Monatsthema: Jesu Blick des Erbarmens
Predigtthema: Erbarmen für Rechtlose
Bibelstelle: Lukas 18,1-14
Verfasser: Albrecht Wandel
Vorbemerkung:
Unter dem Thema „Erbarmen für Rechtlose“ behandeln wir hier zwei sehr aussagekräftige Gleichnisse, deren ausführliche Auslegung sowohl den Rahmen einer Predigthilfe als auch den Rahmen einer Predigt sprengen würde. Wir empfehlen deshalb sich entweder auf ein Gleichnis zu konzentrieren oder thematisch zu predigen und die Gleichnisse als biblische Anschauung zu unserem Thema heranzuziehen. Die thematische Akzentuierung scheint uns in beiden Gleichnissen auf der Motivation zum Gebet zu liegen.
1. Zusammenhang
Lk.17,20-37: „Lektion über das Bereitsein“: Auszug aus der Endzeitrede Jesu (vgl. Mt. 24,29-31)
Unwillkürlich taucht die Frage auf: Wie bereiten sich die Jünger auf diese Zeit als „Rechtlose“ vor und wie bereiten sich Sünder, also „Ungerechte“ auf die Wiederkunft Jesu vor? Die Antwort lautet: mit Gebet. Jesus gibt in zwei Gleichnissen eine Hilfestellung.
2. Biblische Parallelen
Gleichnis 1:
Lk.11,1-13: Vaterunser und Gleichnis vom bittenden Freund.
1.Thess. 5,17: Betet ohne Unterlass.
Ps. 43: Schaffe mir Recht, o Gott!
Gleichnis 2:
1.Joh.1,8-9: Sündenbekenntnis hat bei Gott „Erhörungsgarantie“.
Röm.3,9-28: Keiner ist gerecht vor Gott, es sei denn, er vertraut auf Christi Gerechtigkeit.
3. Der Aufbau des Textes
Gleichnis 1:
a) Das Lernziel: anhaltendes Gebet. (1)
b) Der gottlose und menschenverachtende Richter (2).
c) Die rechtlose und (fast) mittellose Witwe (3).
d) Erhörung der anhaltenden Bitte aus eigennützigen Beweggründen (4-5)
e) Lehre Jesu: Gott schafft seinen Auserwählten Recht (8)
f) Bleibt den Gläubigen das Vertrauen bis zu Jesu Wiederkunft?
Gleichnis 2:
a) Der Anlass: Selbstgerechtigkeit und Verachtung (9).
b) 2 Menschen treten vor Gott (10)
c) Das dankbar abgrenzende Gebet des Pharisäers (11)
d) Das werkgerechte Gebet des Pharisäers (12)
e) Die „Gebets-Kapitulation“ des Zöllners und sein Schrei nach Gnade (13)
f) Jesu Urteil und Ratschlag (14)
4. Einzelerklärungen
Gleichnis 1:
Jesus hat in der Endzeitrede den Jüngern schwere Zeiten angekündigt, in der sie als Rechtlose und Verachtete leben werden. Jetzt ermutigt er seine Jünger, wie sie in einer Zeit der Rechtlosigkeit an der Hoffnung auf Gerechtigkeit festhalten können.
V.1
Erstaunlich, dass Jesus das Lernziel an den Anfang dieses Gleichnisses stellt. Drückt dies die Bedeutung der Lehre dieses Gleichnisses aus?
“ allezeit“: Zu jeder Zeit, aber nicht jede Minute. Bedeutet nicht, dass wir Tag und Nacht in Gebetsversammlungen sein sollen, sondern dass das Gebet vor allem zu einer Lebenseinstellung werden soll. Alle Zeiten sollen durchwoben sein vom Gebet.
„nicht nachlassen“: In schwierigen Zeiten werden die Nachfolger Jesu entweder nachlassen im Gebet oder sie beten. Entweder wird es „Zeiten der Angst und der Hoffnungslosigkeit“ oder „Zeiten des Gebets“ geben.
V.2
Wichtig: hier handelt es sich nicht um ein Gleichnis des Vergleichs, sondern des Kontrasts. Der Richter steht nicht, wie von vielen Auslegern vermutet, für Gott, sondern stellt einen anschaulichen Gegensatz zu Gott dar. (Gott würde auch in einem Gleichnis von Jesus nicht als gottlos, menschenverachtend und ungerecht bezeichnet werden!)
„Richter“: Vermutlich kein jüdischer, sondern ein von den Römern beamteter Richter. Wurde nach jüdischem Recht ein Urteil gefällt, waren drei Richter beteiligt: Einen nahm der Kläger, einen der Angeklagte und ein Unparteiischer wurde bestellt.
Die römischen Richter waren berüchtigt für ihre Bestechlichkeit. In diesem Sinn hatte eine verarmte Witwe keine Chance! Römische Richter waren beim jüdischen Volk ähnlich verhasst wie ein Zöllner (vgl. Gleichnis 2).
