Monatsthema: Als Mitarbeiter des Herrn leben
Predigtthema: Leben in der Gegenwart Gottes
Bibelstelle: Nehemia 10, 29-40
Verfasser: Thomas Richter
Ein Predigttipp enthält Hilfestellungen für die Verkündigung und ersetzt deshalb nicht das eigenständige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt – Bd. 2. S. 270-271 und Klaus vom Orde. Die Bücher Esra und Nehemia. Wuppertaler Studienbibel AT. Wuppertal: R. Brockhaus, 1997. S. 257-266 und Warren W. Wiersbe. Sei fest entschlossen: Im Gegenwind standhaft bleiben. Dillenburg: CV, 2008. S. 127-137.
1. TEXT- UND PREDIGTZUSAMMENHANG
Nachdem wir in der letzten Predigt (16.08.2009) eingehend entfaltet haben, was es heißt nach den Ordnungen Gottes zu leben, geht es in der heutigen Predigt um die Frage ob die Buße auch ernst gemeint war und das Volk Gottes deshalb nun wieder in der Gegenwart Gottes leben kann (= Predigtthema). Bevor das Bußgebet (Neh 9,5b-37) vom Herrn beantwortet wird, erfolgt vom Volk Gottes her eine Selbstverpflichtung auch fortan der Buße entsprechend zu leben (Neh 10,29-40). Von diesem Zusammenhang her wird deutlich, dass das Volk Gottes nicht einfach leichthin um Vergebung bittet, sondern das aufrichtige Anliegen hat „Buße zu tun und sich zu Gott zu bekehren, indem sie der Buße würdige Werke vollbrächten“ (vgl. Apg 26,20b).
„Man traut, wenn man von Kapitel 9 herkommt, zunächst seinen Augen kaum. Die Leute, die doch so tief gebeugt waren und denen ihre Untauglichkeit so deutlich zu Gemüte geführt worden ist, verlangen nun hier Tinte, Feder und Papier. Sie bleiben nicht in ihrer Untauglichkeit liegen, sondern stehen von der Bußbank auf und bringen Gott ein feierliches und öffentliches Gelübde dar (= W. Lüthi). Das Volk Israel war entschlossen, eine feste Vereinbarung mit Gott zu treffen. War das nötig? Gott selber hatte doch einen ewigen Bund mit ihnen geschlossen! Der Herr ist gewiss nicht auf unsere Versprechen angewiesen, und wie oft haben wir ein Versprechen gebrochen. Dennoch: Wer eine feste Vereinbarung mit Gott schließt, bezeugt damit, dass die Erfahrung geistlicher Erneuerung nicht einfach eine gehobene Gemüts-Stimmung ist, sondern in den Gehorsam Gott und seinem Wort gegenüber führt. Die Israeliten sagen glasklar, was sie tun wollen und was nicht. Je nach Bibel-Übersetzung heißt es ‚wir wollen‘, ‚wir werden‘, ‚wir verpflichten uns‘. Fassen wir die Entschlüsse zusammen: Es geht um geordnete Beziehungen, vor allem zwischen den Geschlechtern, zwischen Gläubigen und Ungläubigen. Es geht um geordnete Arbeits- und Ruhezeiten und um ein geordnetes geistliches wie gottesdienstliches Leben. ‚Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens‘ (1Kor 14,33). Wenn uns der Gehorsam schwer wird, dürfen wir wie Salomo beten: ‚Schenke deinem Knecht ein hörendes, ein gehorsames Herz… zu unterscheiden zwischen Gut und Böse‘ (1Kön 3,9). Und der Herr spricht uns zu, wie es Johann Scheffler verfasste: ‚Fällt’s euch zu schwer? Ich geh voran, ich steh euch an der Seite, ich kämpfe selbst, ich brech die Bahn, bin alles in dem Streite‘.“ (Aidlinger Bibellesezettel = Zeit mit Gott; H. 3 / 2007; S. 121).
