Römer

Predigthilfe vom 20. Juni 2021 – Römer 2, 1-16

Predigtthema:         Gott ist gerecht und gütig

Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes. Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!

1. Sehen, was dasteht

Verschiedene Bibelübersetzungen, um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com

1.1 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes

Vers 1-3: Paulus schließt ganz eng an das an, was er in Kapitel 1 über den Menschen unter der Macht der Sünde erklärt. Paulus hat gezeigt, wie die Menschen Gott von seinem Thron stürzen und ihn durch alle möglichen Götzen ersetzen. Dies führt dazu, dass Gott die Menschen in ihre Leidenschaften dahingibt, die dann völlig die Herrschaft im Leben des Menschen übernehmen.

Dieses Urteil gilt nicht nur für Heiden, sondern auch für Menschen, die für sich selbst einen religiösen Anspruch haben. Paulus spricht hier Menschen an, die das falsche Verhalten von in ihren Augen gottlosen Menschen sehr deutlich beurteilen. Das Problem ist für Paulus nicht so sehr das Richten, sondern vielmehr, dass Menschen auf der einen Seite andere richten und selbst nicht nach Gottes Geboten leben. Es scheint, als ob Paulus hier diejenigen seiner jüdischen Gesprächspartner im Blick hat, die sehr stark auf ihre geistliche Abstammung und ihre geistlichen Fähigkeiten bauten, die aber Jesus als ihren Retter und damit die Gnade Gottes für ihr Leben ablehnten.

Die Menschen, die Paulus hier im Blick hat, scheinen der Überzeugung zu sein, sie könnten durch ihre Taten Gottes Gericht entgehen. Aber er macht ihnen deutlich, dass auch sie unter Gottes Gericht stehen, weil sie ebenfalls im Ungehorsam gegenüber Gott leben und sich somit durch ihr eigenes Richten selbst verurteilen.

Vers 4: Gerade ein solches gesetzliches, selbstgerechtes Verhalten zeigt die Ablehnung Gottes, weil Gottes Gnadengeschenk nicht gewürdigt wird. Paulus, der ja selbst ein gesetzestreuer Israelit war, hat zutiefst erkannt, dass es Gottes großes Ziel ist, die Menschen in seiner Gnade zur Umkehr zu leiten. Diese Einladung Gottes zur Umkehr sehen wir im Neuen Testament immer wieder. Wenn wir uns z.B. die ersten Predigten von Petrus in der Apostelgeschichte anschauen, erkennen wir, wie der Heilige Geist in den Zuhörern wirkt. Die Menschen werden von der Botschaft des Evangeliums getroffen und dann zur Umkehr eingeladen (Apg 2,37f; vgl. Apg 3,19). Und auch wenn wir die Verkündigung von Jesus betrachten, sehen wir, wie dieser Gnadenruf zur Umkehr im Zentrum steht (vgl. Mt 4,17; Mk 1,15).

Vers 5-10: Paulus erklärt nun weiter, welche Konsequenz die Unbußfertigkeit für uns Menschen hat. Durch die Weigerung Gottes Einladung zur Umkehr anzunehmen, lädt sich der Mensch Tag für Tag Schuld auf, über die Gott dann in seinem Gericht urteilen wird. Wir sehen hier, wie die selbstgerechte Gesetzlichkeit das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich intendiert. Anstatt gerecht vor Gott zu stehen und sich Schätze im Himmel anzusammeln, wird der Zorn Gottes über die menschliche Selbstgerechtigkeit angesammelt. Vom Zorn Gottes hat Paulus schon in Röm 1,18 gesprochen. Dem Zorn Gottes begegnet also der jüdische unbußfertige Sünder genauso, wie der heidnische Sünder.

Wie wird nun das Gericht Gottes aussehen? Paulus schreibt in Vers 6 von einem Gericht, das die Werke der Menschen beurteilt.

