Lukas

Predigthilfe vom 18.5.2003 – Lukas 19,1-10

Monatsthema: Jesu Blick des Erbarmens
Predigtthema: Erbarmen für Ausgestoßene

Bibelstelle: Lukas 19,1-10

Verfasser: Albrecht Wandel

Zu Beginn sei auf Gerhard Maiers ausgezeichneten und sehr umfangreichen Kommentar zu unserem Text verwiesen. Wir wollen daraus einige Akzente herausnehmen und einige weitere Impulse geben.

1. Zusammenhang
Noch immer begleiten wir Jesus auf seinem Weg zum Kreuz und erfahren ihn unterwegs als Lehrer seiner Jünger. In anschaulichster Weise wird die in Kap.18 gegebene Lehre Jesu in unserer Perikope mit Leben gefüllt.
Vorausgegangen waren folgende Ereignisse:
1. Einem einflussreichen Reichen steht sein Reichtum im Weg. Jüngerlehre: Für einen Reichen ist es sehr schwer in Gottes Reich zu kommen. Aber bei Gott ist nichts unmöglich. Die Begegnung mit Zachäus zeigt den Jüngern, dass ein Reicher eben doch gerettet werden kann.
2. Jesus kündigt sein Leiden, Sterben und seine Auferstehung zum 3. Mal an. Jesus schafft neues Leben.
3. Heilung eines Blinden vor Jericho. Jüngerlehre: Glaube macht sehend. Zachäus ist auf andere Weise der Blickkontakt zu Jesus verwehrt. Aber auch er wird in doppelter Weise sehend.

2. Biblische Parallelen
Jos. 2 und 6: Rettung der Hure Rahab (Sünderin und Randfigur in Jericho)
Jes. 43,1-13 Ich habe dich bei deinem Namen gerufen … Gott rettet durch seinen Knecht.
Lk.5,27-32 Levis Berufung
Lk. 7,34 Jesus isst mit Zöllnern und Sündern.
Lk. 15 Geistl. Führung kritisiert Jesu Umgang mit Sündern. Jesus antwortet mit „Verlorenen-Gleichnissen“.

3. Der Aufbau des Textes.
19,1 Jesus kommt in Jericho an.
19,2-3 Der kleinwüchsige Oberzöllner Zachäus hat Sehnsucht nach einer Jesusbegegnung.
19,3 Zächäus riskiert seinen Ruf, um Jesus zu sehen.
19,5 Zachäus im Blickfeld Jesu.
19,6 Zachäus nimmt Jesus auf.
19,7 Jesu Sündernähe erregt Anstoß.
19,8 Zachäus‘ neuer Lebensstil.
19,9 Jesu Heilszuspruch.
19,10 Jüngerlehre: Jesus sucht und rettet Verlorene.

4. Einzelerklärungen
V.1 Jericho: eine der ältesten Städte der Welt (evtl. 10.000 Jahre alt). Am tiefsten gelegene Stadt der Welt. Riesige fruchtbare Oase mit ausgedehntem Palmenwald und Rosengärten. Anbau von Datteln und Balsam macht Jericho zu einer berühmten und reichen Stadt. Herodes hatte dort einen Doppelpalast als Winterresidenz.
In einer Stadt solchen Formats fielen äußerst hohe Zoll- und Steuereinnahmen an.

V.2 Zachäus: Als Chef der Zöllner einer der reichsten und einflussreichsten, aber auch meistgehassten Männer Jerichos. Seine Karriere weist ihn als korrupten, betrügerischen Ellenbogenmenschen aus. Zöllner hatten von Römern Zollstellen gepachtet und versuchten nun möglichst viel Gewinn daraus zu schlagen, indem sie die Leute regelrecht aussaugten. Zachäus war vermutlich einer der reichsten Leute Palästinas. Dabei erinnert er an den reichen Oberen (Lk.18,18ff.). Religiös war Zachäus, dessen Name ihn eindeutig als Jude ausweist), ausgeschlossen. Er war ausgeschlossen aus der Gesellschaft, hatte seine Religion aufgegeben und hatte keinen Zutritt mehr zum Tempel.

