{"id":1758,"date":"2011-03-21T09:56:21","date_gmt":"2011-03-21T07:56:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wbb-online.de\/pt\/pt.asp?id=579"},"modified":"2011-03-21T09:56:21","modified_gmt":"2011-03-21T07:56:21","slug":"predigthilfe-vom-17-4-2011-johannes-18-28-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.christusbund.de\/predigthilfen\/predigthilfe-vom-17-4-2011-johannes-18-28-40\/","title":{"rendered":"Predigthilfe vom 17.4.2011 &#8211; Johannes 18, 28-40"},"content":{"rendered":"<p><strong>Monatsthema: Wege zum Kreuz Jesu<br \/>Predigtthema: Glaube konkret &#8211; f\u00fcr Pilatus<\/p>\n<p><strong>Bibelstelle: Johannes 18, 28-40<\/strong><\/p>\n<p><strong>Verfasser: Thomas Richter<\/strong><\/p>\n<p>Ein Predigttipp enth\u00e4lt Hilfestellungen f\u00fcr die Verk\u00fcndigung und ersetzt deshalb nicht das eigenst\u00e4ndige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren.<\/p>\n<p>1. TEXT- UND PREDIGTSCHWERPUNKT<\/p>\n<p>Im April bereiten wir uns auf die Passionszeit vor, indem wir die Wege Jesu zum Kreuz (= Monatsthema) betrachten und dabei entdecken, welche Bedeutung f\u00fcr unseren Glauben darin liegt. Dabei setzen wir den Schwerpunkt auf eine biographische Betrachtungsweise und fragen, was z.B. Pilatus \u00fcber sich selbst und \u00fcber Jesus erf\u00e4hrt (= Predigtthema) und was wir aus Joh 18,28-40 (= Predigttext) f\u00fcr uns und \u00fcber uns lernen k\u00f6nnen. Im Kontrast zu Pilatus, der den Weg zum Glauben nicht eingeschlagen hat, k\u00f6nnen wir im Rahmen der Verk\u00fcndigung aufzeigen, wie wir auf die Begegnung mit Jesus reagieren sollen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Textlesung bietet die \u201eNeue Genfer \u00dcbersetzung\u201c eine gut verst\u00e4ndliche, lesbare und zuverl\u00e4ssige \u00dcbersetzung unseres Predigttextes (www.ngue.info).<\/p>\n<p>2. TEXT- UND PREDIGTANMERKUNGEN<\/p>\n<p>Hilfen zur Auslegung und Anwendung bieten z.B.<br \/>\n* Gerhard Maier. Johannesevangelium 2. Teil \u2013 Edition C Bibelkommentar 7 (S. 262-281).<br \/>\n* Werner de Boor. Das Evangelium des Johannes 2. Teil \u2013 Wuppertaler Studienbibel (S. 188-198).<br \/>\n* John Heading. Johannes. Was die Bibel lehrt Bd. 4. (S. 377-384).<\/p>\n<p>Vgl. V. 32 mit Joh 12,32f: \u201eN\u00e4mlich des Kreuzestodes, welcher bei den R\u00f6mern, nicht aber bei den Juden gew\u00f6hnlich war. Die Juden h\u00e4tten ihn gesteinigt\u201c (Johann Albrecht Bengel).<\/p>\n<p>\u201eDiese Pilatus-Masche ist bis heute der wirksamste Trick, Jesus loszuwerden. Wir sagen: Man darf die Dinge nicht so pers\u00f6nlich sehen! Man muss das jetzt mal versachlichen! Man sollte erst einmal dar\u00fcber reden, was es mit Jesus an sich auf sich hat. Der Versuch ist sehr clever, nur man kommt keinen Schritt weiter, weil das prinzipiell nicht weiterf\u00fchren kann. Was es mit Jesus auf sich hat, kann ich nur erkennen, wenn ich mir seinen pers\u00f6nlichen Zugriff auf mein Leben gefallen lasse. Die Wahrheit \u00fcber den gekreuzigten K\u00f6nig leuchtet mir nur auf, wenn ich ihn \u00fcber mich urteilen lasse. Nicht mein Urteil \u00fcber Jesus ist weiterf\u00fchrend, sondern sein Urteil \u00fcber mich\u201c (Ulrich Parzany).