2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN
Zum Einstieg:
„In einer bestimmten Gemeinde gab es einen Mann, der seine Gebete stets folgendermaßen abschloss: ‚Und Herr, du weißt, dass sich in meinem Leben viele Spinnweben angesammelt haben. Bitte nimm sie weg. Nimm bitte die Spinnweben weg‘! Ein Gläubiger, der dieser Gemeinde angehörte, hatte es allmählich satt, allwöchentlich die gleiche unaufrichtige Bitte zu hören, weil er im Leben des Betreffenden keine Veränderung sah. Als er ihn daher beim nächsten Mal wieder beten hörte: ‚Herr, bitte nimm die Spinnweben weg‘, unterbrach er ihn mit folgenden Worten: ‚Und wenn du schon dabei bist, Herr, töte bitte die Spinne‘! Als Bekenner vor dem Herrn zu stehen und hingebungsvoll zu ihm zu beten, ist das eine (ein Sachverhalt, den wir in Kapitel 9 gesehen haben), ein gehorsames Leben nach dem ‚Amen‘ zu führen, jedoch etwas ganz anderes. Aber den Versammelten war es ernst mit ihrem Gebet und ihrer Entschlossenheit, durch Gottes Gnade einen Neuanfang zu wagen und dem Herrn wohlgefällig zu leben. ‚Das sieghafte Leben eines Christen‘, sagte Alexander Whyte, ‚ist eine Reihe von Neuanfängen‘. Der Herr ist imstande, uns vor dem Straucheln zu bewahren (Judas 24). Sollten wir aber doch einmal straucheln, kann er uns aufrichten und wieder auf die Beine bringen. ‚Vom HERRN her werden eines Mannes Schritte gefestigt, und seinen Weg hat er gern; fällt er, so wird er doch nicht hingestreckt, denn der HERR stützt seine Hand‘ (Ps 37,23f). Obwohl die Angehörigen des Volkes gesündigt hatten, gingen sie jetzt neue Schritte als diejenigen, die hingegeben und gehorsam leben wollten. Doch war ihre Hingabe echt? Es gibt in diesem Kapitel mindestens drei Beweise dafür, dass es diesen Menschen mit ihrem Gebet wirklich ernst war. Die gleichen Beweise werden in unserem Leben zu sehen sein, wenn unsere Zusagen gegenüber dem Herrn aufrichtig sind“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 127), wenn wir mit dem Herrn leben (V. 29-31), in dem Herrn ruhen (V. 32) und für den Herrn geben (V. 33-40). Die Echtheit der Buße zeigt sich in drei konkreten Lebensbereichen (Ehe – Ruhetag – Gottesdienst), wo sich das Volk Gottes zu einem Leben nach dem Willen Gottes verpflichtet. Im Wissen um die eigene Schwachheit wagt das Volk Gottes nun im Glauben auf die Größe, Güte und Gnade Gottes (Kap. 9) voranzugehen.
A. Leben in der Gegenwart Gottes heißt: Lebe mit dem Herrn! (10,29-31)
= Verbot der religiösen Mischehe
V. 29f ist vom „Gesetz Gottes“ die Rede. Im hebräischen steht hier das Wort torah, was im dt. meist mit Gesetz wiedergegeben wird. Während im dt. meist negative Assoziationen mit dem Ausdruck „Gesetz“ verbunden sind, im Sinne von Reglementierung, Paragraphenreiterei oder Enge, steckt im hebr. Ausdruck torah Grund zur Freude und tiefer Dankbarkeit (vgl. Ps 1,2). Das „Gesetz“ hat das Volk Gottes in der Wüste erhalten, in einer Situation, wo es den Weg nicht mehr erkennen konnte, wo es herumirrte, da gab Gott die torah, seine Weisung. Wohl dem, der Wegweisung hat, wenn er in der Wüste unterwegs ist oder wenn er seinen Lebensweg nicht erkennen kann. Von daher ist das Gesetz Gottes immer als die Wegweisung Gottes ins Leben zu verstehen.
