Predigtthema: Glauben heißt, um die Freiheit ringen. Schnell verliert man die Freiheit des Evangeliums, daher aufgepasst!
Die Erarbeitung dieser Predigt erfordert etliche Stunden an Vorbereitung. Zu eurer Unterstützung enthält diese Predigthilfe deshalb Hinweise für eure Verkündigung, ersetzt aber nicht euer eigenständiges Erarbeiten des Bibeltextes. Bei der Vorbereitung dieser Predigt suchen wir nach dem, was der Herr über den Predigttext durch uns sagen will, denn wir verkündigen nur die Botschaft, die uns persönlich auf der Basis des Predigttextes aufs Herz gelegt wird. Nur wo der Herr uns das Herz gefüllt hat, da haben wir etwas zu sagen, da nur dann gilt: „Wer euch hört, hört mich“ (Lk 10,16a)!
- Sehen, was dasteht
Verschiedene Bibelübersetzungen um mit dem Predigttext vertraut zu werden findet man z.B. unter www.bibleserver.com (Luther 1984 / Revidierte Elberfelder Bibel / Hoffnung für alle / Schlachter 2000 / Neue Genfer Übersetzung / Gute Nachricht Bibel / Einheitsübersetzung / Neues Leben Bibel / Neue Evangelistische Übersetzung).
1.1 Allgemeine Hinweise zum Predigttext
Mit Galater 2 befassen wir uns mit einem langen und viel diskutierten Text. Der Fokus der Predigt sollte dabei im Rahmen der Predigtreihe auf dem Verständnis des Evangeliums und seiner Gefährdungen heute liegen.
Drei größere exegetische Herausforderungen begegnen uns in Galater 2:
- Handelt der Besuch in Gal 2,1 „nach 14 Jahren“ vom Apostelkonzil (Apg 15) oder vom sogenannten Hungersnot-Besuch zuvor (Apg 11,27-30)? Wenn es um das Apostelkonzil geht, wie sind die Unterschiede zu erklären?
- Wie kann ein Apostel wie Petrus sich so grundlegend im Evangelium vertun – was sagt das über die apostolische Autorität? Dieser Punkt ist heute nicht mehr so heiß diskutiert, war aber in der frühen Kirchengeschichte einer der umstrittensten Stellen.
- Worauf beziehen sich die „Werke des Gesetzes“ bei Paulus konkret? Hier ist das Verhältnis zu Jakobus 2, der alttestamentliche „Rettungsweg“ sowie das Verständnis im frühen Judentum zu beachten.
In der Predigt besteht die Gefahr, sich bei einem längeren Abschnitt wie diesem zu stark in der Exegese zu verlieren. Trotz der notwendigen intensiven Vorarbeit in der Auslegung, ist der Schwerpunkt in der Predigt die Übertragung der Auslegungsergebnisse auf heute: Wo ist heute das Evangelium gefährdet? Was können wir im Umgang mit „falschen Brüdern“ (2,4) oder irrenden echten Brüdern – wie Petrus – von Paulus lernen? Wo liegt der Kern des Evangeliums?
1.2 Hilfen zum Verständnis des Predigttextes
Hilfen zur Auslegung bieten z.B.
* Mußner, Franz, Der Galaterbrief (Herders), 1974: ausführliche Exegese und Diskussion der verschiedenen Sichtweisen
* Krimmer, Heiko, Galater (Edition C), 2007: Auslegung und Anwendungsideen
* Stott, John, Galatians.1998: Fragen zum Text und Anwendungsideen
1.3 Anmerkungen zum Verständnis des Predigttextes
Vers 1:
Um welchen Besuch geht es in Gal 2,1?
Ich gehe davon aus, dass Paulus vom Apostelkonzil schreibt. Warum?
- Der Jerusalem-Besuch in Gal 1 entspricht Apg 9,26-29. Dieser war 3 Jahre nach der Bekehrung von Paulus (33/34), also 36/37 n. Chr.
- Zu berücksichtigen ist, dass angefangene Tage/Jahre in der damaligen Zeit meist als ganzes Jahr mitgezählt wurden (ähnlich wie bei Jesu Tod, der drei Tage tot war). Also 14 Jahre können auch 12-13 Jahre sein.
Zwei Möglichkeiten gibt es nun:
- 14 Jahre von dem ersten Jerusalem-Besuch aus würde ergeben, dass Paulus hier vom Apostelkonzil (49 n. Chr.) als zweiten Besuch spricht.
- 14 Jahre von der Bekehrung des Paulus aus würde 46 n. Chr. ergeben, was zum Hungersnot-Besuch aus Apg 11,27-30 spricht.
Die Frage hängt eng mit den Einleitungsfragen zum Galaterbrief zusammen: Wurde der Galaterbrief noch vor dem Apostelkonzil geschrieben oder erst danach?
Wenn man hier die „nordgalatische Landschaftshypothese“ vertritt, dass der Galaterbrief an die ganze Landschaft Galatien (im Norden der heutigen Türkei) geschrieben wurde, die Paulus erst auf der zweiten Missionsreise durchreist (Apg 16,6; 18,23), dann kann der Galaterbrief erst nach dem Apostelkonzil entstanden sein und somit geht es hier (vermutlich) um das Apostelkonzil.
Wenn man die „südgalatische Provinzhypothese“ vertritt, dass der Galaterbrief an die römische Provinz Galatien gerichtet ist (im südlichen Türkei), wo Paulus schon auf der ersten Missionsreise Gemeinden gründete (Apg 13-14), dann könnte der Galaterbrief entweder vor oder nach dem Apostelkonzil geschrieben worden sein.
Aus drei Gründen halte ich zweitere Lösung für stimmiger: (ausführliche Diskussion und Nennung der Argumente für beide Seiten bei Carson/Moo, Einleitung in das Neue Testament, 557ff)
- Wir wissen, dass Paulus in der Provinz Galatien Gemeinden gründete (Apg 13-14), von Gemeindegründungen in der Landschaft Galatien hingegen ist nichts berichtet.