V.3
„Witwe“: verkörpert die Armen und Rechtlosen. Sie konnte sehr jung sein, da Frauen zu dieser Zeit mit etwa 14 Jahren verheiratet wurden. Witwen standen nach dem jüdischen Gesetz unter dem besonderen Schutz und Fürsorge Gottes (2.Mo. 22,21ff.; 5.Mo. 27,19). Auch aus diesem Grund diente dem Richter vermutlich nicht die Thora, das jüdische Gesetzbuch, als Rechtgrundlage. Die Witwe hatte somit weder Bestechungsgeld noch eine gesetzliche Handhabe. Ihre einzige „Waffe“ war das unnachgiebige Bitten.
V.4-5
Der Richter verschafft der Witwe aus rein egoistischen Gründen Recht. Ein vollkommen Ich-bezogener menschlicher Richter verhilft aus eigenem Vorteilsdenken heraus der bittenden Witwe zu ihrem Recht.
V.7-8
Wenn schon ein völlig Ich-bezogener menschlicher Richter, einer hartnäckig bittenden Witwe die Bitte um Recht nicht abschlagen kann, wie viel mehr wird Gott seinen Kindern, denen in der Welt Unrecht geschieht, zu ihrem Recht verhelfen. Das anhaltende Gebet trägt die Jesusnachfolger während ihrer irdischen Existenz als „Rechtlose“ bis zur Wiederkunft Jesu, der ihnen Recht verschaffen wird. Das dies wirklich auf die Wiederkunft Jesu bezogen ist, zeigt die hoffnungsvolle Frage Jesu am Schluss des Gleichnisses. Das Bewahren dieses Glaubens geschieht durch anhaltendes Gebet.
Gleichnis 2:
V.9 „etliche …“: alles spricht dafür, dass es sich hier um Pharisäer handelte.
G. Maier schreibt dazu:
„Da aber die Pharisäer sich gerne als die »Gerechten« bezeichneten (vgl. Lk 10,29; Lk 16,15) und nach dem Bericht des Pharisäers Josephus, der zur Zeit der Apostel lebte, allgemein als strenge Gesetzesausleger galten (Josephus, Jüdischer Krieg, II, 162), da außerdem in V. 10ff.f ein »Pharisäer« erwähnt wird, liegt es nahe, an pharisäische Adressaten zu denken. Dazu würde auch passen, »dass sie die anderen verachteten« (V. 9). Diese Verachtung ging so weit, dass sie das »Volk, das nichts vom Gesetz weiß«, d. h. das nicht pharisäisch lebte, verfluchten (Joh 7,49; vgl. Joh 9,34 und Röm 2,17ff.).“
V.10
Pharisäer beteten dreimal täglich, um 9, 12 und um 15 Uhr. Als besonders wirksam galten Gebete, die im Tempel verrichtet wurden.
Zöllner waren Kollaborateure mit den Römern und galten durch ihren Umgang mit den Heiden als unrein. Außerdem übervorteilten sie ständig ihre „Kunden“.
V.11
„bei sich selbst“: In dem ehrlichen Gebet (was der Pharisäer betete entsprach der Wahrheit) stellte er sich selbst vor Gott als gerecht dar. Nicht der Inhalt des Gebets war das Problem, sondern die Haltung, dass seine Gerechtigkeit genügen würde, um vor Gott gerecht dazustehen.
J.A. Bengel dazu:
„Es hat zwar den Anschein, er lobe Gott, in Wahrheit aber macht er sich selbst ein Kompliment.“
V.12
Erstaunlich, wie ernsthaft der Pharisäer versucht, Gott durch sein Leben zu gefallen. Wir sollten mit einem vorschnellen Urteil sehr zurückhaltend sein!
Dennoch gebraucht er seine Werke, um sich von Sündern abzugrenzen!
Dass dies wirklich der Haltung der Pharisäer entsprach zeigt das uns überlieferte Gebet eines Rabbiners:
„Ich danke dir, du mein Herr und Gott, dass du mich zu denen gehören lässt, die in der Akademie sitzen und gelehrt sind und nicht zu denen, die an den Straßenecken hocken. Sie stehen ebenso früh auf wie ich; doch ich widme mich dem Gesetz und sie widmen sich nur unnützen Dingen. Sie arbeiten, wie ich auch arbeite. Doch ich werde für meine Arbeit belohnt, sie dagegen empfangen keinen Lohn. Sie gehen ebenso, wie ich gehe. Doch ich gehe dem künftigen Leben entgegen, sie dagegen der Vernichtung!“
Fasten/Zehnten:
Die Thora forderte einen Fastentag am Versöhnungstag. Die Leviten erhielten den Zehnten der landwirtschaftlichen Erzeugnisse (4.Mo.18,21; 5.Mo.14,22). Demnach tat der Pharisäer ein Vielfaches mehr!
V.13
Schon äußerlich weicht der Zöllner von der üblichen Gebetshaltung ab (erhobene Hände)
„schlug sich an die Brust“: Ausdruck der Gewissensnot und Beklemmung (vgl. Lk.23,48), hier auch der Bußbereitschaft.