Auf der einen Seite stehen die Menschen, die bereit sind Gottes Gnade anzunehmen, die ein bußfertiges Herz haben. Das sind die Menschen, die am Guten festhalten. Es ist wichtig, dass wir sehen, dass hier nicht die einzelne gute Tat im Blick ist, sondern das dauerhafte, beharrliche Leben nach dem Willen Gottes, in der Ausrichtung auf Gott. Das sind die Menschen, die mit den Worten von Paulus mit Ausdauer auf das ewige Leben zulaufen, so wie es Paulus von sich selbst im Phil 3,13 sagt.

Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die Gottes Wahrheit ignorieren, die sich selbst in den Mittelpunkt stellen und so ihren eigenen Begierden gehorsam sind und nicht Gottes Geboten.

Es geht also hier um einen kategorialen Unterschied und nicht darum, wer ein paar „gute Werke“ mehr oder weniger in seinem Leben abgeliefert hat. Es geht um die Beziehung zu Gott, um ein Leben aus der Gnade und der Gerechtigkeit Gottes.

Das Urteil und die Konsequenz Gottes über diese beiden Lebensentwürfe könnten unterschiedlicher nicht sein. Und diese Konsequenz ist unabhängig von der Herkunft eines Menschen. Sie gilt für Juden und für Griechen (V.9 & V.10), was so viel bedeutet wie alle Nichtjuden. Auf der einen Seite stehen Herrlichkeit, Ehre und Frieden als Kennzeichen eines Lebens in der ewigen Gemeinschaft mit Gott, auf der anderen Seite stehen Bedrängnis und Angst, die das Leben in der Gottesferne kennzeichnen. Jesus hat das Leben in der Trennung von Gott immer wieder mit „Weinen und Zähneknirschen“ beschrieben (vgl. Mt 24,51).

Vers 11-16: Wenn es um sein Urteil geht, ist Gott völlig gerecht. Gott berücksichtigt natürlich die unterschiedlichen Voraussetzungen von Menschen. Er verlangt von einem Menschen nicht, etwas zu wissen, was er nicht wissen kann. D.h. an einen Menschen, der die Bibel nicht kennt, wird Gott einen anderen Maßstab anlegen als an einen, der Gottes Wort kennt. Allerdings hat Paulus schon in Kap 1,20 deutlich gemacht, dass Gott in der Schöpfung so viel von sich offenbart hat, dass kein Mensch eine Entschuldigung dafür hat, wenn er Gott in seinem Leben ignoriert.  

Paulus betont also, dass für die Menschen, die das Gesetz Gottes haben, dieses Gesetz der Maßstab für ihre Beurteilung im Gericht ist. Ein Kennen des Gesetzes reicht allerdings nicht. Es kommt darauf an, dass ein Mensch das Gesetz tut. Das hat auch schon Jesus am Ende der Bergpredigt unterstrichen (Mt 7,21ff). Paulus wird im weiteren Verlauf des Römerbriefes zeigen, dass kein Mensch im Blick auf das Gesetz Gottes bestehen kann (vgl. Röm 3,9ff). Jeder scheitert an diesem Gesetz und der einzige Weg zur Rettung ist die Umkehr zu Gott und das Leben aus seiner Gnade.

Mit den Menschen, die Gottes Gesetz nicht kennen, geht Gott auf andere Weise um. Auch ihnen bezeugt Gott sein Gesetz. Paulus benennt hier gewissermaßen drei Zeugen, die im Blick auf Heiden in Gottes Endgericht auftreten werden und die Rolle übernehmen werden, die bei den Juden das Gesetz Gottes übernimmt. Der erste Zeuge ist das menschliche Herz, in das Gott sein Gesetz schreibt und den Menschen so zu erkennen gibt, wie er sich ihr Handeln vorstellt. (vgl. diese Beschreibung mit Gottes Verheißung im Blick auf den neuen Bund in Jer 31,33). Der zweite Zeuge ist das menschliche Gewissen als eine innere Kontrollinstanz des Menschen, mit der er sich selbst und sein Verhalten überprüft. Das Gewissen ist nicht die Norm, vielmehr überprüft das Gewissen das menschliche Verhalten anhand einer externen Norm. Durch Anklage bzw. Entlastung versucht das Gewissen den Menschen in Richtung dieser bestehenden Norm zu führen.