- Nach Gal 4,13 war Paulus krank, als er in Galatien war („Schwachheit des Fleisches“), wo sich nur schwer vorstellen lässt, dass er in dieser Verfassung durch die bergige Landschaft im Norden zog.
- An drei Stellen im Galaterbrief wird Barnabas erwähnt (2,1.9.13). Es scheint, dass die Galater Barnabas kannten. Dieser begleitete Paulus aber nur auf der 1. Missionsreise, weil sie sich danach trennten (Apg 13,2; 15,37ff).
In diesem Fall bestehen immer noch beide Möglichkeiten, auf welche Jerusalem-Reise sich Paulus bezieht. Der Brief kann vor oder nach dem Apostelkonzil an die Provinz Galatien geschrieben worden sein.
Ich gehe davon aus, dass Paulus hier vom Apostelkonzil (Apg 15) berichtet, also den Brief erst danach geschrieben hat. Folgende drei Gründe sehe ich: (für ausführliche Diskussion siehe Carson/Moo, Einleitung in das Neue Testament, 561ff)
- Die große Ähnlichkeit von Römer- und Galaterbrief legt nahe, dass sie zur ähnlichen Zeit geschrieben wurden. Der Römerbrief wurde eindeutig erst nach dem Apostelkonzil geschrieben.
- Gal 2 weist einige Parallelen zu Apg 15 auf: Beides Mal wird von den „Angesehen“ gesprochen. Beides Mal geht es darum, dass Paulus das Evangelium vorlegt. Und beides Mal taucht die Formulierung auf: Nichts anderes wurde mir auferlegt.
- Die Hauptanfrage, ob es nicht eine Lüge sei, wenn Paulus einen Besuch verheimlicht, leuchtet mir nicht ein. Denn der Bericht vom Hungersnot-Besuch in Jerusalem in Apg 11,27-30 wird dort sehr knapp geschildert. Es ist gut möglich, dass Paulus nur sehr kurz dort war und sich nicht mit den Gemeindeleitern unterhalten hat. Wenn Gal 2 sich auf Apg 11 beziehen würde, würde sich auch die Frage auftun: Warum berichtet Lukas dort nichts von den Diskussionen und dem gemeinsamen Ergebnis zur Verkündigung des Evangeliums?
Auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Bericht vom Apostelkonzil in Apg 15 und Gal 2 gehe ich hier nicht näher ein. Eine gute Darstellung in tabellarischer Übersicht findet sich bei Mußner, Galater, 129.
Paulus war kein Einzelkämpfer in seinem Dienst, sondern immer von Mitarbeitern umgeben. So nahm er auch auf diese Reise Barnabas und Titus mit. Es wird allerdings mit einer besonderen Formulierung erwähnt, dass Paulus auch Titus mitnahm. Hier deutet Paulus schon an: Ich habe ganz bewusst einen unbeschnittenen Heidenchristen wie Titus mitgenommen, um zu sehen, wie die Jerusalemer Gemeinde daraufhin reagiert.
Das Argument von Paulus ist im Kontext von Gal 1 wie folgt: Ich habe die gute Botschaft unabhängig von den anderen Aposteln erhalten, erst nach 17 Jahren bin ich dorthin gegangen, um mich mit ihnen abzustimmen. Und dort haben sogar die anderen Apostel meinen Dienst bestätigt.
Vers 2:
Über die Offenbarung, die Paulus bekommen hat, wissen wir nichts Näheres. In Apg 15,2 heißt es, dass ihn die Gemeinde gesandt hat. Aber die Sendung durch eine Offenbarung Gottes und durch die Gemeinde widerspricht sich nicht, sondern kann zusammengekommen sein.
Angesehene der Gemeinde: Die Ältesten und Apostel der Gemeinde (Apg 15,6), auf jeden Fall Jakobus, Petrus und Johannes (Gal 2,9).
Vergeblich: Könnte bedeuten, dass Paulus sich ein bisschen unsicher war und sich deswegen eine Bestätigung der anderen erhofft hat. Ich tendiere eher zu dem Verständnis, dass Paulus sich in seinem Evangelium durchaus sicher war, da er zuvor argumentiert, dass er dieses direkt von Gott erhalten hat. Die falschen Brüder bedrohten jedoch die Auswirkungen des Evangeliums und brachten Menschen vom rechten Weg ab, was Paulus durch die Bestätigung der anderen Apostel verhindern wollte.
Wenn Paulus das Evangelium vorlegt, ist dies nicht als Unsichersein zu verstehen. Paulus war sich sicher, dass das Evangelium richtig ist. Deswegen heißt es auch im Präsens: „das ich predige“. Paulus hat es schon gepredigt, predigt es noch und wird es auch weiter predigen. Aber er ist davon überzeugt, dass die anderen Apostel ihm zustimmen werden und bespricht es deshalb mit ihnen.
Vers 3:
Paulus hatte extra Titus als Heidenchristen mitgebracht. Nachdem die Gemeindeleiter in Jerusalem ihn nicht zwangen, sich beschneiden zu lassen, wurde schon deutlich: Sie bestätigen das Evangelium von Paulus, es braucht die Beschneidung nicht, um ein Bruder zu sein. Die Beschneidung als ein Werk des Gesetzes ist nicht notwendig. An anderer Stelle wurde Timotheus beschnitten (Apg 16,3), um den Juden nicht unnötiger Anstoß zu sein. Aber bei Titus ging es nun um eine Verdrehung des Evangeliums, um die Frage, ob man beschnitten sein muss, um gerettet zu sein. Hier war die größte Deutlichkeit gefordert (Gal 2,5) und keine Anpassung möglich.