„Es war eine ernste Angelegenheit, seinen Namen unter dieses Dokument zu setzen. Dies bedeutete nämlich, vor dem Herrn feierlich zu schwören (V. 30; siehe 5,13). Vielleicht hatten die Anwesenden gehört, wie Esra folgende Stelle aus dem fünften Buch Mose vor¬las: ‚Ihr alle steht heute vor dem HERRN, eurem Gott: eure Häupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Aufseher, alle Männer von Israel, eure Kinder, eure Frauen … damit du in den Bund des HERRN, deines Gottes, eintrittst und in seine Fluchbestimmung, den der HERR, dein Gott, heute mit dir schließt, damit er dich heute zu seinem Volk erhebt und er dein Gott ist, wie er zu dir geredet und wie er deinen Vätern, Abraham, Isaak und Jakob, geschworen hat‘ (5Mo 29,9-12). Das Gesetz, das die Praxis bei Gelübden und Eiden regelte, findet sich in 4Mose 30 und wird mit folgenden Worten eingeleitet: ‚Wenn ein Mann dem HERRN ein Gelübde ablegt oder einen Eid schwört, ein Enthaltungsgelübde auf seine Seele zu nehmen, dann soll er sein Wort nicht brechen: nach allem, was aus seinem Mund hervorgegangen ist, soll er tun‘ (V. 3). Da es bei einem Schwur auch um den Namen und das eventuelle Gericht Gottes ging, sollte man nicht leichtfertig damit umgehen. Jesus warnte davor, inhaltsleere Schwüre abzulegen (Mt 5,33-37; 23,16-22), während Salomo in ähnlicher Weise warnte (Pred 4,27-5,6). Sollten sich Gläubige heute durch einen Schwur binden, wenn sie danach streben, mit dem Herrn zu leben und ihm zu dienen? Offenbar nicht. Unsere Beziehung zum Herrn entspricht dem Verhältnis eines Kindes zu seinem Vater, wobei unser Vater will, dass unser Gehorsam auf Liebe beruht. Ich kenne kein neutestamentliches Beispiel, bei dem Gläubige dem Herrn Gehorsam geschworen haben. Unser Gehorsam sollte vielmehr eine freudige Reaktion auf all das sein, was er in Christus für uns getan hat (Kol 3,1ff). Wir kommen als Christen nicht deshalb voran, weil wir Gott Versprechungen machen, sondern weil wir den Verheißungen Gottes glauben und danach handeln. Schwüre beruhen oft auf Furcht (‚Ich sollte dies lieber tun, weil mich Gott sonst richten wird!‘). Dabei ist Furcht nicht die entscheidende Motivation für ein gottergebenes Leben, obwohl sie durchaus eine Rolle spielt (2Kor 7,1). […]. Der jüdische Überrest war von Heiden umgeben, die dem Götzendienst verfallen waren. Nach deren Willen sollten sich die Juden in ihr gesellschaftliches, religiöses und wirtschaftliches Leben integrieren. Das mosaische Gesetz verbot den Angehörigen des Volkes Gottes jedoch, nach Art der Heiden zu leben, obwohl es sie nicht daran hinderte, gute nachbarschaftliche Kontakte oder auch gute Geschäftsbeziehungen zu ihnen zu unterhalten (siehe Kap. 13,15-22). Der Dienst der Priester bestand u.a. darin, die Angehörigen des Volkes zu ‚unterweisen‘. Sie sollten befähigt werden, ‚zwischen heilig und nicht heilig zu unterscheiden‘ und ‚den Unterschied zwischen unrein und rein (zu) erkennen‘ (Hes 44,23). Absonderung beinhaltet einfach völlige Hingabe an Gott – unge¬achtet dessen, welchen Preis man dafür bezahlt. Wenn ein Mann und eine Frau heiraten, sondern sie sich von allen anderen potenziellen