<\/p>\n<p>\u201eAber nun geht es heute noch vielen Menschen genauso wie einst dem Pilatus. Sie erkl\u00e4ren uns: Wahrheit als letztg\u00fcltige Klarheit w\u00e4re wohl eine herrliche Sache. Aber wie will man denn beweisen, dass gerade dieser eine, dieser Jesus Christus, der Tr\u00e4ger der ewigen Wahrheit ist, der die Verborgenheit Gottes von uns wegnimmt und das Land des Ursprungs vor uns aufleuchten l\u00e4sst? Es sind doch schon viele vor, neben und nach ihm aufgestanden mit dem Anspruch, Tr\u00e4ger ewiger Offenbarung zu sein. Wenn man ihre gro\u00dfe Zahl \u00fcberblickt, m\u00f6chte man zuletzt m\u00fcde und verzagt werden und mit dem R\u00f6mer sprechen: Was ist Wahrheit! Der Satz kann verstanden werden als Ausdruck sehns\u00fcchtiger Trauer oder als ein Zeichen zweifelnder M\u00fcdigkeit. So oder so genommen, begn\u00fcgt sich der Mensch mit der resignierten Feststellung, dass Wahrheit grunds\u00e4tzlich nicht auffindbar sei. Wir m\u00fcssen darauf verzichten, sie jemals in Klarheit und F\u00fclle ergreifen. zu wollen. Wir m\u00fcssen uns darein ergeben, als ein ewiger Odysseus auf der Fahrt nach der Wahrheitsfindung unterwegs zu sein, ohne jemals am heimatlichen Ufer zielges\u00e4ttigt zu landen. Ja, es gibt Menschen, die kommen sich mit dieser Verzichthaltung sogar besonders klug und vornehm vor. Sie sind stolz auf ihr ewiges Problematisieren, wo man nie auf einen Grund kommt, und sie bel\u00e4cheln alle diejenigen, die in der Gemeinschaft mit Christus von Wahrheitsvergewisserung und Wahrheitsbesitz reden. Und doch kann uns gerade die Gestalt des Pilatus dazu verhelfen, dass es uns bei einer solchen grunds\u00e4tzlichen Verzichthaltung nicht wohl sein darf. Dieser hohe und sicher auch gescheite Gerichtsbeamte wusste im Grund ganz genau, dass Jesus unschuldig war. Der Eindruck, den er durch das kurze Gespr\u00e4ch mit dem Angeklagten empfangen hat, ist so m\u00e4chtig und eindrucksvoll, dass er zu dem Volk wieder hinausgeht und vor ihm erkl\u00e4rt: \u00bbIch finde keine Schuld an diesem Menschen\u00ab. Dazu ist er, wie wir aus dem Bericht des Matth\u00e4usevangeliums wissen (27,19), durch einen Traum seiner Frau ausdr\u00fccklich noch gewarnt worden, die ihrem Mann an diesem Morgen einen Boten schickt und durch ihn sagen l\u00e4sst: \u00bbHabe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute viel erlitten im Traum seinetwegen\u00ab. So sucht Pilatus die Verantwortung abzuw\u00e4lzen und Jesus frei zu bringen. Er ben\u00fctzt dazu eine Amnestie-Ordnung, die allj\u00e4hrlich zur Festzeit vorsah, den einen oder anderen Gefangenen zu begnadigen. Wohlbedacht schl\u00e4gt Pilatus neben Jesus einen Massenm\u00f6rder zur Auswahl vor, in der bestimmten Hoffnung, die Menge werde sich doch gewiss lieber f\u00fcr eine Freigabe Jesu entscheiden, statt das gef\u00fcrchtete Menschenungeheuer Barrabas wieder frei umherlaufen zu lassen. Warum nimmt das Passionsdrama trotz aller solch gut gemeinten Bem\u00fchung gleichwohl die Wendung auf das Kreuz Christi hin? Pilatus war in seinem Handeln nicht frei. Er war alles andere als ein vorbildlicher Beamter. Seine Verwaltung war nicht korrekt, er hatte sozusagen zu viel Dreck am Stecken. Er musste f\u00fcrchten, von der fanatischen j\u00fcdischen Regierungspartei in Rom angezeigt zu werden. Das kann er sich nicht leisten. Er darf sich in seinem Regierungsbezirk nicht noch unbeliebter machen, dieser Herr Reichsstatthalter. So muss er den Juden willf\u00e4hrig sein und ihrem Dr\u00e4ngen nachgeben. Und diese Juden verstehen es gl\u00e4nzend, die Schw\u00e4chen des Mannes f\u00fcr ihre schmutzigen Zwecke gr\u00fcndlich auszun\u00fctzen. So wird Jesus, der