Der dritte Zeuge, den Paulus anführt, sind die menschlichen Gedanken oder Überlegungen. Auch diese Gedanken werden im Gericht die Menschen anklagen oder entlasten.

An Gottes Gerichtstag wird schlussendlich alles ans Licht kommen. Das ganze menschliche Leben wird offen vor Gottes Richterstuhl ausgebreitet sein. Gott wird durch seinen Sohn richten und dieses Gericht wird der frohen Botschaft von Christus entsprechen, die Paulus in Röm 1,16-17 schon auf den Punkt gebracht und die er in den weiteren Kapiteln im Römerbrief entfalten wird.

Aber schon zu diesem Zeitpunkt hat Paulus gezeigt, dass nur die Menschen im Gericht Gottes Hoffnung haben können, die im Vertrauen auf Jesus Christus zu Gott umgekehrt sind, und denen so im Glauben aus Gnade Gottes Gerechtigkeit zugesprochen wurde. Alle Menschen, die diese Umkehr im Glauben ablehnen, haben im Gericht Gottes keine Hoffnung.

1.2 Weitere Hilfen zum Verständnis des Predigttextes

  • Krimmer, Heiko. Römerbrief (Edition C Bibelkommentar)
  • Schnabel, Eckhard. Der Brief des Paulus an die Römer: Kapitel 1-5 (Historisch   Theologische Auslegung)
  • Lüthi, Walter. Der Römerbrief
  • De Boor, Werner. Der Brief des Paulus an die Römer (Wuppertaler Studienbibel)

2. Verstehen, worum es geht

2.1 Hinweise für situative Überlegungen

Letzte Woche haben wir im zweiten Teil von Römer 1 vor Augen gestellt bekommen, wie die Sünde das große Verhängnis unserer Welt ist. Wir haben gesehen, wie dringend wir Menschen das Evangelium der Gnade Gottes brauchen.

Wir predigen diese Verse vorwiegend zu Christen und wenn wir als Christen die Ausführungen von Paulus über die Gesetzlosigkeit der Welt lesen, dann stehen wir in der Gefahr, uns betroffen neben ihn zu stellen und über die Schlechtigkeit der Welt den Kopf zu schütteln. Insgeheim klopfen wir uns aber innerlich auf die Schultern und denken: Zum Glück bin ich nicht so.

Paulus kennt die frommen Menschen, er weiß um ihre Gefahr der Selbstgerechtigkeit und deshalb betont er in Kapitel 2, dass jeder Mensch die Gnade Gottes braucht.

2.2 Hinweise für hermeneutische Überlegungen

Es ist sehr wichtig, dass wir Kapitel 2,1-16 nicht losgelöst von Röm 1,16f verstehen. Es kann nicht sein, dass Paulus in diesen Versen eine Werkgerechtigkeit predigt, wenn er in 1,16f so den Glauben betont. Auch in Kapitel 3,21ff wird Paulus jede Art von Werksgerechtigkeit ablehnen. Wir müssen also sehr deutlich herausarbeiten, was Paulus meint und auch nicht meint, wenn er in Vers 6 sagt, dass Gott „einem jeden geben wird nach seinen Werken.“

2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen

Die Argumentationslinie von Paulus in diesen Versen ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Deshalb müssen wir versuchen, sie in der Predigt deutlich nachzuzeichnen. Wir müssen u.a. klären:

Wen spricht Paulus hier an?

Warum ist die Selbstgerechtigkeit so ein großes Problem?

Warum betont Paulus hier so stark die Werke?

Was meint Paulus damit, wenn er schreibt, dass die Heiden „sich selbst Gesetz“ sind?

Nur wenn wir als Prediger, diese Fragen sorgfältig bedacht haben, können wir die Hörer durch die Argumentation von Paulus hindurchleiten. Es geht nicht darum, dass wir auf alles eine endgültige Antwort haben, aber unsere Hörer sollten nicht den Eindruck gewinnen, dass die Schwierigkeiten im Text irgendwie umschifft werden.

3. Sagen, wo es hingeht

3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?