Vers 4:
Falsche Brüder: Bruder wird man von Geburt an und man kann sich nicht selbst zum Bruder ernennen, was diese falschen Brüder versuchten. Diese Judaisten, die sich selbst vermutlich für Christen hielten, hatten sich in die Gemeinde eingeschlichen, um genau auf Fehler zu überprüfen. „Die Freiheit auskundschaften“ ist hier nicht so zu verstehen, dass sie erst herausfinden mussten, wie die Christen eigentlich lebten – dazu hätten sie nicht Teil der Gemeinde werden müssen. Vielmehr versuchten die falschen Brüder durch eine ihnen nicht gegeben Prüffunktion jede Kleinigkeit aufzufinden, wo die Christen sich nicht an das jüdische Gesetz hielten. Die Christen waren von allen Zeremonialgesetzen (hier im Kontext vor allem Beschneidung 5,1ff und Speisegebote 2,11ff) befreit und mussten sich nicht durch Einhalten von Geboten selbst rechtfertigen. Diese Freiheit wollten die falschen Brüder zerstören. Sie forderten von den Christen das Einhalten von Zeremonialgesetzen, dass alle jüdischen Gebote noch befolgt werden müssten, um errettet zu werden.
Vers 5:
Paulus ist ganz klar: Wenn es um die gute Botschaft in Christus geht, ist kein taktisches Zurückweichen, kein Kompromiss, keine Nachgiebigkeit möglich. „Auch nicht eine Stunde“ darf nachgegeben werden, bei Verdrehung der guten Botschaft muss sofort Widerstand geleistet werden.
Die „Wahrheit des Evangeliums“ soll bestehen bleiben. In erster Linie geht es hier um die Beschneidung: Wer fordert, dass der Heidenchrist sich an die jüdischen Gebote hält, der verdreht das Evangelium. Paulus beschwert sich hier nicht über eine nicht 100%-korrekte Formulierung oder Lehre des Evangeliums, sondern die Lebensgestaltung und praktischen Forderungen der falschen Brüder widersprechen der guten Botschaft in Christus.
Vers 6:
Dieser Einschub ist nicht ganz leicht zu verstehen. Ein mögliches Verständnis des Satzes wäre: Was immer die Angesehenen in Vergangenheit waren – jetzt sind sie von Gott eingesetzt und ich nehme ernst, was sie mir sagen und auferlegen, aber sie haben mir nichts auferlegt. Eine zweite Möglichkeit wäre eher gegenteilig, dass Paulus diesen Satz sehr kritisch gegen die, die angesehen werden, sagt: Ihr seid Angesehene und tut so, als hättet ihr das Sagen, aber vor Gott sind doch alle gleich. Dies könnte sogar so zu verstehen sein: Ihr seht diese Leute an, deswegen bespreche ich mich um euretwillen mit ihnen, aber eigentlich sind vor Gott alle gleich und ich hätte es nicht notwendig.
Da Paulus sowohl die Gemeindeleiter durchaus respektiert und die Funktion von Aposteln anerkennt (2,8; Apg 15), da er sich aber andererseits in seinem Evangelium sicher ist und er nicht wirklich bereit ist, sich von den anderen korrigieren zu lassen in diesem Punkt (Gal 1,6ff), tendiere ich zu drittem möglichen Verständnis: Paulus möchte sagen: Obwohl ihr vielleicht schon länger dabei seid als ich und schon mehr erlebt habt, geltet ihr vor Gott nicht mehr als ich.
Trotzdem scheint er ihren Ratschlag ernst zu nehmen. Sie handeln aber, wie er erwartet hat, dass sie ihm nichts weiter auferlegen.
Wie passt dieser Satz dazu, wenn doch gleichzeitig in 2,10 scheinbar finanzielle Unterstützung auferlegt wird und in Apg 15, 29 sogar gefordert wird, dass Heidenchristen sich vom Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktem und Unzucht enthalten sollen?
In 2,10 geht es eindeutig nicht um eine Hinzufügung zum Evangelium – die Hilfe für Arme ist zwar etwas Gutes und wird gefordert, wird aber auf keinen Fall mit dem Evangelium oder der Errettung verknüpft.
In Apg 15,28 heißt es: „Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen, als nur diese notwendigen Dinge.“ Dies ist meiner Meinung nach am besten mit Krimmer zu verstehen: Es geht nicht darum, dass die Heidenchristen Juden werden müssen oder die Einhaltung der Gesetze notwendig wäre für die Errettung. Sondern die notwendigen Punkte im Apostelkonzil sind als selbstverständlich für Christen anzusehen, da sie dem Doppelgebot der Liebe entsprechen. Götzenopferfleisch und sexuelle Unmoral bestimmten den Götzenkult damals, von dem die Christen sich klar abgrenzen und nur Gott lieben sollen. Der Verzicht auf Blut und Ersticktes ist im Beisammensein mit den Juden ein Ausdruck der Nächstenliebe. (Vgl. Krimmer, Galater, 57.)
Paulus erwähnt diese Punkte vom Apostelkonzil nicht mehr, weil die Nächstenliebe selbstverständlich ist für Christen und weil in Bezug auf die Fragen der Beschneidung und nach dem wahren Evangelium, um die es bei den Galatern geht, nichts zusätzlich auferlegt wurde. [Zu dieser Frage gibt es eine Vielzahl anderer Auslegungen, die hier aber nicht gänzlich aufgeführt werden können.]
Vers 7:
Paulus wurde mit dem Evangelium für die Heiden im Besonderen anvertraut, Petrus mit dem für die Juden.
Zwei Missverständnisse könnten hier entstehen: 1. Heißt dies auf keinen Fall, dass für die Heiden ein anderes Evangelium galt als für die Juden. Das zeigt sich, wenn in 2,8 vom Apostelamt die Rede ist, mit dem beide gleichermaßen betraut wurden. Außerdem könnte sonst Paulus Petrus nicht zurechtweisen, was er in 2,11ff tut. 2. Heißt dies nicht, dass Paulus nur den Heiden und Petrus nur den Juden von Jesus erzählt habe. Wir lesen gerade Gegenteiliges aus Berichten – in vielen Städten waren Juden und Nichtjuden einfach vermischt. Nur der Schwerpunkt lag jeweils auf diesen Gruppen.