K\u00f6nig der Wahrheit, wider besseres Wissen und Gewissen geopfert und der Massenm\u00f6rder Barrabas geht in die Freiheit. Wir wollen daraus lernen: das Ergreifen der Wahrheit geht eben niemals nur \u00fcber Kopf und Gehirn, der Zugang zur Wahrheit geht \u00fcber Herz und Gewissen, \u00fcber Gehorsam und sittliche Entscheidung. Es kann sein, dass Gott einem Menschen l\u00e4ngst gezeigt hat, wo der rechte Weg verl\u00e4uft. Wir aber ziehen es vor, lieber unsere eigenen Wege ohne Gott, ja wider Gott zu gehen. Wir m\u00fcssen uns dann aber auch nicht wundern, wenn uns die Wahrheit verdunkelt bleibt, wenn wir \u00fcber die Standorte von Relativismus und Resignation gegen\u00fcber der Wahrheit nicht hinauskommen. Darum sagt Jesus: \u00bbWer aus der Wahrheit ist, der h\u00f6ret meine Stimme\u00ab. Man muss aus der Wahrheit sein, man muss praktisch ernst machen mit dem Verlangen nach Licht und Wahrheit. Dann gehen uns am Bilde Christi, \u00fcber der Gemeinschaft mit seinem Leben, die Augen auf, wir sehen das Ziel und finden einen ewigen Halt. Wer aber Gott in seinem Gewissen beharrlich ausweicht, wird niemals vorankommen. In dem Sinn gilt noch immer der Spruch des Angelus Silesius: Der n\u00e4chste Weg zu Gott f\u00fchrt durch der Liebe T\u00fcr, der Weg der Wissenschaft bringt dich nur langsam f\u00fcr. Und Matthias Claudius mahnt seinen Sohn: Zerbrich den Kopf dir nicht zu sehr, zerbrich den Willen, das ist mehr! Wir wollen freilich nicht ungerecht sein und stellen fest: Die Pilatustypen haben es zweifellos besonders schwer, Christus als K\u00f6nig der Wahrheit zu ergreifen. Denn den Pilatusmenschen imponieren eben von Natur die glanzvollen, gro\u00dfartigen und machtvollen Erscheinungen der Welt. Unter einer Panzerarmee k\u00f6nnen sie sich etwas vorstellen, und was man mit einem Flugzeuggeschwader, das mit Bomben beladen ist, anstellen kann; wissen sie auch. Christus aber ist als ein stiller, wehrloser K\u00f6nig \u00fcber diese Erde gegangen. Waffenlos steht er vor Pilatus. Er lehnt es ab, seinen himmlischen Vater um eine Kampfschar zu bitten, die ihm zur K\u00f6nigsherrschaft die Bahn bricht. Er verzichtet auf das Schauwunder am Kreuz, obwohl die spottenden Gegner es ihm in letzter Stunde noch h\u00f6hnisch nahelegen. Wie ein Lamm, das verstummt vor seinem W\u00fcrger, geht er stumm und ergeben den Weg der Passion. Brauchen wir uns da noch zu wundern, wenn die starken und stolzen Kraftnaturen zu allen Zeiten ihn als K\u00f6nigsherrscher nicht anerkennen wollten! Und doch, was f\u00fcr gewaltige Kraftwirkungen sind gerade von dieser stillen, wehrlosen K\u00f6nigsherrschaft Jesu Christi in die Welt ausgegangen! Wer von uns w\u00fcrde denn den Namen eines Pontius Pilatus noch kennen, wenn dieser Name nicht durch die Begegnung mit Jesus einen unsterblichen Klang erhalten h\u00e4tte! Nicht der Gr\u00f6\u00dfe seiner Lebensleistung verdankt dieser R\u00f6mer seinen Ruhm, sondern allein der unverg\u00e4nglichen Hoheit der Christusgestalt. Und erst recht ist von dem j\u00fcdischen Volk zu sagen: Niemals h\u00e4tte es eine so leidvolle Geschichte durch\u00acmachen m\u00fcssen, dunkel und schwer bis herein in unsere Tage, wenn es sich nicht damals so verantwortungslos gegen Christus entschieden h\u00e4tte. Wir m\u00f6gen daraus ersehen: Die Begegnung mit Christus geschieht wohl unscheinbar, verborgen und gering, es ist keine gro\u00dfe, l\u00e4rmende Aufmachung dabei, weder