben (Hes 36,27). Dieser Geist bewirkt die Neuschöpfung (vgl. 2Kor 4,6), die in Vers 12 mit der Neugeburt verglichen wird. Damit kommt im Neuen Testament nun der Gedanke der Familie in den Blick.

V. 11  
Sein Eigentum/ die Seinen: Wer ist sein Eigentum? Wer sind die Seinen? An 2 Auslegungen ist zu denken, die sich nicht gegenseitig ausschließen: Erstens ist sein Eigentum Israel als das auserwählte Bundesvolk: Und ich werde in eurer Mitte leben und werde euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein (3Mo 26,12). Zweitens kann damit auch die Welt und mit ihr alle Menschen gemeint sein, die er ins Dasein gerufen hat (Jes 66,1).

Im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Matthäus 21) wird deutlich, dass der Sohn zum Weinberg seines Vaters kommt. Er ist der Erbe und also Eigentümer. Immer wieder machte Jesus deutlich, dass er zum Haus Israel gesandt ist (Mt 15,24). Es ist die Tragik Israels, dass es ihren so lange erwarteten Messias, der in seinen Tempel, seines Vaters Haus (Joh 2,16) kam, nicht erkannten. Schon die Ereignisse um die Ankündigung und Geburt von Jesus schildert diese Dramatik sehr deutlich: es waren nur wenige die ihn erwarteten und aufnahmen (Hannah, Simeon).  Und auch später waren es nur wenige von den Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern, die Jesus als Messias anerkannten. In seinem Weheruf in Matthäus 23,37 beklagt Jesus diese Tatsache: Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

Die zweite Auslegung ergänzt die erste: Sein Eigentum, das ist die ganze Welt bzw. alle Menschen. So predigt Paulus in Athen auf dem Areopag (Apg 17,28f): Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind… Nicht nur viele Juden, auch viele Heiden haben Jesus abgelehnt!                              

Vers 12
Das Wort aufnehmenbedeutet im Neuen Testament nicht einfach aufnehmen, empfangen, sondern zu sich nehmen, mit sich nehmen. Es wird z. B. gebraucht, wenn nach damaligem Brauch der Bräutigam seine ihm versprochene Braut von zuhause abholt und mit sich nimmt oder wenn von der Entrückung die Rede ist, bei der Jesus die Gläubigen mit sich in den Himmel nehmen wird (Mt 24,14). Daraus wird ersichtlich, dass aufnehmen bedeutet, Jesus in eine intensive Lebensgemeinschaft aufzunehmen.

Das Recht, Gottes Kind zu sein ist nicht einfach eine Bezeichnung für einen Status, sondern mehr: es beinhaltet den Gedanken, dass das Kind die Rechte der Kindschaft für sich beanspruchen darf und gleichzeitig die Macht bekommt, zu handeln. Es beinhaltet ebenfalls den Gedanken, dass niemand ihm dieses Recht oder die Macht (als Kind Gottes) zu handeln, streitig machen könnte (vgl. 1Joh 3,1). Der griechische Begriff für Recht, der hier gebraucht wird (Vollmacht), umfasst beides: das Recht zu handeln und die Macht, es auszuführen.

Kinder Gottes zu werden: In der übertragenen Bedeutung bezeichnet Kind die geistliche Abstammung und Herkunft: die Glaubenden werden Kinder Gottes genannt (Joh 1,12; 11,52; 1Tim 1,18; Tit 1,4; 1. Joh 3,1.2.10). Das Wort werden kommt von formen, gebären. Es bedeutet gemacht oder geschaffen werden, zu etwas werden (Mt, 4,3; Joh 1,12.14; 2,9), entstehen aus dem Nichts (Joh 1,3.10). Schon hier wird deutlich, dass Kind Gottes werden nichts mit dem zu tun hat, was der Mensch schaffen kann.

Die an seinen Namen glauben: wenn es hier heißt, dass jeder der an seinen Namen glaubt, das Recht bekommt, Kind Gottes zu werden, dann veranschaulicht das sehr schön, worum es im Glauben geht: es ist ein sich verlassen auf Jesus. Glaube ist kein Akt menschlicher Gedanken und keine religiöse Leistung, sondern im Gegenteil: es ist ein Loslassen von allem, wovon der Mensch meint, dass Gott es als Leistung anerkennen müsste. Der Name Jesus Christus darf selbstverständlich nicht in einer Art Orakel verstanden werden (Apg 19,13). Der Name steht immer für die ganze Person.

