Geschichte

Die Zeit des Dritten Reichs

Das von Hitler begründete 3. Reich wurde schon bald zur Bedrohung für die Gemeinschaftsbewegung. Viele Gemeinschaften bangten in der ersten Zeit um ihr Überleben. Sie versuchten unter das schützende Dach des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes zu kommen. Das gelang dem Brüderbund schließlich auch. Doch das Dach war selbst gefährdet. Juli 1933 konnte der Gnadauer Vorstand den Deutschen Christen noch eine Absage erteilen. Sie wollten unabhängig bleiben und sich nicht einer „kirchlichen Gruppe oder Parteirichtung“ 92 anschließen.“ Nach deren überwältigendem Wahlerfolg bei der Kirchenwahl im Juli 1933 war jedoch neu zu bedenken, wie der weitere Weg aussehen könnte und welche Konsequenzen aus der veränderten Situation gezogen werden mussten.“ 93 Dadurch, „dass die Glaubensbewegung Deutsche Christen die Macht in den Händen habe“, fühlte sich der Gnadauer Gesamtverband in „die Enge getrieben“ und „Willkür und äußerem Zwang“ ausgesetzt.94 Die Situation der Ratlosigkeit wusste Pfarrer Jakubski zu nutzen und verteilte die „Richtlinien für das Verhalten von Kirche und Gemeinschaftsbewegung im Gnadauer Verband.“95 Aus dem empfundenen Druck heraus und der Angst vor einer wahrscheinlichen Auflösung nahm man die Richtlinien an. Das bedeutete, dass im Gnadauer Verband das Führerprinzip eingeführt wurde.96 Weiterhin war die erforderliche Anerkennung des Vorsitzenden durch den Reichsbischof eine einschneidende Maßnahme.97 Die Richtlinien wurden lediglich von 13 Mitgliedern des 35 Stimmberechtigte umfassenden Vorstandes abgelehnt.

Die Annahme der Richtlinien führte viele zu dem Schluss, dass Michaelis und der Vorstand Gnadaus den DC beigetreten sei. Viele waren verwirrt. Einige traten aus diesem Grund auch den DC bei. Die Zeit der Verwirrung, in der Jakubski sich sogar zum zuständigen Mann für die kirchliche Eingliederung aller Gemeinschaften, Verbänden, Freikirchen und sonstigen Organisationen erklärte,98 dauerte nur bis zum 27.September 1933. Auf dieser erneuten Vorstandssitzung erklärte Michaelis seinen Rücktritt, da er weder DC noch Mitglied der NSDAP werden wollte. Da dies jedoch bei der gegebenen Situation notwendig war, musste er zurücktreten. Der Vorstand sprach ihm zwar noch das Vertrauen aus. Doch aus Angst vor Konsequenzen, die Jakubski androhte, ging man auf Michaelis Bedingungen, „bei deren Erfüllung es ihm möglich sei, den Vorsitz weiterzuführen“,99 nicht ein. Daraufhin trat Michaelis endgültig zurück. Die Bitte auf kommis-sarische Bekleidung des Amtes bis zur nächsten Sitzung nahm er jedoch an.

Am 13.11.1933 fand im Berliner Sportpalast die Generalversammlung der DC statt. Sauberzweig nennt die Ausführung des Reichsleiters Krause als „so unflätige Beschimpfung des „Judenbuches“, des Alten Testaments, das dieselben nicht wiedergegeben werden können.“100 Daraufhin kam es zu einem reichsweiten Protest. Auf der auf 12.-14.12.1933 vorgezogenen Vorstandssitzung in Bad Salzuflen wurde, da man die widerbiblische Einstellung der DC erkannt hatte, eine Erklärung beschlossen, in der man sich eindeutig und unmissverständlich von den DC distanzierte und auch die Richtlinien ablehnte. Die Gründe für den Rücktritt Michaelis waren beseitigt und er konnte wieder sein Amt übernehmen. Die innere Krise der Gnadauer war überstanden.

