Monatsthema: Von Christus her leben
Predigtthema: Leben aus der Beziehung zum Herrn
Bibelstelle: Matthäus 18, 15-35
Verfasser: Eckhard Löffler
Vorbemerkungen
Zwei Berichte, die sich gegenseitig ergänzen. V 15-20 allein könnte zu einem juristisch geprägten Gemeindeleben führen.
(Siehe auch Predigttipp vom 19.03.2006)
Erklärungen und Tipps:
V 15-18 Der rechte „Instanzenweg“ der seelsorgerlichen Zucht in der Gemeinde. Jeder ist für den anderen verantwortlich und soll ihn in Liebe achten. Wer Unrecht bemerkt, darf nicht schweigen. Sein Vorgehen darf allerdings nicht willkürlich sein, sondern IN LIEBE. Auch wenn er selbst nicht der Geschädigte ist, schadet Unrecht immer auch dem Täter. (Der Zusatz „gegen dich“ gibt eine Richtung der Sünde an, kam aber erst später in die Handschriften. Es geht also um grundsätzlich sündhaftes Verhalten.)
Darüber „hinwegsehen“ und „stille sein“ würde weder dem Sünder noch seinem Gegenüber helfen. Seelsorgerlicher Dienst heißt: HINGEHEN, – aber in Liebe. Sünde und Unrecht wäre es, hinter dem Rücken des Sünders die Beobachtungen weiter zu geben. Dabei können Lieblosigkeit und Vorverurteilungen leicht auch Sünde sein.
Erster Schritt: Unter vier Augen und in Liebe. Wenn er sich „sagen“ lässt, kann er wieder gewonnen werden. GEWINNEN schlägt auch Paulus als ein Hauptziel vor, nicht Recht behalten, Köpfe waschen oder gar die gekränkte Eigenliebe (1. Ko 9, 19-21; Gal 4, 19). Gewinn ist das Gegenteil von Verlust.
Der Dienst des Gewinnens und Wieder-zurecht-Bringens (Gal 6, 1ff) kann nur in Weisheit und Echtheit geschehen. Ein geistliches Gereiftsein des Helfenden gehört dazu, d. h. nicht jeder Christ sollte diese Aufgabe übernehmen. Nur in Liebe und durch echtes, glaubwürdiges Mitleid, d. h. in tatsächlichem Mit-Leiden, öffnen sich Herzen.
Das bedeutet auch, dass ein dem Sünder beruflich Vorgesetzter prüfen muss, ob er gerade der richtige Helfer ist.
Falls der „Täter“ Einsicht zeigt und Vergebung in Anspruch nimmt, bleibt die Sache vertraulich.
Falls nicht, dürfen ein oder zwei Brüder um Hilfe gebeten werden. Zeugen sollen nicht den Druck erhöhen, sondern helfen, die Wahrheit zu finden (5. Mo 19, 15).
Die Gemeinde hat erst das letzte Wort. Führt die Zurechtweisung (im positiven Sinn!) nicht weiter, kann die Gemeinde ausschließen. Das ist aber nicht das letzte Wort.
Paulus erklärt in 1. Ko 5 den Ernst der Lage, aber Jesus war bekannt dafür, dass er sich gerade um Heiden, Zöllner und Sünder (V17b) gekümmert hat (Mt 9, 11).
Wie weit seine suchende Liebe reicht, klären die Verse 21ff.
Mt 16, 18f hatte Jesus die ungeheure Verantwortung dem Petrus übergeben, nun den Brüdern und der ganzen Gemeinde. (1)
Aber wo das nicht praktiziert wird, ist nicht Gemeinde Jesu.
V 19f Gemeinsames GEBET eint die Gemeinde. Dabei ist Christus die Mitte.
Achtung: V 19f wird oft eher als Daseinsberechtigung auch kleinster Kreise zitiert. Die Gegenwart des Herrn unter seinen vielen oder wenigen Leuten wurde Mt 28, 20 zugesagt. Hier geht es ums Beten, – im Zusammenhang mit den vorherigen Versen auch um den Vergebungswillen.
„Im Namen“ bedeutete rechtlich auch „auf Kosten von“, z. B. bei einer Einladung oder einer Stellung als Prokurist (procura = Vollmacht von lat. procurare, für etwas Sorge tragen. Heute Einer, der im Namen seiner Firma mitreden und handeln darf.)