Vers 13
Nicht aus Geblüt:
Geblüt bezeichnet die Abstammung bzw. den Stammbaum im Sinne der Blutlinie, die den Nachkommen gemeinsam ist. Oftmals wird Blut/Geblüt mit Fleisch zusammen genannt. Fleisch und Blut bezeichnet den Menschen in seiner natürlichen Existenz. Der Ausdruck Geblüt bezeichnet somit den natürlichen Ursprung des Menschen (Matth 16,17; 1Kor 15,50; Eph 6,12). Johannes schildert in seinem Evangelium ausführlich die Auseinandersetzung von Jesus mit den Schriftgelehrten, die sich auf ihre natürliche Abstammung von Abraham (Joh 8,39) berufen und deshalb irrtümlicherweise glauben, Gott wäre ihr Vater (Joh 8,41). Diese Argumentation hebt Jesus aus den Angeln, indem er ihnen vorhält, dass Gott nicht ihr Vater sein kann, weil sie ihn ablehnen, der vom Vater zu ihnen kam (Joh 8,42). Damit wird deutlich: Gotteskindschaft wird nicht vererbt („Gott hat keine Enkel“).

Auch nicht aus dem Willen des Fleisches: Das griechische Wort Wille macht deutlich, dass es das Ergebnis des Wollens ist. Oftmals steht der menschliche Wille im Gegensatz zum göttlichen Willen (vgl. Eph 2,3). Das Wort Fleisch kann einfach die leibliche Existenz des Menschen bedeuten. Aber im Zusammenhang von Johannes 1 bezeichnet es die Tatsache, dass der natürliche Mensch kraftlos ist und nichts vollbringen kann, was vor Gott zählt. Ganz im Sinne von Römer 7, 18: Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

Noch aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind: Das griechische Wort geboren kann sowohl geboren (wenn von der Frau die Rede ist) als auch gezeugt (wenn vom Mann gesprochen wird) bedeuten. Noch einmal wird deutlich, dass natürliche Zeugung und Geburt keine Abstammung von Gott begründen können. Es braucht eine Zeugung bzw. eine Neugeburt aus Gott. Diese Wahrheit erklärt Jesus besonders anschaulich in Johannes 3 im Gespräch mit Nikodemus. Vor allem Johannes gebraucht diesen Ausdruck oft (1Joh 2,29; 3,9; 4,7; 5,1.4.18).

1.3.2 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes: Matthäus 12, 46-50

Vers 46-47: Nach Matthäus 13,55 hatte Jesus noch 4 Halbbrüder: Jakobus, Josef, Simon und Judas. Sie glaubten anfangs nicht an ihn (Joh 7,5). Das führte dazu, dass es zunehmend zur Konfrontation mit Jesus kam. Nach Markus 3,21 wollten die Seinen, also seine Mutter und seine Brüder ihn ergreifen  und erklärten ihn für nicht zurechnungsfähig. Erst nach seiner Auferstehung kommen seine Brüder zum Glauben an ihn (vgl. 1. Kor 15,7). Von seinen Schwestern (Matth 13,56 u. Mk 3,32) ist nicht viel bekannt.

Im Licht von Markus 3,32 verstehen wir die Intention der Mutter und der Brüder von Jesus: Sie standen vor der Tür und wollten Jesus sprechen, um ihn zu ergreifen, d. h. wörtlich festnehmen. Vermutlich fürchteten sie das Todesurteil der Pharisäer, die schon zu dem Urteil über ihn gekommen waren, er sei von Dämonen besessen. Ihre Absicht war also aus menschlicher Sicht verständlich und gut. Aber geistlich waren sie auf der Linie von Matthäus 16,23: Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Vers 48-50: Das Ansinnen seiner Familie nutzt Jesus für eine Frage, um eine geistliche Wahrheit zu veranschaulichen: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Nicht diejenigen sind Brüder und Schwestern, die dieselbe Mutter haben! Sondern seine Brüder und Schwestern sind die, die denselben Vater haben! Der Vater von Jesus war nicht Josef, sondern Gott. So ist jeder, der aus Gott geboren ist, Bruder und Schwester von Jesus! Und geistlich gesehen auch Mutter und Vater. Jesus weist hier auf die geistliche Familie hin, durch die man nicht durch Blutsverwandtschaft oder Abstammungslinie dazugehört, sondern durch eine Neugeburt aus Gott.

Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel: In Matthäus 7, 21 macht Jesus deutlich, dass nicht äußerliches Bekenntnis, sondern innere Verbundenheit zum Vater im Himmel zählt. Diese innere Verbundenheit drückt sich äußerlich durch das Tun des Willens Gottes aus. Sichtbar an den Früchten, die aus einem Leben in der Nachfolge entstehen.