Durch die Predigt soll den Hörern deutlich werden, dass wir uns, egal wie fromm wir sind, nicht aus unserer eigenen Kraft vor Gott entschuldigen können. Vor Gottes Maßstab sind wir alle schuldig. Die Predigt soll ermutigen, nicht auf die eigene Gerechtigkeit zu vertrauen, sondern die Hoffnung ganz auf die Gnade und Güte Gottes in Jesus Christus zu setzen.

3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?

Gott ist gerecht und gütig

3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?

a) Wenn wir über uns selbst das Urteil sprechen (V.1-4)

b) Gottes Urteil ist absolut gerecht (V.5-13)

c) Wenn das Gewissen Gott Recht gibt (V.14-16)

oder

a) Der Irrtum der Selbstgerechtigkeit (V.1-4)

b) Die Ausweglosigkeit der Selbstgerechtigkeit (V.5-13)

c) Das Eigentor der Selbstgerechtigkeit (V.14-16)

3.4 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?

  • Die klassische Veranschaulichung für Selbstgerechtigkeit finden wir im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Lk 18,9-14).
  • Auch die Begegnung zwischen David und dem Propheten Nathan, die uns in 2.Sam 12 berichtet wird, ist eine ausgezeichnete Veranschaulichung zu unserem Predigttext. David spricht mit seinem selbstgerechten Urteil über sich selbst das Urteil. Gott misst David an den Maßstäben, die David selbst angelegt hat.
  • Wilhelm Busch erzählt in seinem Buch „Kleine Erzählungen“ wie Gott die Selbstgerechtigkeit eines Menschen durchbrochen hat:

Ich tue recht und scheue niemand

Geradezu aufregen kann mich dieser Satz! Wie oft ach ja, wie ermüdend oft habe ich es erlebt, dass einer, dem ich das Evangelium be­zeugte, freundlich abwinkte und überlegen sag­te: »Wissen Sie, ich halte mich an die Religion, die schon mein Vater hatte. Und die heißt: Tue recht und scheue niemand.« Da bin ich dann oft aufgebraust und habe hef­tig erwidert: »Das ist die blödeste Religion, die ich kenne. Denn erstens ist es eine Religion, bei der Gott noch nicht mal vorkommt. Und zwei­tens – ist es gar nicht wahr!«

Dann hat der andere wohl still gelächelt, als wenn er sagen wollte: »Wahrscheinlich hast du Recht. Aber so ist es für mich am bequemsten.« Und da lässt sich ja dann nichts machen. Aber einmal hat es mir Gott doch geschenkt, dass so ein selbstgerechter Sünder aus seinem stolzen Sattel stürzte. Es ist schon fünfzehn Jahre her. Und der Mann, um den sich‘s dabei handelt, ist längst in der Ewigkeit. So kann man die Ge­schichte ruhig erzählen.

Ja, man muss sie erzählen. Denn wir haben viel vergehen sehen: ein Kaiserreich und eine Repu­blik und einen totalitären Staat. Und mit diesen Systemen fielen jedes Mal Weltanschauungen dahin. Aber der dumme Satz »Ich tue recht und scheue niemand« ist geblieben, – geblieben in ei­nem Volk, das jahrelang geradezu vorgelebt hat, was Menschenfurcht ist. Doch wer will sich dar­über wundern? Den Satz haben schon die Phari­säer zu Kaiser Augustus‘ Zeiten gesagt.

Aber nun zu der Geschichte!

Da besuchte ich oftmals einen alten Mann in ei­nem Altersheim. Er war ein gottloser, verhärteter Kerl. Und was ich ihm auch aus der Bibel vorlas, das lief an ihm ab wie Wasser am Marmorstein. Als ich eines Tages wieder in sein Zimmer trete, liegt er im Bett. »Oh, sind Sie krank, Vater N.?«, frage ich. Verdrießlich antwortet er: »Ach, wenn man mal fünfundsiebzig ist, kann man ja ruhig sterben.« »Stopp!«, rufe ich. »Halt! Das ist nicht richtig! Ob man ruhig sterben kann, das hängt nicht vom Alter ab. Ich habe einen vierzehnjährigen Jungen ruhig sterben sehen. Und ich habe einen alten Sünder verzweifelt in seinen Sünden dahinfah­ren sehen. Nein! Vom Alter hängt das nicht ab. Das hängt vom Frieden mit Gott ab!«