in der Wortverk\u00fcndigung unserer Gottesdienste noch im pers\u00f6nlich-seelsorgerlichen Gespr\u00e4ch, wo um die Entscheidung f\u00fcr oder wider ihn gerungen wird. Aber dahinter vollziehen sich doch Stellungnahmen von ewiger Tragweite, zum Segen oder zum Fluch, zum Heil oder zum Unheil, sei es f\u00fcr den einzelnen, der gerufen wird, sei es f\u00fcr das Schicksal und die Zukunft ganzer V\u00f6lker. Pilatus machte damals den Versuch, sich aus der ganzen Sache herauszuhalten. Er sagte: Bin ich ein Jude? Was geht mich euer ganzer Streit denn \u00fcberhaupt an, ob dieser Jesus von Nazareth die Messiasw\u00fcrde zu Recht tr\u00e4gt oder ob er sie sich nur angema\u00dft hat! Und doch ist auch dieser juristische Beamte nicht darum herumgekommen, Christus gegen\u00fcber die pers\u00f6nliche Entscheidung zu vollziehen. Ob er wollte oder nicht, er musste Stellung nehmen. So m\u00f6chte sich auch heute mancher Zeitgenosse in Neutralit\u00e4t dr\u00fccken, m\u00f6chte abwarten, wem wohl in der Geschichte des Abendlands der Sieg zufallen wird, den christlichen oder den antichristlichen Weltm\u00e4chten. Je nachdem, wie die Dinge aus\u00acgehen, kann man dann immer noch sich entschlie\u00dfen, f\u00fcr das christliche Leben sich einzusetzen. Aber gerade diese abwartende Verz\u00f6gerungstaktik ist nicht m\u00f6glich, ist uns nicht erlaubt. Denn gerade mit dieser unverbindlichen Zuschauerhaltung haben wir uns, wie man am Beispiel des Pilatus sehen kann, bereits gegen Christus entschieden, haben wir sein Reich nicht gebaut, sondern geschw\u00e4cht. Heute kommt es auf jeden einzelnen von uns ganz pers\u00f6nlich an. Wollen wir doch Herz und Ohr weit auftun, wenn der K\u00f6nig der Wahrheit uns ruft. Wollen wir kommen und folgen und seinem K\u00f6nigsbanner die Treue halten!\u201c(Prof. Adolf K\u00f6berle. Die Einladung Gottes. Hamburg: Furche, 1958. S. 70-74).<\/p>\n<p>3. PREDIGTVERANSCHAULICHUNGEN<\/p>\n<p>Zum Einstieg:<br \/>\n\u201e\u2018Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt f\u00fcr mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen\u2018. Das war die Antwort Sophie Scholls auf die Schlussfrage des sie 1943 vernehmenden Beamten Robert Mohr: Ob sie nicht doch zu der Auffassung kommt, dass ihr Vorgehen ein \u201aVerbrechen gegen\u00fcber der Gemeinschaft \u2026 insbesondere unserer im Osten schwer und hart k\u00e4mpfenden Truppe\u201c sei, \u201edas die sch\u00e4rfste Verurteilung finden muss?\u2018 Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und einigen wenigen Gleichgesinnten hatte sie, die Studentin, es gewagt, in M\u00fcnchen in Flugbl\u00e4ttern die verbrecherische Politik Adolf Hitlers anzuklagen und zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufzurufen: \u201aIch war\u2018, so Sophie Scholl, \u201amir ohne weiteres im Klaren dar\u00fcber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bev\u00f6lkerung zu erreichen\u2018. Am 22. Februar 1943 wurden Sophie Scholl, ihr Bruder, Hans, und Christoph Probst von dem ber\u00fcchtigten Richter, Roland Freisler, der, wie ein Zeuge berichtet hat, \u201atobend, schreiend, bis zum Stimm\u00fcberschlag br\u00fcllend, immer wieder explosiv aufspringend\u2018 agierte, zum Tode verurteilt. Das Urteil, Tod durch die Guillotine, wurde einen Tag sp\u00e4ter im Gef\u00e4ngnis M\u00fcnchen-Stadelheim vollzogen. Konsequent f\u00fcr seine \u00dcberzeugung einzutreten mit dem Wissen, dass das gegebenenfalls nicht ohne Auswirkungen auf das eigene Leben bleibt: Diffamierungen, Berufsverbot, Hausarrest, Gef\u00e4ngnis, Tod \u2013 bis heute k\u00f6nnen wir die Namen vieler Menschen nennen, die [\u2026] ihr Leben verloren haben.