V 21ff Gemeinde ist eine Liebes-, Gebets, Zucht-, Vergebungs- und Begleitungsgemeinschaft, wenn Böses auftritt.
Gemeinde bedeutet PERMANENTE VERGEBUNGSBEREITSCHAFT.
V21 Petrus fragt: „Herr, wann darf auch mal Schluss sein?“ Wann darf mir auch mal was „über die Hutschnur“ gehen? Wann darf mein „Häfele auch mal überlaufen?“ Beispiele (Fußnoten 2 + 3).
Die menschliche und religiöse Frage nach dem GESETZ: WANN reicht es?
Alles Problematische muss seine Grenzen haben. (4)
Sieben ist eine biblische Zahl, die Vollkommenheit andeutet (Bibellexikon unter „sieben“), eine Zahl der Fülle und Grenze.
V 22 Jesus sagt praktisch: Gar nicht! Es „reicht“ nie! Alles Menschliche bleibt unzureichend. UNBEGRENZT muss Vergebungsbereitschaft sein, wenn man sie selbst begriffen und erfahren hat.
V 23ff Die Parabel vom König, der abrechnet, spricht für sich.
V 24 10.000 Talente (= damals größte Währungseinheit. Klaus Beyer, Biblisch-aramäische Texte: 1 Talent = 22 kg Silber, 1 Kilo Silber kostet 2008 über € 330. Es geht also um einen Millionenbetrag, d. h. UNBEZAHLBAR. (5)
V 25 Der Rechtsstandpunkt: Zahlungsunfähige wurden samt Restbesitz und Familien verkauft (s. auch 2. Mo 22, 2). Der Verkaufte hätte nach 7 Jahren wieder freikommen sollen, – Berichte darüber sind aber nicht bekannt.
Der Schuldner erweckt das Herz seines Herrn. Ein Bild für Gott, der Schulden erlässt (Kol 2, 13f). Nicht nur einmal. Millionenfach vergibt uns Gott Riesenschulden „auf Rechnung seines Sohnes“ (Hebr 7, 27; 9, 12.26; 10, 2.10).
Der begnadigte Diener wählt den RECHTSWEG, obwohl es sich nur um wenige € handelt.
„Gerecht sein“ gegenüber Mitmenschen verschleiert oft nur harte Herzen. Solche „Gerechtigkeiten“, sprich: Unversöhnlichkeiten, sind nicht im Sinn Gottes.
Auch jeder Christ verletzt ständig unabsichtlich oder auch mal absichtlich (?) Andere. Verletzungen seiner Ehre erwecken seinen Zorn, der nach „RECHT und GERECHTIGKEIT“ schreit. Gott soll ihn zwar tragen, aber selbst lässt er jemanden fallen, der sein gutes Recht verletzt. Wird „unsere“ Ehre eingeschränkt, wächst der Schrei nach Recht und Gerechtigkeit. Von „Recht muss doch Recht bleiben“ bis zur „Rache“ ist der Weg oft kurz.
An Gottes Barmherzigkeit wird der Christ barmherzig, durch seine Vergebung lernt er vergeben. Aber Gottes Gnade kann sich in Zorn verwandeln, wenn Vergebung nur für den Eigengebrauch bestimmt sein soll.
Die so leicht hingesagte „Vater unser-Bitte“, nach der wir Gott bitten, seine Vergebung an unserer Vergebungsbereitschaft zu messen („… WIE wir vergeben…“), kehrt sich um: Wir können gar nicht anders als vergeben, WEIL GOTT uns so viel vergeben hat.
Wilhelm Vischer (schweiz. und franz. Theologe, 1895-1988): „Die Vergebung ist das Herzstück der Gemeinde Jesu. Wo jeder Bruder dem andern von Herzen vergibt, da können zwei eins werden im Gebet, da können sie einander zurechtweisen, das Verirrte suchen, das Verderbliche überwinden, die Kleinen schützen und die Erniedrigten hoch achten, da ist Jesus in ihrer Mitte.“
Gliederungsvorschlag
1. Mit Jesus Brüder gewinnen
2. Vergebung ist immer umfassend
3. Vergebung ist keine Sache meiner Kraft, sondern meiner Erinnerung
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Fußnoten
(1) Adolf Schlatter: „Was also die Gemeinde tut, reicht in den Himmel hinauf. Sie löst den Reuigen, dem sie vergibt; sie bindet den Trotzigen, der ihr wie ein Zöllner und Heide wird. Sie hat bei beidem Gott für sich. Das ist die Freude in ihrem Vergeben, dass sie weiß, dass jetzt nicht nur Menschen verzeihen, sondern dass auch Gott ihm verziehen hat, und das ist der Ernst bei ihrem Gericht, dass sie weiß, dass hier Gott gerichtet hat.