Vers 8:
Derjenige, der wirkt, dass Paulus bei den Nichtjuden so großen Erfolg hatte, während Petrus unter den Juden vieles bewirken konnte, ist ganz klar Gott. Er ist der Wirkende, er ist es, der den beiden ihr Apostelamt verliehen hat. Von Aposteln ist im Neuen Testament manchmal im engeren Sinn die Rede, wenn es nur um die zwölf Apostel und ihr Apostelamt geht. Teilweise wurde der Begriff aber auch erweitert, wenn es allgemein um spezielle Berufungen im Dienst geht (so verstehe ich den Apostelbegriff in den Gabnelisten, z.B. Eph 4,11). Hier in Gal wird der Begriff Aposteldienst nicht zwingend auf den engen Kreis der zwölf Apostel bezogen, sondern der Schwerpunkt liegt auf der Berufung: Gott hat mich und Petrus zu diesem unterschiedlichen Dienst berufen, er ist der Handelnde durch uns.
Vers 9:
Jakobus, Petrus und Johannes erkannten die Gnade, die Paulus gegeben war.
Vielleicht erkannten sie diese an dem Erfolg, den Paulus hatte – sie merkten, dass Gott am Wirken war. Vielleicht zeigte es ihnen der Heilige Geist auch im Umgang mit Paulus und durch seine Lebensweise.
Sie waren sich auf jeden Fall sicher: Paulus hat diesen Auftrag von Gott bekommen. Deswegen reichten sie Paulus und Barnabas die „Rechte der Gemeinschaft“. Hier geht es wahrscheinlich einfach darum, dass sie ihnen die rechte Hand gaben, was als Vertragsschluss, Zeichen der Einwilligung zu verstehen ist: Wir bestätigen: Ihr sollt dieses Evangelium den Nichtjuden verkündigen!
Jakobus, Petrus, Johannes: Sie werden von Paulus als Säulen bezeichnet, sie waren diejenigen, auf denen das Haus, die Gemeinde, stand. Spannend ist, dass Petrus an die zweite Stelle rutscht, während Jakobus, der wohl eine zentrale Stelle in der Gemeinde von Jerusalem hatte, zuerst genannt wird. Möglicherweise möchte Paulus betonen: Auch Jakobus stimmte dem zu – obwohl es in 2,12 heißt, dass einige von Jakobus kamen, die Petrus vom klaren Weg des Evangeliums abbrachten.
Vers 10:
Einen Auftrag bekam Paulus allerdings: Der Armen zu gedenken. Aus dem Text geht zwar nicht klar hervor, wer die Armen sind. Aber aus dem Handeln von Paulus, der in vielen Gemeinden Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde sammelt (Römer 15,26ff; 1Kor 16,1-3), wird klar: Es geht um die Armen in Jerusalem, die teilweise unter der Verfolgung der Juden Not leiden.
Vers 11:
Petrus kam nach Antiochien. Wahrscheinlich fand diese Begebenheit direkt nach dem Apostelkonzil statt, als Paulus und Barnabas noch gemeinsam in Antiochien waren (Apg 15,35). Denn direkt nach dem gemeinsamen Dienst in Antiochien trennten sich Paulus und Barnabas dann. Wir finden keine näheren Hinweise, warum Petrus nach Antiochien ging.
Einige Fragen waren aber beim Apostelkonzil offen geblieben, die sich nun in dieser Streitfrage in Antiochien stellten: Für Heidenchristen war das Verhältnis zum Gesetz geregelt. Aber welche Stellung hatte das Gesetz für Judenchristen? Und wie funktioniert das Beisammensein in einer gemischten Gemeinde wie Antiochien?
Dort in Antiochien „widerstand Paulus ihm ins Angesicht“. Damit ist vermutlich gemeint, dass er ihn direkt und öffentlich zurechtwies, weil er Unrecht, eine Schuld, auf sich geladen hatte. Was diese Schuld genau war, wird in den folgenden Versen erläutert.
Vers 12:
Warum hatten einige Juden ein Problem damit, mit Heiden zu essen?
Für Juden war es nicht üblich, mit unreinen Heiden zusammen unreines Essen zu essen (vgl. Hes 4,13; Apg 11,3). Die Speise der Nichtjuden wurde vermutlich falsch zubereitet (Ex 23,19), stammte von unreinen Tieren (Lev 11) oder war sogar im Zusammenhang mit Götzenopfer entstanden (1Kor 10,28f).
In der Kornelius-Geschichte (Apg 10) war Petrus schon eines Besseren belehrt worden: Auch die Heiden kehrten um und empfingen den Heiligen Geist, ohne davor das ganze jüdische Gesetz einzuhalten. Deswegen und aufgrund des Apostelkonzils war es für Petrus möglich, mit den Nichtjuden gemeinsam zu essen. Es kann gut sein, dass bei den Galatern ebenso wie in Korinth das Abendmahl im Rahmen einer Mahlzeit eingenommen wurde – so würde die aufgehobene Tischgemeinschaft gleichzeitig für ein nicht mehr gemeinsames Abendmahl stehen!
Wer waren die Leute von Jakobus und warum fürchtete Petrus sie?
Im Text wird nicht ganz klar: Waren die Leute direkt von Jakobus gesandt, um es zu überprüfen? Oder beriefen sie sich auf Jakobus, kamen einfach aus Jerusalem, ohne dass sie direkt die Meinung von Jakobus vertraten? Die Furcht von Petrus vor ihnen würde sich im ersten Fall besser erklären lassen. Da Jakobus aber beim Apostelkonzil ziemlich klar für die Heidenmission Position bezieht, tendiere ich eher zu Zweiterem: Sie kamen aus Jerusalem, waren aber nicht im Auftrag von Jakobus dort.
Petrus fürchtete die Juden so, dass er deswegen die Tischgemeinschaft mit den Nichtjuden beendete. Hier zeigt sich wieder die Menschenfurcht und Feigheit, die sich auch schon bei der Verleugnung Jesu in den Evangelien zeigte.