\u201c (Susanne Kahl-Passoth unter Bezug auf Barbara Beuys, Sophie Scholl, Biografie, Carl Hanser Verlag M\u00fcnchen 2010).<\/p>\n<p>\u201e\u00bbGelitten, unter Pontio Pilato gekreuzigt\u00ab &#8211; so bekennen wir mit der ganzen Christenheit auf Erden im zweiten Artikel des Apostolikums. Man k\u00f6nnte fragen: Wie kommt dieser r\u00f6mische Verwaltungsbeamte, der noch dazu in der Passionsgeschichte eine so zweifelhafte Rolle spielt, zu der Ehre, mit seinem Namen im Bekenntnis der \u00f6kumenischen Christenheit genannt zu werden? Und doch hat diese Namensnennung ihren tiefen Sinn und sie d\u00fcrfte nie und nimmer in unserem Glaubenszeugnis fehlen. Es l\u00e4sst sich n\u00e4mlich aus den Akten der Weltgeschichte einwandfrei nachweisen, dass es diese Richtergestalt im r\u00f6mischen Kaiserzeitalter wirklich gegeben hat und dass es unter ihrer Regierungs\u00e4ra zu dem dramatischen Prozess gekommen ist, der zur Aufrichtung des Kreuzes Christi f\u00fchrte. So wird uns mit dieser Namensangabe nachhaltig zum Bewusstsein gebracht: die Passionsgeschichte Jesu ist nicht Legende, sie ist nicht Mythos oder fromme, religi\u00f6se Dichtung. Wir stehen bei dieser denkw\u00fcrdigen Begegnung zwischen Jesus und Pilatus auf dem gesicherten Boden der Geschichte. Was uns hier berichtet wird, hat sich ereignet. Auch die griechische und germanische Sage kennt wunderbare Lichtgestalten, denen Heilandsrang zugeschrieben wird. Aber bei diesen Namen, bei Herakles und Baldur, darf man niemals fragen: Wo und wann haben sie gelebt? Sobald man in dieser Richtung forscht, zerflie\u00dft alles in wesenlosem Schein und man hat nichts in den H\u00e4nden. Bei Jesus ist das ganz anders. Hier steht ein Leben vor uns, das mit den wirklichen M\u00e4chten dieser Welt in heiligem Kampf zusammengeprallt ist. In Jesus Christus ist der lebendige Gott in diese unsere Welt wahrhaft und v\u00f6llig eingegangen. Wir haben einen Heiland, dem selbst nichts erspart geblieben ist, der wei\u00df, wie weh das alles tut: der Schmerz Leibes und der Seele, das Nichtverstandenwerden, das Verachtet- und Geschm\u00e4htwerden. Glaube und Geschichte geh\u00f6ren im evangelischen Christentum unabtrennbar zusammen. Warum ist das so wichtig, dass unsere Gottesgemeinschaft auf einer rettenden Geschichtstatsache beruht? Es gibt darauf nur eine Antwort: weil unser Abfall von Gott, unsere Schuld eine unbezweifelbare Realit\u00e4t ist, darum kann diese schreckliche Not nur durch eine noch gr\u00f6\u00dfere und st\u00e4rkere Tatsache \u00fcberwunden werden, der ebenfalls Ereignis-Charakter zukommt. Es war eine welthistorische Stunde, als die beiden Gestalten, Jesus und Pilatus, einander gegen\u00fcbertraten. Auf der einen Seite der Vertreter der r\u00f6mischen Weltmacht, ein kalter, n\u00fcchterne Tatsachenmensch, von dem wir wissen, dass er sich nicht gescheut hat, unter Umst\u00e4nden auch \u00fcber Leichen zu schreiten. Ihm gegen\u00fcber Jesus, umtost von dem Geschrei der aufgehetzten Masse, die Blut sehen will. Wehrlos ist er all diesen b\u00f6sen und furchtbaren Gewalten preisgegeben. Nach menschlichem Ermessen muss er bei dieser Begegnung der Unterlegene sein. Und doch, \u00fcber der Gestalt Jesu muss