Monatsthema: Jesu Blick für Not
Predigtthema: Die Not des Reichtums
Bibelstelle: Lukas 16, 19-31
Verfasser: Johann Hesse
1. Der Zusammenhang
Jesus hat Kurs genommen auf Jerusalem (9,51), wo er in 19,41-44 ankommt. Jesus lehrt besonders in Kapitel 16 über den Umgang mit Geld. Das Gleichnis vom unehrlichen Verwalter (1-13) eröffnet das Kapitel, gefolgt vom Spott der geldgierigen Pharisäer (14-18). Unser Text schließt diesen Themenkreis ab, indem es vor den Folgen eines egoistischen Reichtum warnt (19-31).
2. Biblische Parallelen
Keine Parallelstellen
3. Der Aufbau des Textes
1 Der reiche Mann und Lazarus im Diesseits (19-21)
a.) Der reiche Mann im Diesseits (19)
b.) Lazarus im Diesseits (20-21)
2 Der reiche Mann und Lazarus im Jenseits (22-23)
a.) Lazarus bei Abraham (22a)
b.) Der reiche Mann im Hades (22b-23)
3 Die Bitten des reichen Mannes und die Ablehnung Abrahams (Verse 24-31)
a.) Die Bitte um Schmerzlinderung und Ablehnung Abrahams (24-26)
b.) Die Bitte um Sendung des Lazarus an die Familie (27-29)
c.) Die Bitte um einen Botschafter aus dem Totenreich (30-31)
4. Einzelerklärungen
Vers 19: Die Einleitung der Parabel beginnt mit den gleichen Worten wie die Einleitung zur Parabel vom unehrlichen Verwalter (16,1). Der reiche Mann trägt sehr teure Obergewänder, die mit dem Saft der Purpurschnecke gefärbt worden sind und feine teure Unterhemden. Sein Wohlstand ermöglicht es ihm, jeden Tag sorglos und fröhlich zu verbringen. Er lebt in Saus und Braus.
Vers 20: Im krassen Gegensatz dazu liegt Lazarus, ein bettelarmer Mensch, vor dem Tor des Hauses des reichen Mannes. Sein Körper ist übersät mit Geschwüren oder Abzessen. Wahrscheinlich kann er sich nicht bewegen, denn er lässt es über sich ergehen, daß die Hunde seine Wunden lecken (21). Der hebräische Name Lazarus ist eine Kurzform von „Eleazar“ und bedeutet „Gott hilft.“ Bedeutsam ist dies insofern, als Jesus hier das einzige Mal in einer Gleichnisgeschichte einer Person einen Namen gibt. Der Name soll möglicherweise signalisieren, daß dieser Mann in seinem Elend allein auf Gottes Hilfe zählen konnte, somit allein von Gott abhängig war.
Vers 21: Lazarus hat nur einen Wunsch: Daß er wenigstens die Essensreste des reichen Mannes bekommt, um wenigstens etwas in den Magen zu bekommen. Doch wie im Gleichnis vom barmherzigen Samariter der Priester den Überfallenen (10,25ff), so scheint der Reiche den Armen vor seinem Tor zu ignorieren. Zu diesem demütigenden Dasein tragen noch die Hunde bei, die seine Geschwüre lecken und weiter infizieren (vgl. das negative Bild von Hunden in 1Kön 14,11; 16,4; 21,19-24; 22,38).
Vers 22: Die Zeit vergeht und Lazarus stirbt. Engel tragen Lazarus in die Gegenwart Abrahams. Wörtlich gelangt er an die „Brust“ Abrahams: Hier ist er sicher und geborgen. Diese lebendige Beschreibung gibt den alttestamentlichen Ausdruck „zu den Vätern versammelt werden“ sehr gut wieder (1Mose 15,15; 47,39; 5Mose 31,16; 1Kön 1,21). Vom verachteten Rand der Gesellschaft, wird Lazarus direkt zur Gemeinschaft der Heiligen des Alten Bundes getragen, die die Auferstehung zum ewigen Leben erwartet. Welch ein Wechsel!
Vers 23: Der Tod markiert auch für den reichen Mann einen drastischen Wechsel der Verhältnisse. Aus der Freude des irdischen Lebens gelangt er in die Qualen des Hades (Luther übersetzt mit „Hölle“), um dort die Auferstehung zur ewigen Schmach zu erwarten. Das griechische Wort „Hades“ beschreibt den Aufenthaltsort der Verstorbenen, das Wort „gehenna“ beschreibt den Ort der endgültigen Höllenstrafe. Hier ist vom Hades die Rede. Der reiche Mann realisiert schnell, wo er ist und daß es dem Armen besser geht als ihm, denn er sieht ihn an Abrahams Brust (vgl. 13,28).