Vers 13:
Alle anderen Juden und selbst Barnabas machten es Petrus nach, da sie ihn als Leiter anerkannten. Barnabas wird hier extra erwähnt, da dies Paulus vermutlich besonders getroffen hat: Sein enger Mitarbeiter lässt sich von Petrus verführen.
Petrus wird hier der Heuchelei bezeichnet: Er hat eine Inkonsequenz in seinem Handeln, stellt etwas zur Schau, was nicht Wirklichkeit ist. Das Heucheln ist der erste Punkt, den Paulus Petrus vorwarf, noch viel schlimmer ist aber der Vorwurf in Vers 14 dann.
Vers 14:
Paulus weißt Petrus öffentlich zurecht. Da die Schuld öffentlich geschah und Auswirkungen hatte, war die Zurechtweisung vor allen der einzig mögliche Schritt. Paulus handelt hier nach 1Tim 5,20: Sünder sollen öffentlich zurechtgewiesen werden – manchmal ist es nicht gut, aus scheinbarer Liebe Dinge „hintenrum“ zu klären und damit die Streitpunkte nicht klar anzusprechen.
Der entscheidende Vorwurf von Paulus ist nun: Du gehst nicht den geraden Weg, du gehst einen unmöglichen Umweg zur Errettung, du verdunkelst das Evangelium! Petrus selbst lebte eigentlich schon heidnisch und hielt sich nicht mehr strikt an die jüdischen Gebote, die in Jesus erfüllt waren.
Wie zwingt Petrus die Heiden, jüdisch zu leben?
Indem er nun nicht mehr mit den Heiden zusammen isst, bringt er zum Ausdruck: Ihr seid keine reinen Geschwister im Herrn. (Vermutlich war selbst das Abendmahl nicht mehr gemeinsam möglich.) Damit vermittelt er den Nichtjuden: Wenn ihr weiter unsere Geschwister sein wollt, wirklich dazugehören wollt, dann müsst ihr doch alle jüdischen (Zeremonial-)Gesetze einhalten! Dadurch verfälscht Petrus das Evangelium und fordert von den Geschwistern mehr, als sie leisten können und müssen.
Wie kann sich ein Apostel wie Petrus in der Lehre des Evangeliums so irren?
Diese Frage wurde in den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte vielfältig diskutiert (nach Mußner, Galater, 146ff dargestellt, dort ausführlich nachzulesen). Die Kirchenväter vertraten teilweise seltsame Auslegungen zu diesem Abschnitt. Klemens v. Alexandrien schreibt, dass es sich hier nicht um den Apostel Petrus, sondern um einen anderen Petrus handeln muss. Tertullian meinte, dass Paulus noch ein Eiferer als Neubekehrter war, und eigentlich Paulus falsch lag, was er später in 1Kor 9,20 eingesehen habe. Andere sagten wiederum, Petrus habe sich nicht in der Lehre, sondern nur in seinem Verhalten geirrt. „So lehrreich und interessant die Auslegungsgeschichte von Gal 2,11ff auch ist, so sollte die Folgerung aus ihr die sein, die Paulus selbst aus allem Streit mit seinen Gegnern gezogen hat: Über allen Personen, wer immer sie auch seien, steht das Evangelium Christi, denn Gott schaut nicht auf das Ansehen der Person (Gal 2,6).“ (Mußner, Galater, 166)
Vers 15:
In Vers 15 beginnt Paulus nun die theologische Erklärung des Evangeliums mit einer Einleitung: Selbst Petrus und Paulus, die von Geburt an Juden waren und versuchten, nach dem Gesetz zu leben, haben nun erkannt: Wir sind durch den Glauben an Jesus Christus gerechtfertigt!
Paulus kann die Nationen mit Sündern gleichsetzen, weil sie nicht wie die Juden von klein auf im Gesetz unterwiesen waren und sie deswegen nicht nach den Maßstäben Gottes leben konnten.
Vers 16:
In diesem Vers legt Paulus nun die Grundlage des Evangeliums dar: Nicht durch Gesetzeswerke, sondern allein durch den Glauben an Jesus werden wir gerechtfertigt!
Was sind „Werke des Gesetzes“?
- Hier im direkten Kontext scheint es in erster Linie um die Speisevorschriften zu gehen.
- Im Galaterbrief zählt auch die Beschneidung klar zu den Werken des Gesetzes (Gal 5,1ff).
- In Gal 3,2.5.10 taucht Werke des Gesetzes wieder auf. Galater 3,10ff geht auch auf den Ausblick des ganzen Gesetzes ein: Niemand wird durchs Einhalten des Gesetzes gerecht.
Es geht hier im Kontext also in erster Linie um die Zeremonialgesetze des Judentums, die der Nichtjude nicht einhalten muss, um errettet zu werden. Paulus gibt aber einen Ausblick, dass auch das Einhalten des Gesetzes als Ganzes nicht rechtfertigen kann.
Die Neue-Paulus-Perspektive (NPP) hat versucht, aufzuzeigen, dass es Paulus bei Werken des Gesetzes nur um die Zeremonialgesetze geht, die als Markierungen des Bundes zwischen Gott und Juden für Heiden nicht mehr relevant sind. Sanders hat in seiner Studie zum Frühjudentum aufgezeigt, dass der Bundesnomismus, die Errettung durch den Bund mit Gott, im Frühjudentum stark verbreitet war und es nicht allen Juden darum ging, durch Einhalten der moralischen Gebote gerechtfertigt zu werden. Seine These und die These mancher, die die „NPP“ vertreten, ist: Kein Jude wollte aus seinen Taten gerechtfertigt werden, deswegen geht es bei Paulus nur um die Zeremonialgesetze, die die heidnischen Christen nicht einhalten mussten. Diese These lässt sich leicht widerlegen, da das Verständnis im Frühjudentum genauso vielfältig war wie zu jeder Zeit. Beispielsweise Lukas 18,11, Mt 19,16ff oder 4Esra 3,34f zeigen, dass Juden teilweise versuchten, sich allein durch Einhalten der Gebote zu erretten. (Ausführliche Diskussion der NPP bei Caron/Moo, Einleitung, 453ff).