In 1Joh 4,7 argumentiert Johannes ähnlich: Ihr Lieben, lasst uns einander lieb haben; denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott. Auch hier wird deutlich, dass nicht äußeres Bekenntnis, sondern innere Verbundenheit zählt, die sich sichtbar in Liebe auswirkt, welche eine Frucht des Geistes ist.

Die Bestimmtheit, mit der Jesus sagt: siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder, erlaubt kein weiteres menschliches urteilen mehr: Über die Zugehörigkeit zur geistlichen Familie Gottes bestimmen nicht Menschen, sondern allein Gott. Geschwister (und Mütter und Väter im Glauben) kann man sich nicht aussuchen. In die geistliche Familie wird man hineingeboren. Und das ist eine große, unverdiente Würde: Jeder, der glaubt, darf dazu gehören. Ganz egal, was vorher war! Es zählt allein die Verbundenheit zum Vater und das Tun seines Willens.

1.3.3 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes: 1. Tim 5, 1- 2

Paulus gibt Anweisungen für den jungen Mann Timotheus, wie er mit den verschiedenen Personengruppen der Gemeinde umgehen soll. Dabei nimmt er als Vorbild für das Verhalten in der geistlichen Familie die leibliche Familie. Wie hier, gilt auch in der geistlichen Familie, sich an einen respektvollen Umgang untereinander zu halten.

Die besondere Herausforderung für Timotheus bestand darin, als junger Gemeindeleiter Dinge in einer guten Art und Weise anzusprechen, die angesprochen werden müssen. Paulus ermahnt ihn in 1 Tim 4,13, mit dem Ermahnen fortzufahren! Es ist immer bequemer, gar nicht anzusprechen, was falsch läuft und sich einzureden, dass man es aus Rücksicht auf den anderen nicht tut. Aber falsch verstandene Liebe hilft dem anderen nicht weiter, sondern überlässt ihn in seinem Fehlverhalten.

Paulus gibt Timotheus folgende Ratschläge, um Dinge auf gute Art und Weise anzusprechen:

Einen älteren Mann fahre nicht an: es wird Situationen geben, in denen Timotheus Männer ermahnen muss, die älter sind als er. Wörtlich heißt es: draufschlagen, schelten, schroff anfahren. Timotheus soll nicht aus einer Haltung von Ärger und Zorn heraus ermahnen, weil Zorn nicht tut, was vor Gott recht ist (Jak 1,20). Mit einer ärgerlichen Haltung kann man weder Kinder erziehen noch andere auf liebevolle Art in der Gemeinde ermahnen. Im Hinblick auf die Älteren erinnert Paulus deshalb, die nötige Ehrerbietung den Älteren gegenüber nicht zu vergessen!

Die jüngeren Männer (ermahne) wie Brüder: Timotheus darf sich, auch wenn er Leiter ist, nicht höherstellen, als die anderen. Auch er braucht Ermahnung von seinen Brüdern. Wenn er sich auf gleiche Ebene wie die anderen stellt, ermahnt er nicht von oben herab mit dem erhobenen Zeigefinger. Das setzt eine Haltung der Demut voraus, die dafür sorgt, dass die Ermahnung in Liebe geschieht. Immer mit dem Wissen: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an (1 Sam 16,7).

Die älteren Frauen (ermahne) wie Mütter: Auch hier erinnert Paulus Timotheus an seine Jugend: er ist noch nicht so lange im Glauben. Er braucht eine Haltung der Demut, wenn er ältere Frauen ermahnen muss. Die Erinnerung an das Verhalten in der Familie, der Mutter gegenüber, kann ihm helfen, sich in seinen Motiven klar zu werden. Es gilt grundsätzlich, Respekt vor dem Alter und der Glaubenserfahrung der älteren Geschwister an den Tag zu legen. Evtl. auch, sich über den jugendlichen Eifer im Glauben klarzuwerden, der manches überbetont und anderes vernachlässigt. Es muss zu einem gesunden Ausgleich kommen, wofür andere Geschwister, auch Mütter im Glauben, beitragen.

Die jüngeren Frauen (ermahne) wie Schwestern, mit allem Anstand: Ganz nüchtern und mit großer Klarheit spricht Paulus die Gefahr der sexuellen Versuchung an. Er als junger und wohl unverheirateter Mann muss bei der Ermahnung bzw. Seelsorge an jüngeren Frauen die nötige Zurückhaltung/Keuschheit an den Tag legen. Seelsorge bedingt immer ein gewisses Maß an Offenheit dem anderen gegenüber, die aber gleichzeitig zu einer Versuchung für ihn werden kann, wenn er die gebotene Distanz nicht einhält.