Ehepartnern ab, um sich einander völlig hinzugeben. Dies ist Ganzhingabe, deren Beweggrund die Liebe ist, und zugleich eine ausgewogene Entscheidung: Wir sondern uns von anderen ab, um für den einen da zu sein, der unser Partner fürs Leben sein soll. Die Juden sonderten sich von den Völkern in ihrer Nachbarschaft und für den Herrn sowie sein Wort ab (Neh 10,29; 9,2). Sie vereinigten sich darüber hinaus mit ihren Brüdern und Schwestern, indem sie gemeinsam zusagten, das Gesetz Gottes zu befolgen (V. 30). Absonderung, die Gott und andere Gläubige außer Acht lässt, ist Isolation, die letztendlich zur Sünde führt. Nur der Heilige Geist kann uns die richtige Ausgewogenheit geben, die wir brauchen, um ein gottgemäßes Leben in dieser gottlosen Welt zu führen. Obwohl sich der gesetzliche Christ ständig an Regeln halten will, bleibt er bei einem solchen Lebensstil geistlich unreif und von den selbstgewählten ‚geistlichen Autoritäten‘ abhängig. Nur dadurch, dass man sich Gott völlig hingibt und ihm als Glaubender nachfolgt, kann man in einem geistlich ausgewogenen Leben wachsen. […]. Die Gefahr bei Mischehen bestand darin, dass der jüdische Partner vom Glauben abfiel (2Mo 34,10.17). Wie konnte ein Jude, der mit einem Heiden verheiratet war, die Speisegesetze einhalten oder die jährlichen Feste feiern? Der oder die Betreffende würde rituell fortwährend unrein sein. Zwischen dem Mann und seiner Frau würde es ständig Auseinandersetzungen geben, bis der jüdische Partner gelegentlich Kompromisse schließen und schließlich vollkommen angepasst leben würde. Damit hätte er – ob Mann oder Frau – sein geistliches Erbe aufgegeben. Warum wollten Juden überhaupt Angehörige heidnischer Nationen heiraten? Vielleicht spielte Zuneigung eine Rolle – ein Tatbestand, hinsichtlich dessen Juden von Anfang an wachsam sein sollten. Möglicherweise heirateten sie solche Partner, um sozial aufzusteigen (Neh 13,28) oder geschäftlich voranzukommen. Wie einige Gläubige, die heute Ungläubige heiraten, haben diese Juden eventuell argumentiert, dass sich ihnen damit die Möglichkeit bieten würde, ihren Partner für den wahren Glauben zu gewinnen. Gewöhnlich läuft es jedoch gerade umgekehrt ab. Weil Israel nach Gottes Willen ein großes Ziel verwirklichen sollte, wurde das Volk verunreinigt, wenn die Juden in puncto Sünde Kompromisse eingingen (Mal 2,10-16). Gott wollte eine ‚reine Nachkommenschaft‘ haben, damit er in das Volk Israel hinein seinen Sohn als Heiland in die Welt senden konnte. Bei Mischehen würde nur ein Durcheinander entstehen. ‚Solange wir uns einander lieben, läuft es gut‘! lautet das Argu¬ment, das viele Pastoren und Älteste von Christen hören, die einen ungläubigen Partner heiraten wollen. Doch die Frage lautet nicht: ‚Wird es in dieser Beziehung gut laufen?‘, sondern vielmehr: ‚Wird diese Beziehung unter dem größtmöglichen göttlichen Segen stehen? Entspricht sie ganz seinem Willen‘? Wir können nicht so recht erkennen, wie Gott imstande ist, Menschen zu segnen und zu gebrauchen, die seinem Wort bewusst ungehorsam sind (2Kor 6,14-7,1; 1Kor 7,39)“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 128-131).