Eine andere Frage ist, inwieweit die damaligen Juden, die sich allein durch Einhalten der Gesetze rechtfertigen wollten, das Alte Testament richtig verstanden haben. Hier hat die NPP gut aufgezeigt und festgestellt: Auch im Alten Testament und im Verständnis vieler Juden bis heute, wird man nicht einfach durch Werke und Einhalten von Gesetzen gerettet. Zum einen geht der Bundesschluss Gottes mit Israel als Gnadenakt allen Gesetzen voraus. Zum anderen gibt es viele Opfergesetze, die bei Übertreten von Gesetzen Gnade ermöglichen. Schon im Alten Testament spielt die Gnade Gottes und der Glaube an ihn eine entscheidende Rolle, wie sich beispielsweise bei David oder in Hab 2,4 zeigt.
Paulus stellt klar: Egal ob Nichtjude oder Jude, die gute Nachricht ist: Wer in Gemeinschaft mit Gott lebt, an ihn glaubt und ihm vertraut, er ist errettet. Das Einhalten der jüdischen Zeremonialgesetze ist dafür nicht notwendig! Auch ein perfektes Leben nach Gottes moralischen Geboten ist dafür nicht notwendig! Gal 5,22 und Jakobus 2 machen aber deutlich: Wer einen lebendigen Glauben hat und mit dem Heiligen Geist erfüllt hat, wer wirklich mit Jesus lebt, in dessen Leben werden sich Auswirkungen zeigen. Insofern ist das Leben und Handeln nicht völlig irrelevant in Bezug auf das Heil.
Keiner ist gerecht durch seine Werke: Hier zitiert Paulus Ps 143,2, wo schon David klarstellt: Niemand wird vor Gott gerecht durch Werke. Aus dem Grund gab es auch schon im Alten Testament Opfer, das Versöhnungsfest und Gnade Gottes, da aus guten Taten allein niemand gerecht vor Gott dastehen kann. Die Gnade Gottes, die auch schon im Alten Bund zugesagt war, konnte dann aber nur durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu im Neuen Bund wirksam sein.
Vers 17:
Ist die Schlussfolgerung, dass Jesus ein Sündendiener wäre, logisch?
Wenn Petrus und die anderen Judenchristen in Antiochien nun die Gemeinschaft mit den Heiden aufgeben – tun sie so, als hätten sie davor eine Sünde begangen, als müssten die Speisevorschriften und Reinheitsgebote noch eingehalten werden. Wenn das stimmt, dann wäre Jesus selbst aber ein Diener der Sünde: Denn er hat uns von diesen Zeremonialgesetzen befreit und gesagt, dass sie keine Rolle mehr spielen. Er hat sogar selbst mit Zöllnern und Sündern gegessen! Paulus sagt also: Wenn ihr so tut, als wärt ihr den falschen Weg gegangen, wenn alle jüdischen Gesetze befolgt werden müssen, dann wäre Jesus selbst den falschen Weg gegangen. Das kann also auf keinen Fall sein!
Vers 18:
Worum geht es hier, was wurde niedergerissen?
Ich denke, dass Paulus hier von der Mauer, dem Zaun zwischen Juden und Nichtjuden redet. Diesen Zaun hat Jesus niedergerissen (Eph 2,14) – und dies Petrus, Paulus und anderen kundgetan. Das „ich“ bezieht Paulus auch auf Petrus: Du hast den Zaun doch selbst niedergerissen, wenn du ihn nun wieder aufbaust, würdest du dich selbst als Übertreter hinstellen.
Vers 19:
Wie kann man durchs Gesetz dem Gesetz sterben?
Paulus führt nun aus: Wir sind doch dem Gesetz gestorben, also ergibt es keinen Sinn, es wieder aufzubauen. Interessant ist: Es heißt nicht: Durch die Taufe, durch den Glauben, sind wir dem Gesetz gestorben. Sondern durchs Gesetz. In Röm 7,1-6 führt Paulus das näher aus: Das Gesetz hat uns den Tod gebracht. Es hat uns letztlich hingerichtet und gezeigt, dass alle Menschen auf die Gnade angewiesen sind. Das Gesetz legte den Juden Leben und Tod vor (Dtn 30,15.19). Und Paulus sagt: Ich wähle den Tod, den Tod mit Jesus Christus am Kreuz, denn ich kann nie alle Gesetze einhalten. So sterben wir als Christen mit Jesus durch das Gesetz, das uns verurteilt. Dies wird in der Taufe deutlich (Röm 6). Nach diesem Tod hat das Gesetz keinen Anspruch mehr auf uns, wir müssen also nicht mehr versuchen, uns durch Einhaltung aller Gesetze zu rechtfertigen. Nur dadurch können wir mit Gott leben.
Vers 20:
Ab nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus in mir. Paulus zeigt hier die Spannung auf: Als Christen leben wir noch im Fleisch, in dem verfallenden Körper. Gleichzeitig haben wir schon eine Christusexistenz, Jesus lebt in uns, und diese leben wir im Glauben. Unser wahres Leben ist schon verborgen in Christus (Kol 3,3).
Am Ende von Vers 20 bringt Paulus das Evangelium nochmal auf den Punkt: Jesus hat uns so geliebt, dass er sich selbst für uns hingegeben hat. Hingabe ist ein gutes Bild, dass die Erlösungstat Jesu verdeutlicht und gut anhand von Beispielgeschichten menschlicher Hingabe verdeutlicht werden kann. Menschen geben sich manchmal für andere hin, opfern sich für andere: Wie viel größer ist die Hingabe Jesu für uns alle am Kreuz, der nicht nur für uns gestorben, sondern alle unsere Schuld, Strafe und Krankheit getragen hat!
Vers 21:
Paulus verwirft die Gnade Gottes nicht – hat Petrus das durch sein Handeln schon?