Etwas unsicher schaut mich der Alte an. Dann legt er los: »Frieden mit Gott? Den habe ich! Ich habe nichts gegen Gott. Mein Wahlspruch war: Tue recht und scheue niemand! Danach habe ich gelebt. Ich habe niemand bestohlen, ich habe nie­mand Unrecht getan …« Und während er nun alle seine »guten Taten« aufzählt, kratzt er mit beiden Händen auf der Bettdecke. Es ist, als wenn er alle seine Vorzüge und guten Taten auf ein Häuflein zusammen­scharren und vor Gott hinlegen wolle. Immer noch zählt er auf, während seine Hände das unsichtbare Häuflein hübsch säuberlich zu­sammenscharren: »… ich habe nie Streit gehabt in meinem Haus, ich war immer kameradschaftlich gegenüber meinen Arbeitskollegen, ich habe …« Endlich ist er fertig.

»Lieber Mann!«, sage ich nun, »da kann ich Ih­nen ja nur gratulieren, dass Sie so prächtig und großartig vor das Angesicht des lebendigen Got­tes treten können. Ich bin zwar nur halb so alt wie Sie. Aber so großartig stehe ich leider nicht da. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, dann muss ich sehr traurig werden darüber, wie oft ich versagt habe. Wie oft habe ich Gottes Ge­bote übertreten! Wie oft bin ich Liebe schuldig geblieben! Wie oft habe ich mit meinen Launen meine Umgebung gequält! Oh, da ist viel, viel Schuld. Und sehen Sie! Darum bin ich froh, dass ich einen Heiland habe, der am Kreuz für mich gestorben ist und der mich verlorenen Menschen mit Gott versöhnt hat. Ja, dieser Heiland ist mei­ne ganze Hoffnung.«

Einige Augenblicke ist es sehr still im Zimmer. Dann seufzt der alte Mann tief auf und gibt zu: »Ja, wenn ich mir die Sache genau überlege, dann ist in meinem Leben auch nicht alles so gewesen, wie es sein sollte …« »Oho!«, lege ich nun aber los. »Was soll das denn heißen? Eben haben Sie doch noch so groß­artig getan, wie Sie vor Gott bestehen könnten und wie Ihr Leben vollkommen in Ordnung sei!« »Ja …«, sagt er zögernd, »wenn man sein Le­ben mal so richtig ansieht, dann …«

»Ja, lieber Vater, dann packen Sie mal aus und machen Sie Ihr Gewissen frei!« Und dann kam eine Beichte. Was da gespro­chen wurde, hat nur Gott hören dürfen. Aber als der alte Mann fertig war, stand ein riesiger Berg von Schuld und Sünde da, vor dem das kleine Hügelchen auf der Bettdecke ganz und gar ver­schwand. Ich war erschüttert. »O lieber Mann! Mit solch einem Berg von Sünde wollten Sie in die Ewigkeit gehen?! So wollten Sie vor den drei­mal heiligen Gott treten?!« Und dann kniete ich an seinem Bett nieder, und wir brachten diesen Berg von Schuld vor Gott.

Als wir das getan hatten, durfte ich ihm sagen: »Nun heben Sie Ihre Augen auf zum Heiland am Kreuz! Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frie­den hätten.« Dann ging ich und ließ ihn in großer innerer Not und Herzensunruhe zurück. Als ich nach wenigen Tagen wiederkam, fand ich einen völ­lig verwandelten Mann vor. Nun hatte sein Herz den gefunden, der in die Welt gekommen ist, um »die Sünder selig zu machen«. Und als ein Begnadigter und von Gott Ange­nommener und wirklich mit Gott Versöhnter ist er im Jahr darauf friedlich hinübergegangen in die Ewigkeit.

(Tobias Schurr)