V.3 Jetzt wird die Not des Zachäus angesprochen:
Sehnsucht nach Jesus – hatte er von Jesus gehört, kombinierte er aufgrund seines jüdischen Hintergrundes, dass Jesus der Messias sein konnte? Für die Sehnsucht nach Gott ist Zachäus bereit, alles zu riskieren!
„konnte es nicht, wegen der Volksmenge“: Die Menschen, die Jesus begleiten, blockieren dem Sünder den Zugang zu Jesus! Im Gedränge nutzte es wahrscheinlich sogar mancher, dem verhassten Zachäus kräftige Rippenstöße und Seitenhiebe zu versetzen!
„er war klein“: groß an Einfluss und Vermögen, aber klein von Statur! Was steckte wohl in der Lebensgeschichte des Zachäus? Hatte er es denen, die über seine Kleinwüchsigkeit lästerten zeigen wollen und war deshalb skrupellos die Karriereleiter hochgeklettert? Hatte er versucht, durch seine Karriere und seinen Reichtum Selbstbestätigung zu finden? Die unbändige Sehnsucht nach Anerkennung war geblieben!

V.4 Eine komische Szene – wie ein Kind klettert Zachäus auf den Baum. Er wird wie ein Kind (Lk.18,17).
„er lief voraus“: Zachäus wendet seine Durchtriebenheit an: überholt die Menschenmenge! Niemand kann ihn hindern, sein Ziel hat er klar vor Augen. Der erwartungsvolle Sünder geht dorthin, wo er auf jeden Fall mit einer Jesusbegegnung rechnen kann. Um Jesus zu begegnen riskiert er, verlacht zu werden. „Wer Jesus wirklich erleben will, der kann es auch (vgl. Lk.5,19)“ (G.Maier)
Interessant: Ein „Blinder“ versucht Jesus zu sehen! (vgl. Lk.18,35ff.). Die Bitte des Zachäus war ebenfalls: „Herr, dass ich sehen kann!“ (Lk.18,41)

V.5 „blickte er auf und sah ihn“: Jesu Blick zieht es zu den Randfiguren! Trotz der Menge rückt der Einzelne, der von allen übersehen wird, in Jesu Blickfeld.
„Zachäus“: Jesus kennt und ruft den Namen des Sünders, mit dem keiner etwas zu tun haben möchte. Wir werden erinnert an Jes. 43,1. Jesus fragt nicht nach Titel oder gesellschaftliche Stellung, Jesus kennt und nennt den hilfsbedürftigen Menschen.
Jesus entführt oder vergewaltigt Zachäus nicht, sondern bezieht seine Willensentscheidung mit ein: „Steig herab!“ Der „Abstieg“ des Zachäus ist der Einstieg in die Jesusnachfolge.
„eilends“ und „heute“: Zeigt dennoch die Dringlichkeit für Zachäus auf.
Es ist das einzige Mal, dass Jesus jemand sich selbst in ein Haus eingeladen hat. G.Maier zeigt, dass „einkehren“ im Sinne eines Aufenthalts mit mindestens einer Übernachtung zu verstehen ist.

V.6 Zachäus tut genau das, worum Jesus ihn gebeten hat.
Jesus aufnehmen bedeutet menschlich gesehen für viele einen „Abstieg“ und sie verharren weiterhin in ihrer lächerlichen „hohen Position“! Freude erlebt der Sünder aber nur, wenn er auf Jesu Worten hin den menschlichen Abstieg wagt und Jesus in sein Leben aufnimmt!
„mit Freuden“: vermutlich erlebt Zachäus hier das erste Mal echte Freude! Der griech. Begriff beschreibt die Freude, beim Auffinden von etwas Verlorenen (vgl. Lk.15) und damit die Freude im Himmel über einen umkehrbereiten Sünder!