B. Leben in der Gegenwart Gottes heißt: Ruhe in dem Herrn! (10,32)
= Einhalten des Ruhetages (Sabbatgebot)
„Die Einhaltung des Sabbats war eine für die Juden charakteristische Praxis (Neh 9,14; 2Mo 20,8-11; 31,12-18). Die Heiden in der Umgebung Jerusalems sahen den siebten Tag der Woche wie jeden anderen Tag an und wollten gesellschaftliche Kontakte pflegen so¬wie Geschäfte machen. Der jüdische Sabbat sollte kein Tag der Knechtschaft und der Trübsal sein, sondern vielmehr ein Tag, welcher der Ruhe und dem Nachdenken über geistliche Dinge gewidmet war. Er sollte die Angehörigen des Volkes allwöchentlich daran erinnern, dass sie Israeliten waren und eine spezielle Berufung in der Welt hatten. Da einige der jüdischen Kaufleute besonders daran interessiert waren, mit den Heiden geschäftlich in Kontakt zu kommen, schien die Praxis, die Geschäfte an einem potenziellen Markttag geschlossen zu halten, reine Zeitverschwendung zu sein. Obwohl Mose keine speziellen Vorschriften zur Einhaltung des Sabbats dargelegt hatte, gab es ein richtungsweisendes Beispiel, das verdeutlichte, welche unnötigen Arbeiten unterbleiben mussten: Die Israeliten sollten am Sabbat kein Feuer anzünden (2Mo 35,1-3), wobei ein Mann gesteinigt wurde, weil er am Sabbat Holz auflas (4Mo 15,32-36). Die Propheten wiesen die Israeliten scharf zurecht, weil diese den Sabbat entweiht hatten (Jer 17,19-27; Am 8,4-6; Jes 56,1-2; 58,13-14). Ihr Ungehorsam deutete nämlich auf ein tiefer liegendes geistliches Problem hin – auf Widerspenstigkeit gegenüber dem Herrn. Zu dem feierlichen Glaubenseid, wovon in diesem Kapitel berichtet wird, gehörte auch die Verpflichtung, das Sabbatjahr einzuhalten (3Mo 25,1.7.20.22; 5Mo 15,1-11). Jedes siebte Jahr sollten die Israeliten das Land brachliegen lassen, damit es sich regenerieren konnte – ein Grundsatz, der ökologischen Erfordernissen bestens gerecht wurde. Natürlich war diesbezüglich ein großer Glaube der Betreffenden notwendig, weil sie hinsichtlich der Nahrungsmittel zwei Jahre lang allein auf Gott vertrauen mussten. Gott hatte aber verheißen, für sie zu sorgen. Nach sieben Sabbatjahren sollten sie das fünfzigste Jahr als ‚Jobeljahr‘ (3Mo 25,8ff.) feiern – eine Anweisung, aufgrund derer drei Jahre lang ihr Vertrauen auf Gott als ihren Versorger gefragt war. Es ist offensichtlich, dass es die Angehörigen des Volkes unterlie¬ßen, diese speziellen Sabbatvorschriften genau einzuhalten. Dies war ein Grund dafür, warum Gott sie in die Gefangenschaft gehen ließ (2Chr 36,21) und dem Land so siebzig vorenthaltene Ruhejahre zurückgab (Jer 29,10). Damit wurden die ca. 500 (etwa 7 x 70) Jahre des Ungehorsams auf Seiten des Volkes ausgeglichen: jeweils ein Jahr für jedes nicht eingehaltene Sabbat- oder Jobeljahr. Dass die Angehörigen des jüdischen Überrests zusagten, das Sabbatjahr zu begehen, war Ausdruck eines großen Glaubens. Viele der Leute waren nämlich arm, wobei das Volk zum wiederholten Mal erlebte, dass sich Ackerbau und Wirtschaft auf einem Tiefstand befanden. Darunter, dass sie ein ganzes Jahr lang auf Mehrerträge verzichteten, würden sicherlich ihre Geschäfte mit den Nichtjuden in ihrer Umgebung leiden. Die Bereitschaft des Volkes, sich an dieses Gesetz zu halten, veranschaulicht auf schöne Weise Matthäus 6,33“(Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 131-133).
C. Leben in der Gegenwart Gottes heißt: Gib für den Herrn! (10,33-40)
= Keine Vernachlässigung des Hauses Gottes (Tempelabgaben)
„Die Wendung ‚Haus unseres Gottes‘, die in diesem Abschnitt achtmal benutzt wird, betrifft den wiederaufgebauten Tempel. Die Angehörigen des Volkes sagten Gott zu, sich an seine Gesetze zu halten und dasjenige bereitzustellen, was für den Dienst im Tempel benötigt wurde. ‚Wir (wollen) das Haus unseres Gottes nicht im Stich lassen‘ (V.40).