Petrus hat auf jeden Fall vermittelt: Ihr müsst die Zeremonialgesetze einhalten, um errettet zu werden und damit die Gnade Gottes verkürzt.
Wenn die Gerechtigkeit durchs Gesetz kommt, wäre Jesus umsonst gestorben. Das heißt nicht, dass im Alten Bund niemand gerettet wurde. Auch dort gab es die Gnade Gottes, die durch die Opfer zugesagt wurde. Allerdings macht Gott immer wieder deutlich: Wirkliche Vergebung ist erst durch seinen Sohn Jesus Christus möglich und noch nicht durch die Opfer, die nur ein Vorausblick dafür sind (z.B. Ps 40,7).
- Verstehen, worum es geht
2.1 Hinweise für hermeneutische Überlegungen (Auslegung)
Der Text behandelt in erster Linie das Evangelium des Neuen Bundes und seine Bedrohungen zur damaligen Zeit. Dies lässt sich großteils direkt auf heute übertragen.
Der Unterschied der damaligen zur heutigen Gemeinde ist, dass es eine Mischgemeinde aus Judenchristen und Heidenchristen war und deshalb jüdische Anfragen und der Zusammenhang von Alten und Neuem Bund stärker diskutiert wurden. Ähnliche Angriffe auf die gute Botschaft finden sich heute aber sicherlich genauso, wenn auch nur in den seltensten Fällen von Judaisten.
Berücksichtigt werden muss auch die unterschiedliche Voraussetzung was Leitung betrifft. Während Paulus und die anderen Apostel damals als Leitung von Jesus eingesetzt worden waren, gibt es in unseren Gemeinden Älteste, die von der Gemeinde bestätigt werden müssen.
2.2 Hinweise für situative Überlegungen (Predigtanlass)
Die Predigthörer in Deutschland stehen in der Herausforderung des Pluralismus. Es gibt unzählig viele verschiedene Gemeinden und theologische Auseinandersetzungen. Während die einen von einem postmodernen Wahrheitsverständnis geprägt sind und in der Vielfalt die Wahrheit suchen, versuchen sich andere ganz klar von allen anderen Fehlverhalten abzugrenzen und bleiben als Einzelkämpfer stehen.
Vom Predigttext kann hier gut aufgezeigt werden, in welchen Fragen Einheit notwendig ist, in welchen Fragen aber auch Vielfalt erlaubt ist. Außerdem kann man (vorsichtig) vom Umgang des Paulus mit falschen Brüdern und Irrlehrern ableiten, wie man als Christ heute damit umgehen sollte.
2.3 Hinweise für homiletische Überlegungen (Anwendung)
Es gibt mehrere Anwendungsmöglichkeiten des Predigttextes. Im Rahmen der Predigtreihe ist der Schwerpunkt aber am besten auf das Verständnis und Gefahren des Evangeliums zu legen.
Anwendung in Blick auf das Evangelium:
Stott fordert seine Leser in seinem Kommentar auf:(vgl. Stott, Galatians, 24ff)
- Denke an christliche Gruppen, deren Stil dir auf die Nerven geht (Musik, Predigtstil, Kleidung, Architektur der Kirche, …). Wie hilft dir das Verständnis, dass es nur ein Evangelium gibt, sie zu akzeptieren?
- Denke an christliche Gruppen, in denen du grundlegende Unterschiede siehst im Evangelium (ein nur soziales Evangelium, Lehrunterschiede über Jesu Tod und Auferstehung, Errettung allein durch gutes Leben und nicht aus Gnade). Wie beeinflusst das Verständnis des einen Evangeliums deinen Umgang mit ihnen?
„When the issue before us is trivial, we must be as pliable as possible. But when the truth of the gospel is at stake, we mus stand our ground.“ (Stott, Galatians, 26)
Bei Christen könnte man an die Frage anknüpfen: Wo geht es dir wie Petrus, dass du Menschenfurcht hast und die gute Botschaft deswegen verdunkelst?
Für Nichtchristen kann das Evangelium ausführlich erklärt werden anhand des Beispiels der liebenden Hingabe Jesu (V.20).
Sowohl für Nichtchristen als auch für Christen ist die Frage relevant: Gibt es Aspekte des Evangeliums, die dir manchmal widersprüchlich erscheinen? Das kann beispielsweise sein:
- Der Zusammenhang von Gnade und den Werken/dem Tun
- Die Frage: Wie viel Glauben muss ich haben, um gerettet zu sein?
- Die Frage: Was tun, wenn ich nicht glauben kann, obwohl ich es will?
Wo setzen kleine Gruppen, wie damals die Leute von Jakobus, die Leiter der Kirche/Gemeinde oder uns in Furcht?
Gibt es Punkte, an denen wir ähnlich wie Petrus den Eindruck erwecken, dass der Glaube allein nicht ausreicht, sondern mehr zur Errettung dazu gehört? Möglicherweise vermitteln wir den Eindruck, dass Gottesdienstbesuch, Mitarbeit, Engagement, Stille Zeit, Zuverlässigkeit, ein gutes Dienstverständnis oder anderes notwendig ist?
Wo wird heute das Evangelium angegriffen in unserem persönlichen Umfeld und wie können wir klar dagegen aufstehen und Stellung beziehen?
Wichtig ist auch der Unterschied zwischen falschen Brüdern (V.4), die sich eingeschlichen haben und gar keine Christen sind, und irrenden Brüdern wie Petrus. Auch wenn Petrus das Evangelium verdunkelt, wagt Paulus es nicht, ihn als falschen Bruder hinzustellen, sondern weist ihn als Bruder zurecht!
Andere mögliche Anwendungen:
- V1f: Kein Einzelkämpfer, Paulus war immer mit Geschwistern zusammen unterwegs
- 5: Wo sind wir zu geduldig mit einem Lebensstil oder einer Lehre, die ein falsches Evangelium fördert?
- 6: Gott achtet nicht auf das Ansehen, auch Paulus ist die Stellung der Christen egal. Wo haben wir einen „falschen Personenkult“, indem wir davon ausgehen, dass manche christlichen Superstars oder Lieblingsprediger immer richtig liegen?