Vers 24: Die physischen Qualen, die der reiche Mann dort erleidet, müssen fürchterlich sein. Er spricht von Flammen, doch diese verzehren ihn nicht. Es ist nur natürlich, daß er sich an Abraham wendet, denn wie die meisten Juden seiner Zeit, verließ er sich in Fragen des Heils auf die Abstammung von Abraham (3,8; Joh 8,33). Nie hatte der reiche Mann Lazarus geholfen, nun plötzlich kennt er seinen Namen und verlangt nach seiner Hilfe. Was der reiche Mann verlangt ist wenig, doch ebensowenig hatte Lazarus damals von ihm verlangt. Was er damals unterließ, kommt nun auf ihn zurück (6,38).
Vers 25: Die Umkehr der Verhältnisse. Der auf der Erde litt, freut sich im Jenseits. Der sich auf der Erde freute, leidet im Jenseits. Abraham schlägt die Bitte aus, indem er sagt, daß die beiden Männer im Jenseits die Rollen getauscht haben. Vergleich Jesu Worte in der Feldpredigt (6,20.24).
Vers 26: Sogar wenn Abraham oder Lazarus helfen wollten, es ginge nicht. Zwischen den beiden Aufenthaltsorten gibt es eine unüberbrückbare Kluft. Wenn die Kluft unüberbrückbar ist, dann gibt es auch im Jenseits keine Möglichkeit die Seiten zu wechseln. Die Umkehr zu Gott muß im irdischen Leben stattfinden.
Vers 27-28: Der Mann realisiert, daß er keine Chance mehr hat. Er versteht auf einmal, daß er sein irdisches Leben anders hätte nutzen sollen. Die Folge dieses fatalen Fehler, entsetzliche Qualen, will er aber wenigstens seinen Brüdern ersparen, so daß Lazarus sie warnen soll. Diese Warnung erreicht die Brüder nicht, sehr wohl aber den Leser des Gleichnisses!
Vers 29: Abraham schlägt die Bitte des Mannes aus, indem er sie auf Mose und die Propheten verweist. Damit sagt Abraham: Alles was man wissen muß, um sein Leben richtig zu leben, ist bekannt. Es findet sich in der heiligen Schrift (vgl. z. B. 3Mose 19,18; 5Mose 14,28f; Jes 3,14; 5,8; 10,1-3). Es Bedarf also keiner weiterer Botschaften aus dem Jenseits, um sein Leben in Gottes Sinn zu leben, mit Wohlstand richtig umzugehen, und Armen mit Barmherzigkeit zu begegnen (vgl. auch 10,25.37).
Vers 30: Der reiche Mann ist hartnäckig. Nein, Mose und die Propheten sind nicht genug. Erst ein Bote aus dem Totenreich, wird ihre Umkehr bewirken. Wie die Pharisäer verlangt der reiche Mann nach einem Zeichen als Vorbedingung zu Umkehr und Glaube (11,16; Mk 8,11; Mt 16,1-4).
Vers 31: Abraham spricht nun Klartext: Wenn sich das Herz des Menschen verstockt und die Schrift ablehnt, dann hilft auch kein Besuch aus dem Totenreich. Wer aber die Schrift mit offenen Herzen annimmt, der tut Buße und braucht keinen Besucher aus dem Totenreich. Die heilige Schrift ist genug. Sowieso: Immer wieder quittierten die Juden große Zeichen Gottes mit Unglauben (z. B. Joh 11,43-53). Mit der Auferstehung von den Toten, spricht Jesus natürlich auch seine eigene Auferstehung an. Auch sie wird von denen abgelehnt, die Mose und die Propheten ablehnen. Damit steht Jesus in der Kontinuität zu Mose und den Propheten.
5. Die Spitze des Textes
Der Reiche, der ohne Barmherzigkeit die Leiden seiner Mitmenschen ignoriert, wird sich im Jenseits unwiederbringlich auf der Seite ewiger Qualen wiederfinden.
6. Der Text heute
Es stellt sich gerade auch für das wohlhabende Gemeindeglied von Heute die Frage, wie man mit dem Wohlstand umgeht. Wo macht sich auch bei uns der Geiz breit, der die Not des anderen zwar sieht, aber nicht lindern will, weil es etwas kostet? Barmherzigkeit ist das, was Gott möchte.