Der britische Ausleger G. Campbell Morgan sagte: ‚Obwohl es beim Haus Gottes heute nicht mehr vorrangig um Gebäude, sondern um einen geistlichen Bau geht, versinnbildlicht das äußerlich Sichtbare überaus treffend geistliche Sachverhalte. Wenn die Gemeinde Gottes an einem beliebigen Ort in irgendeiner Region das sichtbare Versammlungsgebäude, die gottesdienstliche Stätte und die entsprechenden Dienste vernachlässigt, ist dies ein Zeichen und Beweis dafür, dass ihr geistliches Leben daniederliegt‘. Morgan hat Recht. Natürlich wohnt Gott nicht in denjenigen Häusern, worin wir zu seiner Anbetung zusammenkommen (Jes 66,1-2; Apg 7,48.50). Die Art und Weise, wie wir uns um diese Gebäude kümmern, lässt jedoch erkennen, was wir von unserem Gott halten (siehe Hag 1). Dem wiederaufgebauten jüdischen Tempel fehlte die Pracht desjenigen Tempels, den Salomo errichtet hatte (Esra 3,8-13; Hag 2,1-9). Trotzdem war es angemessen, dass sich die Angehörigen des Volkes Gottes darum – um das Haus Gottes – kümmerten. Ihre zugesagte Unterstützung betraf spezielle Punkte und beinhaltete vier verschiedene Dienstbereiche.
* Die Tempelsteuer (Neh 10,33-34): Wenn alljährlich sämtliche Männer, die zwanzig Jahre oder älter waren, gezählt wurden, zog man gleichzeitig eine Steuer in Höhe eines halben Schekels ein. Diese verwendete man, um den Dienst im Haus Gottes zu unterstützen (2Mo 31,11-16). Die Steuer erinnerte die Israeliten daran, dass Gott sie erlöst und einen Kaufpreis bezahlt hatte, um sie zu befreien, so dass sie nun verpflichtet waren, sich wie ein Volk zu verhalten, das Gott gehört. Die Steuer wurde ursprünglich dazu benutzt, silberne Fußgestelle und Haken für das Zelt der Begegnung anzufertigen (2Mo 38,25-28). In späteren Jahren trug sie jedoch zur Deckung der Kosten für den Dienst bei. Weil die Zeiten schwierig waren, beschlossen die Verantwortlichen, die Steuer entsprechend anzugleichen und ein Drittel statt der Hälfte eines Schekels zu geben (zu dem Zeitpunkt, da unser Herr auf Erden wirkte, betrug die Steuer wieder die Hälfte eines Schekels; Mt 17,24-27). Diese vorübergehende Änderung bedeutete nicht, dass man die überlieferten Bestimmungen revidierte oder dass die Hingabe des Volkes nachgelassen hatte. Gotteskinder müssen den gesunden Menschenverstand einsetzen, wenn sie danach stre¬ben, dem Herrn zu gehorchen. Wir dürfen uns keine Last auferlegen, die uns Gott nie zugemutet hat (Apg 15,10). Andererseits sollten wir nicht versuchen, Gott so zu dienen, dass dies mit keinerlei Mühen und Anforderungen für uns verbunden ist. Nehemia 10,34 beschreibt, wie das Geld ausgegeben werden sollte: Damit sollte dasjenige bereitgestellt werden, was sowohl für die regelmäßigen als auch für die besonderen Opfer im Tempel gebraucht wurde, wobei beides zum ‚Werk im Haus unseres Gottes‘ (vgl. V. 34) gehörte. Wenn sich das Volk in der rechten Beziehung zum Herrn befinden sollte, mussten die Priester ihren Dienst in aller Treue ausführen. Heute geht es nicht mehr darum, Tiere bereitzustellen oder Abgaben in Form von Getreide und anderen Naturalien zu entrichten, um als Gemeinde den Herrn anzubeten. Dennoch ist unser Beitrag erforderlich, damit das Werk des Dienstes weitergeführt werden kann. Dazu gehört, den Lebensunterhalt vollzeitlicher Mitarbeiter zu sichern (Lk 10,7), den Bedürftigen zu helfen (1Kor 16,1-3) und gute Verwalter all dessen zu sein, was Gott uns gegeben hat (2Kor 8-9), damit das Evangelium die ganze Welt erreichen kann. ‚Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein‘ (Mt 6,21). Wenn wir mit dem Herrn leben, wird uns daran gelegen sein, unseren Beitrag zur Unterstützung des gemeindlichen Dienstes zu leisten – und zwar, wo Gott uns hingestellt hat.