V.7 Der Gegenpol zum frohgewordenen Zachäus sind die murrenden (frommen?) Menschen. Bis heute fällt es den Menschen, auch den frommen schwer, zu akzeptieren, dass es Jesus zu den Sündern (nicht zur Sünde!) zieht! Beachtlich: Jesus übergeht das Murren – ihn zieht es zur Gemeinschaft mit dem frohgewordenen Sünder, der sein Leben mit Jesus zusammen bereinigt! Wie oft kümmern wir uns um murrende Miesmacher anstatt um umkehrbereite Sünder?
Wohin sollte Jesus sonst gehen, als zu Sündern?

V.8 „trat hin“: Ausdruck einer Diensthaltung.
„die Hälfte … den Armen“: Die Jesusbegegnung öffnet dem ehemals blind Habgierigen die Augen für die Armen! Zachäus macht nicht viele Worte sondern schreitet praktisch zur Tat! Nebenbei: Er entschließt sich nicht einfach zur Gabe des Zehnten! Bei einem Reichen darf „es auch etwas mehr sein“ – Er blieb dennoch schwerreich!
Hier vollzieht sich das, was Jesus von dem reichen Oberen gefordert hat (vgl. auch Lk.6,30; 12,33; 18,22): Ein Reicher löst sich von seinem Reichtum. Es ist also bei Gott nicht unmöglich, dass ein Reicher ins Reich Gottes eingeht!
Lebensveränderung aufgrund der Jesusbegegnung beginnt bei Zachäus (auch) im Geldbeutel!
„erstatte ich es vierfach“: Zachäus geht darüber hinaus, was das Gesetz forderte: 3.Mo.5,16ff.; 4.Mo.5,6ff. Nicht aufgrund der Forderung Jesu, sondern freiwillig erfüllt Zachäus mehr als das Gesetz! Er gibt gemäß 2.Mo.21,37 (u.ö.) und zeigt damit, dass er das Gesetz kennt und bisher mutwillig dagegen verstoßen hat.
W.MacDonald schreibt: „Die Erlösung befreit einen Menschen nicht davon, Unrecht, das er in der Vergangenheit angerichtet hat, so gut es geht wieder zu bereinigen. Schulden, die man in der Zeit gemacht hat, als man noch nicht gerettet war, werden durch die neue Geburt nicht hinfällig“.

V.9 „diesem Haus Heil“: Bedeutet nicht, dass durch die Umkehr des Zachäus „automatisch“ seine Familie und seine Angestellten ebenfalls gerettet wurden. Aber die Lebenswende Z.’s wirkt „ansteckend“ auf die ganze Familie und zieht auch einen anderen Lebensstil im Haus des Z. nach sich. G.Maier: „Wir lernen daraus, dass auch heute noch die Bekehrung eines Einzelnen eine Wohltat für die ganze Familie ist und oft die Bekehrung anderer Familienmitglieder nach sich zieht.“
„ein Sohn Abrahams“: Dazu G.Maier: „Er (Jesus) will sagen, dass Zachäus … eine Priorität genießt. Nämlich die Priorität der suchenden Liebe Jesu, die sich zuerst den Israeliten – auch den bösen Israeliten! – zuwendet. Natürlich ersetzt dies nicht den Glauben des Zachäus.“

V.10 „Menschensohn“: Dan.7,13. Jesus bezeichnet sich damit als Messias.
„Verlorene“: vgl. Lk.15; Hes. 34,16. Jesus ist als Retter, nicht als Richter gekommen (wichtig für die „Murrenden“). Damit ist auch den Nachfolgern Jesu ihr Platz zugewiesen!