Das Bekenntnis der Sünde und damit der Kapitulation der eigenen Gerechtigkeit ist die Voraussetzung zur Wirksamkeit der Rechtfertigung durch Gott. Das „Mittel“ dazu ist das Gebet!
G. Maier zeigt, dass im Bekenntnis des Sünders 2 „kardinale Aussagen“ stecken: „Die eine lautet: Ich bin rundweg ein Sünder! … Dem Sündenbekenntnis folgt eine zweite …: Nur Gottes Gnade kann ihm helfen.“
V.14
Der abschließende Lehrsatz bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung!
5. Die Spitze des Textes
Schaffe mir Recht, oh Gott!
6. Der Text heute
Vor der Wiederkunft Jesu werden seine Nachfolger viel Unrecht zu leiden haben. Die Sehnsucht nach Gottes Erbarmen wird immer stärker werden. In dieser Zeit (wann beginnt sie? Hat sie schon begonnen?) gibt es zwei Möglichkeiten: Menschen werden nachlassen im Gebet oder Beten wird zu einer Lebenshaltung. Je früher wir das Gebet zu einer Lebenshaltung werden lassen, desto besser! Dabei geht es nicht um eine effektive Gebetsmethodik oder um ein selbstdarstellerisches Gebet. Gottes Erbarmen wird dem zuteil, der nichts aus sich macht und von Gott alles erbittet.
Wir sollten uns davor hüten, aus dem ersten Gleichnis herauszulesen, dass wir die Erhörung jeder unserer Bitten durch intensives Gebet (viel hilft viel) von Gott abringen könnten. Es geht um ein Zufluchtsuchen beim unserem barmherzigen Gott, damit er uns, die wir vor der Wiederkunft Jesu als Rechtlose behandelt werden, Recht schaffen soll.
Was das zweite Gleichnis angeht, sollten wir nicht zu schnell über die Pharisäer urteilen! Vielmehr sollten wir selbstkritisch darüber nachdenken, wo wir zur geistlichen Selbstdarstellung und Selbstrechtfertigung neigen (Gebetsgemeinschaften, Zeugnisse, Gottesdienstgestaltung).
Zum Nachdenken ein Zitat aus D. Bonhoeffer, Gemeinsames Leben:
„Es kann sein, dass Christen trotz gemeinsamer Andacht, gemeinsamen Gebetes, trotz aller Gemeinschaft im Dienst allein gelassen bleiben, dass der letzte Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre. Darum bleiben wir mit unserer Sünde allein, in der Lüge und Heuchelei; denn wir sind nun einmal Sünder.“
7. Beispiele und Verdeutlichungen
Während dem zweiten Weltkrieg, als London stark unter der Bombardierung litt, stellte jemand ein Schild vor einer der Kirchen in London auf. Darauf stand: „Wenn deine Knie zittern, dann knie doch einfach nieder!“
Jemand hat einmal das Gebet eines Geistlichen etwas spöttisch als „das redegewandteste Gebet, das je unsere Gemeinde zu Ohren bekommen hat“ bezeichnet.
Die Gleichnisse selber geben die eindrücklichste Veranschaulichung. Wir sollten Veranschaulichungen (Gleichnisse), nicht durch Veranschaulichungen „blassreden“!
8. Material und Gliederung der Predigt
1. Gottes Erbarmen – womit wir rechnen können
Hierbei geht es um die Willenserklärung Jesu, die er mit diesem Gleichnis gibt: Gott wird den rechtlosen und gedemütigten Jesusnachfolgern Recht verschaffen und den zerbrochenen Sünder gerecht machen (die Basis dazu ist das Leiden und Sterben Jesu).
2. Gottes Erbarmen – worum wir bitten können
Rechtlose Jesusnachfolger haben in der Zeit vor Jesu Wiederkunft keine „Waffe“ gegen das erfahrene Unrecht. Allein das anhaltende Gebet, das bei ihnen zur Lebenshaltung geworden ist, gibt ihnen die Gewissheit: Gott schafft uns Recht!
Genauso der „rechtlose“ Sünder, der erkennt, dass er bei Gott kein Recht auf Anerkennung und Rettung hat, wird durch das Gebet, das Sündenbekenntnis und Bitte um Gnade enthält, gerettet und steht als Gerechtfertigter vor Gott.
Gottes Erbarmen ist da – es will im Gebet ergriffen sein.
3. Gottes Erbarmen – wodurch wir neu werden können
Das Erbarmen Gottes wird den nicht erreichen, der sich seiner selbst erbarmt und sich erhöht! Er wird von Gott erniedrigt werden.
Das Ziel des Erbarmens Gottes ist die Erhöhung dessen, der sich erniedrigt hat (nebenbei: bei der Wiederkunft Jesu wird dies sichtbar und real geschehen: 1.Thess.4,16-17). Für ihn gilt die Zusage seines Herrn: Siehe ich mache alles neu! (Offb.21,5)