- V11ff: Es gibt keine unfehlbaren Aussagen, nicht mal von einem Apostel wie Petrus, wenn sie nicht wie bei den biblischen Schriften vom Heiligen Geist inspiriert sind. Deswegen: Immer selbstkritisch bleiben und Korrektur annehmen! Selbst der „geistlichste“ Leiter, sündigt mal und braucht Zurechtweisung.
- V13: Die Verantwortung des Leiters: Petrus machte etwas falsch – und alle anderen machten es ihm nach. Sünde hat Konsequenzen für die ganze Gemeinde.
- V14: Die Wichtigkeit der Zurechtweisung, manchmal auch der öffentlichen Zurechtweisung. Wo findet das bei uns einen Raum?
- V12f: Wo haben wir Menschenfurcht vor anderen Gruppen, die uns manchmal zum „Heucheln“ führen? Sagen wir in der Gemeinde möglicherweise deutlich das Evangelium, während wir uns sonst an manchen Punkten schämen oder nicht trauen, es klar zu bekennen?
- V11ff: „Ein wichtiger Erziehungsgrundsatz: Nicht einfach zerbrechen und strafen, sondern die Begründung dafür geben und auch die Konsequenzen ziehen. Kinder müssen auch einsehen. Auch Paulus handelt hier so. Christliche Ermahnung zeigt den Grund und die Folge.“ (Krimmer, 73)
- Sagen, wo es hingeht
3.1 Predigtziel – warum halte ich diese Predigt?
Das Ziel ist
- Die Erklärung des Evangeliums und den Zuspruch an den Einzelnen
- Das Erkennen von Bedrohungen des Evangeliums heute
- Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Angriffen auf das Evangelium
3.2 Predigtthema – was sage ich in dieser Predigt?
Mögliche Predigthemen/Titel:
Angriffe auf das Evangelium: Es ist Deutlichkeit gefordert!
Schnell verliert man die Freiheit des Evangeliums, daher aufgepasst!
Wer ist ein Christ? Von falschen Geschwistern, irrenden Geschwistern und der Grundlage des Christseins/Geschwister-Seins.
3.3 Predigtentfaltung – wie sage ich es in dieser Predigt?
Textgliederung:
- Die Bestätigung des Evangeliums von Paulus durch die Leiter der Urgemeinde (1-10)
- Paulus reist nach Jerusalem, um das Evangelium vorzulegen (1-2)
- Titus musste nicht beschnitten werden, auch wenn das die falschen Brüder forderten (3-5)
- Die Gemeindeleiter sind sich mit Paulus was das Evangelium betrifft einig und bestätigen seinen Auftrag bei den Nichtjuden (6-10)
- Die Zurechtweisung des Petrus aufgrund der Verdunkelung des Evangeliums (11-21)
- Paulus weist Petrus öffentlich zurecht, weil dieser durch sein Handeln Nichtjuden auffordert, sich an alle jüdischen Gesetze zu halten (11-14)
- Der einzige Weg zur Rettung für Juden wie Nichtjuden ist: Der Glaube an Jesus Christus (15-21)
Mögliche Predigtgliederungen:
- Wo haben sich falsche Geschwister bei uns eingeschlichen, die das Evangelium verdrehen? (1-10)
- Gibt es Punkte, an denen du oder ein Bruder/eine Schwester das Evangelium verdunkelt und falsch vermittelt, wie Petrus? (11-14)
- Das Evangelium: Jesus hat sich für uns hingegeben, sodass wir durch den Glauben gerettet werden können! (15-21)
- Falsche Geschwister in der Gemeinde gefährden die gute Botschaft (1-10)
- Irrende Geschwister brauchen klare Zurechtweisung vor allen (11-14)
- Der Identifikationspunkt fürs Geschwister-Sein: Das Evangelium! (15-21)
Oder nach Krimmer:
a) Gelebte Bruderschaft – ordnet sich einander unter (1-4)
b) Gelebte Bruderschaft – nimmt einander an (5-7)
c) Gelebte Bruderschaft – steht in gegenseitiger Fürsorge (8-10)
a) Brüderliche Seelsorge heißt – die Sünde deutlich beim Namen nennen (11-12)
b) Brüderliche Seelsorge heißt – die Folgen der Sünde nicht verschweigen (13-14)
c) Brüderliche Seelsorge heißt – das Evangelium als Richtschnur setzen (15-21)
3.4 Predigtveranschaulichungen – wie verdeutliche ich es in dieser Predigt?
Wenn man sich an dem Bild von Geschwistern entlanghangeln möchte (falsche Brüder, irrende Brüder, Grundlage des Bruder-Seins), kann man dieses Bild ausdeuten: Wie wird man ein Bruder/eine Schwester? Durch das Hinein-Geboren werden! Irrende Geschwister – hier würde das Gleichnis von den zwei Söhnen/dem verlorenen Sohn gut passen.
Für Vers 1-10:
In Zusammenhang mit den falschen Brüdern könnte man die Geschichte von einem Spion erzählen, der sich einschleicht (Vgl. Krimmer, Galater, 58).
Für Vers 11-14:
Hier kann man eine Geschichte von einem Menschen nehmen, der für eine weltliche Sache aufsteht und einsteht. Beispielsweise Greta Thunberg oder eine Schwedin, die einen Abschiebeflug stoppte: https://www.tagesschau.de/ausland/schwedin-stoppt-abschiebeflug-101.html. Wie viel mehr sollten wir nicht für das Evangelium einstehen?
Für Vers 15-20:
Zur Verdeutlichung des Evangeliums:
Zwei Männer sind in Löchern/Gletscherspalten verschüttet. Die Bergwacht sucht sie.
Der eine versucht selbst herauszuklettern – dabei bricht alles zusammen und er wird verschüttet.
Der andere wartet auf die Bergwacht und lässt sich herausziehen und retten.
(Samuel Koser)