Bis zum Kriegsende gab es zwar noch diverse äußere Krisen, die den Gnadauer Verband respektive seine Mitglieder bewegten, jedoch keine inneren mehr. Das Verhältnis zur Kirche konnte in dieser Zeit neu geordnet werden. Bekennende Kirche und Gnadau standen gemeinsam an der „Bekenntnisfront“101. Gnadau blieb aber doch unabhängig, wobei viele Einzelpersonen gleichzeitig in BK und Gnadau waren.
Für den Württ. Brüderbund bedeutete Gnadau die Weiterexistenz. Wie in vielen anderen Verbänden und Gemeinschaften kamen nun Probleme mit dem Staat auf. „Die Anwendung des Sammlungsgesetzes auf die bei Gemeinschaftsveranstaltungen erhobenen Kollekten führte zu einer Reihe von Strafverfahren gegen Gemeinschaftsprediger“.102  Davon blieb auch der Brüderbund nicht verschont. „Der Bürgermeister von Zell, ein arger Feind der Gläubigen, hat die Absicht, einen Schlag zu führen gegen die dortige Versammlung. Er hat dem Polizeidiener den Auftrag gegeben, die Vers. zu verbieten und der hat sich geweigert. Sehr wahrscheinlich ist der Auftrag nun dem Landjäger übergeben zur Ausführung. Die Begründung ist, es wäre eine ärgerniserregende Versammlung und fiele darum unter den bekannten Erlass.“103 Tags darauf antwortete Hubmer, dass er auf dem Oberkirchenrat gewesen sei und man ihm versichert habe, dass Zell „nicht unter die Verfügung falle.“ Er werde aber auf jeden Fall am folgenden Sonntag zur sogenannten Stunde nach Zell gehen.104 Es kam wie befürchtet. Hubmer und der Gemeinschaftsleiter von Zell, Lutz, wurden angezeigt. In seinem Brief an den Oberkirchenrat fasst der Vorsitzende des Brüderbundes, Bruder Petri, die Ereignisse zusammen:105 „In Zell bei Weilheim/Teck wurden vor einigen Wochen von Prediger F. Hubmer, Hülben und Gottlob Lutz, Zell, kleine Kässchen an die regelmässigen Besucher der dortigen Gemeinschaft des W. Brüderbundes verteilt. Die Kässchen sollten dazu dienen, dass die Gemeinschaft ihre eigenen Bedürfnisse finanziert. Sie wurden nicht herumgereicht, sondern stehen in der Familie, die Glied bezw. Besucher der Gemeinschaft ist, um hier und da freiwillig eine Gabe einlegen zu können. Diese Gaben sind aber nur zur Bedarfsfinanzierung der betreffenden Gemeinschaft bestimmt.

Nun wurden vor einigen Tagen die Kässchen vom Landjäger eingezogen und das Oberamt Kirchheim/Teck106 leitete die Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft in Stuttgart weiter. Gegen Prediger F. Hubmer, Hülben und Gottlob Lutz, Zell, ist Anklage erhoben wegen Uebertretung des „Sammelgesetzes“.“ Mit der Bitte um Hilfe und um Feststel-lung, dass der Brüderbund keine Sekte sei, sondern Teil der Kirche, schliesst der Brief. Im Folgenden kümmerte sich der Evangelische Oberkirchenrat um die Sache. Entsprechend den Ausführungen und der Bitte von Petri argumentierte Müller vom Oberkirchenrat gegenüber dem Württ. Oberamt in Kirchheim/Teck.  Wenige Wochen später konnte man erleichtert aufatmen. Die Anklage gegen Hubmer und Lutz wurde fallengelassen: „Nach Mitteilung des Oberstaatsanwaltes beim Landgericht Stuttgart wurde der Anzeige gegen Lutz und Hubmer wegen Vergehens gegen das Sammlungsgesetz aus folgenden Gründen keine weitere Folge gegeben...“107 In den darauffolgenden Jahren beschäftigte den Brüderbund vor allem, wie man mit dem Staat umzugehen hätte. Durch den Gnadauer Verband wurde für alle Gnadauer ein gleiches Vorgehen vereinbart. So wurde in einem Schreiben von Michaelis an den Vorstand vom 27.01.1938 festgelegt, wie bei „Maßnahmen staatlicher Stellen gegenüber unserer Arbeit“ vorzugehen sei. Die Landes- und Provinzialbrüderräte seien zu benachrichtigen, damit die Betroffenen durch den Gesamtverband vertreten werden können.108 Durch den Krieg fehlten schnell viele Männer in den Gemeinschaften. Da der Brüderbund keine angestellten Prediger hatte, fehlten bald auch viele Laienprediger, da sie zur Wehrmacht mussten. Im Großen und Ganzen fanden sich aber immer wieder Laien, die den Predigtdienst übernahmen. Nicht einmal die Beschlagnahmung zweier Räume in Zell und Urach konnte die dortigen Versammlungen auflösen. Sie wurden in Privaträumen weitergeführt.109

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945 fing für den Brüderbund die zeit an, in der die alten Strukturen wieder erneuert werden konnten. Die zwangsweisen Veränderungen während des Hitlerregimes festigten sich nun zu einem Ganzen.

(92) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 305.

(93) Heimbucher, S. 29.

(94) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 107.

(95) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 108, vgl. Sauberzweig,  Er der Meister- Wir die Brüder S. 307.

(96) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 110.

(97) vgl. Punkt 10 der Richtlinien in Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich, S. 108.

(98) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 120.

(99) Kurt Heimbucher, Dem Auftrag verpflichtet, S. 31.

(100) Sauberzweig, Er der Meister- Wir die Brüder S. 312.

(101) Sauberzweig, Er der Meister- Wir die Brüder S. 315.

(102) Rüppel, Die Gemeinschaftsbewegung im 3. Reich S. 230.

(103) Brief von Bakaus an Hubmer v. 14.07.1935

(104) Brief von Hubmer an Bakaus v. 15.07.1935

(105) Brief von Petri an den Oberkirchenrat in Stuttgart v. 07.11.1935

(106) Brief Evangelischer Oberkirchenrat Müller an Württ. Oberamt Kirchheim/Teck Nr. A11325 v. 12.11.1935

(107) Brief des Württ. Oberamtes Kirchheim/Teck an den Evangelischen Oberkirchenrat Stuttgart Nr. A.12342. v. 04.12.1935

(108) Brief v. Michaelis an den Gnadauer Vorstand v. 27.01.1938

(109) Brief v. Hubmer an Michaelis v. 11.09.1944