Ebenso aktuell ist die Frage nach der Möglichkeit einer Umkehr im Jenseits. Hier tauchen auch bei uns immer wieder Meinungen auf, die sich nicht von der Schrift decken lassen. Das Gleichnis ist deutlich: Die Kluft zwischen dem reichen Mann und Lazarus ist unüberwindbar. Diese Botschaft müssen wir den Hörern von heute unverfälscht weitergeben. Das sind wir ihnen schuldig.
Weiterhin können wir aufzeigen, daß wir mit der Bibel alles haben, was wir zur Rettung brauchen. Wir brauchen ein festes Vertrauen in die Aussagen der Bibel, nicht den unsicheren Grund von Zeichen und Wundern.
7. Beispiele und Verdeutlichungen
a.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie es dazu kam
Auch heute leben Menschen in Saus und Braus und schauen weg, wenn ihnen die Not zu nahe kommt. Der Bewohner der westlichen Welt sitzt breit im Fernsehsessel und zappt zum nächsten Kanal, wenn ihn der Hilferuf aus der dritten Welt erreicht. Wo stehen wir in der Gefahr, dieses Verhalten der Reichen zu übernehmen? Sind wir uns bewußt, daß es Konsequenzen hat, wenn wir die Not (ob weit entfernt oder vor unserer Haustür) unserer Mitmenschen ignorieren? Vorsicht vor Mißverständnis: Reichtum an sich wird in diesem Gleichnis nicht verurteilt: Es geht um die unbarmherzige Mißachtung der Lebensumstände des Armen.
b.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie er sich (ewig) auswirkt
Erst der Tod macht den Lebensfehler des reichen Mannes sichtbar. Es findet eine Umkehr der Lebensverhältnisse statt. Der Partylöwe, der alles hat, hat weniger als nichts – ewige Qual. Der Bettler, der nichts hatte, hat alles – das Leben in der Gegenwart Gottes. In der Predigt wollen wir warnen, diesen Punkt ernst zu nehmen, gerade weil das Gleichnis klar macht, daß man vom einen Ort nicht zum anderen Ort wechseln kann. Es gibt keine Umkehr nach dem Tod.
c.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie man ihn vermeiden kann
Im Alltag geht es immer wieder darum, daß wir versuchen, Fehler zu vermeiden. Wenn wir uns auf eine Reise machen, dann lassen wir normalerweise niemand aus dem Zielort zu uns kommen, um uns die Strecke erklären zu lassen: Nein, wir lesen vorher die Landkarte, um uns nicht zu verfahren. Genauso müssen wir schon hier und jetzt die Landkarte der Ewigkeit lesen – die Bibel. Sie sagt uns, welche Wege wir meiden müssen, welche wir fahren sollen, wenn wir an das erwünschte Ziel kommen wollen. Wenn wir diese Landkarte vorher studieren, dann werden wir auch unvermeidlich den antreffen, der tatsächlich aus dem Zielort der Ewigkeit, hier zu uns gekommen ist, der am Kreuz starb und von den Toten auferstand, und nun selbst zum Weg und zur Brücke in die Ewigkeit geworden ist (Joh 14,6). Nur durch ihn können wir den Lebensfehler mit tödlichem Ausgang wirksam vermeiden.
Nebenbei gesagt:
Es ist wichtig zu fragen, um was für eine Gattung es sich bei diesem Text handelt. Dabei geht es um die Frage, wieviel Information über das Jenseits gewonnen werden kann. Die Geschichte ist eine Parabel. Sie will nicht historische Fakten wiedergeben, sondern anhand eines fiktiven Beispiels, eine Warnung aussprechen und zu richtigem Verhalten motivieren. Die Parabel erlaubt den Schluß, daß es eine unüberbrückbare Trennung zwischen dem Hades und dem Paradies gibt. Man geht aber zu weit, wenn man ableiten wollte, man könnte sich aus dem Hades mit Abraham unterhalten. Aussagen über die Beschaffenheit des Jenseits sollten anhand dieses Textes nur getroffen werden, wenn sie von anderen Bibelstellen gedeckt sind.
8. Material und Gliederung zur Predigt
a.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie es dazu kam
b.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie er sich (ewig) auswirkt
c.) Lebensfehler mit tödlichem Ausgang – Wie man ihn vermeiden kann
Quellen: Darrel Bock, Luke, Grand Rapids: Baker Books, 1996