5. Die Spitze des Textes
„Der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu rettern, was verloren ist.“ (!9,10)

6. Der Text heute
Einige „stichwortartige“ Gedanken:
1. Wen haben die Jesusleute heute im Blick? Auch die „verkommensten Sünder“?
2. Mit Geld scheint heute alles machbar zu sein! Aber es gibt Dinge, die nicht käuflich sind, Mängel, die nicht durch Geld zu beheben sind.
3. Heute wird bei Veranstaltungen für Jesus (und so eine war der Einzug in Jericho) oft die Menge ins Blickfeld gerückt. Jesus hat trotz „schwirrender“ Menge den Einzelnen, den Sünder im Blick.
4. Murren, Kritik unter denen, die Jesus nachfolgen ist auch heute eine Blockade im Wahrnehmen der suchenden Sünder.
5. Jesus hat keine Berührungsängste mit Menschen, die von den „Frommen“ verachtet werden. Wo bleiben wir gerne unter „Unseresgleichen“?
6. Es gehört Mut dazu, sich zu seiner „Sehnsucht nach Jesus“ zu bekennen. Wer Jesus dennoch sucht, der wird Freude erfahren, die er vorher nicht gekannt hat.
7. Umkehr, Bekehrung hat Konsequenzen: Das neue Leben wird praktisch sichtbar im Alltag (bis zum Geldbeutel) und die begangene Schuld wird nicht verdrängt oder beschönigt, sondern bereinigt.

7. Beispiele und Verdeutlichungen
Wieder haben wir in dem Bericht selber die beste Anschauung. Es empfiehlt sich, einen „erzählenden Predigtstil“ zu wählen. Dabei sollte keine Gliederung gewählt werden, da sie den Erzählfluss nur stört.
Eingangsbeispiel (evtl. als Anspiel) könnte sein: Wir stellen die verschiedensten Mülltonnen hin: Biotonne, gelber Sack, Altkleidersack, Altpapier-Tonne, Restmüll. Für alles haben wir eine „Entsorgungs-Möglichkeit“ geschaffen. Jemand kommt und will seine Sünde entsorgen – welche „Tonne“ ist dafür zuständig? Wie hoch ist die Gebühr?

8. Material und Gliederung der Predigt
„Die „Bewegungen“ des Zachäus sollen uns bei der Gliederung leiten. Dabei ist die Widersprüchlichkeit der Bewegung zum Inhaltlichen durchaus gewollt.
1. Aufstieg – wenn eine Randfigur Sehnsucht nach Jesus hat.
Der äußere Aufstieg des Zachäus war eigentlich ein innerer Abstieg in die Macht und den Einfluss der Sünde. Sein mutiger und ungewöhnlicher Schritt der Jesus-Suche scheint ihn vor seinen Mitmenschen vielleicht lächerlich gemacht zu haben, aber es war ein Aufstieg der ihn in den Blickwinkel des Erbarmens Jesu rückte, dorthin, wo er einzig Hilfe in seiner Sündennot bekommen konnte.
2. Abstieg – wenn ein Sünder erkennt, dass Jesus ihn einlädt.
„Wer Jesus nachfolgt darf nichts mehr und hat im Leben nicht mehr viel Schönes!“ So denken landläufig viele. Ein Leben in der Jesus-Nachfolge wird menschlich als Abstieg gewertet.
Bei Zachäus löst die Einladung Jesu und der Abstieg vom Baum Freude aus, die er so nie gekannt hatte. Der menschliche Abstieg des Zachäus wurde für ihn zu einem befreienden Ausstieg aus seiner Sündennot.
3. Umstieg – wenn neues Leben Konsequenzen zeigt.
Der Einstieg in ein neues Leben wird gleichzeitig zu einem Umstieg in einen neuen Lebensstil. Nicht mehr Habgier und Karrieredenken bestimmen den Selbstwert des Zachäus, jetzt nimmt er in Liebe und Reue die Not seiner Mitmenschen wahr und versucht sie zu lindern wo und wie er nur kann.