* Die Abgabe an Brennholz (Neh 10,35): Da das Feuer auf dem bronzenen Altar fortwährend in Brand gehalten werden sollte (3Mo 6,5f), musste man ständig die Bereitstellung von Brennholz gewährleisten. Holz war ein kostbares Gut. Daher warfen die Verantwortlichen Lose und teilten die verschiedenen Sippen für diejenigen Zeiten ein, da sie Brennholz für den Altar herbeibringen mussten. Die Tatsache, dass etwas so Unscheinbares wie Holz für den Gottesdienst bedeutsam war und zu seiner Ehre geheiligt werden konnte, ermutigt mich. Nicht jeder in Israel konnte Priester oder Levit sein bzw. Lämmer oder Jungstiere zu Opferzwecken spenden, aber jeder konnte etwas Holz herbeibringen und dazu beitragen, das Feuer in Brand zu halten. Obwohl keine besonderen Gesetzesanweisungen hinsichtlich dieser Abgabe zu finden sind, waren laut Überlieferung bestimmte Tage im Jahr dafür vorgesehen, an denen das Volk Brennholz in das Heiligtum bringen sollte. Wenn uns Gott keine speziellen Belehrungen gibt, wir aber wissen, dass eine bestimmte Not beseitigt werden sollte, müssen wir herausfinden, wie das Ganze zu bewerkstelligen ist. Da die Priester Brennholz für den Altar brauchten und die Angehörigen des Volkes es bereitstellen konnten, war ein ausgefeiltes System geschaffen worden.
* Die Erstlinge (Neh 10,36-38a): Die Israeliten wurden belehrt, Gott das Erste und das Beste zu geben – ein guter Grundsatz, der für uns heute nachahmenswert sein sollte. ‚Ehre den HERRN mit deinem Besitz, mit den Erstlingen all deines Ertrages‘ (Spr 3,9). Weil Gott die erstgeborenen Israeliten im Land Ägypten vor dem Tod errettete, sollten die Erstgeburten unter den Menschen und Tieren dem Herrn gehören (2Mo 13,1-16; 3Mo 27,26-27). Der erstgeborene Sohn musste mit einem Opfer ausgelöst werden (2Mo 34,19-20; Lk 2,22-24), weil dieses Kind Gott gehörte. Nirgendwo teilt uns die Schrift mit, wie viel die Menschen von den Erstlingen in den Tempel bringen sollten (2Mo 23,19; 34,26). Das entsprechende Opfer sollte jedoch herbeigebracht werden, bevor irgendwelche Arbeiten in der Ernte begannen. Die Erstlinge wurden aufbewahrt, um die Versorgung der Tempelbediensteten zu gewährleisten (Neh 12,44). Zweifellos entsprach die Größe des betreffenden Opfers dem Segen, den Gott den Angehörigen seines Volkes zugeeignet hatte, sowie ihrer Hingabe an ihn.