Das ist die Beichtregel Jesu, die weit über allem steht, was die katholische Kirche nach der apostolischen Zeit eingeführt hat. Sie ist lieb und ernst zugleich. Sie schont den Fehlenden, erniedrigt ihn nicht, unterwirft ihn keiner menschlichen Strafgewalt, trägt ihm die Vergebung entgegen und lässt zugleich dem Bösen keinen Raum. Jesus hat seinen Jüngern gesagt, dass er sie dazu verbinde, damit sie gemeinsam die Sünde aus ihrem Leben entfernen. Nur soweit, als dies von uns geschieht, ist die Gemeinde Jesu unter uns.“
(2) „Im Schaufenster unserer Reinigungsfirma liegen schmutzige Wäschestücke, Ihre und meine. Der Werbetext: „So dreckig sind unsere Kunden!“ Wären Sie einverstanden? Vielleicht würden sich nur wenige Kunden in diesem Geschäft wohl fühlen. Sicherlich wäre diese Werbung nicht sehr zugkräftig, und man müsste bald nach neuen Ideen suchen. Hätten Sie einen Vorschlag? Übrigens – Gott macht es ja auch anders. Seine Hauptthemen sind nicht Sünde und Schmutz, sondern die Reinigung davon. Und die ist ihm so wichtig, dass er alles daransetzt – sogar seinen Sohn. Verstehen Sie das? – Ich nicht! Aber ich freue mich darüber und lebe damit, z.B. dass Christus uns frei gemacht hat vom Hang, bei anderen Leuten nur die Flecken auf den Westen zu suchen. Wir brauchen jetzt nicht mehr im Schmutz der Welt zu stochern und jeden Abfall als Fundsache behandeln. Wer zum Kreuz gefunden hat, hat ein neues Hauptthema. Für jeden Schmutz in meiner Seele und jede Schuld in meinem Leben ist ein Reinigungsmittel vorhanden: Christus, der Sohn Gottes. Dem Feind ist nichts lieber als mein Geschwätz über andere, über ihre Schuld und ihr Versagen – wenn ich nur nichts von der Reinigung verlauten lasse. Wenn ich nur nicht anfange, mein eigenes Leben neu reinigen zu lassen und mein Verhältnis zu den Geschwistern. Was wollen wir tun? “ (E.L.)
(3) Zwei Männer sehen sich nach langen Jahren auf einem Klassentreffen wieder. Sie unterhalten sich bei einem Gläschen Wein und der eine fragt: „Wie geht´s denn eigentlich so in deiner Ehe?“ „Och“ sagt der andere, „eigentlich ganz gut, aber wenn wir uns mal streiten, wenn bei uns so richtig die Fetzen fliegen, dann wird meine Frau immer gleich historisch!“ Der andere Mann lacht und sagt, „Na, das heißt aber hysterisch!“ „Nein, nein,“ sagt der andere, „sie wird wirklich historisch. Dann zählt sie mir aus zwanzig Jahren Ehe jedes Vergehen, jede Verletzung, jeden vergessenen Hochzeitstag lückenlos auf. In diesen Dingen hat sie ein erstaunliches Gedächtnis!“ Dann wird sie immer gleich historisch — Wie sieht das mit Ihrer inneren Buchführung aus? (Dr. Franz Lüdke, Marburg)
(4) Eigene und fremde Kinder, Hausmitbewohner und Nachbarn können nerven, besonders wenn sie gläubig sind. Schwierige Ehepartner bräuchten eigentlich etwas Umerziehung. Sogenannten Arbeitskollegen müssen auch mal ihre Grenzen vorgeführt werden. Die Wiederholungstäter unter den Sündern müssen die „rote Karte“ sehen.
(5) Der König Herodes (Antipas) verdiente damals ca. 200 Talente im Jahr, mehr als 1 ½ Millionen