Zusammengefasst: Paulus gibt Timotheus für seinen Dienst an der Gemeinde mit auf den Weg, dass er sich vor Augen hält, wen er vor sich hat. Es wird ihm helfen, sich immer daran zu erinnern, dass die Gemeinde eine geistliche Familie ist, in der es Väter und Mütter gibt, die länger im Glauben stehen als er selbst. Und dass es immer geboten ist, eine Haltung der Demut und Korrekturbereitschaft seinen Brüdern und Schwestern gegenüber an den Tag zu legen. Ein solcher Umgang mit den Gemeindegliedern gegenüber wird das Gemeindeklima auf gute Art und Weise prägen.

2. Verstehen, worum es geht

2.1 Hinweise für situative Überlegungen

Unser Predigt- Thema „Bilder der Gemeinde – Familie“ spricht ein sehr wesentliches Bedürfnis aller Menschen an: Jeder möchte irgendwo dazugehören. Es ist die tiefe und unstillbare Sehnsucht, gesehen zu werden und die Angst vor Einsamkeit, die jeder Menschen kennt. Das spiegelt sich besonders deutlich in einer Umfrage wider: Nur 1% stimmte der Aussage zu, dass man ohne Familie glücklicher sei als mit:
https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/datenreport-2021/werte-und-einstellungen/330281/einstellungen-zu-familie-und-elternschaft/

Es ist die Schönheit der Gemeinde, dass hier Menschen aus allen Generationen, Gesellschaftsschichten und Nationalitäten einen Platz haben und durch Gott zu einer Familie werden. Nicht gemeinsame Interessen, Hobbys, Nöte etc. sind das Verbindende, sondern der gemeinsame Vater im Himmel.

2.2 Hinweise für homiletische Überlegungen

Je nach Gemeindesituation finden sich in einer Gemeinde nicht alle Generationen wieder. Viele leiden unter dieser Diskrepanz, dass sich Jung und Alt oft in eigenen Gemeinschaften bzw. Gemeinden treffen. Wir haben in unserem Umfeld oftmals eine „Gemeindelandschaft“, in der sich jeder nach einer Art Bedienmentalität Gemeinde nach seinem Geschmack heraussuchen kann.

In der Predigt kann das sicher angesprochen werden, es sollte aber nicht mit erhobenem Zeigefinger bzw. in einem vereinfachten Schwarz- Weiß- Schema darüber gesprochen werden. Es gibt vielfältige Gründe, warum eine Gemeinde „überaltert“ bzw. warum sich junge Menschen anderen Gemeinden anschließen. Die geistliche Realität bleibt trotz der für viele unbefriedigenden Gemeindesituation davon unberührt: Gottes Kinder bilden eine Familie und diese ist nicht identisch mit Gemeindezugehörigkeit.

Eine wichtige Frage, die sich vielen ebenfalls stellt, ist: Wie leben wir eigentlich diese Realität der geistlichen Familie? Wo findet Gemeinschaft statt, in der wir Anteil geben und nehmen? Wie ist das Gemeindeklima bei uns? Ist es von gegenseitigem Respekt und Demut geprägt? Kann man erkennen, dass wir eine geistliche Familie sind? Woran?

3. Sagen, wo es hingeht

3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?

Die Predigt soll die Schönheit der Gemeinde als Familie aufzeigen, in die Gott uns durch den Glauben an Jesus Christus hineingestellt hat. Durch Gott, den Vater sind alle Kinder Gottes untereinander verbunden.

3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?

Gott schenkt uns in der Gemeinde eine neue Familie!

  • Durch den Glauben an Jesus erleben wir die Wiedergeburt und werden Teil der Familie Gottes
  • Die Familie Gottes besteht aus vielen Geschwistern, die ebenfalls an Jesus glauben, sowie aus geistlichen Vätern und Müttern
  • Unser Verhalten in der Familie soll sich durch Liebe und Respekt den Geschwistern und den geistlichen Vätern und Müttern gegenüber auszeichnen

3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?

Die Predigt kann thematisch entfaltet werden:
Die Gemeinde – Gottes Familie
a) In eine Familie wird man hineingeboren (Joh 1, 11-13)
b) Familienmitglieder sucht man sich nicht aus (Matth 12, 46- 50)
c) Liebevoller Umgang sorgt für ein gutes Familienklima (1. Tim 5, 1-2)

(Karlheinz Deininger)