eine heimliche Hoheit, eine stille Gr\u00f6\u00dfe gelegen haben, dass selbst dieser abgestumpfte r\u00f6mische Richter sich dem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Eindruck nicht entziehen kann. So nimmt er den Angeklagten von dem \u00f6ffentlichen Richtplatz weg. Er ruft ihn herein in das Innere des Hauses, und dort vollzieht sich das denkw\u00fcrdige Gespr\u00e4ch. Jesus f\u00fchrt keine langen Reden zu seiner Selbstverteidigung. Wohl aber wei\u00df er zu antworten, wie er nach dem Geheimnis seiner Sendung gefragt wird. Auf die Anrede des Pilatus: Bist du der Juden K\u00f6nig? gibt Jesus das Zeugnis: \u00bbDu sagst es, ich bin ein K\u00f6nig. \u00ab Das Johannesevangelium ist besonders reich an hoheitsvollen Selbstaussagen Jesu. Es finden sich dort die Christusworte: \u00bbIch bin das Brot des Lebens &#8211; Ich bin das Licht der Welt &#8211; Ich bin der gute Hirte &#8211; Ich bin der lebendige Weinstock\u00ab. So kostbar und bedeutsam diese Aussagen sind, in der Selbstbezeugung Jesu vor Pilatus tritt uns doch ein besonderer Herrlichkeitsanspruch entgegen. Christus, der verborgene K\u00f6nig der Welt, der Menschheit und jeder einzelnen Menschenseele! In der Erscheinung dieses gnadenhaften Lebens hat Gott seine K\u00f6nigsherrschaft, seine Reichsherrschaft auf Erden aufs Neue zum Durchbruch gebracht. In seinem Namen sind wir alle aufgerufen, wieder heimzukehren, Gottes Eigentum zu werden und unseren Willen seinem k\u00f6niglichen Willen zu unterstellen. Die christliche Theologie hat sich besonders in den ersten Jahrhunderten der Kirche viel darum bem\u00fcht, das Geheimnis der Person Jesu immer tiefer zu erfassen und es zu sch\u00fctzen gegen\u00fcber allen m\u00f6glichen Entartungen, Verk\u00fcrzungen und Entstellungen. So bedeutsam und notwendig diese&#8216; Aufgabe gewiss war und immer bleiben wird, wichtiger als alle christologische Verfeinerung durch den Dienst gro\u00dfer theologischer Geistesf\u00fcrsten bleibt doch die ganz schlichte, praktische Frage, die Gott an jeden einzelnen von uns stellt und wahrhaftig auch an uns Theologen und Berufsarbeiter im Reiche Gottes: Seid ihr bereit, euer Leben der Christus-K\u00f6nigsherrschaft im konkreten Gehorsam der Nachfolge zu unterstellen, so, wie es Martin Luther einzigartig im Kleinen Katechismus in der Auslegung zum zweiten Glaubensartikel des Apostolikums zusammengefasst hat: Ich glaube, ich gelobe, dass Jesus Christus sei mein Herr, der mich erworben und gewonnen hat, auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reiche unter ihm lebe und ihm diene?\u201c (Prof. Adolf K\u00f6berle. Die Einladung Gottes. Hamburg: Furche, 1958. S. 66-69).<\/p>\n<p>4. PREDIGTGLIEDERUNG<\/p>\n<p>Glaube konkret \u2013 f\u00fcr Pilatus:<br \/>\na) Ansehen!<br \/>\nb) Anh\u00f6ren!<br \/>\nc) Ausweichen?<\/p>\n<p>oder nach Ulrich Parzany:<br \/>\na) Jesus fragt nach dem Menschen hinter der Maske<br \/>\nb) Ausweichman\u00f6ver<br \/>\nc) Entt\u00e4uschend oder befreiend weltfremd?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatsthema: Wege zum Kreuz JesuPredigtthema: Glaube konkret &#8211; f\u00fcr Pilatus Bibelstelle: Johannes 18, 28-40 Verfasser: Thomas Richter Ein Predigttipp enth\u00e4lt Hilfestellungen f\u00fcr die Verk\u00fcndigung und ersetzt deshalb nicht das eigenst\u00e4ndige Erarbeiten des Bibeltextes und Studieren von Bibelkommentaren. 1. 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