* Die Zehnten (Neh 10,38b-40): Im Wort Zehnter steckt das Zahlwort Zehn. Die Israeliten sollten dem Herrn alljährlich einen Zehnten ihres Ertrags bringen, um die Leviten zu unterstützen (3Mo 27,30-34). Die Leviten gaben dann den Priestern einen ‚Zehnten von dem Zehnten‘ (4Mo 18,25-32). Darüber hinaus sollten die Israeliten von den übrigbleibenden 90 Prozent den Zehnten geben und ihn anlässlich der jährlichen Feste in den Tempel bringen (5Mo 26,1-11). Zu diesen beiden Arten des Zehnten kam ein dritter Zehnter hinzu, der jedes dritte Jahr zugunsten der Armen gesammelt wurde (5Mo 26,12.15; 14,28-29). Als das geistliche Leben in Israel einen Tiefstand erreicht hatte, brachte man entsprechend wenig in den Tempel, um den Dienst zu unterstützen. Daher mussten sich zahlreiche Leviten eine andere Einkommensquelle suchen. In Zeiten der geistlichen Erweckung brachten die Angehörigen des Volkes ihre Opfer herbei, und zwar in überreichem Maße (2Chr 31,1.12; Mal 3,8-11). Obwohl es im Neuen Testament kein ausdrückliches Gebot gibt, dass Gotteskinder heute den Zehnten geben müssen, sollten sie gewiss entsprechend ihrer Möglichkeiten geben (1Kor 16,1-3). Wir sind Verwalter der Fülle Gottes und müssen dasjenige, was er uns anvertraut hat, weise nutzen (1Kor 4,1f). Wenn Menschen im Rahmen des alttestamentlichen Gesetzes drei Arten des Zehnten ent¬richten konnten, wie viel mehr sollten wir als diejenigen, die im Neuen Bund der überströmenden Gnade Gottes leben, heute geben (sehen Sie sich 2Kor 8-9 an, um festzustellen, wie oft dort das Wort ‚Gnade‘ wiederholt wird)! Diejenigen, die den Zehnten geben, können großen Segen erfahren, müssen aber mindestens drei Gefahren umgehen:
(1) Wir geben aus falschen Motiven, aus einem Pflichtgefühl oder gar aus Habgier heraus (‚Wenn ich den Zehnten entrichte, muss Gott mir Erfolg schenken‘!);
(2) Wir sind der Meinung, dass wir mit den verbleibenden 90 Prozent tun können, was wir wollen;
(3) Wir geben nur den Zehnten, während wir dem Herrn Liebesgaben vorenthalten.
Angesichts all dessen, was Gott für uns getan hat, stellt sich die Frage: Wie können wir ihm diejenigen Opfer vorenthalten, die ihm rechtmäßig zustehen? Gott hat die Angehörigen seines Volkes nicht verlassen, als sie sich in Not befanden (Neh 9,31), während sie ihrerseits zusagten, das Haus Gottes nicht im Stich zu lassen (Neh 10,40). Jahre zuvor hatte der Prophet Haggai seine Landsleute zurechtgewiesen, weil sie so sehr damit beschäftigt waren, sich um die eigenen Häuser zu kümmern und dabei das Haus Gottes vernachlässigt hatten (Hag 1,4). Diese Warnung muss auch heute klar ausgesprochen werden. Wo wahre geistliche Erweckung aufbricht, wird sie sich in der Art und Weise zeigen, wie wir – angefangen in unserer eigenen Ortsgemeinde – Gottes Werk unterstützen. Wir tun zu wenig, wenn wir nur beten oder gar verbindliche ‚Zusagen im Glauben‘ machen bzw. Gelübde ablegen. Wir müssen den Herrn auch so lieben, dass großzügiges Geben zu einem normalen und freudigen Bestandteil unseres Lebens wird. Sir Winston Churchill sagte: ‚Wir verdienen etwas, um unseren Lebensunterhalt zu bestreiten, doch wir geben etwas, um ein erfülltes Leben zu haben‘. Jesus sagte: ‚Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein‘ (Mt 6,21). ‚Wir (wollen) das Haus unseres Gottes nicht im Stich lassen‘ (Neh 10,40)“ (Wiersbe, Sei fest entschlossen, S. 133-137).
3. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT
Unsere Predigtübersicht 2009 (beim Gemeinschaftsleiter erhältlich) benennt als möglichen Schwerpunkt für die Predigt das Thema „Gottesdienst“. In der Predigt sollte entfaltet werden, wie wir in der Gegenwart Gottes leben können. Unser Gottesdienst wird im Alltag konkret (vgl. Röm 12,1f), wenn wir z.B. in der Ehe mit dem Herrn leben, am Ruhetag ihm zur Ehre (und uns zum Segen) innehalten und für den Herrn und sein Werk großzügig geben.
4. PREDIGTGLIEDERUNG
Leben in der Gegenwart Gottes heißt:
A. Lebe mit dem Herrn! (10,29-31)
B. Ruhe in dem Herrn! (10,32)
C. Gib für den Herrn! (10,33-40)
oder nach Wilhelm Wagner
A. Wir leben verbindlich
B. Wir leben großzügig
C. Wir leben verantwortlich
oder nach Warren Wiersbe
A. Unterordnung unter das Wort Gottes
B. Absonderung als Volk Gottes
C. Unterstützung für das Haus Gottes